Freitag, 31. Oktober 2014

Digital Media: Ein kurzer Wochenrückblick #1

Von Ralf Keuper

Während in Deutschland das Leistungsschutzrecht und die Frage nach der Zukunft des Journalismus die Diskussionen beherrschen, ist man im Ausland schon mindestens einen Schritt weiter.

Fleißig wie eine Ameise baut Alibaba seine Aktivitäten im Bereich Digital und Mobile Media aus. So gab das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem chinesischen YouTube-Pendant Youku Tudou bekannt. Facebook hat mit der Ankündigung seines Investitionsprogramms für die nächsten Jahre seine Ambitionen im Bereich Digital Media unterstrichen. Umstritten ist das gewiss nicht nur uneigennützige Angebot, das Facebook den Verlagen schmackhaft zu machen versucht. Sie sollen ihren Inhalt direkt in Facebooks Mobile App einbinden
Unterdessen ließ Instagram wissen, künftig auch Video-Ads in seinen Feed einzubauen

Während die Musikindustrie weiter schrumpft, können sich die Streaming-Dienste wie Spotify, Pandora, aber auch Apples Beats über steigende Einnahmen freuen. 

Das passt zu der Studie, die kürzlich von Adobe vorgestellt wurde. Demzufolge wächst die Zahl der Nutzer, die sich Fernsehen im Netz anschauen, kontinuierlich. 
Deutlich zugelegt hat der Bereich Online-Spiele. Das Smartphone hat zum ersten Mal die Tablet-PCs beim Konsum von Online-Fernsehangeboten überflügelt. Der Medienkonsum verändert sich weiter. Die Nutzer legen großen Wert auf personalisierte Angebote über möglichst viele Kanäle und Geräte hinweg. Damit werden die Anforderungen an die Medienproduzenten immer komplexer. 

Noch nicht abschätzen kann ich das neueste Feature des digitalen Magazins Flipboard. Laut Venturebeat hat die neue Funktionserweiterung das Potenzial, den Markt für Digitale Magazine umzukrempeln. 

In Kanada sind Rogers und Vice Media eine strategische Partnerschaft eingegangen. Das Duo beabsichtigt, in den nächsten drei Jahren 100 Millionen Dollar in die Herstellung und den Vertrieb von Medieninhalten zu investieren. Dabei wird Vice Media die Herstellung und Rogers die Verteilung und die Bereitstellung der technischen Infrastruktur übernehmen. 

Dass das Auto dabei ist, sich in eine mobile Kommunikations- und Medienplattform zu verwandeln, zeigt die Ankündigung von Honda, die Fahrer künftig mit cloud-basiertem Medieninhalt beglücken zu wollen. 

Aus dem Umfeld der neuen Technologien kam die Nachricht, dass die Kommentierungsplattform Yummly ihr Angebot um semantische Komponenten erweitert. Dadurch sollen die Nutzer mit personalisiertem Content beliefert werden. 

Und als wäre es mit dem Streaming nicht schon genug, schickt sich Fireside frame an, das Pandora für Fotos zu werden. Auch hier kommen semantische Technologien zum Einsatz. 

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wie Facebook Journalismus und Medienkonsum beeinflusst

Von Ralf Keuper

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Facebook der neue Gatekeeper für Nachrichten ist. Daneben gibt es jedoch Stimmen, die Apple und Google als die größte Bedrohung für den Journalismus wie überhaupt für die Medienbranche bezeichnen.
Für Facebook sprechen mehr als 1 Milliarde Nutzer, die eine Reichweite repräsentieren, die in den sozialen Netzwerken ihresgleichen sucht. 
Der Nachrichtenfluss verläuft heute im großen Ausmaß über soziale Netzwerke wie facebook und twitter. Dass Nutzer direkt die Seiten von Zeitungen oder Zeitschriften aufsuchen, ist die Ausnahme. Was nicht auf Facebook auftaucht, existiert quasi nicht - fatal in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie

Die Zahl der Kritiker, die Facebook als eine Bedrohung für den Journalismus bezeichnen, nimmt daher zu, wie Jess Bolluyt in dem Beitrag Does Facebook Have Too Much Control Over the News We Read? Darin bezieht er sich auf den Artikel How Facebook Is Changing the Way Its Users Consum Journalism von Ravi Somaiya, der nur wenige Tage zuvor erschien. 

Für besonders problematisch halten sowohl Bolluyt wie auch Somaiya facbeooks News Feed Algorithmus. Dieser sorgt dafür, dass Nachrichten besonders hoch gewichtet werden, die ein großes Engagement der Nutzer auf Facebook versprechen. Damit bestimmt Facebook zumindest indirekt, was gelesen, kommentiert und weiter verbreitet wird. 
Als weitere wichtige und vertrauenswürdige Nachrichtenquellen fungieren die Facebook-Freunde. 

Ein anderer Algorithmus (oder Erweiterung des News Feed Algorithmus), der im Hintergrund dafür sorgt, dass das Interesse und Engagement der Nutzer auf facebook nicht nachlässt, ist der für die Auswahl der Trending Topics zuständige. Um von der Aufmerksamkeit der Trending topics zu profitieren, hält Facebook die Verleger und Medienproduzenten an, eigene Beiträge zu den angesagtesten Themen zu verfassen. Hier übt facebook großen Einfluss auf die Produktion von Medieninhalten aus. Je mehr Verlage und Journalisten dem Wunsch von Facebook nachkommen, um so mehr, so die Kritiker, werde nur noch Inhalt und kein (Qualitäts-)Journalismus mehr produziert. Kritische oder differenzierte Beiträge finden keine Beachtung. In gewisser Weise behindern sie den Nachrichtenfluss bzw. das Engagement der Nutzer. Das führt irgendwann dazu, dass nur noch Beiträge erstellt und verbreitet werden, die den breiten Konsens, wie immer der konkret aussehen mag, unterstützen. Keine Ecken und Kanten mehr. 

Auf der anderen Seite tauchen immer wieder Studien und Artikel auf, die von einem geringen Vertrauen der Leser und Nutzer gegenüber Digital Media Startups sowie Newsaggregatoren, wie Google und Yahoo (Facebook wird nicht erwähnt), berichten. Sowohl was den Bekanntheitsgrad als auch was die Vertrauenswürdigkeit betrifft, rangieren in den USA die klassischen Medienkonzerne und Verlage wie CNN, ABC und USA Today deutlich vor Google, Yahoo oder Buzzfeed. Ebenfalls nicht sonderlich gut schneidet Huffington ab. 
Dazu steht, jedenfalls in Deutschland, das Vorgehen einiger Verlage beim Leistungsschutzrecht im Widerspruch. 

Auch der eingangs erwähnte Jess Bolluyt räumt ein, dass die Menschen sich im Internet verschiedener Informationsquellen bedienen und man daher den Einfluss von Facebook nicht dramatisieren sollte. Von einer Filterblase, so schrieb auch die SZ kürzlich, könne keine Rede sein. Der Beitrag bezieht sich auf die Studie How Social Media Reduces Mass Political Polarization.Evidence from Germany, Spain, and the U.S., die ein Doktorand an der New York University durchgeführt hat. Allerdings beschränkte er sich in seiner Untersuchung auf twitter. Auf Facebook könnte die Sache anders aussehen, so die SZ unter Berufung auf einen Selbstversuch von Wired Autor Mat Honen

Damit wären wir wieder beim Anfang. 

Die Anzeichen verdichten sich, dass sich in der Medienbranche eine Machtverschiebung vollzieht. Verlage und Medienhäuser kämpfen um die Aufmerksamkeit der Leser und damit zwangsläufig um die Gunst der sozialen Netzwerke wie Facebook. Führt man sich dann noch die Aktionen anderer Internet- wie auch der E-Commerce-Konzerne vor Augen, steht der Branche noch ein tiefgreifender Wandel bevor.

Weitere Informationen:


Mittwoch, 29. Oktober 2014

Internetkonzerne drängen verstärkt in die Film- und Unterhaltungsindustrie

Von Ralf Keuper

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht einer der großen Internet- und E-Commerce-Konzerne eine Beteiligung oder gar die Übernahme eines Film- und Medienproduzenten vermeldet. Langsam aber sicher übernehmen Tencent, Alibaba, Amazon, Baidu, Google & Co die Kontrolle über so ziemlich alle Distributionskanäle. 

So gab Tencent vor einigen Wochen den Einstieg in das Filmgeschäft bekannt. Dafür wurde eigens "Tencent Movies+" gegründet. Schon heute ist Tencent der größte Spieleentwickler der Welt, der firmeneigene Messaging-Dienst WeChat zählt bereits über 400 Millionen Nutzer. 
Nur wenig später meldete Dauerkonkurrent Alibaba eine 20%ige Beteiligung an dem chinesischen Digital Media - Konzern Wasu. Alibaba kooperiert bereits seit einiger Zeit mit Wasu bei der Bespielung und Verbreitung seines Betriebssystems für Smart-TV. Damit hofft Alibaba, der Nucleus für Internet-TV in China zu werden. 
Aber auch Amazon lässt sich kaum eine Gelegenheit entgehen, in das Geschäft mit Digital Media einzusteigen. Erst vor wenigen Tagen wurde die Übernahme des Audio- und Video Comedy - Unternehmens Rooftop Media durch Amazon bekannt. Dadurch erhofft sich das Unternehmen Synergien mit seinem bereits bestehendem Video-Streaming-Dienst Amazon Prime sowie mit seinem Service für Hörbücher Audible. Vor einiger Zeit erwarb Amazon-Gründer Jeff Bezos die Washington Post. 

Angesichts dessen überrascht es nicht weiter, wenn der Suchmaschinenkonzern Baidu ebenfalls ins Filmgeschäft einsteigt. Bereits im Februar diesen Jahres ließ Baidu verlauten, mit seiner neu gegründeten Firma Auquament Entertainment die Filmproduktion aufzunehmen. Erster Spielfilm soll eine Animation mit dem Namen "Kong" sein. 

Google ist mit YouTube und Google Play prominent im Video- und Internet-TV - Segment vertreten. Das chinesische YouTube-Äquivalent Youku, das inzwischen 500 Millionen Nutzer zählt, plant die Kooperation mit amerikanischen und europäischen Produktionsfirmen, um seine Plattform für die Zuschauer noch attraktiver zu gestalten. 

Apple hat mit iTunes den Markt für Filme und Musik revolutioniert. Derweil leidet iTunes zunehmend unter dem wachsenden Erfolg von Streaming-Services wie Spotify. Trotzdem sind die Einnahmen aus iTunes in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen. Verantwortlich dafür sind vor allem die App-Verkäufe. 

Der japanische Telekommunikationskonzern und Alibaba-Großaktionär SoftBank hat sich den koreanischen Video-Streaming-Dienst DramaFever einverleibt

Da braut sich was zusammen. 

Alles in allem bewegen sich die Internetkonzerne horizontal und vertikal zugleich. Die bestehenden Angebote und Distributionskanäle werden systematisch ausgebaut, die Produktion des Contents erfolgt immer häufiger in Eigenregie. Hinzu kommt noch die wachsende Schar von Streaming-Diensten wie Spotify und Deezer

Bloomberg reagiert auf die Entwicklung mit der Lancierung einer eigenen Content-Plattform, Media Source. Disney erwarb Anfang des Jahres den Video-Produzenten Maker Studios

So viel scheint sicher: Für die klassischen Medien-, Entertainment- und Filmkonzerne wird es langsam eng. 

Dienstag, 28. Oktober 2014

Bildung: Rettungsanker für die Medienbranche?

Von Ralf Keuper

Noch weitgehend unbemerkt vom üblichen "Medienrummel" hat sich der Bildungssektor zu einem hoch profitablen Geschäft für einige Verlage entwickelt. Mit ihren wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern erwirtschaften Reed Elsevier, Thomson und Springer Science eine auskömmliche Rendite. 

Auch bei Bertelsmann hat man die Entwicklung seit geraumer Zeit aufmerksam verfolgt und das Geschäft mit Bildung zu einem Wachstumsfeld erklärt. Erst kürzlich beteiligte sich Bertelsmann an dem E-Learning-Startup Udacity und erwarb den amerikanischen Kursanbieter Relias Learning
Trotzdem kommt die Erkenntnis reichlich spät. Mit BertelsmannSpringer verfügte man bereits vor Jahren über einen der renommiertesten Wissenschaftsverlage der Welt. Im Jahr 2002 stellte Bertelsmann auf Betreiben des damaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff die Verlagsgruppe zum Verkauf. An den Plänen hielt man auch nach dem Ausscheiden Middelhoffs fest. 
Zehn Jahre später bekundete der amtierende Chef von Bertelsmann, Thomas Rabe, Interesse an ebendiesem Verlag. Dabei blieb es.

Eine ernste Bedrohung für das Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage ist der Open-Access-Ansatz, d.h. der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen im Internet. Aus verständlichen Gründen reagieren die Wissenschaftsverlage darauf reserviert. Aber auch in den Reihen der Wissenschaftler gehen die Meinungen auseinander, wie deutlich wurde, als der Schweizer Nationalfonds seine Open-Access-Strategie vorstellte. Seitdem hält die Debatte an.

Die Erfolgsaussichten von Open Access werden auch von Anhängern der Idee derzeit als nicht sonderlich groß beurteilt. So kündigte Christian Gutknecht auf dem Blog wisspub.net an, Aktionär von Reed Elsevier geworden zu sein, getreu dem Motto: If you can't beat them - join them.  

Bis auf weiteres verspricht das Geschäft mit der Bildung ansprechende Gewinne. 

Den Trend hat man bei Suhrkamp sehr früh erkannt. Die eigentliche Königsidee Siegfried Unselds dürfte die Reihe stw (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft) gewesen sein. Das belegt jedenfalls die wachsende Schar der Nachahmer. 



Montag, 27. Oktober 2014

Die zentrale Rolle technischer Objekte im Medienwandel

Von Ralf Keuper

Lange bevor Begriffe wie das Internet der Dinge oder connected devices in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchten, widmete der französische Technik- und Medienphilosoph Gilbert Simondon dem Eigenleben technischer Artefakte ein Buch mit dem Titel Die Existenzweise technischer Objekte

Simondon unterscheidet zwischen konkreten technischen Objekte und abstrakten technischen Objekten:
... das konkrete technische Objekt ist dasjenige, das nicht mehr mit sich selbst kämpft, jenes, in dem keinerlei Sekundäreffekt der Funktionsweise des Ensembles schadet oder außerhalb dieser Funktionsweise verbleibt. Auf diese Weise und aus diesem Grund kann im konkret gewordenen Objekt eine Funktion durch mehrere synergetisch assoziierte Strukturen erfüllt werden, während im ursprünglichen und abstrakten technischen Objekt jede Struktur damit betraut ist, eine festgelegte Funktion zu erfüllen, und im Allgemeinen eine einzige. 
Das konkrete technische Objekt ist demnach in der Lage, in vielfältige Austauschbeziehungen zur Umwelt zu treten. In gewisser Hinsicht repräsentiert das konkrete technische Objekt eine eigene Existenzform. 

Wie eng die Beziehung der technischen Objekten zu ihrer Außenwelt ist, zeigt Simondon am Beispiel ihrer Interaktionen mit dem Menschen:
Der Mensch ist dazu in der Lage, die Relation zwischen dem Lebewesen, das er selbst ist, und der Maschine, die er herstellt, zu übernehmen; die technische Operation erfordert ein Leben, das technisch und natürlich ist. 

Das technische Leben besteht aber nicht darin, Maschinen zu lenken, sondern auf der gleichen Ebene wie diese als das Wesen zu existieren, das die Relation zwischen ihnen übernimmt, indem es gleichzeitig oder nacheinander an mehrere Maschinen gekoppelt werden kann. 
Es ist bemerkenswert, dass die Gedanken in ähnlicher Form in der aktuellen Diskussion wieder auftauchen, wie in dem Beitrag When Objetcts Talk Back von frog design:  
It is pretty clear that the role of objects is changing, and the way we interact with them is, too. We are still in control, but in a more cooperative and fluid way.
Die technischen Objekte fordern uns dazu auf, oder erfordern, dass wir mit ihnen kommunizieren. Ignorieren ist keine Option mehr. Neue Sprachen werden benötigt:
All of this will be mediated by language that cannot be always articulated as a voice and as pressing as a tweet. It will be communicated through levers, feedback, and scent -- new languages to be found, designed, tested, and interpreted.

Actions will have to be built based on strategies and logics not only predetermined, but evolving with information acquired, something close to a mental model to regulate behaviors and set expectations with people that an object is interacting with.
Wir werden in Zukunft den technischen Objekte eine Umgebung bieten müssen, die es ihnen ermöglicht, in regen Austausch mit uns zu treten: 
We might find ourselves needing to define more Object-friendly environments for them to easily communicate and exchange information between each other’s and people ever regardless counteracting goals and misunderstanding cases.
Falls es sich so verhalten sollte, werden demnächst die technischen Objekte, seien es Autos, Softwareagenten oder Roboter lebhaften Anteil an der Kommunikation nehmen. Das wird nicht ohne Folgen für die Medien bleiben. Schon jetzt sind die Automobilhersteller ebenso wie die Hersteller von Werkzeugmaschinen und von Landmaschinen bemüht, den Fahrer, den Bediener mit Assistenzsystemen zu unterstützen. Bei den Automobilen kommt die Unterhaltung dazu, wie durch Infotainment-Systeme. Überhaupt sind die Forschungen im Bereich der Mobilität schon sehr weit fortgeschritten. Neben die In-Vehicle-Kommunikation tritt die Vehicle-to-Vehicle  - Kommunikation. 
Bereits vor einem Jahr bezeichnete Matthias Wissmann, Präsident des Verbands deutscher Automobilhersteller (VDA), Autos als mobile Kommunikationsplattform

Die Informationen und Nachrichten fallen künftig an noch mehr Stellen an als bisher. Die Interpretation und Verarbeitung übernehmen Applikationen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, wie sie derzeit vom Suchmaschinen-Konzernen wie Google, aber vor allem Baidu entwickelt werden. Die Verbreitung semantischer Technologien, wie das Semantische Internet wird diese Entwicklung beschleunigen. 

In die Informationsdarstellung- und vermittlung werden sich im verstärkten Ausmaß technische Objekte, wie Softwareagenten, einschalten. Große Teile des medialen Contents werden von technischen Objekten produziert und weiterverarbeitet. Der Mensch übernimmt darin die Vermittlerrolle, sofern sie nötig ist. 

Die Auswirkungen auf das Informationsverhalten und den Medienkonsum sind noch längst nicht abzusehen. Allerdings lässt sich mit einigem Recht die Behauptung aufstellen, dass sich die Rolle der Medien durch den Siegeszug technischer Objekte drastisch wandeln wird. Die Rollen bei der Herstellung fallen ebenso darunter wie die der Verteilung und Interpretation. Subjektive Meinungen, Stimmungen zu verbreiten wird schwerer fallen. Boulevard-Zeitungen und Nachrichtensender mit begrenztem Informationsgehalt werden diesen Wandel als erste zu spüren bekommen. Schon jetzt arbeiten Unternehmen an Lösungen, um Medieninhalte bewerten zu können, wie Nielsen und Adobe

Das dürfte jedoch erst der Anfang sein.  

Zeitungskrise - die unendliche Geschichte

Von Ralf Keuper

Es hat den Anschein, als sei die Zeitungskrise das Lieblingsthema des Print- und Onlinejournalismus. In einer Art fortgesetzter Selbstbespiegelung wird vor den Augen des, hin und wieder noch, zahlenden Publikums die Frage bis zur Neige erörtert, wie das Geschäftsmodell aus der guten alten Zeit, als es noch kein Internet gab, in die digitale Welt übertragen werden kann.  Nur widerstrebend nimmt man in den Verlagen und Zeitungshäusern zur Kenntnis, dass die Digitalisierung zu einer gewissen Emanzipierung der Leser geführt hat, die aus einem deutlich größeren Angebot als noch vor Jahren auswählen können. Erschwerend kommt hinzu, dass die Angebote häufig kostenlos sind. Wer sich als Angehöriger der sog. Generation Y informieren will, tut dies meistens über die sozialen Netzwerke, wie facebook, twitter und Whats App. Schon heute ist facebook der weltweit größte Nachrichtendienst. Wer im Internet auf der Suche nach Informationen ist, wählt als Einstieg eine Suchanfrage in Google, wo er nicht selten bei Wikipedia fündig wird. 

Angesichts neuester Meldungen von Medienhäusern, die einen massiven Personalabbau planen, wie die FAZ und Gruner + Jahr, bis hin zur Schließung ganzer Zeitungen, wie bei der Westfälischen Rundschau, nimmt die Nervosität in der Branche spürbar zu. Einen guten Überblick über den Stand der Diskussion gibt der Beitrag Wege aus der Zeitungskrise

Die diversen Vorschläge, wie die Zeitungen bzw. der sog. Qualitätsjournalismus sich behaupten können, wirken noch immer hilflos und wie ein "Pfeifen im Walde". Wenn die Argumente völlig auszugehen drohen, dann wird auf die elementare Bedeutung der Zeitungen für die Demokratie verwiesen, wie kürzlich der Intendant des Deutschlandfunks, Ernst Elitz. Ein Rückfall in alte Denkmuster. 

Für den Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt, Gabor Steingart, liegt die Zukunft der Zeitungen in dem Wandel hin zu einem Transaktionsmedium. Mit den Inhalten sorgt man für entsprechenden Traffic auf der Seite und bietet neben Werbung auch die Möglichkeit, Käufe über die eigene Plattform zu tätigen bzw. anzustossen. Die Zeitung, die Plattform erhielte dann eine Provision. Zeitungen würden sich in E-Commerce-Kaufhäuser verwandeln.
Auf die Idee sind die "echten" E-Commerce-Unternehmen wie Amazon, Alibaba, Tencent, Rakuten & Co. nur schon selber gekommen. Ihr Angebot, ebenso wie ihre Erfahrungen im Bereich Zahlungsabwicklung, übersteigen die der Zeitungen bei weitem. Führt man sich dann noch das Know How im Bereich der Algorithmen und der Logistik vor Augen, fällt die Bilanz für die Zeitungen noch schlechter aus. 

Der Medienwandel hat deutlich weitreichendere Konsequenzen, als man in den Medienhäusern noch immer anzunehmen scheint. Mit der Verbreitung neuer Kommunikationstechnologien und der "connected devices" werden künftig noch ganz andere Mitspieler auf der Bildfläche erscheinen: Von Mobilitätsdienstleistern wie Automobilhersteller und Bahnen bis hin zu Banken und Supermärkten. Und nicht zu vergessen: Die großen Internetkonzerne wie Google, Baidu, facebook, twitter, Tencent, Alibaba/Alipay, Rakuten, Amazon, Apple & Co, die ihren Aktionsradius schön längst auf die Bereiche Mobilität, Info- und Entertainment ausgedehnt haben. Google ist an der Entwicklung selbstfahrender Autos beteiligt, Tencent ist ins Filmgeschäft eingestiegen und Baidu geht eine Kooperation mit BMW ein. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. 

Derweil bewegen sich viele Zeitungsmanager gedanklich noch immer in der Welt von gestern. Das gilt auch für den für seine Projekte im Bereich digitaler Medien so gern und häufig gelobten Springer-Verlag, wie aktuell an der Debatte um das Leistungsschutzrecht zu sehen ist.

In der Betriebswirtschaftslehre haben die sog. sunk costs einen großen Einfluss auf die Wandlungsfähigkeit von Unternehmen. Häufig ist in dem Zusammenhang auch von Pfadabhängigkeit oder Commitment die Rede. Je länger ein Unternehmen mit einem Geschäftsmodell Erfolg gehabt und je mehr Investitionen es in bestimmte Verfahren, Technologien und Ausbildung investiert hat, um so schwerer fällt der strategische Schwenk. Ein Phänomen, über das die Zeitungen noch immer gerne am Beispiel anderer Branchen in aller Ausführlichkeit berichten. 

Das Problem ist, dass die gesamte (Print-) Medienbranche über eine stark ausgeprägte Pfadabhängigkeit verfügt, die durch die Selbstbespiegelung verstärkt wird. Es gelingt der Branche nicht, sich aus dem selbstreferentiellen System, das sie sich geschaffen hat, zu befreien. Die Sicht ist daher stark eingeschränkt. Man erzeugt, wie der Organisationsforscher Karl Weick schreibt, "Gestaltete Umwelten". 
Eine dieses ganze Buch durchziehende Annahme ist es, dass Manager oft viel weniger über ihre Umwelten und Organisationen wissen, als sie annehmen. Ein Grund für diese Unvollkommenheit des Wissens liegt darin, dass Manager unbewusst und insgeheim miteinander übereinkommen, Tests zu vermeiden. Und sie entwickeln detaillierte Erklärungen, warum Tests vermieden werden müssen, warum man unter mutmaßlich gefährlichen Rahmenbedingungen nicht handeln dürfe/könne. .. Dieses Gefühl von Wissen wird gestärkt dadurch, dass jeder die gleichen Dinge zu sehen und zu meiden scheint. Und wenn alle über irgend etwas einer Meinung sind, dann muss es auch existieren und wahr sein (in: Der Prozess des Organisierens).
Während also die Branche mit sich selbst beschäftigt ist, geht die Entwicklung weiter. Das Geschäft, der Informationsauftrag wird von anderen Medien und Unternehmen übernommen. Wie das gehen kann, zeigen u.a. die diversen Medien-Startups

Der Medienwissenschaftler Andreas Vogel dürfte daher mit seiner Diagnose richtig liegen, dass das Internet die Zeitungskrise nicht verursacht habe und die Probleme hausgemacht sind. 

Ob die Zeitungen, wie Vogel meint oder hofft, die alte Deutungshoheit zurückgewinnen können, darf bezweifelt werden. Dafür ist die Konkurrenz zu groß und das Wissen zu verteilt. Zuzustimmen ist ihm aber darin, dass die Verlage experimentierfreudiger werden müssen. Statt sich ins "Geschichtenerzählen" zu flüchten (auch das können andere besser) wäre es sinnvoller, wie es in der Anthropologie heisst, "teilnehmende Beobachter" zu sein, als nur darüber zu berichten, was die anderen geschrieben oder nicht geschrieben haben und ob sie die Lage genauso bewerten wie man selbst. 

Das interessiert bald nur noch die Printmedien selber. Journalisten schreiben für Journalisten. Das wird nicht reichen. 

Wie schrieb Don Tapscott doch mal: 
We are the media!

Samstag, 25. Oktober 2014

Zerstört das Streaming die Musikindustrie?

Von Ralf Keuper

Bei der Bewertung der Auswirkungen von Streaming-Diensten wie Spotify auf die Musikindustrie gehen die Meinungen z.T. deutlich auseinander. 
So zeichnet etwa der Indierocker Phillip Boa in einem Interview mit dem Deutschlandradio ein düsteres Zukunftsbild der Musikbranche. Mit seiner Haltung weicht er jedoch etwas von der üblichen Argumentation anderer Kritiker ab, die in erster Linie auf die geringen Verkaufserlöse abzielen. Für Boa droht vor allem der künstlerische Wert der Alben unterzugehen. Einzelne Titel könnten dem Zuhörer den durch ein Album repräsentierten künstlerischen Ausdruck nicht erschließen. Schon deshalb stehe er dem Streaming, abgesehen von den ökonomischen Konsequenzen, ablehnend gegenüber. Für sich schätzt Boa die Konsequenzen als nicht so gravierend ein, wie für Musiker, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Er könne sich auf ein großes Netzwerk stützen, das er über die Jahre hat aufbauen können. Newcomer hätten es hier deutlich schwerer. Trotzdem verfällt Boa nicht in Pessimismus, sondern rät jungen Musikern, auf die Qualität ihrer Musik zu setzen. Es wird immer genügend Platz für gute Musikstücke sein. 
Prominente Unterstützung für diese Sichtweise kommt von dem legendären Led Zeppelin - Gitarristen, Jimmy Page. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung äußerte er die Überzeugung, dass sich Qualität immer durchsetzen werde. Übrigens steht Page dem Streaming nach anfänglicher Ablehnung inzwischen wohlwollend gegenüber. 

Da ist der ehemalige Frontmann der Talking Heads, David Byrne, nicht so optimistisch. In einem Interview mit dem Guardian vor einem Jahr, ließ er kaum ein gutes Haar an dieser neuen digitalen Verwertungsform. 
Besonders betroffen vom Streaming-Effekt sind die eher randständigen Musikformen wie Jazz und Klassik, die in den Datenbanken der großen Anbieter schlicht untergehen würden, wie in Salon vor einigen Monaten zu lesen war. Anders, als es Chris Anderson in seinem Bestseller The Long Tail prophezeit hat, bietet die Nische nicht genügend Nahrung für Musiker und Musikgattungen, die sich an ein überschaubares Publikum wenden. 

Dennoch gibt es Stimmen, die im Streaming eine große, eigentlich: die Chance für die Musikindustrie sehen, wie Martin Weigert. Für ihn ist es eine Frage der Betrachtungsweise, ob man im Streaming den Niedergang oder das Aufblühen der Musikindustrie erkennen will. Dabei lenkt er den Blick auf die Gesamterlöse innerhalb eines Marktes. Anhand eines Rechenbeispiels kommt er zu dem Ergebnis, dass der Streaming-Jahresumsatz um einiges höher liegt, liegen könnte als allgemein angenommen. Sobald einmal Klarheit über die wahren Erlösquellen und ihre Profiteure hergestellt sei, so Weigert, würden auch die stärksten Kritiker die Chancen erkennen, die dieses neue Geschäftsmodell für sie bietet. Bis dahin sei es, so räumt er ein, jedoch noch ein steiniger Weg. 

Entspannt sieht die Digitalisierung der Musikindustrie auch Tim Renner. Für ihn ist digital ohnehin besser, wie er u.a. in einem Fachvortrag seine Zuhörer wissen ließ. 

Freitag, 24. Oktober 2014

Digitale Transformation stellt nicht nur die Medienbranche vor Probleme

Von Ralf Keuper

Es mag nur ein schwacher Trost sein, aber immerhin: Auch andere Branchen tun sich ausgesprochen schwer damit, ihre Geschäftsmodelle, Organisationstrukturen und Unternehmenskultur an die Digitalisierung anzupassen. Selbst ein so wandlungsfähiges Unternehmen wie IBM macht die schmerzhafte Erfahrung, dass es mit Cloud-Services bzw. Software-as-a-Service extrem schwierig ist, Profite in gewohnter Höhe zu erwirtschaften. Diese Lernkurve steht der Bankenbranche erst noch bevor. 

Da ist die Medienbranche, notgedrungen, schon weiter, wenngleich auch hier der Transformationsprozess noch im vollen Gang und ein Ende nicht abzusehen ist. Die Gretchenfrage der Digitalisierung bleibt, wie sich mit Internetangeboten ein auskömmlicher Gewinn erwirtschaften lässt; vor allem dann, wenn die eigenen Produkte kaum noch Raum für Differenzierung lassen und weite Teile der Kundschaft die Kostenlos-Mentalität verinnerlicht haben. 

Es wäre jedoch verfehlt, für diese missliche Lage alleine die Kunden und ihr verändertes Kauf- und Informationsverhalten verantwortlich zu machen. Gleiches gilt für die oft als Datenkraken oder Monopolisten gescholtenen Internetkonzerne wie Google. 
Nein, die Branche hat in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben nicht gemacht und darauf gesetzt, unter eine Art Bestandsschutz zu fallen. Mag diese Hoffnung bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunktanstalten (noch) berechtigt sein, so verbietet sie sich in einem privatwirtschaftlich organisierten Wirtschaftszweig von selbst, noch dazu, wenn deren Beschäftigte, insbesondere die Wirtschaftsjournalisten, den Bürgern ebenso wie Unternehmen anderer Branchen, ja sogar Ländern über Jahre mangelnde Reformbereitschaft bzw. Innovationskraft attestieren.  Insofern ist es als ein erfreuliches Zeichen zu werten, wenn der Personalchef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), Ulrich Bensel, selbstkritisch festhält, dass die Branche ihre Mitarbeiter in den letzten fünfzig Jahren blöd gehalten habe. Da möchte man spontan hinzufügen: Nicht nur die eigenen Mitarbeiter.

Wie auch immer. Andererseits eiert die Branche bei der Frage des Leistungsschutzrechts noch immer vor sich hin, statt zu akzeptieren, dass an Google (vorerst) kein Weg vorbei führt und sich stattdessen Fragen des eigenen Geschäftsmodells zuzuwenden. Das Informationsmonopol ist unwiederbringlich futsch; ob mit, gegen oder ohne Google. Die eigentliche Revolution steht nämlich erst noch bevor. 

Einer der wenigen (Zeitungs-)Verlage, der nach meinem Eindruck die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich nicht mit den Schlachten der Vergangenheit aufhält, ist der britische Guardian. Dort arbeitet man mit Hochdruck an einer Verknüpfung von visuellem Journalismus, Datenjournalismus und sog. audience development teams

Ob das reicht, wird die Zukunft zeigen. 

Digitaler Buchclub mit Volumentarif: E-Readings-Startup Blloon

Von Ralf Keuper

Der Buchclub-Gedanke, die Königsidee Reinhard Mohns, scheint auch im digitalen Zeitalter, wie aus dem Beitrag Deutsches E-Reading-Startup Blloon startet mit Volumentarif für Wenig-Leser hervorgeht,  seine Anhänger zu finden. Nachdem auf dem Markt bereits seit einiger Zeit Flatrate-Angebote wie Kindle vorhanden sind, versucht Blloon die zahlende Leserschaft über zwei Tarife, die an ein bestimmtes Seitenvolumen gekoppelt sind, anzulocken. 
Der Start erfolgte in Großbritannien. Nächstes Jahr sollen die USA und Deutschland folgen. Mit an Bord sind bereits einige namhafte Verlage. 

Das Angebot richtet sich an Leser, die nur vergleichsweise selten zum Buch greifen - 12mal pro Jahr. Abzuwarten bleibt, ob Blloon bei den Lesern den erhofften Zuspruch findet und ob das Geschäftsmodell angesichts der wachsenden Verbreitung der Streaming-Dienste funktioniert. 
Aber auch hier sind sich die Experten nicht einig. Anders als bei Filmen oder Musiktiteln stösst die Übertragung des "Netflix-Modells" auf die Buchbranche, laut David Pierce in Why Amazon's 'Netflix for books' might be doomed before it starts, schnell an (fundamentale) Grenzen. Zu überschaubar sei das Angebot und die Lesegewohnheiten der Kunden zu festgefahren, als dass mit einem Erfolg zu rechnen sei. 

Auch hier das grundsätzliche Problem: Wie bringe ich Kunden dazu, für Inhalt, den sie anderswo günstiger, in größerer Auswahl oder gar umsonst bekommen, zu zahlen? Dabei ist es fast schon zweitrangig, ob es sich dabei um eine Flatrate oder einen Volumentarif handelt.

Diese "harte Nuss" muss erst geknackt werden. 

Das Auto als (neues) Leitmedium?

Von Ralf Keuper

Es klingt zunächst ein wenig verwegen, das Auto als Medium zu bezeichnen. Oder auch nicht: Denn in gewisser Weise ist das Auto ein Transportmedium. Nur werden hier nach gängiger Auffassung keine Informationen, sondern Menschen transportiert. Aber auch dieser Eindruck täuscht. 

Mittlerweile sind Autos, wie in der Süddeutschen Zeitung kürzlich zu lesen war, rollende Computer, vollgestopft mit Kommunikationstechnologie  - Stichwort: Infotainment. Das Auto als Schallkapsel, wie Christopher Neumeier in seiner Rezension von Sound and Safe. A History of Listening Behind the Wheel schreibt. 

Waren es in den stürmischen Anfangsjahren des Automobils die Motorgeräusche, die dem Fahrer in den Ohren klangen, wird die Akustik im Auto heute von Radios, CD-Playern und Navigationssystemen dominiert. Im gerade aufziehenden Zeitalter der connected devices ist das Auto nur ein weiteres technisches Objekt, das mit anderen technischen Objekten unentwegt kommuniziert. Das Auto verwandelt sich in ein Medium. Der Transport der Fahrgäste tritt im Vergleich dazu in den Hintergrund. 

Der Autofahrer findet im Auto fast dieselbe Umgebung, dieselbe Medien- und Klangwelt wie zu Hause vor. Medienbrüche scheinen im Verschwinden begriffen. Autohersteller wie BMW arbeiten an ausgefeilten Infotainmentsystemen ebenso wie der  Automobilzulieferer Continental. Das Auto als Abspielgerät bzw. als mobile Medienplattform. 

Die klassischen Medienkonzerne sind erst dabei, das Marktpotenzial, das sich ihnen mit dem Auto auftut, zu erschließen. Da sind Google und Baidu schon weiter. Sie haben die Chancen bereits erkannt. 

Aber auch die Autobanken wollen von dem Trend profitieren. Die Bank im Auto ist alles andere als eine Utopie. Sie wird immer mehr zur Realität. 

Weiterhin sind die Anbieter von Navigationssystemen zu nennen. Karten waren von Beginn an ein Medium, dessen Einfluss man nicht unterschätzen sollte. Auch hier sind Google (Google Maps) und Baidu den anderen Medienkonzernen mindestens einen Schritt voraus. 

Es besteht derzeit reichlich Grund zu der Annahme, dass das Auto, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Leitmedium wird. Die Auswirkungen reichen dabei weit über die klassische Medienbranche hinaus. Betroffen sind vor allem die Automobilkonzerne und ihre Zulieferer. Die Szene wird künftig wohl noch um einige Startups bereichert werden. 

Weitere Informationen:


Donnerstag, 23. Oktober 2014

Amazon, Apple, Google & Co. - Zwischen Logistik, Medien und E-Commerce

Von Ralf Keuper

Es fällt mir schwer, Amazon einer bestimmten Branche zuzuordnen. Handelt es sich um einen Logistikkonzern, der sich zu Beginn nur auf Bücher spezialisiert hat und dabei weitere Absatzmärkte für sich entdeckte, oder um einen Medienkonzern, der sich nicht mehr auf die Distribution von Medien beschränkt, sondern selbst in die Produktion einsteigt? Oder ist Amazon schlicht und ergreifend "nur" ein typisches E-Commerce-Unternehmen, dem es letztlich egal ist, was es verkauft - Hauptsache es lässt sich genug damit verdienen?

Amazon, ebenso wie Apple und Google, ist von allem etwas und in der Summe noch ein bisschen mehr. Eine zweifelsfreie Zuordnung zu einer bestimmten Kategorie fällt schwer. 

Wie fließend die Grenzen in der Medienbranche sind, zeigt u.a. die Überraschung, für die Eric Schmidt sorgte, als er Amazon als den härtesten Widersacher von Google bezeichnete. 

Lange vor Amazon gelang die Verbindung zwischen Logistik und Medien Bertelsmann. Mit der VVA (Vereinigte Verlagsauslieferung, heute Teil von arvato) und dem riesigen Hochregallager direkt an der A2 beschritt der Medienkonzern neue Wege. Eigentlich beste Ausgangsbedingungen für eine Übertragung dieser Kombination in das Internet. Stattdessen eroberte mit Amazon ein Newcomer den Markt. Parallel dazu verlagerte Apple weite Teile des Musikgeschäfts auf iTunes.

Seitdem sieht die Medienlandschaft anders aus. Die Machtgewichte haben sich verschoben. Die Gatekeeper bei den Nachrichten wie überhaupt den Medien, sind heute Google, Baidu, Amazon, facebook, Apple, twitter, Tencent & Co. Hier laufen die verschiedenen Informationsströme zusammen. Die Informationslogistik bekommt strategischen Wert. Bezeichnenderweise hat sich Tim Cook seine Meriten in der Logistik verdient.

Apple, Google und Amazon (ebenso wie Alibaba, Tencent, Softbank und Baidu) durchlaufen derzeit einen ähnlichen Wandlungsprozess. Während die einen ihre Bemühungen im Bereich Medien verstärken wie Tencent, Alibaba und Amazon, gehen die anderen dazu über, ihre Aktivitäten im Feld der Logistik auszubauen, wie Google oder versuchen im E-Commerce stärker Fuss zu fassen, wie Baidu. Gemeinsames Ziel ist der Aufbau einer digitalen Plattform, eines Ökosystems, ohne jedoch den Bezug zur "Realwirtschaft" zu verlieren. Dafür sorgt schon allein die Logistik. Daneben ist die Herstellung physischer Güter, wie vor allem bei Apple, aber auch bei Google (Google Glass, Autonome Fahrzeuge) ein wichtiges Standbein. Amazon ist erst kürzlich in den stationären Handel eingestiegen und für Apple haben die Stores mehr als nur eine dekorative Funktion. Dagegen kündigte Bertelsmann an, seine Buchclub-Filialen zu schließen. 

Insofern haben wir es in der Medienbranche mit - zumindest auf den ersten Blick - gegenläufigen Tendenzen zu tun. Ein Eindruck, der in dem Beitrag Diversified media companies are hurrying to undiversify bestätigt wird. 

Nicht unerwähnt bleiben sollen die Anbieter von Finanzinformationen wie Bloomberg und Thomson Reuters sowie die Wissenschaftsverlage wie Elsevier. Während Bloomberg und Thomson Reuters eigentlich schon immer digital unterwegs waren, treiben die Wissenschaftsverlage inzwischen ebenfalls die Digitalisierung ihrer Angebote voran. Die Frage ist, inwieweit sie in den Sog der Plattformen à la Apple, Amazon und Google geraten oder bereits geraten sind und wie sich ihm entziehen können.  

Kommt es zu einer Medienkonvergenz und damit in gewisser Weise auch zu einer Markt-und Machtkonzentration im großen Stil - oder hat Eric Schmidt Recht, wenn er sagt, dass Startups, wie seinerzeit Google, den Markt erneut umkrempeln bzw. "disrupten" könnten? Welche Rolle übernehmen die Computerspiele? Der derzeit größte Spieleentwickler der Welt ist Tencent. Microsoft hat erst kürzlich Minecraft gekauft. Das soll aber nur ein weiterer Schritt für Microsoft bei dem Aufbau einer Plattform für Spiele und Entwickler sein
Wie sind die Bestrebungen von Apple und Google im Gesundheitsbereich (E-Health) zu werten? Muss man das getrennt von den anderen Geschäftsfeldern betrachten, oder gehört das zusammen? Falls ja - was folgt daraus?

Welche Chance haben alternative Anbieter, wie sobooks oder Indie-Labels?

Die Karten werden jedenfalls neu gemischt. Es bleibt spannend. 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Das Medium ist die Botschaft - Fünfzig Jahre danach

Von Ralf Keuper

Wohl kaum ein Buch der letzten Jahrzehnte hat auf die Medientheorie einen so nachhaltigen Einfluss ausgeübt wie Die magischen Kanäle. Understanding Media von Marshall McLuhan. Seit der Erstveröffentlichung sind fünfzig Jahre vergangen, ohne dass die zentralen Aussagen des Buches, deren prominenteste wohl Das Medium ist die Botschaft ist, an Erklärungskraft eingebüßt hätten. 

Wie es in dem lesenswerten Beitrag The Medium is the Message, 50 Years Later u.a. heisst, sind noch immer einige der "steilen" Thesen McLuhans in der Fachwelt umstritten. Um so mehr haben sie dagegen in der Realität Gestalt angenommen - insbesondere in den letzten Jahren. 
Für McLuhan sind Medien letztlich nichts anderes als Ausweitungen unserer Sinne. Als Folge davon werden wir, d.h. unser Zentralnervensystem in einen Betäubungszustand versetzt. Mc Luhan nennt diesen Vorgang Selbstamputation
Physiologisch spielt das Zentralnervensystem, jenes elektrische Netz, das die verschiedenen Medien unserer Sinnesorganisation koordiniert, die Hauptrolle. Was immer seine Funktion stört, muss unterdrückt, lokalisiert oder abgetrennt werden; das geht sogar bis zu völligen Entfernung des "kränkenden" Organs.  ... Mit dem Aufkommen der Elektrotechnik schuf der Mensch ein naturgetreues Modell seinen eigenen Zentralnervensystems, das er erweiterte und nach außen verlegte (in: Die magischen Kanäle)
Mit der Verbreitung des Internet und begleitend dazu des Netzwerkgedankens (Stichwort: Soziale Netzwerke wie XING, LinkedIn, twitter, facebook etc.) bekommen die Aussagen neues Gewicht. Seitdem versucht die Netzwerktheorie die neuen Formen der Kommunikation der Menschen untereinander, aber auch die der Maschinen bzw. der technischen Objekte zu ergründen. 

Neue Medienformate sorgen aber über das Zentralnervensystem bzw. die Selbstamputation nicht nur für einen Anpassungsdruck bei den Menschen, sondern haben darüber hinaus große Auswirkungen auf die Medien selber:
Was ich hier sagen will, ist, dass Medien als Ausweitung unserer Sinne neue Verhältnisse nicht nur innerhalb unserer eigenen Sinnesempfindung schaffen, sondern auch unter sich selber, wenn sie auf sich gegenseitig einwirken. Das Radio hat die Form des Zeitungsberichts genauso verändert wie es das Filmbild im Tonfilm änderte. Das Fernsehen führte zu drastischen Änderungen in der Programmgestaltung des Rundfunks und der Form des "Sachromans" oder des Tatsachenberichts (ebd.).
Zu sehen ist dieses Spannungsverhältnis seit einiger Zeit an den sinkenden Auflagenzahlen der Zeitungen u.a. als Folge der veränderten Lese- und Bezahlgewohnheiten der Kunden. Seitdem tobt eine Diskussion um die Zukunft des "Qualitätsjournalismus" im Zeitalter digitaler Medien. Bis heute hat die Zeitungsbranche kein Geschäftsmodell gefunden, mit dem sich im Internet an die alten Zeiten anknüpfen lässt. Zu unterschiedlich sind die Anforderungen an die Organisationsstruktur und die Unternehmenskultur. Diese schmerzhafte Erfahrung musste vor den Zeitungen bereits die Musikindustrie machen, wie sie Tim Renner in Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm eingehend beschreiben hat. 

Nicht bewahrheitet hat sich jedoch McLuhans Annahme, dass die neuen Medien die alten vollständig ersetzen werden. Hier scheint noch immer das Rieplsche Gesetz zu gelten. 

Der Stilwandel der Medien bleibt auch nicht ohne Auswirkungen auf die Produzenten. Waren es bis vor wenigen Jahren noch die großen Konzerne und Majors, wie Bertelsmann, Vivendi, News Corporation, Time Warner, die die Medienindustrie beherrschten, sind es heute Internetkonzerne wie Google, Apple, Amazon, facebook, Alibaba, Tencent, Baidu & Co., die immer weitere Teile des klassischen Mediengeschäfts an sich reißen: Apple beherrscht mit itunes den Markt für Musik und Filme, Amazon den Markt für Bücher, nebenbei steigt das Unternehmen selbst in die Produktion von Medien ein, facebook ist inzwischen der weltweit führende Nachrichtendienst und Tencent hat erst kürzlich seinen Einstieg in das Filmgeschäft bekannt gegeben. 

Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen.

Auch nach fünfzig Jahren ist Die magischen Kanäle ein Buch voller Überraschungen und verblüffender Gedankenverbindungen. Eine Fundgrube für jeden, der sich für die Zukunft der Medien interessiert. Diese Aussage gilt heute mehr denn je. Schon jetzt prägen Medien in hohem Maß unseren Alltag und bestimmen wie wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen. Ein Trend, der sich künftig noch verstärken wird. 

Vielleicht lag McLuhan auch mit folgender Prognose richtig:
Wenn wir einmal unser Zentralnervensystem zur elektromagnetischen Technik ausgeweitet haben, ist es nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewusstseins auch auf die Welt der Computer. Dann werden wir zumindest das Bewusstsein so programmieren können, dass es von der narzißstischen Illusion der Welt des Vergnügens nicht mehr abgelenkt oder betäubt werden kann ... Wenn die Arbeit in der Stadt eine Erneuerung oder Übertragung des Menschen in eine passendere Form darstellt, als sie seine nomadischen Vorfahren gefunden hatten, hat man dann nicht fast den Eindruck, dass unsere jetzt sich vollziehende Übertragung unseres ganzen Lebens in eine geistige Form der Information den ganzen Erdball und die Familie der Menschheit zu einem einzige Bewusstsein macht? (ebd.)
Das weckt Erinnerungen an Huxleys Schöne neue Welt

Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Supercomputer, wie IBMs Watson oder in der Robotik tun wir gut daran, die Sätze nicht als reine Hirngespinste abzutun. Dafür hat McLuhan in der Vergangenheit zu oft richtig gelegen ;-)