Freitag, 7. November 2014

Musikgenuss, wo gehst du hin?

Von Jens Lohse

Zugegeben, ich hätte die Überschrift auch viel dramatischer wählen können, etwa so: 

„Machen Streamingdienste wie Spotify und Co. die Musikindustrie kaputt?“

Diese Frage liest man in den letzten Wochen und Monaten sehr häufig. Aber was ist überhaupt mit „kaputt“ gemeint, in diesem Fall ? Es wird wohl niemand ernsthaft glauben, dass es mittelfristig keine Musikindustrie mehr geben wird. Hier wird sicherlich sehr viel hinein interpretiert. Die Musikstreamingdienste sind ja ein recht neues Marktfeld und machen sicherlich noch nicht den Großteil der Musikverkäufe aus.

Also ist es berechtigt zu fragen, wie wird Musik überhaupt konsumiert?

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es eigentlich bislang nur zwei (legale) Möglichkeiten gab, Musik zu erwerben. Ganz klassisch auf einem physischen Medium wie der CD oder als Musikdownload. Die CD Verkäufe sind seit Jahren rückläufig,  mittlerweile sogar im freien Fall. Vor ca. 10 Jahren, als Apple den iTunes Store gegründet hat und es möglich war, Musik online zu erwerben, gab es eine ganze Anzahl von Mitbewerbern auf diesem neuen Geschäftsfeld.  Vielleicht erinnert sich jemand noch an Musicload von der Telekom oder der plötzlich legale Dienst Napster. Alle sind mittlerweile Geschichte, eigentlich hat nur iTunes überlebt. Meiner Meinung nach deshalb, weil Apple es als Einziger verstanden hat nicht nur die Musikstücke einfach elektronisch zu verkaufen, sondern eine ganz neue Welt des Musikerlebens geschaffen hat. Zum ersten Mal konnte man vorher in Ruhe die Musik probehören, bevor man sie gekauft hat oder auch nicht. Kein verstaubtes CD Regal, kein mürrischer Verkäufer und die beste Auswahl. Aber damit gab es für die Musiker und die Musikindustrie auf einmal das Problem, dass jeder jetzt einzelne Musikstücke kaufen konnte. 
Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit zurück, als man teure CD’s gekauft hat und eigentlich nur ein paar Songs wirklich hörenswert waren, den Rest musste man mit bezahlen, obwohl man eigentlich nur einige Songs gut fand. Das war für die Musiker und auch die Musikindustrie eine sehr komfortable Situation, denn B –Seiten Hits kosten nun mal weniger als gute Songs. Vielleicht erinnert sich mancher auch noch daran, dass wir einige Jahre lang eigentlich schon ab Werk kaputte CD’s kaufen mussten, die mit Fehlern behaftet waren, nur um ein Abspielen auf Computern und das Duplizieren zu verhindern. Eine Frechheit. Nun, dass war plötzlich alles Geschichte und statt immer wieder neuer Restriktionen hat es Apple schlauer gemacht und dadurch war der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten. Die großen Labels der Musikindustrie haben es bis heute nicht verstanden ihre Musik als das Erlebnis zu vermarkten, was es eigentlich sein könnte, sie benötigen dafür mehr denn je externe Dienstleister, wie z.B. Apple.

Im Zeitalter unserer mobilen Gesellschaft wird Musik eben nicht einfach nur angehört, sondern eingebunden in Communities, konsumiert wie bei Spotify, Xbox Music, Shazam usw. Dazu gehört auch, dass man komplette Playlisten erstellen kann, diese weiterreichen bzw. den Link per Mail versenden kann. Das Anhören von neuen Alben ist hier natürlich möglich, aber eben die ganzen Songs und nicht nur 30-Sekunden Fetzen davon. Hier kommen wir an einen Punkt wo Apple mit seinem iTunes Store zumindest im Musikbereich schon wieder an seine Grenzen stößt. Für die Generation, die im Internet zuhause ist, ist es nicht mehr zeitgemäß für jedes einzelne Liedchen zu bezahlen. Eine monatliche Gebühr, wie z.B. bei Spotify soll  das alles abdecken und ich kann mich wirklich in die Musik vertiefen und sie je nach Bedarf  kreativ nutzen. Dies darf aber natürlich nicht dazu führen, dass eine „Alles Gratis“ Kultur entsteht, denn schließlich soll ja gerade die Qualität erhalten bleiben oder sogar verbessert werden. Was ich meine ist, dass es verschiedene Bezahlmodelle geben muss. Spotify z.B. bietet auf Desktopsystemen Gratis Accounts an, die aber durch Werbung finanziert werden.

Wer gänzlich ohne Werbeunterbrechungen Musik hören möchte, der muss eine monatliche Pauschalgebühr bezahlen. Das sind in Deutschland im Moment € 9,99 pro Monat. Auf den ersten Blick recht wenig für ein so umfassendes Angebot, aber die Überlegung zeigt doch, dass ich anderweitig pro Monat für mindestens 10 Euro Musik downloaden müsste oder jeden Monat eine Musik CD kaufen würde. Für mich persönlich kann ich das verneinen. Eine Pauschalgebühr wird aber in jedem Fall pro Monat fällig. Also hier ist ja mit den Einnahmen eine ganz andere Vorausplanung möglich. Meine persönliche Einschätzung ist, dass es in absehbarer Zeit keine 100prozentige Verschiebung des Musikkonsums in Richtung der Streamingdienste geben wird. Es wird noch für eine lange Zeit die friedliche Koexistenz zwischen physischen CD’s , Downloadportalen für Musik und Streamingdiensten geben, wobei sich der Fokus natürlich sehr stark zu Gunsten der elektronischen Varianten verschieben wird. 

Es muss aber möglich sein, sich einzelne Titel zu kaufen oder eben ein Pauschalangebot zu nutzen. Spotify hat gestern bekanntgegeben, dass sie mit ihren 40 Millionen Nutzern schon über 1,1 Milliarden Dollar an die Musiklabels gezahlt haben. Allein diese Zahl beweist doch, dass wir uns auch in der Zukunft wirklich keine Sorgen um die Musikindustrie machen müssen. Es wird aber ein Prozess des Umdenkens stattfinden müssen, ein Umdenken zu weniger Profit und mehr Kundenfreundlichkeit. 

Es ist höchste Zeit.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen