Mittwoch, 31. Dezember 2014

Die "vierte Gewalt" steht selbst unter Beobachtung - eine ungewohnte Situation

Von Ralf Keuper 

Lange galten die Medien als "vierte Kraft" in der Gesellschaft, der die Aufgabe zufiel, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kritisch zu begleiten. 

Während der 1960er und 1970er, vielleicht noch bis Mitte der 1980er Jahre sind die Medien dieser Aufgabe mehr oder weniger gerecht geworden. Die Rollen waren klar verteilt, das linke politische Spektrum deckten der SPIEGEL, der Stern, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau sowie einige öffentlich-rechtliche Rundfunksender, wie der WDR, ab, das rechte Lager konnte auf Blätter des Springer-Verlages (Bild und Welt), die FAZ, das ZDF, das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche (die letzten beiden aus dem Haus Holtzbrinck) und die Wirtschaftspublikationen von Bertelsmann/Gruner + Jahr, wie Capital und Impulse, setzen. Irgendwo in der Mitte lag DIE ZEIT, obwohl auch sie kapitalmäßig und über Gerd Bucerius personell eng mit Bertelsmann/Gruner + Jahr verbunden war. 

Obgleich diese Beschreibung auch heue noch eine gewisse Berechtigung hat, so bleibt doch festzuhalten, dass seit den 1990er Jahren kaum noch wesentliche Unterschiede in der Berichterstattung festzustellen sind, wie nicht nur Frank-Walter Steinmeier konstatiert. Im Großen und Ganzen liegt man auf einer Linie. 

Dem Auftrag, die bestehenden Verhältnisse kritisch zu beleuchten, kommen die Massenmedien nur noch in stark eingeschränktem Umfang nach. Die Gründe hierfür sind vielfältiger Natur. 

Viele sehen darin nicht ganz zu Unrecht einen Grund zur Klage. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die Entwicklung insgesamt positiv zu werten ist. Und zwar hat sich in den letzten Jahren und gerade in jüngster Vergangenheit gezeigt, dass die Medien, ob nun immer zu Recht oder nicht, für ihre einseitige Berichterstattung von vielen Seiten, vor allem aus dem Internet, kritisiert werden. Es hat sich eine Gegenöffentlichkeit gebildet, die sich als Korrektiv der ehemals "Vierten Gewalt" begreift. Das ist für viele altgediente Journalisten eine gewöhnungsbedürftige Situation: Nun selbst Objekt der Kritik und der medialen Beobachtung zu sein. 

Dieser Transformationsprozess wird noch einige Zeit andauern. Am Ende wird der Journalismus, wie wir ihn heute noch kennen, eine Randerscheinung oder nur noch Entertainment bzw. Infotainment betreiben. Für tiefergehende Analysen und Recherchen reicht das Handwerkszeug der meisten Vertreter der Zukunft kaum noch. 

Wir werden künftig mehr "Macromedien" benötigen, die das Vakuum, das die klassischen Medien hinterlassen haben, füllen. Ob diese überhaupt privatwirtschaftlich betrieben werden können, ist die große Frage. Vielleicht geht das nur auf gemeinnütziger Basis. Noch ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der klassischen Medien nicht groß genug, um ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen. Über kurz oder lang wird der Fall m.E. eintreten. Die alte Welt wird abgelöst. Neue Formate entstehen. 

Kein Grund daher zur Klage - im Gegenteil. 

Dienstag, 30. Dezember 2014

Sind nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten?

Von Ralf Keuper

Die Aussage, nur schlechte Nachrichten seien gute Nachrichten, scheint sich in der Realität immer wieder zu bestätigen. Da bleibt nicht anders übrig, als sich damit abzufinden, und auf der Suche nach Erklärungen u.a. auf die Entwicklungspsychologie zurückzugreifen, wie aktuell der von mir sehr geschätzte Trierer Medienblog in Only bad news are good news?

Wir werden also auch weiterhin mit schlecht recherchierten Meldungen wie auch mit Desinformation leben müssen. 

Müssen wir das?

Carl von Clausewitz jedenfalls war nicht dieser Ansicht. In dem Kapitel Nachrichten im Krieg aus seinem berühmten Buch Vom Kriege schreibt er:
Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekömmt, ist widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte ist einer ziemlichen Ungewissheit unterworfen. Was man hier vom Offizier fordern kann, ist ein gewisses Unterscheiden, was nur Sach- und Menschenkenntnis und Urteil geben können. Das Gesetz von Wahrscheinlichkeiten muss in leiten.  ... In der Regel ist jeder geneigt, das Schlimme etwas zu vergrößern, und die Gefährlichkeiten, welche auf diese Weise berichtet werden,ob sie gleich wie die Wellen des Meeres in sich selbst zusammensinken, kehren doch wie jene ohne sichtbare Veranlassung immer wieder von neuem zurück.
Diesen Rat sollte in den Reaktionsstuben wie auch von jedem von uns, beherzigt werden. Obgleich man die Möglichkeiten des Internets nicht überbewerten sollte, so steht doch fest, dass sich das Spektrum für jeden deutlich vergrößert hat und insofern für Ausreden kaum noch Platz ist. Davon unbenommen ist, dass auch weiterhin Fehler passieren werden, ganz einfach deshalb, weil wir nur Menschen sind. Ob Softwareagenten wie überhaupt die Verfahren der Künstlichen Intelligenz daran etwas ändern können, wage ich zu bezweifeln, wenngleich einem manchmal schon das Gefühl beschleicht, dass es kaum schlechter werden kann ;-)

Weiterer Rat kommt von Baltasar Gracián
Wie manche aus allem eine Klatscherei machen, so andere aus allem eine Angelegenheit. Immer sprechen sie ernstlich und machen eine Streitigkeit oder eine geheimnisvolle Sache daraus. Verdrießlicher Dinge darf man sich nur selten ernstlich annehmen, denn sonst würde man sich zur Unzeit in Verwicklungen bringen. Es ist sehr verkehrt, wenn man sich das zu Herzen nimmt, was man in den Wind schlagen sollte. Viele Sachen, die wirklich etwas waren, wurden zu nichts, weil man sie ruhen ließ; und aus andern, die gelegentlich nichts waren, wurde viel, weil man sich ihrer annahm. Anfangs lässt sich alles leicht beseitigen, späterhin nicht. Oft bringt die Arznei die Krankheit erst hervor. Und nicht die schlechteste Lebensregel ist: ruhen lassen. (in: Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit)

Montag, 29. Dezember 2014

Intermedialität des Papiertheaters (Jens Thiele)

Von Ralf Keuper 

Vor einigen Jahren veröffentlichte Jens Thiele einen bemerkenswerten Artikel mit dem Titel Zur Intermedialität des Papiertheaters - Die Papierbühne des 19. Jahrhunderts im Kontext visueller Unterhaltungskünste

Leitende Frage seiner Untersuchung ist:
In welchen Wechselbeziehungen stand nun die Inszenierung der Papiertheaterbühne zu denen populärer Medien wie Panorama, Diorama, Laterna Magica und zu Vorläufern des Films? (Quelle: "Forschungsstelle Mediengeschichte im internet, Universität Oldenburg" )
Lesenswert und inspirierend.  

Einige Anmerkungen zur Rolle und zum Geschäftsmodell der Massenmedien

Von Ralf Keuper

Bis noch vor wenigen Jahren war das Geschäft der Massenmedien ein Selbstläufer. Mangels Alternativen waren die Menschen auf die Informationsversorgung durch Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen angewiesen. Insofern lag Niklas Luhmann mit seiner Feststellung, die Massenmedien würden in gewisser Weise die Realität bestimmen bzw. konstruieren, richtig.

Selbst Konflikte konnten die Massenmedien zu ihrem gegenseitigen Vorteil nutzen, sie nicht selten auch künstlich inszenieren. Bei politischen Themen konnten sich die verschiedenen Lager in Position bringen und ihr Arsenal an Argumenten und Fakten abfeuern und sich nach der Schlacht, die meistens ausging wie das Hornberger Schießen, gegenseitig zu dem feinen Gefecht beglückwünschen und sich schon auf den nächsten Waffengang freuen. Journalismus als selbstreferentielles System. Nach diesem Modus arbeiten die Massenmedien nach wie vor. Auch die Digitale Transformation, wie bei Springer, wird davon überlagert. Daraus erklärt sich zu einem Großteil auch die Resistenz der Medien gegenüber der nicht nachlassenden Kritik und des schwindenden Vertrauens der Konsumenten. 

Gäbe es inzwischen nicht Alternativen und eine Gegenöffentlichkeit, die Massenmedien könnten ihr gewohntes Spiel bis in alle Ewigkeit weiter treiben. Leider nur hat sich die Situation grundlegend gewandelt.

Die Konsumenten sind dabei sich von den klassischen Medien zu emanzipieren. Das technische wie überhaupt das Allgemeinwissen ist inzwischen so verbreitet und über das Internet so zugänglich, dass ein Vorsprung der Journalisten kaum noch zu erkennen ist, häufig ist es sogar so, dass der Wissens- und Informationsstand selbst sog. Investigativer Journalisten hinter dem vieler Mediennutzer zurückbleibt. Ein Umstand, der in der Zeit vor dem Internet nicht auffallen oder schnell verwischt werden konnte. 

Heutzutage stehen dem normalen Mediennutzer zahlreiche Informationsquellen und Möglichkeiten zur Recherche zur Verfügung, was nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass sie objektiv sind. Allerdings sorgen die verschiedenen analytischen Werkzeuge, wie sie unter dem Schlagwort Big Data kursieren, dafür, dass immer schneller die Defizite der journalistischen Berichterstattung diagnostiziert werden können - quasi in Echtzeit. So gesehen setzen sich wissenschaftliche Standards, anders noch als Luhmann meinte, in den Medien langsam aber sicher durch. Das bedeutet freilich nicht, dass jetzt alle Informationen objektiv im strengen wissenschaftlichen Sinn sind bzw. sein werden. Das ist auch in der Wissenschaft eher die Ausnahme.

Jedoch wird es künftig leichter und schneller möglich sein, Falschinformationen oder die gezielte Lancierung von Berichten aufzudecken. Das alte Spiel funktioniert nicht mehr. Die Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung und der Entdeckung schmilzt rapide. Der Vorsprung der Massenmedien ist dahin. Was bleibt ist eigentlich nur noch die Spezialisierung oder die völlig Boulevardisierung. Für Klatsch und Tratsch ist immer Bedarf, wenngleich die Leserschaft aus Sicht der Werbung nicht unbedingt zu den zahlungskräftigsten zählen dürfte. 

Ein weiteres Dilemma für das Geschäftsmodell der Massenmedien, das sich eilenden Schrittes immer mehr der Phase nähert, die Adrian Slywotzky als Value Outflow bezeichnet. 


Wozu Medienkulturgeschichte?

Von Ralf Keuper

In ihrem Paper Was ist und zu welchem Ende betreibt man Medienkulturgeschichte geben Heiko Christians und Susanne Müller Auskunft darüber, weshalb es an der Zeit für eine Grundlagenwissenschaft ist, die sich mit der Geschichte der Medien als Kulturform beschäftigt, ohne sich dabei von den bisherigen Forschungsmethoden vereinnahmen zu lassen.

Sie schreiben:
Sie ist also nicht einfach medienkulturgeschichtliche Auslegung kanonischer Stellen über die Medien von anerkannten Theoretikern und Stars des akademischen Betriebs, sondern sie betrachtet als ausführlich erzählter historischer Verlauf das Wesen und Werden von Gegenständen, denen Medialität zugeschrieben werden kann. Doch weder lässt sich eine solche Medienkulturgeschichte aus einer übergeordneten 'großen‘ Kulturgeschichte abgrenzen (stattdessen ist sie mit dieser eng
verknüpft), noch ist sie nur eine Kulturgeschichte, die neuerdings unter dem Paradigma einer ontologischen Mediatisierung steht. Kurz: Die Medienkulturgeschichte will kein (weiterer) Erfolg der Theorie als Paradigma oder Turn sein. Stattdessen berichtet sie über Zusammenhänge zwischen medialen Innovationen und der sie umgebenden Alltagswelt.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Niklas Luhmann Interview: Die Realität der Massenmedien

Ein Interview mit Niklas Luhmann über die Funktion der Massenmedien in der Gesellschaft und ihr besonderes Verhältnis zur Realität. 
Die Wahrheit der Massenmedien, so Luhmann, sei von dem Wahrheitsbegriff der Wissenschaften zu unterscheiden. Massenmedien konstruieren insofern ihre eigene Wirklichkeit, die mit "der" Wirklichkeit, so es sie gibt, nicht allzu viel zu tun hat. 


Samstag, 27. Dezember 2014

McLuhan predicts 'world connectivity' 1965

Von Ralf Keuper

In einem Fernsehinterview aus dem Jahr 1965 stellte der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan die Frage, warum die Menschen jener Zeit in Raum-Kategorien denken und arbeiten, die schon damals durch den technologischen Fortschritt überholt waren. Statt sich physisch von einem Ort zu einem anderen zu begeben, sei es künftig möglich, viele Arbeiten von zuhause aus zu erledigen, wie überhaupt die durch die Industrialisierung erzeugte Fragmentierung der Tätigkeiten aufgehoben werden könnte. 


Freitag, 26. Dezember 2014

Citizen Kane - How to Run a Newspaper

Von Ralf Keuper

"Citizen Kane" gilt als einer der Meilensteine der Kinogeschichte. Darin spielt Orson Welles, der auch die Regie führte und das Drehbusch verfasste, den Medienmagnaten Charles Foster Kane. Vorlage für die Hauptperson war der Verleger und Erfinder der Sensationspresse William Randolph Hearst


Mittwoch, 24. Dezember 2014

Eine Weihnachtsgeschichte (Charles Dickens)

Von Ralf Keuper 

Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens zählt wohl zu den bekanntesten der Weltliteratur. Das ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass Dickens in seiner Geschichte ein zeitloses Thema behandelt. Sozialkritisch, wie für Dickens üblich, ohne jedoch dabei vom erhobenen Zeigefinder über Gebühr Gebrauch zu machen - eher andeutend. 

Eine schöne Geschichte zum Nachdenken - natürlich mit Happy End!

In diesem Sinne: Allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest!


Dienstag, 23. Dezember 2014

Unternehmensnamen - Kurz, Knackig, phantasievoll und selten von Dauer

Von Ralf Keuper

Der Zustand des Sprachgebrauchs lässt sich auch an der Verbreitung bzw. Beliebtheit von Akronymen und Unternehmensnamen ablesen. 
Aus diesem Grund untersuchte der Germanist Fabian Fahlbusch vor einigen Jahren das Vorgehen der Unternehmen bei der Wahl ihres Namens. Der Phantasie sind dabei keine Grenze gesetzt. Leider lassen diese Wortkonstrukte für den Außenstehenden kaum noch einen Bezug zum eigentlichen Geschäft des Unternehmens erkennen. Oder wer wüsste, dass sich hinter Celesio ein Pharmagroßhändler verbirgt, oder dass Arcandor für einen Handelskonzern stand. Die genannten Beispiele zeigen, dass die Kreierung von Unternehmensnamen nicht nur neue Unternehmen, Startups betrifft, sondern auch renommierte Firmen, die auf eine lange Geschichte verweisen können. 

Auf der anderen Seite belegt die Zahl von Unternehmen, die mit einigem Stolz den Namen ihres Gründers tragen, wie Bosch, Miele, Siemens, Oetker oder Henkel, dass ein Image sich nicht so leicht durch Corporate Identity ersetzen lässt. Weiterhin halten Unternehmen wie IBM, BASF oder BMW an ihrem Namen fest, ohne dass den meisten Kunden die genaue Bezeichnung bekannt sein dürfte. 
Kaum ein Name der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte hat eine vergleichbare Verbreitung erreicht wie ALDI. Gleiches lässt sich von der jüngeren SAP sagen. Deren Gründer haben kaum große Gedanken bei der Wahl des Namens verschwendet; jedenfalls wurden dafür meines Wissens keine Beratungsgesellschaften beauftragt. 

Einer der ersten Unternehmer Deutschlands, der um die Bedeutung von Marken- und Firmennamen wusste, war der heute weitgehend vergessene, eigentliche Gründer von Beiersdorf, Oskar Troplowotiz. Die bekannten Produktnamen Leukoplast (1901), Labello (1909) und Nivea (1911) gehen auf seinen Einfallsreichtum zurück. 

Allgemein geht der Trend hin zu kurzen, möglichst prägnanten Namen, die vor allem in der englischsprachigen Welt leicht in den Gedächtnissen haften bleiben, so zumindest der Wunsch.

Eng mit dem Thema Unternehmensnamen verbunden ist die Gestaltung des Firmenlogos. Auch hier hat sich über die Jahre eine eigene Wissenschaft gebildet. Das derzeit bekannteste Logo dürfte wohl das von Apple sein. Die Veränderung, das Redesign des Firmenlogos im Lauf der Zeit spiegelt, wie bei Ducati, die Entwicklung des Unternehmens und des Zeitgeistes wieder. Ein nicht zu unterschätzender Punkt. 

Wohl nur die wenigsten dem Zeitgeist entsprechenden Unternehmensnamen werden, aus unterschiedlichen Gründen, von Dauer sein. Für ein langes Leben eines Unternehmensnamens sind so viele Faktoren von Bedeutung, spielen so zahlreiche Zufälle hinein, dass es m.E. nicht möglich ist, das perfekte Verfahren für einen zeitlosen Namen zu finden. 

Ein Funken Inspiration und Originalität können aber auch hier nicht schaden. 

So gesehen liegt Gertrud Achterholt mit ihrer Interpretation einer gelungenen Corporate Identity nicht so falsch:
Corporate Identity erzeugt eine Basis , die die Bildung von Glaubwürdigkeit, Akzeptanz und Vertrauen überhaupt erst ermöglicht: die Harmonie zwischen Unternehmenswirklichkeit, die sich im Selbstbild manifestiert, und der Unternehmenskommunikation, die dann ein adäquates Fremdbild erzeugt (in: Corporate Identity. In zehn Arbeitsschritten die eigene Identität finden und umsetzen)
Vielleicht genießen Firmennamen wie Bosch deshalb eine so ungewöhnliche Reputation, weil ihnen die von Achterholt beschriebene Harmonie gelingt. 

Nicht umsonst sagte Robert Bosch einmal: 
Lieber Geld verlieren als Vertrauen
Ist das Vertrauen, die Reputation erst einmal dahin, dann hilft auch der beste Name nicht mehr viel. 

Weitere Informationen:


Montag, 22. Dezember 2014

Unge & Co.: Mediale Gipfelstürmer unfähig zur ökonomischen Analyse?

Von Ralf Keuper

In seinem aktuellen Beitrag auf dem Altpapierblog beschäftigt sich Frank Lübberding mit dem medienwirksamen Auftritt von Simon Unge auf YouTube, in dem dieser seinen Vertrag mit dem Multi Channel Network Mediakraft kündigt. 
Lübberding attestiert bei Unge und anderen medialen Gipfelstürmern eine schwach ausgeprägte Fähigkeit zur ökonomischen Analyse. Denn, würden sie über diese Gabe verfügen, so Lübberding sinngemäß, dann müsste ihnen aufgehen, dass für sie als Sub-Sub-Unternehmer in diesem Spiel nur Krümel übrig bleiben. Das große Geschäft macht der Infrastrukturanbieter, im Fall von YouTube also Google. Statt also irgendwelchen Blütenträumen hinterher zu jagen, sollten, so Lübberding in etwas alt-väterlichem Ton, Unge & Co. die Realität zur Kenntnis nehmen und den Weg in den gut-bürgerlichen Brotberuf wählen. 

Das mussten sich in der Vergangenheit, auch zu Lebzeiten von Lübberdings wie auch meiner Oma viele angehende Kreative oder Künstler anhören. Nur Flausen! Siehst du denn nicht, dass andere das große Geschäft machen - die Verleger zum Beispiel, die Galeristen, die Agenten?

Wie man es auch dreht und wendet: Irgendeine Abhängigkeit besteht (fast) immer. Die Infrastruktur, die Vertriebskanäle beherrschen für gewöhnlich immer nur wenige. Das ist nicht neu. Auch Google ist hier keine Ausnahme. Denken wir nur an die Tankstellen, die Franchise-Unternehmen in der Gastronomie - im Prinzip dasselbe Schema. Massenmärkte befinden sich meistens in den Händen weniger Anbieter. 

Die Multichannel Networks haben hier so etwas wie eine Zwischenfunktion. In gewisser Weise sind sie Subunternehmer von YouTube und den anderen großen Video-Plattformen. Sie beschäftigen dann ihrerseits Subunternehmer, die für ordentlich Traffic sorgen, wie eben Unge, der als wirtschaftlich Selbständiger agiert und damit bisher - nach eigener Aussage - nicht schlecht verdient hat.

Auf Basel Online zeichnet der Beitrag Die Vormacher ein etwas anderes Bild der sog. YouTuber. Die Zahl der erfolgreichen, professionellen YouTuber steige in letzter Zeit, so der Artikel, weshalb YouTube die erfolgreichsten Selbstinszenierer mit 55% an den Werbeeinnahmen beteiligt. YouTuber mit mehr als 5.000 Abonnenten sollen sogar professionelle Hilfe in den firmeneigenen Studios in Los Angeles, London und Tokio bekommen. Weitere Lokationen sollen demnächst folgen. 

Sicher - das soll man jetzt nicht überbewerten. Allerdings stört sich Unge, sofern ich ihn richtig verstanden habe, daran, dass Mediakraft als Vermittler nicht den Effekt bringt, den er sich davon erhofft hat. Da stellt sich irgendwann schon die rein betriebswirtschaftliche Frage: Brauche ich den eigentlich noch, oder kann ich es nicht besser alleine oder mit einem anderen?

Ob sich damit die Spielregeln außer Kraft setzen lassen, von denen Lübberding spricht, ist damit nicht gesagt. Nur - welche Regeln sollen es denn sein? 

Keine Frage: Die Gefahr der Selbstausbeutung ist im Netz so groß, wie wohl nirgend sonst. Die eigentlichen Profiteure sind andere. Auch das ist aber kein neues Phänomen und nicht erst durch den Neoliberalismus in die Welt gekommen. Auch im Sozialismus werden die entscheidenden Stellen und Kanäle von bestimmten Gruppen dominiert. An ihnen führt oft kein Weg vorbei. 

Für eine Glorifizierung des Unternehmer- oder Berufsstandes des YouTubers besteht zwar kein Anlass. Genauso wenig allerdings für eine voreilige Etikettierung. 

Mit den herkömmlichen ökonomischen Instrumentarien und Begriffen alleine kommen wir diesem Phänomen m.E. nicht bei, ohne gleich in Stereotype abzugleiten. 

Die Abhängigkeit ist ja nicht nur einseitiger Natur - auch YouTube und die MCNs sind von den Selbstinszenierern abhängig. Vielleicht sollten letztere sich überlegen, ob es nicht Sinn ergibt, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. 

Irgendeine Form der Organisation wird nötig sein, um gegen die Großen seine legitimen Ansprüche geltend zu machen. Anderenfalls hätten wir es tatsächlich irgendwann nur noch mit plattem Neoliberalismus zu tun. 

Weitere Informationen:

Youtube-Stars ApeCrime verlassen Mediakraft

Xiaomi, Alibaba, Tencent, Baidu, Youku, SoftBank, Line - die asiatischen Internetkonzerne erobern den Medienmarkt

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr ist offensichtlich geworden, dass die großen asiatischen Internet- und Telekommunikationskonzerne den weltweiten Medienmarkt ins Visier genommen haben. Vor allem die aus China stammenden Unternehmen Tencent, Alibaba, Baidu und Youku entwickeln sich zu wahren Medienkonglomeraten, die die alten, wie die News Corporation, weit in den Schatten stellen. 

Besonders eindrücklich lässt sich das am Beispiel von Tencent verdeutlichen. Hier eine Auswahl von Meldungen der letzten Monate:
Da ist so ziemlich alles dabei, was im Internet als Geschäftsmodell profitabel zu betreiben ist: Online-Spiele, Messaging-Dienste, E-Commerce, Mobile Payments, Telefon, Filme/Musik/Streaming und Banking. Und das dürfte noch längst nicht alles sein. 
Hier entstehen große integrierte (Internet-)Konzerne, die in dieser Form/Ausprägung ein neues Phänomen sind. 

So sehr die chinesischen Konzerne auch sonst miteinander konkurrieren, so folgt daraus nicht, dass man nicht auch Kooperationen miteinander eingeht, wie sich am Beispiel des YouTube von China, Youku Tudou zeigen lässt

Hauptaktionär von Youku Tudou ist neben Alibaba seit einiger Zeit auch der aufstrebende Smartphone-Hersteller und Apple-Konkurrent Xiaomi. Daneben hat sich Xiaomi an der anderen großen chinesischen Video-Plattform, iQiyi, beteiligt, die wiederum ein Tochterunternehmen von Baidu, der führenden chinesischen Suchmaschine ist. Zur Krönung ist offenbar demnächst eine Kooperation zwischen Youku und iQiyi geplant. Dass Baidu wiederum bei Uber eingestiegen ist, sei hier nur am Rande erwähnt. 

Es wird langsam schwierig, da einen Überblick zu behalten. 

Weitere große asiatische Internet- und Telekommunikationskonzerne sind SoftBank aus Japan, u.a. Hauptaktionär von Alibaba sowie Line, ebenfalls aus Japan und einer der größten Messaging-Dienste der Welt. 
Das indische Pendant zu Alibaba, Tencent und Amazon ist Flipkart. Das Unternehmen konnte erst vor einigen Tagen den erfolgreichen Abschluss einer Finanzierungsrunde melden. 

In Japan schickt sich der E-Commerce-Konzern Rakuten an, seinen Marktanteil auszudehnen und aus Korea grüßen Samsung und LG. 

Fast vergessen: Einer der größten Kommunikationsausrüster der Welt ist Huawei aus China. 








Sonntag, 21. Dezember 2014

Haben Texte in der Digitalmoderne ausgedient?

Von Ralf Keuper

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Wozu also jetzt, in der Digitalmoderne, noch Texte verfassen, wo doch so viele Möglichkeiten zur Verfügung stehen, Inhalte mittels Bildern und Videos zu veröffentlichen, die mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als jeder noch so gut geschriebene und gehaltvolle Text?

Robert Kindermann führt in seinem Beitrag Hat der Text eine Chance? Warum sich die Printbranche jetzt bewegen muss einige Argumente an, weshalb die Printbranche visueller werden muss. Wissen und Informationen lassen sich, so der Autor, in bewegten Bildern mit Interaktionsmöglichkeiten weitaus besser verarbeiten, als Texte es können. Kurzum: Text langweilt. Zu anstrengend, zu wenig Unterhaltungswert. 

Nur - muss bzw. kann Wissensvermittlung überhaupt ohne ein gewisses Maß an Anstrengung gelingen? Reicht es also, sich von Bildern berieseln zu lassen oder mit den Bildern zu arbeiten, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen oder neues Wissen aufzunehmen bzw. sich anzueignen?

Wäre dem so, dann müssten Fotoreportagen, Comics, Karikaturen, Online Spiele und andere visuelle Medien  eine weitaus höhere Akzeptanz bei der Wissensvermittlung haben. Gerade die Beispiele Fotoreportagen und Filmberichte zeigen, wie groß die Gefahr der Manipulation ist. Mit Bildern zu manipulieren, das weiß und wusste man in den Propagandaabteilungen nur zu gut, ist deutlich wirkungsvoller als mit Text. Ob die Möglichkeit, mit den Bildern zu interagieren, an diesem Defizit etwas ändern kann?

Übrigens ist auch das Lesen ein visueller Vorgang. 

Wie auch immer. Das Lesen, ebenso wie das Schreiben zählt zu den Kulturtechniken, die nicht ohne Grund, allen technologischen Fortschritten zum Trotz, ihre Rolle haben behaupten können.
Die Fähigkeit zu lesen ist uns Menschen nicht angeboren, sondern hat sich erst im Lauf der Evolution entwickelt, wie Maryanne Wolf in Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt darlegt. 

Sie schreibt:
Im Gegensatz zu seinen Komponenten, wie das Sehen und das Sprechen, die genetisch organisiert sind, existiert für das Lesen kein unmittelbares genetisches Programm, das es an die zukünftigen Generationen weitergibt. ... Dies ist ein Grund, warum sich das Lesen - wie jede kulturelle Erfindung - von anderen Prozessen unterscheidet und warum es unseren Kindern nicht ganz von selbst in den Schoß fällt, wie etwa Sehen oder Sprechen, die vorprogrammiert sind. ...
Erstens führt das Lesen in einer beliebigen Sprache zu Umstrukturierungen kreuz und quer im Gehirn. Zweitens gibt es viele unterschiedliche Nervenbahnen, die zu einem problemlosen Textverständnis beitragen können, wobei die Effizienz von einem Schriftsystem zum anderen kontinuierlich variiert und verschiedenen Formen annehmen kann. Faktoren wie Zahl der Symbole in einem Schriftsystem, die Lautstruktur der Sprache, der Grad der Regularität in einer Schriftsprache, der Abstraktionsgrad sowie das Ausmaß der motorischen Beanspruchung beim Lesen einer Schrift beeinflussen sowohl die Effizienz wie auch die spezifischen Schaltkreise des betreffenden Systems. In ihrer Gesamtheit bestimmen sie mit, wie leicht der Leseerwerb einem Anfänger fallen wird. 
Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen wendet sich die Autorin der Rolle von Bildern und Filmen bei der Wissensvermittlung zu:
Kann die tiefgründige Analyse von Wörtern, Gedanken und Wirklichkeit in einer Lernatmosphäre erfolgen, die fortwährend von geteilter Aufmerksamkeit und Multitasking geprägt ist? Kann die Essenz eines Wortes, einer Sache oder einer Idee bedeutsam bleiben, wenn so viele Lerninhalte in 30-Sekunden Segmenten über einen Bildschirm flimmern? Sind Kinder, die an immer realistischere Bilder von der Welt um sie herum gewöhnt sind, vielleicht immer weniger in der Lage, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen? Glauben wir eher, dass wir die Wahrheit oder Wirklichkeit von etwas erfassen, wenn wir es auf Fotos, in Filmen und Videos oder im "Reality TV" betrachten können? 
In einem Interview ("Susan Greenfield über Verstand") mit der Süddeutschen Zeitung vom 11./12. August 2012 hob die britische Hirnforscherin und Schriftstellerin Susan Greenfield die Bedeutung des linearen Denkens hervor, das durch die Cyberworld unterminiert werde:
Ein Buch hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Ein Satz hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. .. Es folgt ein Schritt nach dem anderen. Das ist, was einen Gedanken im Gegensatz zu einem Gefühl ausmacht. Ein Gedanke, ob Erinnerung oder rationale Argumentation, hat eine solche Abfolge. Aber wenn man am Computer sitzt, dann greift man wahllos auf Dinge zu. Ich fürchte, dass Menschen dabei die Fähigkeit verlieren können, wirklich tief gehend, also linear zu denken. Es ist anstrengend. Aber nur so kann man das Gehirn trainieren. 
In China und Japan gilt die Kalligrafie als höchste aller Künste. Übrigens hat Steve Jobs nach eigener Aussage sehr von seiner Beschäftigung mit Kalligrafie profitiert. 

Wir sollten daher nicht zu voreilig sein und, bildhaft gesprochen, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Wo Visualisierungen zum besseren Verständnis zum effektiveren Wissenserwerb beitragen können, ist in den Bereichen Informationsvisualisierung und Informationsdesign. Jedoch gilt es auch hier, bestimmte, wissenschaftliche Regeln zu befolgen, wie Stephen Few erst kürzlich wieder einem Beitrag betonte:
Sourcing data from the wild rather than from controlled experiments in the lab has always been an important avenue of scientific study. These studies are observational rather than experimental. When we do this, we must carefully consider the many conditions that might affect the behavior that we’re observing. From these observations, we carefully form hypotheses, and then we test them, if possible, in controlled experiments. Large social media data sets don’t alleviate the need for this careful approach. I’m not saying that large stores of social media data are useless. Rather, I’m saying that if we’re going to call what we do with it data science, let’s make sure that we adhere to the principles and practices of science. How many of the people who call themselves “data scientists” on resumes today have actually been trained in science? I don’t know the answer, but I suspect that it’s relatively few, just as most of those who call themselves “data analysts” of some type or other have not been trained in data analysis. No matter how large the data source, scientific study requires rigor. This need is not diminished in the least by data volume. Social media data may be able to reveal aspects of human behavior that would be difficult to observe in any other way. We should take advantage of this. However, we mustn’t treat social media data as magical, nor analyze it with less rigor than other sources of data. It is just data. It is abundantly available, but it’s still just data.
Um von den Möglichkeiten der Informationsvisualisierung sinnvollen Gebrauch machen zu können, müssen wir über die entsprechenden Methoden verfügen und sie auch anzuwenden verstehen. Diese Aufgabe kann künftig jeder einzelne in weitaus größerem Umfang als bisher wahrnehmen. Dafür braucht es eigentlich keine Vermittler wie Journalisten mehr. 

Samstag, 20. Dezember 2014

Von Infosphären und öffentlichen Räumen

Von Ralf Keuper

In seinem Beitrag Wie Medien sich ändern greift Hubert Burda den Begriff der Infosphäre auf, um den durch die fortschreitende Digitalisierung ausgelösten Wandel deutlich zu machen, der in den letzten zwanzig Jahren unseren Bezug zur Realität verändert hat:
Aus Informationssicht ist die Infosphäre ein Synonym für die Realität: Alles, was existent ist, ist Information, und alles, was informativ ist, ist auch existent. Denn die Infosphäre ist kein virtueller Raum, der sich von der realen Welt unterscheidet.
Mit dieser Sicht ist er nicht weit von der These entfernt, die Thomas und Brigitte Görnitz vor einigen Jahren in Der kreative Kosmos. Geist und Materie aus Information entwarfen. In einer späteren Ausgabe wurde der Untertitel in Geist und Materie aus Quanteninformation geändert. 
Erst vor wenigen Tagen formulierte Tom Goodwin die steile These:
In the same way modern consumers don’t go online, they just exist in a world with the internet everywhere, they don’t watch digital or non-digital media either.
Da stellt sich die Frage: Müssen wir uns bei der Gelegenheit auch von der Vorstellung des Öffentlichen Raumes oder der Öffentlichkeit verabschieden?

Das wäre voreilig, wie Robert Kaltenbrunner in Die Architektur der Information am Beispiel der öffentlichen Bibliotheken zu zeigen versucht. 

Darin schreibt er u.a.:
Der öffentliche Raum ist nach wie vor eine Bühne, auf der gesellschaftliche Konflikte artikuliert und vorgetragen werden. Plätze, Fußgängerzonen, Straßen und Parks sind Orte personaler Selbstdarstellung und Inszenierung. Das Zurschaustellen von Luxus und Extravaganz gehört genauso dazu wie das Bekenntnis zu einer vom Mainstream abweichenden Lebensweise, ob als Skinhead oder Hippie. Im öffentlichen Raum befriedigt man nach wie vor das Bedürfnis, zu sehen und gesehen zu werden. Und vor allem: Der öffentliche Raum ist Ort gesellschaftlicher Teilhabe.
Ist der (reale) öffentliche Raum vielleicht noch der einzig verbleibende Ort, um, wie Richard Sennett es einmal nannte, der Tyrannei der Intimität zu entkommen?

Kann das Netz der fortschreitenden Aufspaltung in Teilöffentlichkeiten ein Stück weit entgegenwirken? Gibt es demnächst virtuelle Räume, die die Funktion ihrer "realen" Vorgänger übernehmen können?

Das Bedürfnis der Menschen nach Zusammenschluss, nach Teilhabe bleibt laut Kaltenbrunner von der Virtualisierung weitgehend unbenommen:
Sie suchen bestimmte Räume auf, artikulieren in ihnen ihre (wie auch immer geartete) Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, prägen sie mit ihren Zeichen-, Symbol und Repräsentationssystem.
Der Mensch als symbolschaffendes Wesen im Sinne Ernst Cassirers wird sich demnach über kurz oder lang auch des Netzes als öffentlichen Raum bemächtigen. Noch aber stehen wir hier am Anfang. 

Das Verlangen nach Transzendenz, von dem Burda in seinem Beitrag spricht, ist gleichfalls nicht von der Hand zu weisen. Ob das Netz diese Rolle ausfüllen kann bzw. soll?

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Digital oder non-digital Media: Ist die Unterscheidung bedeutungslos?

Von Ralf Keuper

Gestern noch brachte Michael Wolff m.E. einige plausible Argumente, warum Journalismus in digitalem Format kein echter, kein guter Journalismus sein kann, da vertritt Tom Goodwin heute im Guardian mit Welcome to the future of advertising, where the word digital is redundant die Gegenposition. 
Seiner Ansicht nach stellt sich die Frage digital oder non-digital nicht mehr. Auch der Begriff "Digitale Medien" habe sich erübrigt. 
In the same way modern consumers don’t go online, they just exist in a world with the internet everywhere, they don’t watch digital or non-digital media either.
Das Internet quasi als neue Existenzform. 

Zwar behandelt Goodwin den Journalismus eher am Rande; sein Interesse gilt in erster Linie der Werbung und Unterhaltung. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die von Michael Wolff in die Diskussion gebrachten Argumente und Vorbehalte den digitalen Medien gegenüber noch Gültigkeit für sich beanspruchen können. Aber auch Wolff lehnt den Begriff "Digitale Medien" ab. Allerdings legt er großen Wert auf die Einteilung digital - non-digital. 

Da besteht - für mich jedenfalls - noch Diskussions- und Informationsbedarf. 

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Ist guter Journalismus in digitaler Form unmöglich?

Von Ralf Keuper

Während viele von uns sich an den Möglichkeiten berauschen, die sich mit der Verbreitung der digitalen Medien bieten, tritt einer auf die Spassbremse. 
Bei dem "Übeltäter" handelt es sich um den mir bisher unbekannten Michael Wolff, dessen Wort in der US-amerikanischen Medienwelt wohl einiges Gewicht zu haben scheint. 

Jedenfalls äußert sich Wolff in einem Interview ausgesprochen skeptisch gegenüber den Verheißungen der digitalen Medien. 

Er ist der Ansicht, dass (guter) Journalismus seinem Wesen nach analog (er sagt "non-digital") ist und bleibt und sich nicht in ein digitales Format überführen lässt. 

Lesens- und nachdenkenswert. 

Neue Bewegung im Markt für Musik-Streaming - Line, Microsoft und Bose auf dem Sprung

Von Ralf Keuper

Der Markt für Musik-Streaming weckt bei immer mehr Technologieunternehmen Begehrlichkeiten. Zu verlockend sind die Aussichten, in einem Zukunftsmarkt kräftig mit verdienen zu können.

Dieser Ansicht scheinen jedenfalls der japanische Messagingdienst Line, der Software-Riese Microsoft und der Hersteller hochwertiger Audio-Boxen Bose zu sein.

Während Line mit Two Labels kooperiert, plant Microsoft einen eigenen Streaming-Dienst namens Arcadia ebenso wie Bose, wo man bereits nach dem passenden Führungspersonal für die eigene Musik-Streaming-Plattform sucht. 

Besonders skeptisch sind die Kommentatoren bei der Beurteilung der Erfolgsaussichten von Boses Vorstoß. Die Technik sei noch das kleinste Problem. Entscheidende Hürde ist die Verbreitung und Akzeptanz. Das wird nur mit entsprechendem Inhalt gehen. Kooperationen oder Übernahmen scheinen daher unausweichlich.

Da ist war dran. Aus eigener Kraft den Sprung in den bereits jetzt schon hart umkämpften Markt zu schaffen, dürfte auch für einen Premium-Hersteller wie Bose schwer werden. 

Auf der anderen Seite scheint auch Snapchat seine Fühler zum Musik-Streaming-Markt auszustrecken. Dort bewegt man sich nach den jüngsten Übernahmen jedenfalls in diese Richtung. 


Dienstag, 16. Dezember 2014

Joni Mitchell über Männer und ihre Phobie gegenüber unaufgelösten Akkorden

Von Ralf Keuper

In der SZ vom 12. Dezember war ein Interview ("Männer brauchen Lösungen") abgedruckt, das Adrian Kreye per Telefon mit der Sängerin, Malerin und Song-Schreiberin Joni Mitchell geführt hat. Darin ließ sie sich auch über das besondere Verhältnis der Männer gegenüber unaufgelösten Akkorden aus. Männer seien, so Mitchell, so sehr auf Lösungen fixiert, dass sie Disharmonien als Schlusspunkt nicht ertragen könnten. Selbst Duke Ellington habe sich, was das Thema angeht, in konventionellen Bahnen bewegt. Auch er habe die unaufgelösten Akkorde zum Schluss immer aufgelöst. 
Männer mögen keine komplexen Emotionen. Männer brauchen Lösungen. Die gehen dann entweder in ein Moll oder ein Dur. Weil sie das emotional verstehen - oh yeah das ist ein trauriger Akkord, oh yeah, das ist ein fröhlicher Akkord. 
Lassen wir das mal so stehen. 

In der klassischen Musik hat in besonderer Weise Carl Maria von Weber wiederholt mit unaufgelösten Akkorden gearbeitet, wie in der Oper Euryanthe.  

Friedrich Cramer hat sich in Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie natürlich auch mit Musik und Akkorden beschäftigt, wie die folgende Textpassage zeigen soll:
Beim Orchester spricht man von einem Klangkörper, das Orchester ist mehr als die Summe der einzelnen Instrumentenstimmen, unter einem guten Dirigenten schließen sie sich zu einem Ganzen zusammen, bilden Harmonien und Akkorde. .. In einem Orchester kann es auch Dissonanzen geben, in denen Töne nicht zueinanderpassen, sich einander reiben, sich gewissermaßen abstoßen. Der Begriff der Resonanz stammt jedenfalls zunächst aus der Akustik, aus der Welt der Klänge. Als man das Licht und andere elektromagnetische Erscheinungen als Wellen mit bestimmten Frequenzen erkannt hatte, wurde auch hier der Resonanzbegriff angewendet, mit dem ganz allgemein Wechselwirkungen von schwingenden Systemen beschreiben kann. 




Montag, 15. Dezember 2014

Beobachtungen zweiter Ordnung: Mit Luhmann im virtuellen Zuschauerraum, oder: Wir alle spielen Theater

Von Ralf Keuper

Der neue Kulturstaatssekretär, Tim Renner, gilt als vehementer Verfechter der Digitalisierung. Von daher überrascht es nicht, dass Renner dem Gedanken, Theater-Aufführungen live im Internet zu übertragen, einiges abgewinnen kann. Wie nicht anders zu erwarten, regt sich gegen den Vorschlag Widerstand. Das Theater verliere seine Seele, ist eines der häufigsten Argumente der Gegner. Die Raumerfahrung im Theater, das Klangerlebnis, der Hörgenuss sei so unverwechselbar, so die Einwände; das Internet könne davon bestenfalls eine Ahnung, einen leichten Hauch vermitteln. 

Um der Sache auf den Grund zu gehen, lud die Heinrich Böll-Stiftung dieser Tage mehrere Experten aus Internet und Schauspiel in Berlin ein, um an einem Experiment teilzunehmen, und im Anschluss die Eindrücke zu diskutieren. Übertragen wurde das Stück "Stadt der Angst" am Theater Dortmund. Mounia Meiborg schildert ihre Eindrücke in dem Artikel Beobachtungen zweiter Ordnung in der SZ vom 12. Dezember 2014. Ihr Urteil fällt ausgewogen aus. Weder ist sie geneigt, das Experiment und seine möglichen Folgen zu dämonisieren, noch tendiert sie zu einem blinden Fortschrittsoptimismus á la Digitalisierung ist per se gut

Hervorzuheben ist folgende Bemerkung oder Beobachtung:
Interessant sind auch die Momente vor oder nach der Vorstellung. Man sieht Zuschauer im Foyer bei Einlass und wird, im Sinne Luhmanns, zu einem Beobachter zweiter Ordnung. Die Videobilder zeigen die Techniker hinter der Bühne, also die Herstellung des Abends.
Der "Meister", sprich Luhmann, hätte wahrlich seine helle Freude an diesem - für uns jedenfalls - neuen Phänomen. Aber auch ein anderer namhafter Soziologe hätte uns zu dem Thema heute etwas zu sagen. Und zwar Erving Goffman, der in seinem wohl bekanntesten Werk Wir alle spielen Theater der Entwicklung - unbewusst - vorgegriffen hat. 


Donnerstag, 11. Dezember 2014

LinkedIn überholt XING in Deutschland - Ein Wechsel mit Ansage

Von Ralf Keuper

Es gibt Meldungen, bei denen überrascht eigentlich nur der Zeitpunkt und nicht die Tatsache ihres Erscheinens. Um so einen Fall handelt es sich bei LinkedIn überholt Xing in Deutschland.
Wer, wie ich, schon einige Jahre Mitglied bei XING ist und daneben noch ein Profil auf LinkedIn unterhält, konnte den Überholvorgang mit Ansage live miterleben. 

Die Vorboten waren jedoch bereits vor Jahren zu erkennen. Die eigentlichen Wendepunkte markierten für mich und auch für andere, die Übernahme von XING durch Burda und der Relaunch vor einigen Jahren, als XING einige Funktionen von Facebook adaptierte. Die Gruppen, die bis dahin eines der wenigen "Alleinstellungsmerkmale" von XING waren, haben sich von dem neuen Design bis heute nicht erholt. Fairerweise muss man einräumen, dass die Aktivitäten in den Gruppen zu dem Zeitpunkt ihren Zenith schon überschritten hatten. Statt ihnen jedoch den letzten Stoss zu versetzen, hätte man m.E. versuchen sollen, die Gruppen zu stärken. 

Der Relaunch erfolgte damals unter dem Vorstandsvorsitzenden Stefan Groß-Seelbeck, der einen Tag vor dem Live-Gang des neuen Layouts 25.000 Aktien im Wert von 1,4 Mio. Euro verkaufte. Der Kurs der XING-Aktie gab unmittelbar nach dem Relaunch deutlich nach. Das war zumindest vom Timing her nicht wirklich glücklich. 

Burda scheint, wie zuvor Holtzbrinck mit StudiVZ, kein sonderlich glückliches Händchen im Netz zu haben. Vor einigen Jahren noch war LinkedIn für viele keine Alternative. Inzwischen aber hat LinkedIn sich weiter entwickelt und sein Layout ein wenig an die Gewohnheiten seiner deutschen bzw. deutschsprachigen Mitglieder angepasst. Die interessantesten Meldungen und Diskussionen auf beruflicher Ebene finden derzeit, jedenfalls für mich, auf LinkedIn statt. Abgesehen davon ist LinkedIn ohnehin auf dem Weg, das Facebook für die Berufswelt zu werden. Im Hintergrund wirkt dabei eine der größten und erfahrensten Data-Scientists-Abteilungen im Netz. 

Aber, vielleicht weiß Hubert Burda ja Rat. In seinem neuen Buch Notizen zur digitalen Revolution 1990-2015, spricht Burda von der Infosphäre als Synonym für die neue Realität in der Medienwelt. Die Welt als Informationsraum. Wirklich interessante Gedanken - ohne jede Ironie angemerkt. 

Ob allerdings für XING in diesem Informationsraum auf Dauer noch Platz ist, das steht in den Sternen und gehört der Sphäre der Transzendenz an, die Burda ohnehin für entscheidend hält. Auch hier kein Widerspruch. 

Weitere Informationen:

Xing-Vorstand verkauft großes Aktienpaket


Mittwoch, 10. Dezember 2014

Alan Turing - genialer Mathematiker, Vater der Kryptografie und der künstlichen Intelligenz

Von Ralf Keuper

Alan Turing zählt ohne Zweifel zu den größten Genies des vergangenen Jahrhunderts. Ohne seine legendäre Entschlüsselung des Enigma-Codes der Nazis hätte der Krieg sicher noch mehr Opfer gefordert. Nebenbei legte er während seiner Tätigkeit im Bletchley Park die Grundlagen für die moderne Kryptografie und die Künstliche Intelligenz. Die sehenswerte arte-Dokumentation Wie ein Mathegenie Hitler knackte zeichnet die wichtigsten Stationen seiner wissenschaftlichen Laufbahn nach. 


Trotz seiner großen Verdienste um sein Vaterland, geriet Turing wegen seiner Homosexualität in den Nachkriegsjahren in Großbritannien nicht nur langsam in Vergessenheit, sondern wurde diversen polizeilichen Ermittlungen ausgesetzt und sogar verurteilt. Für Militär und Regierung war er ein Sicherheitsrisiko. 

Erst im Jahr 2013 konnte sich die britische Regierung dazu durchringen, Alan Turing zu rehabilitieren. Die Queen hob noch im selben Jahr die Verurteilung Turings wegen seiner Homosexualität auf. 

Ein sehr später Dank. 

Im Jahr 2012 richtete das HeinzNixdorf Museumsforum in Paderborn die Ausstellung Genial & Geheim Alan Turing in zehn Etappen aus. 



Einige Anmerkungen zum Medienversagen

Von Ralf Keuper

Über das Versagen der Medien ist in letzter Zeit viel gesagt, geschrieben und gebloggt worden. In der Diagnose ist man sich weitgehend einig: Die Spannbreite der Themen wie auch der Meinungen und Perspektiven war, wie wohl nicht nur Frank-Walter Steinmeier aufgefallen ist, schon mal größer. 

Was lässt sich dagegen unternehmen? Auf diese Frage geht LinksPazi in seinem Beitrag Was tun gegen das Versagen der Medien? näher ein. Welche Alternativen hat "man": Selber bloggen, kommentieren oder einfach ignorieren? Der Beitrag enthält dazu einige kluge Gedanken, auf die ich aber hier nicht näher eingehen möchte.

Denn, bei aller notwendigen und berechtigten Kritik an "den" Medien, so bleibt für mich festzuhalten, dass es ohne zentrale Instanzen auch künftig nicht gehen wird. Mit zentralen Instanzen oder Knoten sind nicht zwangsläufig die Massenmedien gemeint. Diese Mediengattung hat m.E. in Sachen Information ausgedient. Sie wird künftig - noch mehr als jetzt schon - im Enter- und Infotainment ihr Auskommen suchen (müssen). 
Nennen wir sie Macromedien. Darunter verstehe ich Organisationen, Institutionen oder Netzwerke, die über die nötige Vielfalt der Meinungen und Perspektiven sowie über die nötige Finanzkraft verfügen. Insbesondere der letzte Punkt erscheint mir wichtig. Ohne ein Mindestmaß an Finanzkraft kann ein Nachrichtenmedium kein heißes Eisen anpacken. Dafür sind die wirtschaftlichen und rechtlichen Risiken viel zu hoch. Der Guardian hätte ohne sein Finanzpolster kaum die Auseinandersetzung mit der britischen Regierung im Rahmen der Snowden-Veröffentlichungen durchhalten können. Bob Woodward und Carl Bernstein hätten den Watergate-Skandal ohne den Rückhalt ihrer Vorgesetzten, wie Ben Bradlee und die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Washington Post kaum aufdecken können. In den USA kann ProPublica seine Recherchen betreiben, weil im Hintergrund eine Stiftung die nötigen Freiräume garantiert. 

Kurzum: Wir werden auch künftig Hubs und Institutionen brauchen. Ob diese privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich organisiert sind, ist dabei zunächst zweitrangig. Ebenso von untergeordneter Bedeutung ist, ob es sich dabei noch um "klassische" Journalisten oder andere "Spürnasen" handeln sollte. 
Erst mal müssen wir uns über die Veränderungen in der Medienlandschaft (noch) klarer werden. Dann erst können wir uns m.E. an die Rollenbeschreibung machen. 


Dienstag, 9. Dezember 2014

Comics - ein unterschätzte Literaturgattung

Von Ralf Keuper

Comics gelten teilweise noch immer als Schmuddelkinder der Literatur. Nötigenfalls gewährt man ihnen Zutritt zur Kategorie der Unterhaltungsliteratur. Ein Fehler, wie nach meinem Eindruck immer mehr Zeitgenossen erkennen. 

Der künstlerische Wert der Comics beschränkt sich ja nicht nur auf den Text, sondern vor allem auf die Zeichnungen. Im Lauf der Jahrzehnte sind wahre Meisterwerke entstanden, die, wenn auch mit einiger Verzögerung, neu aufgelegt werden, wie aktuell Little Nemo, dessen Erstveröffentlichung aus dem Jahr 1905 datiert. 

Eine Literaturgattung, die sich so zäh zu behaupten weiss, zieht irgendwann auch das Interesse der Forschung auf sich. Im Jahr 2008 richtete das Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt eine Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek unter dem Motto 60 Jahre Comics "Made in Germany" aus. 

Wer sich für den aktuellen Stand der Comicforschung interessiert, sollte der Gesellschaft für Comicforschung unbedingt einen (virtuellen) Besuch abstatten. 


Dass Comics sich neben der Unterhaltung auch für subtile Gesellschaftskritik eignen, zeigt der belgische Ökonom Paul Jorion in Das Überleben der Spezies. 

Weitere Informationen:

Comic-Ausstellung im Bilderbuchmuseum Burg Wissem

Montag, 8. Dezember 2014

Die uneingelösten Versprechen des Internet

Von Ralf Keuper

Es scheint, als mache sich langsam aber sicher Ernüchterung unter denjenigen breit, die mit dem Internet die Hoffnung auf eine gerechtere Welt verbanden. 
Ein Beispiel dafür ist Andrew Keen mit seinem neuen Buch The Internet Is Not The Answer
Wie aus einem Beitrag auf thenextweb hervorgeht, zeigt das Internet für ihn inzwischen dieselben Symptome, von denen zuvor schon das Industriezeitalter befallen war: Große Konzerne vereinen so viel Macht und Finanzkraft auf sich, dass sie in der Lage sind, gleich ganze, unterschiedliche Branchen umzukrempeln. Dies sei eine neue Dimension. 

Da ist was dran, wenngleich (nicht nur) Peter Thiel hier anderer Meinung ist. 

Machkonzentrationen, die Bildung von Monopolen und Oligopolen ist ein vertrauter Anblick, man denke an die Automobil-, die Öl-, Chemie-, Medien- und die Telekommunikationsindustrie sowie an die Banken- und Versicherungsbranche. 
Nahezu jeder Massenmarkt begünstigt, ja erfordert in gewisser Weise die Bildung von Monopolen oder Oligopolen. Peter Thiel hat insofern Recht, dass nur große Unternehmen mit ausreichender Finanzkraft und Marktmacht in der Lage sind, neue Massenprodukte zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen. Beim Internet ist das nicht anders. Wer hier auf Dauer Erfolg haben will, muss, sofern er nicht die Nische anpeilt, sein Geschäftsmodell, wie es heute heisst, skalieren - nach Möglichkeit auf globaler Ebene. 
Wirklich neu ist, dass die großen Internetkonzerne ihre Aktivitäten auf die unterschiedlichsten Branchen auszudehnen beginnen: Nach der Musik- und der Medienbranche, sind mitterweile die Automobil-, die Banken-, die Versicherungs- und die Gesundheitsbranche ins Visier von Alibaba, Tencent, Amazon, Google & Co. geraten. Macht und Möglichkeiten der Algorithmen scheinen unbegrenzt.

Handelt es sich hier nur um vorübergehende Erscheinungen, die jede Branche, Industrie bisher hat durchlaufen müssen, bis das Auftauchen neuer Anbieter oder Technologien dazu führen, dass die Karten neu gemischt werden?
Muss das Kartellrecht evtl. an die Besonderheiten digitaler Ökosysteme angepasst werden?

Bisher jedenfalls hat sich nicht, oder nur in begrenztem Umfang das Szenario eingestellt, das Chris Anderson in seinem Beststeller The Long Tail beschrieben hat.

Könnte die Maker-Bewegung hier etwas ändern?

So viel dürfte auch weiterhin sicher sein: Massenmärkte begünstigen die Bildung einheitlicher Standards, Verhaltensmuster, Geschmäcker, die nur sehr wenige Unternehmen gleichzeitig bedienen können. Das reicht von Fragen der Finanzierung, Produktion, des Marketing bis hin zur Logistik. So lange sich daran nichts wesentlich ändert, werden auch die Cyber Rules (Tom Siebel) vom betriebswirtschaftlichen Kalkül beherrscht. 

So dezentral wird bzw. ist das Netz nicht, dass sich keine Hubs bilden würden, wie das Modell/Phänomen der Skalenfreien Netze zeigt. 

Sonntag, 7. Dezember 2014

Tastenzauberei am Piano in der Digitalmoderne

Von Ralf Keuper

Der auch als "Wunderpianist" bezeichnete Daniil Trifonov sorgt derzeit in den Konzerthäusern der Welt für Furore. In einem bemerkenswerten Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 5. Dezember 2014 ("Rachmaninow unter Wasser üben") beantwortete Trifonov einige Fragen zu seinem Spielstil. 
Darin fühlte ich mich an einige Aussagen von Jan Christoph Meister in seinem Festvortrag "Going digital. Vom Einzug des Computers in die Geistes- und Kulturwissenschaften" anlässlich der Gründung des Zentrums für Musik - Edition - Medien in Paderborn vor wenigen Tagen erinnert. 
Darin hob Meister u.a. auf die analoge Ganzheitserfahrung der Musik, im Gegensatz zur zeitpunktbezogenen digitalen Musikerfahrung ab. 

In dem erwähnten Interview gab Trifonov auf die Frage nach dem Timing in seiner Musik zur Antwort:
Es kommt eher darauf an, eine Spannung aufzubauen. Die zeitliche Struktur ist nur ein Faktor von mehreren. Man ist in einem Prozess, man spielt, hört sich dabei zu, reagiert auf das Gespielte und das noch zu Spielende. Ich denke mehr in Zeitzonen. Das Vergangene, als das Verklungene und soeben Verklingende ist eine Zone, das als nächstes Erklingende ist die dritte, und der aktive Raum dazwischen die zweite. Ich bewege mich also in der zweiten Zone und muss dabei die anderen beiden zusammenbringen. Die Zeit oder der Raum, den ein Klang braucht, und die Reaktion darauf erfolgt in Rücksicht auf das Kommende. 
Später stellt Trifonov am Beispiel der Klangfarbe noch einige inspirierende Bezüge zur Malerei her, wie das Interview überhaupt sehr lesenswert ist.

Hier dürfte sich in den nächsten Jahren in Forschung und (Spiel-) Praxis neuartige Ausdrucks- und Sprachformen entwickeln, die auf andere Mediengattungen zurückwirken. Von naturwissenschaftlicher Warte aus hat hier Friedrich Cramer in seinen Büchern Der Zeitbaum und Symphonie des Lebendigen bereits einige Brücken gebaut. 

In letzterem schreibt Cramer:
Ein Musikstück, eine Oper wie Beethovens Fidelio, eine Symphonie ist in jedem Falle hoch rückgekoppelt, jeder Ton hängt zeitlich und räumlich mit allen anderen Tönen zusammen, direkt im gleichen Akkord und indirekt in der Tonfolge, am auffälligsten in der Fuge. Töne und Themen beziehen sich auf frühere Themen, variieren diese oder führen sie durch und zu Ende. Das führt zu Gebilden von unglaublicher Komplexität: Musik hat die Eigenschaft der "Fundamentalen Komplexität". In solchen Systemen verliert die deterministische Eindeutigkeit ihren Sinn. Ein auslösendes Ereignis kann einmal eine ganze Kaskade von Ereignissen nach sich ziehen, ein andres Mal nichts bewirken. Ein Lebewesen ist paradigmatisch für fundamentale Komplexität. In diesem Sinne ist gute Musik "lebendig". 
Ein weitere Inspirationsquelle in dem Zusammenhang ist das vom SPIEGEL moderierte Interview zwischen dem Pianisten Lang Lang und dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt

Die SZ berichtet in ihrer heutigen Online-Ausgabe von Trifonovs Klavierabend im Münchener Prinzregententheater.