Montag, 24. November 2014

Das Internet als gesellschaftliches Projekt

Von Ralf Keuper

Viele Erklärungsansätze, die versuchen das Wesen des Internet zu entschlüsseln, haben eine beschränkte Sicht. Entweder überwiegen die technischen, die sozialen, kulturellen oder medialen Aspekte. Gegen diese Blickverengung argumentiert Andreas Metzner-Szigeth in seinem Beitrag Zwischen Metaphern und Abstraktionen: Das Werden des Internet

Für Metzner-Szigeth besteht der eigentliche Zauber des Internet darin, dass es den Nutzern nicht nur eine passive Rolle zuweist, sondern sie zur aktiven Teilhabe auffordert, je geradezu verpflichtet - das Internet quasi als gesellschaftliches Projekt, als Menschheitsprojekt. 
Das Internet - ein "gesellschaftliches Projekt". Das ist die Antwort, mit der Philosophen vermutlich weniger schnell zufrieden zu stellen sind. Aber das damit Gemeinte weist weit über etwas "nur" Soziologisches hinaus. In letzter Konsequenz handelt es sich vielmehr um eine anthropologische Bestimmung: es ist ein "Menschheitsprojekt", insofern, als "der Mensch" nicht nur dessen Subjekt, sondern auch dessen Objekt ist.  ...
Statt Kontingenzen zu  reduzieren und Richtungen zusehends festzulegen, vervielfacht technischer Fortschritt Kontingenzen des Handelns und Entscheidens, eröffnet zusehend Optionen. Dieser Prozess ist nicht nur gestaltbar, sondern geradewegs gestaltungsabhängig. Fortschritt ist demzufolge immer ambivalent: er schafft Sicherheiten, indem er zur Lösung bestehender gesellschaftlicher Probleme beiträgt, also ordnungsstiftend und stabilisierend wirkt, und er fungiert als Unsicherheitsgenerator, indem er Optionen multipliziert, die als Entscheidungen unter Unsicherheit abzuarbeiten sind, wodurch das Bestehende permanent in Frage gestellt wird.  
Angesichts dessen erscheinen die aktuellen Diskussionen um die Überwachung im Internet, die Netzneutralität und die Privatheit in einem anderen Licht. Wenn die These stimmt, wonach das Internet in erster Linie als gesellschaftliches Projekt zu betrachten ist, dann sollten wir uns mehr als bisher an seiner Gestaltung beteiligen, da es uns direkter angeht, als wir vermuten. 

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