Sonntag, 30. November 2014

Johannes Gutenberg, der Buchdruck und der Beginn der Wissensexplosion



Johannes Gutenberg hat mit der Erfindung des Buchdrucks die Welt wie nur ganz wenige Menschen vor und nach ihm verändert. 
Bis zu seiner Erfindung war die Vervielfältigung des Wissens in Form von Büchern nur sehr eingeschränkt möglich, da Kopien nur per Handschrift erstellt werden konnten, wie vor allem in den Skriptorien der mittelalterlichen Klöster. Später kam dann mit den ersten Universitäten der Bedarf nach einer deutlichen höheren Anzahl einheitlicher Kopien auf. Diese Nachfrage hat keiner so rasch erkannt und zu bedienen gewusst, wie Gutenberg, der dafür eigens eine Firma, heute würde mal sagen: Startup gründete mit dem Namen Werk der Bücher
Seine umwälzende (disprutive) Idee bestand darin, dass er, inspiriert von der Technik des Holzschnitts, einzelne, wiederverwendbare Buchstaben sowie Ligaturen in Blei goss. Die dafür nötigen Maschinen und Werkzeuge, wie das Handgießinstrument, konstruierte und baute er selbst. Bei der Konstruktion seiner Druckpresse orientierte er sich an den heimischen Weinbauern. 
Sein größtes Projekt, das auch zu seinem finanziellen Ruin führte, war der Druck der lateinischen Bibel mit einer Auflage von 180 Stück. Damit konnte er zeigen, dass der Buchdruck den Handschriften ästhetisch gleichwertig war. 

Großer Bewunderer der Arbeiten Gutenbergs war Martin Luther, der selber ein großes Projekt in Angriff nahm: Den Druck der ersten Bibel in deutscher Übersetzung. Die Auflage erreichte die auch für heutige Verhältnisse noch beachtliche Zahl von 500.000. 

Gutenbergs Drucktechnik verbreitete sich innerhalb weniger Jahre über ganz Europa. Die ersten Druckereien und Verlage entstanden. 

Mit der Erfindung der Schnellpresse und später des Offsetdrucks begann dann der eigentliche Siegeszug der Printmedien. 

Sein ideelles Erbe lebt u.a. in dem Projekt Gutenberg und natürlich in seiner Geburtsstadt Mainz fort. Die dortige Johannes Gutenberg - Universität und das Gutenberg-Museum halten sein Erbe wach. Einen guten Einstieg bietet die Seite Gutenberg.de.

Der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan prägte mit seinem Buch The Gutenberg Galaxy den Begriff der Gutenberg-Galaxis


Samuel Morse, die Telegrafie und die Geburt des modernen Nachrichtenwesens

Von Ralf Keuper

Obschon Samuel Morse die Telegrafie nicht erfunden hat, kann man mit einigem Recht behaupten, dass er ihr den entscheidenden Impuls gegeben hat. Sein zusammen mit Alfred Vail entwickeltes Morsealphabet schuf die Grundlage für die moderne Nachrichtenübermittlung über große Distanzen hinweg. Ein weiterer Meilenstein war die Verlegung des Transatlantischen Unterseekabels. Dadurch war die Kommunikation zwischen Kontinenten möglich. Ein, wenn man so will, maritimer Vorläufer des Internet. 
Der im Jahr 1991 entstandene, nach wie vor sehenswerte Film Samuel Morse und die Telegrafie verschafft einen guten Einblick in die Entstehung des modernen Nachrichtenwesens. 

Margit Knapp setzte in ihrem Buch Die Überwindung der Langsamkeit. Samuel Finley Morse - der Begründer der modernen Kommunikation dem amerikanischen Erfinder ein von der Kritik viel gelobtes literarisches Denkmal. 

Weitere Informationen:

Die Geschichte des ersten Transatlantikkabels

Samstag, 29. November 2014

Wie Friedrich Koenig mit der Erfindung der Schnellpresse die Medienwelt revolutionierte

Von Ralf Keuper

Allzu leicht wird vergessen, dass technologische Neuerungen in erheblichem Umfang zum Siegeszug der Printmedien beigetragen haben. Einer dieser Wegbereiter war, neben Johannes Gutenberg, ohne Zweifel Friedrich Koenig, der als Erfinder der Schnellpresse und als Gründer des Druckmaschinenherstellers Koenig & Bauer in die Medien- und Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist. Die in Würzburg, dem Stammsitz von Koenig & Bauer, erscheinende Mainpost erinnert in dem lesenswerten Artikel 200 Jahre Zylinderdruckmaschine – Die Erfindung von KBA-Gründer Friedrich Koenig veränderte die Medienwelt an dieses denkwürdige Ereignis, das sich am 29. November 1814 zutrug. Gleichfalls lesenswert ist der schon etwas ältere Artikel Rotierende Revolution

Friedrich Kasischke zeichnet in seinem Buch Friedrich Koenig. Erfinder der Druckmaschine und Vollender der Gutenbergschen Druckkunst das Wirken Friedrich Koenigs nach. 
Informativ ist auch der Beitrag Druckmaschinen damals und heute.

Noch heute zählt Koenig & Bauer zu den größten Druckmaschinenherstellern der Welt. Im Zuge der Finanzkrise und als Folge der Digitalisierung, geriet Koenig & Bauer, ebenso wie die anderen Druckmaschinenhersteller Heilderberger Druck und MAN Roland, vor einigen Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Während dem Weltmarktführer Heidelberger Druck eine Staatshilfe in Höhe von 850 Millionen Euro gewährt wurde, schaffte es Koenig & Bauer aus eigener Kraft, wenngleich verbunden mit einem deutlichen Personalabbau, die Krise zu meistern. Nicht zu Unrecht sah man bei Koenig & Bauer in der Staatshilfe für Heildelberger Druck eine klare Wettbewerbsverzerrung.  

Die glorreichen Zeiten sind für die Druckmaschinenhersteller indes vorbei. Die aktuelle Medienrevolution läuft weitgehend an ihnen vorbei. 

Mittlerweile konzentriert sich Koenig & Bauer, wie überhaupt die Druckmaschinenbranche, verstärkt auf das Geschäftsfeld Digitaldruck. Parallel dazu versucht das Management die Abhängigkeit vom Mediengeschäft zu verringern. Die Umstrukturierung ist bei KBA noch nicht abgeschlossen.

Weitere Informationen:

Koenig & Bauer mit weniger Umsatz und roten Zahlen



Data as Culture: Datendesign als "Schlüsselkompetenz" des 21. Jahrhunderts

Von Ralf Keuper

Dass Daten ein Eigenleben führen können, macht nicht zuletzt die Diskussion um den Einsatz von "Big Data - Technologien" deutlich. 
Davon weitgehend unbeachtet blieb bisher die ästhetische Dimension der Daten. Auf diesen Missstand macht Mark Rolsten aktuell in seinem Beitrag The Next Era of Designers Will Use Data as Their Medium aufmerksam. Seiner Ansicht nach haben die Daten schon längst ihr graues Kleid abgelegt, das ihnen Softwareentwickler und andere "Code Monkeys" umgehängt haben. Daten entwickeln sich zu einem eigenständigen Medium, das nach neuen Darstellungsformen verlangt. Daher sei das Design der Daten künftig von großer Bedeutung. 

Rolsten schließt sein Plädoyer mit den Worten:
We need a new role with new skills: the Data Designer. Their medium is the shape, movement, transformation, and meaning of data. They turn data into information into knowledge. They help deliver a world where interfaces get out of the way and allow people to live more naturally, spending less time with machines and more on life itself.
Als einer der ersten hat die Bedeutung des Datendesigns, der Datenvisualisierung der häufig auch als "Leonardo da Vinci of Data" bezeichnete Edward Tufte erkannt. 
Einen guten Überblick der Geschichte der Daten- bzw. Informationsvisualisierung gibt Deb Miller in A Picture is Worth a Thousand Words.

Hervorzuheben ist in dem Zusammenhang der ausgesprochen informative und inspirierende Beitrag Data as Culture von Daniel Rourke

Gleiches gilt für den Beitrag Die schönsten Karten der Wissenscahft: "Die digitalen Spuren sichtbar machen"

Weitere Informationen:

Beauty By Design: The Intersection Of Data And Digital Art

Freitag, 28. November 2014

Die Postkarte - Medium der Alltagskultur

Die Postkarte fällt einem für gewöhnlich nicht ein, wenn man an ein Medium mit hohem Verbreitungs- und Wirkungsgrad denkt. Ein Trugschluss.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Postkarte das bevorzugte Medium, wie die Ausstellung "Format Postkarte. Illustrierte Korrespondenzen, 1900 bis 1936" in Wien zeigt. 

Der 1. Weltkrieg sorgte für einen bis dahin wohl ungekannten "Boom" dieses Mediums - auch zu Propagandazwecken. 

Postkarten sind in Deutschland nach wie vor außerordentlich beliebt, wie uns SPON in Deutsche lieben Postkarten: "Ich hab an Dich gedacht!" wissen lässt. 

Hervorzuheben sind die Seite Historische Bildpostkarten, Sammlung Prof. Dr. S. Giesbrecht, der Universität Osnabrück und der Beitrag 1872 – Die Einführung der Postkarte aus volkswirtschaftlicher Sicht von Wolf-Rüdiger Wagner

Weitere Informationen:

Die Verbildlichung des Krieges in Feldpostkarten

Amar Gopal Bose: Der Boxenstratege - Auf der Suche nach dem perfekten Klang (Portrait)

Vor einigen Jahren portraitierte Datum in dem Beitrag Der Boxenstratege den inzwischen verstorbenen Amar Gopal Bose, Gründer des gleichnamigen Weltkonzerns. Unermüdlich war Bose bis zum Schluss auf der Suche nach dem perfekten Klang. 

New Media: Aktuelle Trends #3

Von Ralf Keuper

Es ist schön zu sehen, dass die Medienforschung sich nicht scheut, neue Wege zu gehen. In dem Buch Heterotopien. Perspektive der intermedialen Ästhetik entwerfen die Autorinnen Nadja Elia-Borer u.a. einen Ansatz, der versucht, bisher vorwiegend getrennt voneinander behandelte Medienarten miteinander in Beziehung zu setzen und bestehende Grenzen vielleicht nicht aufzulösen, wohl aber neu zu ziehen. 

Dass es sich bei Sozialen Medienplattformen um eigene Kulturen handelt, rückt Keven O' Keefe in Social media platforms are cultures ins Bewusstsein. Bereits seit einiger Zeit versucht die Nethnografie das Netz mit den Augen des (teilnehmenden) Ethnologen zu betrachten. Als Forschungszweig führt sie nach meinem Eindruck jedoch noch ein Schattendasein. Das könnte sich demnächst ändern. Vielleicht tauchen ja schon bald die ersten Digitalen Anthropologen in den Unternehmen auf. 

Ihrem Ruf als Stadt des Buches wurde Mainz in den letzten Wochen gleich mehrmals gerecht. So entstand unter Mitwirkung des Mainzer Instituts der Buchwissenschaft die Studie Technology and Innovation for Smart Publishing. Im Gutenbergmuseum findet wöchentlich eine Büchersprechstunde statt, in der Buchbesitzer ihre alten Bücher begutachten lassen können. 

Die Studentenzeitschrift der University of Manitoba widmet sich in einem Beitrag ihrem wohl berühmtesten Absolventen - dem legendären und unvermindert aktuellen Medienphilosophen Marshall McLuhan

Der FCH Blog - Der Blog von Bankern für Banker hat einen informativen Beitrag zu den Kosten und Nutzen von Social Media Aktivitäten publiziert

Etwas überraschend kam die Meldung, dass nach einer Studie Streaming-Nutzer drei Mal mehr Musik kaufen als Radiohörer. Von dem allgemeinen Streaming-Trend konnte anscheinend der Video-Hub von Samsung nicht profitieren. Dieser wird nämlich zum Monatsende seinen Dienst einstellen

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke erläutert in einem Interview, weshalb er der Ansicht ist, dass das Tablet das Lernmedium der Zukunft ist. Unterdessen ließ keine geringere Institution als die Stiftung Lesen verlauten, dass das Internet ein Anreiz zum Lesen sei. 

Laut einer Untersuchung von PQ Media weisen das Vereinigte Königreich, Korea, Australien und Kanada die höchste Nutzungsrate digitaler Medien in der Welt aus. Deutschland wird in der Meldung, welch Überraschung, nicht erwähnt. 

Dafür sind wir in Europa aber noch immer eine Hochburg des wohl ältesten Massenmediums der Menschheitsgeschichte - dem Panorama

Bei Meedia glaubt man indes erste Belege gefunden zu haben, wonach WhatsApp das Zeug zum mächtigsten Traffic-Lieferanten für News-Sites hat. Ebenfalls auf Meedia war zu lesen, dass Buzzfeed und Vice den Sprung unter die 50 erfolgreichsten deutschsprachigen Medien in den sozialen Netzwerken geschafft haben. 

Das Bild wird durch die Meldung getrübt, dass amerikanische Forscher vor der unreflektierten Nutzung von Big Data aus sozialen Medien warnen, was bei näherem Nachdenken jedoch eine Selbstverständlichkeit sein sollte. 

Die EU hat erneut ihr ganz spezielles Gefühl für Timing unter Beweis gestellt. Während sich Europa unter dem Spardiktat von der digitalen Zukunft langsam aber sicher verabschiedet, glaubt sie mit dem Beschluss zur Zerschlagung von Google einen großen Schritt in Richtung Zukunft getan zu haben. Nicht nur Sascha Lobo ist der Meinung, dass die Resolution des EU-Parlament in einem Debakel enden wird. Der Economist schreibt dazu in einem Untertitel: European moves against Google are about protecting companies, not consumers.

Scheinbar können einige Medienkonzerne nicht verwinden, dass der ansonsten von ihnen so hoch gelobte Wettbewerb dazu geführt hat, dass sie den Anschluss aufgrund eigener Fehler verloren haben. Da ertönt dann der ansonsten so verpönte Ruf nach dem Staat bzw. dem Gesetzgeber. 

Allein, es wird nichts nützen. 

Donnerstag, 27. November 2014

Das Panorama als (erstes) Massenmedium

Von Ralf Keuper

Das hat mich doch ein wenig verblüfft: Ein lesenswerter Beitrag in der bz Basel erhebt, unter Berufung auf den ehemaligen Kurator des Bourbaki-Panoramas in Luzern, Patrick Deicher, das Panorama zum ersten Massenmedium der Menschheitsgeschichte. 
Das in dem Artikel erwähnte Thun-Panorama ist das älteste noch erhaltene Panorama der Welt, und damit , wie der bereits erwähnte Patrick Deicher in einem Interview mit dem SRF sagt, von medien- und kunsthistorischer Bedeutung. 

Laut Wikipedia geht das Panorama, auch Rundbild genannt, auf den Iren Robert Barker zurück, der im Jahr 1787 ein Patent als 
"an entire view of any country or situation, as it appears to an observer turning quite round" 
anmeldete.

Im Jahr 1980 erschien das Buch Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums von Stephan Oettermann

Trotz ihres Alters ist nicht nur Patrick Deisler der Ansicht, dass das Panorama als Medium noch nicht ausgedient hat. Man kann sogar mit einiger Berechtigung von einem neuen Boom des Panoramas sprechen. 

In gewisser Hinsicht setzt Samsung mit seinem Project Beyond den Panorama-Ansatz um. 

Navigation: Die Karte im Kopf

Von Ralf Keuper

Karten haben für die Orientierung in einer unbekannten oder wenig vertrauen Umgebung eine große Bedeutung. Einige Karten können sogar von sich behaupten, die Sicht auf die Welt revolutioniert zu haben, wie die Weltkarte von Gerhard Mercator. Die Macht der Karten sollte daher nicht unterschätzt werden. 
Navigationssysteme gehören mittlerweile fast in jedem Auto zur Grundausstattung.

Die Wissenschaft, insbesondere die Hirnforschung, beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die Menschen sich im Raum orientieren. Neben physischen oder virtuellen Karten spielt das Gehirn dabei eine große Rolle, wie einer breiten Öffentlichkeit in diesem Jahr  durch Verleihung des Nobelpreises für Medizin an Edvard Moser, May-Britt Moser und John O'Keefe bewusst wurde. 

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 27.10.2014 ("Die perfekteste Symmetrie, die es gibt") beantwortet Edvar Moser einige Fragen zu seinen Forschungen zur Navigation im menschlichen Gehirn. 

Auf die Frage, wie das Gehirn die Bewegung des Menschen im Raum verarbeite, antwortete Moser:
Das Gehirn kartiert die Umgebung mit mehreren unterschiedlich grobmaschigen Sechseck-Gittern. ... Wir haben festgestellt, dass man zum Beispiel in einem Gebäude .. ein Stück weit mit einem Koordinatensystem kommt, dann kommt eine Tür und das Gehirn füllt ein neues Gittersystem mit dem Raum, der dahinter folgt.
Die Evolution hat unser Gehirn für die Navigation in einem begrenzten Raum ausgelegt:
Die Verdrahtung im Gehirn deckt immer nur die nähere Umgebung ab, was wohl mit der Evolution erklärbar ist. Es kam in der Wildnis auf die unmittelbare Umgebung an. 
Das Gehirn verwendet jedoch nicht nur Gittersysteme, sondern macht auch von der Abstraktion, der Imagination Gebrauch:
Speziell im menschlichen Gehirn kommt zu den Raster-Zellen noch einiges hinzu. Zum Beispiel die Fähigkeit, sich andere Orte vorzustellen, die man gar nicht sehen kann. So wird auch ohne visuelle Eindrücke eine Umgebung erfasst.
Das sind faszinierende Einblicke in die Arbeitsweise unseres Gehirns. 

Wie geht der Mensch mit den "echten" Karten um und wie verläuft hier die Wahrnehmung? Dieser Frage sind Forscher an der RuhrUniversität Bochum in dem DFG-Projekt „Wirkung höherer Kognitionsprinzipien in statischen und dynamischen Karten auf die Vermittlung von Rauminformationen“ nachgegangen. Dabei fanden sie heraus, dass die Menschen kognitive Karten erzeugen, die häufig wiederkehrende Verzerrungen enthalten. Um diese Fehler auszugleichen, müssen die Karten an diese (fehlerhaften) Eigenschaften der menschlichen Informationsverarbeitung angepasst werden, z.B. über künstliche Gitterlinien oder die Hervorhebung bestimmter Kartenelemente. 

Was den Einsatz der Gitterlinien anbelangt, erscheint der "Trick" der Bochumer Forscher mit Blick auf die Arbeiten von Edvard Moser u.a. nur folgerichtig. 

Weitere Informationen:

Dienstag, 25. November 2014

Herbert Grönemeyer: Dauernd jetzt oder dauernd gestern?

Von Jens Lohse

Zugegeben, das klingt ein wenig provokant, aber es sind die ersten Gedanken, die mir gekommen sind, als ich mir das vor kurzem veröffentlichte neue Album von Herbert Grönemeyer voller Erwartung anhören wollte.

Es sind zwei Dinge, die mir beim genaueren Hinschauen bzw. Hören sofort aufgefallen sind oder mich genauer gesagt sogar ziemlich erschrocken haben.

Aber der Reihe nach. In großen Lettern angekündigt auf der Startseite des Musikdienstes mit dem angebissenen Apfel habe ich die neuen Lieder voller Vorfreude zum Probehören angeklickt. Ehrlich gesagt, die letzten Alben von Herbert Grönemeyer haben mich nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen, aber trotzdem bin ich seit beinahe 30 Jahren ein begeisterter Anhänger seiner Musik. Doch sein neuestes Werk hat mich, Entschuldigung, kein bisschen berührt. Wo sind die sanften, tiefgängigen Balladen der früheren Alben? Alles nur flach und laut gesungen. Zudem bei einigen Liedern hatte ich sofort das Gefühl, dass ich das irgendwo schon mal bei Herbert gehört habe. Ob gewollt oder nicht, Herbert Grönemeyer sollte sich nicht zu einer Recyclingmaschine seiner eigenen Musik machen. Die Arrangements der Musik sind wiederum sehr, sehr gut und vielfältig. 

Nun gut, ich wollte mir die Songs natürlich auch in voller Länge anhören und mir ist fast die Sprache weggeblieben, als ich feststellen musste, dass mein Spotify Account kein einziges Album mehr von Herbert Grönemeyer zu bieten hat. Weder das ganz Neue, was ich ja noch verstanden hätte, aber auch die alten Alben. Alles weg. Was noch vor einer Woche tadellos ging ist nun Geschichte. Im ersten Moment war ich nur wütend, aber im Nachhinein wurde mir klar, dass meine Einstellung zum Künstler Herbert Grönemeyer und auch zu seiner Musik ab heute eine andere ist. Ab heute sind wir „geschiedene Leute“. Meiner Meinung nach muss man die Möglichkeit haben, die Songs von Grönemeyer einmal ganz zu hören, um sich ein Urteil bilden zu können. Nur ohne Spotify geht das leider nicht. Wir sind nicht mehr in den Neunzigern, wo man sich ein Album auf Verdacht kauft und nur ein paar Lieder hörenswert sind. 

Wenn er das mit seiner Aktion bezwecken wollte, dann sollte er den Name seines neuesten Werkes wirklich nochmal überdenken.

Tut mir echt leid, Herbert. In den achtzigern habe ich deine Platten gekauft. In den neunzigern deine CD ’s . In den Zeros bei iTunes deine Downloads. Und wo bist du jetzt?

Nicht mehr da. Und komm nicht mit dem Argument, dass du nichts an uns verdient hättest. Die allermeisten von uns, die deine alten Scheiben nochmal auf Spotify hören wollten haben doch alle deine Platten schon mal gekauft. Es wär eben nur schön gewesen. Stattdessen machst du es wie Apple. Zero Info, einfach weg. Schade. 

Montag, 24. November 2014

Mark Twain, Berthold Brecht, H.G. Wells und Thomas Mann über Neue Medien

Von Ralf Keuper

In der Vergangenheit haben einige berühmte Dichter einen Blick in die Zukunft der Medien geworfen. Meistens hatten die Aussagen einen deutlich negativen Unterton, wie bei Aldous Huxley oder George Orwell. Daneben gab es aber auch Dichter, die dem technischen Fortschritt bzw. Neuen Medien gegenüber aufgeschlossener waren. Einige haben, wie Berthold Brecht in seiner Radiotheorie, die Prinzipien des Web 2.0 - in gewisser Hinsicht - vorweggenommen. 

Mark Twain hat u.a. in seiner Kurzgeschichte From The 'London Times" in 1904 die Funktionsweise des Internet beschrieben, wie kürzlich in dem Artikel Mark Twain Predicts the Internet in 1898: Read His Sci-Fi Crime Story, “From The ‘London Times’ in 1904” zu lesen war. 

Aber auch Thomas Mann zeigte sich in einem Radio-Interview im Jahr 1929 seiner Zeit schon recht weit voraus. 

Im Jahr 1937 veröffentliche H.G. Wells seinen Essay The Word Brain. The Idea of a Permanent World Encyclopaedia in dem wiederum einige die Vorhersage des Internet erkennen. Der Telegraph beschäftigte sich vor einigen Jahren mit H.G. Wells und seinen Zukunftsprognosen

Demgegenüber ist von den aktuellen prominenten deutschen Literaten nicht allzu viel Substantielles zu vernehmen. Und wenn, dann überwiegt auch hier ein kulturpessimistsicher Unterton. 

Das Internet als gesellschaftliches Projekt

Von Ralf Keuper

Viele Erklärungsansätze, die versuchen das Wesen des Internet zu entschlüsseln, haben eine beschränkte Sicht. Entweder überwiegen die technischen, die sozialen, kulturellen oder medialen Aspekte. Gegen diese Blickverengung argumentiert Andreas Metzner-Szigeth in seinem Beitrag Zwischen Metaphern und Abstraktionen: Das Werden des Internet

Für Metzner-Szigeth besteht der eigentliche Zauber des Internet darin, dass es den Nutzern nicht nur eine passive Rolle zuweist, sondern sie zur aktiven Teilhabe auffordert, je geradezu verpflichtet - das Internet quasi als gesellschaftliches Projekt, als Menschheitsprojekt. 
Das Internet - ein "gesellschaftliches Projekt". Das ist die Antwort, mit der Philosophen vermutlich weniger schnell zufrieden zu stellen sind. Aber das damit Gemeinte weist weit über etwas "nur" Soziologisches hinaus. In letzter Konsequenz handelt es sich vielmehr um eine anthropologische Bestimmung: es ist ein "Menschheitsprojekt", insofern, als "der Mensch" nicht nur dessen Subjekt, sondern auch dessen Objekt ist.  ...
Statt Kontingenzen zu  reduzieren und Richtungen zusehends festzulegen, vervielfacht technischer Fortschritt Kontingenzen des Handelns und Entscheidens, eröffnet zusehend Optionen. Dieser Prozess ist nicht nur gestaltbar, sondern geradewegs gestaltungsabhängig. Fortschritt ist demzufolge immer ambivalent: er schafft Sicherheiten, indem er zur Lösung bestehender gesellschaftlicher Probleme beiträgt, also ordnungsstiftend und stabilisierend wirkt, und er fungiert als Unsicherheitsgenerator, indem er Optionen multipliziert, die als Entscheidungen unter Unsicherheit abzuarbeiten sind, wodurch das Bestehende permanent in Frage gestellt wird.  
Angesichts dessen erscheinen die aktuellen Diskussionen um die Überwachung im Internet, die Netzneutralität und die Privatheit in einem anderen Licht. Wenn die These stimmt, wonach das Internet in erster Linie als gesellschaftliches Projekt zu betrachten ist, dann sollten wir uns mehr als bisher an seiner Gestaltung beteiligen, da es uns direkter angeht, als wir vermuten. 

Freitag, 21. November 2014

Neue Medien führen neben einem veränderten Zeit- und Raumverständnis auch zu neuen Symbolwelten

Von Ralf Keuper

Wie in dem vorigen Beitrag geschildert, haben die neuen Medien einen geringeren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse als häufig noch angenommen. Dennoch sind die Auswirkungen der digitalen Medien von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Die durch sie veränderte Mediennutzung ist in dieser Form neuartig, wie u.a. aus dem Beitrag Time and Space Perception on Media Platforms hervorgeht.

Wenn die Menschen mit einem neuen Medium, wie den sozialen Netzwerken, konfrontiert werden, verändert sich in der Regel auch ihr Verhältnis zu Raum und Zeit. Als Folge neuer Erfahrungen und Experimente entsteht ein anderes Zeit- und Raumverständnis. Die direkte Kommunikation untereinander wird z.T. abgelöst durch die Interaktion in virtuellen Umgebungen. Neue Symbole, neue Sprachformen entstehen. 

Der Mensch als symbolschaffendes Wesen, wie ihn vor allem Ernst Cassirer beschrieben hat, erklimmt eine neue Stufe. 


Über die uneingelösten Versprechen der neue Medien

Von Ralf Keuper

Die Verbreitung neuer Technologien, die die Kommunikation der Menschen untereinander mobiler, d.h. standortungebundener gestalten und die darüber hinaus zu einer aktiven Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen anregen, verleiten häufig zu der Annahme, dass mit ihnen nun ein völlig neues Zeitalter anbreche.
Fortan werden die Menschen nicht mehr nur passive Nutzer sein, sondern kreativ von den Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologien Gebrauch machen. Mit dem Internet und der Digitalisierung, die sich in immer mehr Bereichen des Alltags Zutritt verschafft, soll die Vision nun endlich Realität werden.

Bisher, so Jan-Felix Schrape in seinem Beitrag Wiederkehrende Erwartungen - Visionen, Prognosen und Mythen um neue Medien, sei die Bilanz noch immer relativ nüchtern ausgefallen. Anders als viele Beobachter bei der Geburt einer neuen Kommunikationstechnologie angenommen haben bzw. annehmen, erweisen sich bestimmte Verhaltensmuster und Institutionen als erstaunlich wandlungsresistent. 
Der viel zitierte Strukturwandel der Öffentlichkeit als Folge des Web 2.0, die Renaissance der Demokratie, sei, bislang jedenfalls, ausgeblieben. Scharpe verweist dabei u.a. auf die verschiedenen Publikationen und Aussagen von Jürgen Habermas und Hans-Magnus Enzensberger

Der emanzipatorische Effekt neuer Medien sollte daher nicht überschätzt werden. 

Die Zukunftschancen der Massenmedien bewertet Schrape daher recht günstig, da nach wie vor zentrale Instanzen, Aggregatoren für den gesellschaftlichen Diskurs benötigt werden. Diese Rolle muss nicht zwangsläufig von den herkömmlichen Anbietern übernommen werden. Es kann durchaus sein, dass sich neue Anbieter als Drehscheibe etablieren.

Was die Einschätzung der emanzipatorischen Auswirkungen neuer Medien anbelangt, kann ich Scharpe nur zustimmen. Technologie allein reicht nicht aus, um an bestehenden Strukturen und Werthaltungen etwas grundlegend, schon gar nicht über Nacht, zu verändern.

Etwas anders verhält es sich mit seiner Bewertung der Verbreitung und Akzeptanz neuer Medien. Durch Smartphones, Tablet-PCs und Messanger-Dienste hat sich das Kommunikations- und Mediennutzungsverhalten deutlich gewandelt - und das in einer Geschwindigkeit, die man so bisher nicht gekannt hat. 

Steven Johnson berichtet in seinem Buch Wo gute Ideen herkommen von der 10/10-Regel aus der Unterhaltungselektronik, wonach es zehn Jahre braucht, um einen Standard, eine Plattform zu etablieren und weitere zehn, um ein breites Publikum zu finden. Bespiele sind der DVD-Player, HDTV und der Desktop-Computer. Mittlerweile hat sich das Verhältnis laut Johnson auf 1/1 reduziert, d.h. es braucht in bestimmten Bereichen nur noch ein Jahr um einen Standard zu entwickeln und ein weiteres, um ein ein größeres Publikum zu erreichen. Als Beispiel nennt Johnson Youtube. 

Augenfällig wird dieser Beschleunigungsschub derzeit an der raschen Verbreitung der Streaming-Dienste im Bereich Musik und Film. Laut einer aktuellen Umfrage verdrängt das Streaming in Deutschland das Fernsehen. 

Von einer veränderten Mediennutzung berichtet auch avenir suisse. So würden die Grenzen bei der Mediennutzung zunehmend verfließen.

Donnerstag, 20. November 2014

Selfies, Trolle, Eigenwerbung und Kurznachrichten (SMS) im Mittelalter

Von Ralf Keuper

In dem ausgesprochen lesenswerten Beitrag Kritzeln ist menschlich in der Süddeutschen Zeitung vom 19.11.2014 berichtet Susanne Weidlich von den Forschungen des niederländischen Historikers Erik Kwakkel von der Universität Leiden. Kwakkel hat sich auf die Buch- und Druckkunst des Mittelalters spezialisiert und gilt in diesem Fach als einer der führenden und originellsten Forscher, wie schon allein sein schöner Blog medieval books verdeutlicht. 

Kwakkel spannt gerne den Bogen vom Mittelalter bis in unsere Zeit. In seinen Blog-Beiträgen Medieval Selfies und Getting personal in the margin zeigt Kwakkel, dass die Kopisten im Mittelalter schon Kommunikationstechniken gebrauchten, die man als Vorläufer heutiger Stilarten in der Kommunikation über Internet betrachten kann: So manch ein Kopist in den Skriptorien der mittelalterlichen Klöster fügte den Texten, teils aus Langeweile, teils aus Geltungsdrang, eigene Kommentare oder Bilder am Seitenrand hinzu. Die Kommentare konnten dabei sowohl eher banaler Art sein, wie auch inhaltliche Kritik enthalten, wie 

So hätte ich das übersetzt. 

Wie später Albrecht Dürer in der Malerei, verewigte sich der eine oder andere Kopist durch sein Impressum. Wer dazu noch mit einer malerischen Ader ausgestattet war, schmückte den Text auch schon mal mit einem Selbstbildnis oder einer Karikatur. Selbst die Kunst der Schleich- bzw. Eigenwerbung beherrschten einige Kopisten, wie Weidlich ausführt, in Vollendung, wie 
Wenn noch jemand ein so ansehnliches Buch haben möchte, komme er zu mir nach Paris, gegenüber der Kathedrale Notre Dame
Hin und wieder ließ der Kopist auch mal seinem Unmut freien Lauf, wie Susanne Weidlich schreibt. Der Kopist Henry van Damme, zum Beispiel, ließ die Mit- und Nachwelt wissen, dass er für einen so geringen Betrag, wie für die Übersetzung der Chronik der Stadt Brüssel, nicht noch einmal arbeiten werde. Es scheint, als wäre der Mindestlohn bereits im Mittelalter ein Thema gewesen ;-)

Notizen, wie die bereits erwähnte So hätte ich das übersetzt, erinnern an die Kommentare, die man zu genüge im Internet lesen kann - in gewisser Weise verbergen sich dahinter die Trolle des Mittelalters. 

Die Karthausermönche, die zum Schweigen verpflichtet waren, könnten, so die These von Kwakkel, die Notizen zur Verständigung untereinander verwendet haben - also in gewisser Hinsicht die Frühform der SMS. 

Sicher - alles recht spekulativ - aber irgendwie originell.

Seit kurzem versuchen neue Formate den Gedanken der gemeinsamen Lektüre und Kommentierung auf die Welt des Internet zu übertragen, wie das Projekt sobooks

Dienstag, 18. November 2014

Adressbüros - Suchmaschinen und Datenhändler des 17. Jahrhunderts

Von Ralf Keuper

Der Historiker Anton Tantner weist den Adressbüros des 17. Jahrhunderts eine Pionierrolle zu: Sie seien die frühzeitlichen Suchmaschinen und Datenhändler gewesen. 
Einen tieferen Einblick in seine Forschungen gibt Tantner in seiner Projektbeschreibung

Ein Artikel im Standard bezeichnet die Adressbüros auch als Umschlagplätze für Informationen während der wachsenden Anonymisierung der Großstädte. Das lässt sich als Kontrast bzw. als Ergänzung zu der von Jürgen Habermas in seinem Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit vertretenen These lesen, die Kaffeehäuser seien der Ursprung der Massenmedien gewesen. 

Weitere Informationen:

Der Zettelkasten - eine (fast) vergessene Medientechnik

Von Ralf Keuper

Nicht wenige sehen in ihm den Vorläufer der heutigen Suchmaschinen: Der Zettelkasten. Einer der letzten Wissenschaftler, der dem Zettelkasten als Medium besonders zugetan, und in der Anlage und Pflege ein wahrer Meister, war Niklas Luhmann. Erst kürzlich hat die nordrhein-westfälische Akademie der Künste  fünf Millionen Euro für die Erforschung von Luhmanns Zettelkasten bereit gestellt. Über den Sinn und Zweck dieses Vorhabens darf indes gestritten werden. Auch der Philosoph Hans Blumenberg bediente sich bei seinen Forschungen ausgiebig des auf uns antiquiert wirkenden Wissenswerkzeugs. Laut einer Anekdote befanden sich Luhmann und Blumenberg in einer Art Fernduell - wer verwendet Zettelkästen am längsten und wer hat die meisten. 

Im vergangenen Jahr widmete das Literaturarchiv Marbach dem Zettelkasten unter dem Titel Zettelkasten. Maschine der Phantasie eine eigene Ausstellung. Hektor Harkötter hat dazu einen lesenswerten Bericht verfasst. 

Der Zettelkasten war auch ein Wegbereiter der modernen Datenverarbeitung. Die ersten Büromaschinen wurden von ihm ebenso beeinflusst, wie Softwareprogramme und Datenbanken. 

Das Buch ZettelWirtschaft von Markus Krajewski gibt einen weiteren Einblick in das Wesen des Zettelkastens.

Per twitter wurde ich auf Zettels Traum, das Hauptwerk von Arno Schmidt, hingewiesen, das man auch als eine andere, literarische Form des Zettelkastens auffassen kann. 

Wikipedia wird mitunter auch als kollektiver Zettelkasten bezeichnet, wie von dem Literaturwissenschaftler und Wikipedia-Autor Olaf Simons

So gesehen scheint die Zeit des Zettelkastens noch lange nicht vorüber zu sein. 

Weitere Informationen:

Niklas Luhmann über seinen Zettelkasten

Niklas Luhmanns Zettelkasten in der Kunsthalle

Maschinen für die glückliche Suche

Montag, 17. November 2014

Der (ewige) Traum von Schnelllesen

Von Ralf Keuper

Seit Jahren, Jahrzehnten werben verschiedene Bücher mit Techniken, die ein schnelleres Lesen ermöglichen sollen. Ein Klassiker dieses Genres dürfte Wolfgang Zielkes Schneller lesen, intensiver lesen, besser behalten sein. Indes, der Erfolg wollte sich nicht bei jedem einstellen. 

Dank spezieller Apps scheint dieses Ziel endlich in greifbare Nähe gerückt. Nicht weniger als 1.000 Wörter in der Minute lesen zu können, verspricht die App "Spritz"
Wie so oft, so regen sich auch hier bei einigen Zweifel, ob das rasende Lesen wirklich die hochgesteckten Erwartungen erfüllen kann, und man demnächst Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit während der Fahrt zur Arbeit oder während einer etwas ausgedehnten Mittagspause endlich als Gelesen abhaken kann. Welcher Leser träumt nicht davon? Top-Kandidaten bei mir wären, neben Prousts Meisterwerk, Hermann Brochs Die Schlafwandler und James Joyces' Ulysses. Allein ich fürchte, dass auch die beste App mir nicht dabei helfen wird, diese empfindliche Lücke dereinst zu schließen.

Wie auch immer.

Bereits vor einigen Wochen setzte sich der Beitrag Beschleunigte Buchstaben in der SZ vom 05.09.2014 kritisch mit den neuen Leseprogrammen, wie Spritz, auseinander. 

Im Vergleich zu den bekannten Lesetechniken und den neuen Leseprogrammen nach wie vor exotisch, ist das Programm, das Aldous Huxley in seinem Buch Die Kunst des Sehens. Was wir für unsere Augen tun können als Hilfe anbietet. Darin stellte er dem Leser sogar in Aussicht, durch regelmäßige Anwendung der Übungen, beim Lesen nicht mehr auf eine Brille angewiesen zu sein. 

In dem bereits erwähnten Beitrag in der SZ kommt u.a. der Psychologe Ralph Radach von der Universität Wuppertal zu Wort. Dieser rät angehenden Schnelllesern: 
Sie müssen sich vorher ihr Ziel klar machen. Muss ich den Text überhaupt lesen? Und wenn ja, warum? 
Keinesfalls, so Radach, sollte Lesen als lästige Pflicht angesehen werden, der man sich dank neuester Technik möglichst schnell und effizient entledigen kann, nach dem Motto:
Ich muss das jetzt lesen, bringen wir's hinter uns
Nun denn. Dann werde ich doch eher an meiner bewährten Methode festhalten, und mir Bücher, die ich nicht lesen kann oder will, als Hörbuch zu Gemüte führen, wie Thomas Manns Buddenbrooks. So schnell kann keine App werden, dass sie die Bügelfaltenprosa (Alfred Döblin) von Thomas Mann für mich in einen Lesegenuss verwandelt. 

Samstag, 15. November 2014

New Media - Aktuelle Trends #2

Von Ralf Keuper

Der Musik-Streamingdienst Spotify steht seit einiger Zeit unter Beschuss. Daher sah sich Spotify-Gründer Daniel Ek zu einer Stellungnahme auf seinem Blog veranlasst. Darin wies er die Vorwürfe einiger Künstler, wie Taylor Swift, wonach die Sänger von Spotify mehr oder weniger ausgebeutet würden, zurück. Seit der Gründung, so Ek, habe Spotify zwei Milliarden Dollar an die Musikindustrie gezahlt. Das Problem liege nicht bei Spotify, sondern bei den Musikfirmen, die nur einen geringen Teil der Erlöse an die Künstler weiter geben würden. Ähnlich argumentiert auch Martin Weigert in Spotifys Wachstum unter der Lupe. Verstört reagierte man dagegen bei Grooveshark darauf, dass sie von Ek in die Nähe der Piraterie gerückt wurden. 
Derweil bekommt Spotify zunehmend Konkurrenz:  Mit seinem Music Key ist YouTube diese Woche in das Geschäfts mit dem Musikstreaming eingestiegen. 
Sowohl Google, wie auch Pandora und Spotify arbeiten jeder für sich an einem Algorithmus (deep learning), der die Erzeugung von Playlists ermöglichen soll, die denen der Nutzer überlegen sind. Google hat seinen Algorithmus Google Trends erweitert, der eine Liste der meistgesehenen YouTube Videos der letzten 24 Stunden erstellt. 

Schlagzeilen machte Samsung mit der Vorstellung seines "Project Beyond" als neuesten Prototyp seines Virtual Realilty-Portfolios. Es beinhaltet eine 360-Grad-Kamera, die im Bereich Gaming eingesetzt werden soll. 

Überhaupt verstärkt sich der Eindruck, dass Online-Spiele zu einer Schlüsselkomponente der neuen Medienkonzerne werden. So gaben Tencent und Line bekannt, einen dreistelligen Millionenbetrag in das südkoreanische Creative Lab Games Studio zu investieren. Auf venturebeat stellte Dean Takahashi mit Blick auf 885 Millionen Dollar, die Churchill Downs für den Kauf des social-casino - Studios Big Fish Games auf den Tisch legte, die Frage, ob wir mittlerweile Zeuge einer Art Pferderennen sind. Der Anbieter mobiler Onlinespiele, Scopely, konnte eine Finanzierungsrunde erfolgreich abschließen. Die 35 Millionen Dollar will das Unternehmen in den Ausbau seines "touchscreen entertainment networks" investieren. 
Angesichts dieser Entwicklung kann es nicht schaden, wenn seit kurzem auf archiv.org die 900 Klassiker der Videospiel-Geschichte zur Verfügung stehen

Die Stimmen häufen sich, die im Video-Blogging eine Kraft am Werke sehen, die das Fernsehen transformieren kann. Da scheint man bei SkreensTV schon einen Schritt weiter zu sein. Nichts geringeres als die Verwandlung der TV-Geräte in eine "multi-screen content-streaming machine" hat das Unternehmen im Sinn. Der Einstiegspreis von 499 Dollar könnte die hochfliegenden Pläne jedoch schnell zum Einsturz bringen. 

Mit der Zukunft des Radios in Zeiten der Digitalisierung setzt sich der Beitrag  „Ich verstehe Dein Radio nicht“: Mediennutzung in Zeiten der Digitalisierung auseinander. 

Die Journalisten bewegt weiterhin die Frage, wie sie mit der wachsenden Medienverdrossenheit umgehen sollen. Kritik an ihrem eigenen Berufsstand löst hier bisher ungeahnte Berührungsängste aus, die darin gipfeln, dass man die Abschaltung von Leserkommentaren in Erwägung zieht. Schotten dicht! scheint auf der Brücke der Medienhäuser die Parole der Stunde zu sein. Während weite Teile der Journalisten also weiter einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen, der Selbstbespiegelung, nachgehen, die beleidigte Leberwurst spielen und der guten alten Zeit nachtrauen, hat die Journalisten-Vereinigung "netzwerk recherche" die "Initiative Nonprofit-Journalismus" aus der Taufe gehoben. 
Ungeachtet der Kritik an der Nähe von Wirtschafts- und Lobbyverbänden und dem Journalismus, glaubt man an der TU Dortmund eine weitere Brücke zwischen Journalisten und Entscheidern bauen zu müssen. 

Für Bertelsmann war die Woche nicht unbedingt dazu angetan, in Jubel auszubrechen. Erst musste das Unternehmen einen Gewinneinbruch für die ersten neun Monate verkünden, dann löste der Wechsel der ehemaligen EU-Kommissarin Viviane Reding in das Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung z.T. heftige Kritik aus, und zu guter Letzt wurde ein ehemaliger Vorstandschef des Unternehmens zu drei Jahren Haft verurteilt. 

Aber auch bei Springer hängt der Himmel nicht voller Geigen. Wegen Mangels an Ideen beschloss der Medienkonzern die Schließung seines Startup-Inkubators Ideas 



Freitag, 14. November 2014

100 Jahre Leica - mehr als "nur" ein Stück lebendige Wirtschaftsgeschichte

Von Ralf Keuper

Es gibt nur sehr wenige Erzeugnisse aus deutscher Produktion, die einen vergleichbaren Ruf genießen, wie die Leica. Schon zu "Lebzeiten" eine Legende, feiert die Kleinbild-Kamera in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag.

Bereits vor einigen Jahren widmete der Hessische Rundfunk der Leica die ausgesprochen sehenswerte Dokumentation - Die Leica-Geschichte.


Vor dem ersten Weltkrieg war Leitz der weltweit führende Hersteller von Mikroskopen. Ernst Leitz Sen. machte Leitz aus Wetzlar zu einem Weltunternehmen aus der hessischen Provinz.

Ihre Geburt verdankt die Leica eigentlich der Weltwirtschaftskrise. Anfang der 20er Jahre brach der Markt für Mikroskope zusammen, und Ernst Leitz Jun. suchte nach neuen Märkten. Dabei entsann er sich der Erfindung des hauseigenen Entwicklers Oskar Barnack aus dem Jahr 1913 - die Leica. Ein riskantes Unternehmen.

Ernst Leitz Jun. wagte den Sprung in die Serienproduktion, da er davon überzeugt war, dass die Zeit für Kleinbildkameras für Profis ebenso wie für Amateure reif war. Er sollte Recht behalten. 
Seiner Zeit weit voraus, erkannte Ernst Leitz, dass eine Kamera für sich allein nicht genügend Anreize bieten würde und daher in ein System weiterer Dienste und Zubehör eingebunden sein müsste. 

Mit der Leica entstand eine neue Art der Fotografie - das lebendige Bild. Sie veränderte das Sehverhalten der Betrachter und damit in gewisser Hinsicht den Blick auf die Welt. Das Bild ist immer so gut wie die Optik - so Leitz. Das Unternehmen konnte dabei auf seine Erfahrungen, heute würde man sagen: Kernkompetenzen, aus der Produktion von Mikroskopen zurückgreifen - ein großer Vorteil. 

Der Verlag Kehrer hat zu diesem denkwürdigen Jubiläum das Buch Augen auf! 100 Jahre Leica herausgebracht. 
In den Deichtorhallen in Hamburg ist bis zum Januar nächsten Jahres die Ausstellung Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie zu sehen. 

Bei Leica gibt es in diesem Jahr noch ein weiteres Jubiläum zu feiern: Das 60jährige Bestehen des Leica Messsuchersystems. Die Leica-Galerie in Wetzlar richtet hierfür die Ausstellung Magic Moments - 60 Jahre Leica M aus. 

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der Unternehmer Ernst Leitz Jun. bereits 1933 von den Nazis als unsicherer Kantonist eingestuft wurde. Mit ihrer Einschätzung sollten sie Recht behalten: Wo er konnte, unterstützte Leitz Mitarbeiter und Fotohändler, die wegen ihres jüdischen Glaubens zur Emigration gezwungen wurden, wie auch andere von den Nationalsozialisten verfolgte Personen, wie das Buch Ernst Leitz - Ein Unternehmer mit Zivilcourage in der Zeit des Nationalsozialismus, das sein Enkel Knut Kühn-Leitz herausgegeben hat, dokumentiert. 

Inzwischen steht das Unternehmen Leica in seiner ehemaligen Königsdisziplin, der Mikroskopie, wieder an der Spitze der Entwicklung. Am 21. Oktober 2014 wurde das von der Yale University und Leica gegründete Kompetenzzentrum für Mikroskopie eröffnet. Ziel ist die Weiterentwicklung neuer Bildgebungstechnologien.  




Donnerstag, 13. November 2014

Zur Rolle der Bibliotheken in der Digitalmoderne

Von Ralf Keuper

Seit der Antike gelten Bibliotheken als Hort des Wissens. Die wohl bekannteste ist die legendäre Bibliothek von Alexandria. In dem lesenswerten Beitrag Bibliotheken auf planet wissen werden Bibliotheken als Kathedralen des Geistes bezeichnet. 
Vom Übergang in die Digitalmoderne bleiben auch die Bibliotheken nicht verschont. Immer häufiger stehen sie unter einem Rechtfertigungs- und Legitimationszwang. In Zeiten knapper Kassen lässt die öffentliche Hand kaum eine Gelegenheit ungenutzt, sich von als unnötig empfundenem Ballast zu befreien. Wozu noch teure Bibliotheken unterhalten, wenn das Internet die neue Kathedrale des Wissens ist, die zudem allen Gläubigen und Wissensdurstigen offen steht? Die Bibliothek droht in gewisser Weise heimatlos zu werden. 

In dem Beitrag What the 'death of the library' means for the future of books nennt S.E. Smith die zahlreichen Vorteile einer öffentlichen Bibliothek für das Gemeinwesen:
The library is a social gathering place, used to conduct classes and provide people with public resources — including computers and wirelessnetworks for those who can't access them at home, and struggle to find their footing in a world dominated by technology. Librarians also provide highly unique and specialized services, benefiting from years of training to learn to serve patrons. It's not just that a library provides access to books, but that it also offers access to brilliant individuals who provide research assistance, guidance, book recommendations, and tools to help people empower themselves when it comes to researching and locating information. Giving everyone a Kindle doesn't solve that problem.
Bibliotheken erfüllen neben der reinen Wissensvermittlung auch eine soziale Funktion - ein Ort der Begegnung im besten Sinne.

Aber auch darüber hinaus lassen sich Argumente für den Fortbestand von Bibliotheken ins Feld führen, wie auf dem 25. Bayerischen Bibliothekstag in Rosenheim, der unter dem Motto "Bibliotheken zahlen sich aus" steht. 
Schon der Veranstaltungshinweis benennt die wichtigsten Aufgaben der Bibliotheken für die Allgemeinheit: 

Bibliotheken  
  • gewähren den freien Zugang zu jeglicher Information (Grundgesetz Art. 5, Abs. 1),
  • unterstützen die Schulen bei der Leseförderung und stellen Materialien für die Aus- und Weiterbildung bereit,
  • leisten einen Beitrag zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und
  • vermitteln Medienkompetenz und Orientierung in der Medienvielfalt.
In der Wissenschaft praktiziert man ohnehin schon die friedliche Koexistenz digitaler und realer Bibliotheken. Ein Mit- statt eines Gegeneinander. Wie das in der Praxis aussehen kann, beschreibt Thomas Bürger in Bibliothek als Forschungsinfrastruktur. Aktuelle Herausforderungen und Chancen. Für die Forschung bietet die Digitalisierung alter Buchbestände große Vorteile:
Die Forschungsbibliothek der Zukunft lädt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie früher dazu ein, vor Ort mit den originalen Sammlungen zu arbeiten – gleichzeitig bereitet sie selbst mit den Wissenschaftlern digitale Quellenkorpora auf und bearbeitet sie. Damit dies gelingt und Chancen, die neue digitale Techniken bieten, auch tatsächlich ergriffen werden, sollten Fachwissenschaften und Infrastrukturen noch enger und professioneller als in der Vergangenheit zusammenarbeiten. Standardisierung und Modularisierung erleichtern inhaltliche, technische und organisatorische Anschlussfähigkeit und wissenschaftliche Transdisziplinarität. Historische Bibliotheken wollen und sollten nicht nur Kataloge mit Titelaufnahmen und Signaturen, sondern vermehrt Quellenkorpora und Volltexte bieten – eine spannende Zeit der Neu- und Wiederentdeckungen, der Umordnungen und Perspektivenwechsel, der Entstehung neuen Wissens hat begonnen.
Einen weiteren Einblick in den Stand wie auch die Möglichkeiten der Digitalisierung im Bibliothekswesen gibt Jan Alexander van Nahl in „Von Maschinen und Menschen“ Zur Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften. Ein schönes Beispiel einer gelungenen Verbindung zwischen alter und neuer Welt ist das Projekt Nova Corbeia - Die virtuelle Bibliothek Corvey.

Mittlerweile haben auch die Archive den Reiz und die Chancen der Digitalisierung erkannt, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit seinem archivamt blog oder der Blog der Archive im Kreis Siegen-Wittgenstein - siwiarchiv.de

Trotz klammer Kassen gibt es noch immer Kommunen, die den Wert der Bibliothek in der Digitalmoderne vollauf erkannt haben, wie die Stadt Stuttgart mit ihrer neuen Stadtbibliothek, die Bibliothek des Jahres 2013 wurde.

Geradezu zukunftsweisend ist die Freiluftbibliothek in Magdeburg

Über mangelnden Zulauf können sich die Bibliotheken ohnehin nicht beklagen. Mit 217 Millionen Besuchern (?) (vermute mal eher Besuche bzw. Ausleihungen) pro Jahr in Deutschland (2013) erreichen die Bibliotheken weitaus mehr Menschen als die 1. Fussballbundesliga.