Donnerstag, 31. Dezember 2015

New Media Economics - Cycle by Digitalization

Von Ralf Keuper

Im Rahmen der Ringvorlesung Agile Medien - Agile Marken. New Media Economics - Cycle by Digitalization zeichnete Wolfgang Mühl-Benninghaus die Entwicklung der letzen Jahre, Jahrzehnte in der Medienwirtschaft nach und gab einen thesenartigen Ausblick auf die nahe Zukunft. 


In den Jahren von 1948 bis 2000 stieg der Medienkonsum kontinuierlich an. In diesem Zeitraum waren keine oder nur gerine Substitutionseffekte zu erkennen; die Medien, wie Zeitschriften, Fernsehen und Radio, standen in einem additiven Verhältnis zueinander.  

Seit dem Jahr 2000 sorgen digitale Entwicklungsprozesse für ein Überangebot an Information, das sich an immer kleiner werdende Zielgruppen richtet. Es entstanden soziale Netzwerke; alte Strukturen und Pfade geraten durch kürzere Innovationszyklen, seien es Technologien oder Geschäftsmodelle, unter Druck. 

Soziale Netzwerke entwickelten sich zu selbst ausgestalteten öffentlichen Räumen, die auf die Meinungsbildung zurückwirken. Milieus verschwinden ebenso die Wertvorstellungen. Die one-to-many Kommunikation hat an Bedeutung verloren. Medien und Wirtschaft durchlaufen einen Strukturwandel. Kennzeichnend dafür ist auch, dass die Massenproduktion durch die Einzelproduktion abgelöst wurde. Das wiederum führt zu einem Ordnungsverlust, die modernen Märkte wandeln sich von push zu pull-märkten. Der User entscheidet wann, wo und in welcher form er Produkte und Leistungen konsumieren bzw. in Anspruch nehmen will. Der User entscheidet weiterhin, wie tief er in die Information einsteigt. Konsequenz daraus ist eine bisher unbekannte Form von Ausdifferenzierung des Publikumsinteresses. Weitere Folge ist die deutliche Reduzierung gesellschaftsübergreifender Themen. Die Macht der Kunden wird durch die sozialen Netzwerke gestärkt.

Kurzum: Die Digitalisierung ist mit einer partiellen Umkehrung des bisherigen Kommunikationsmodells verbunden. Werbung und Medien sind zwar nach wie vor als Themenspender relevant, die Inhalte werden jedoch kritisch hinterfragt und konkurrieren mit einer Vielzahl anderer Informationen, die von dem User nur noch daran gemessen werden, welchen Nutzen er von den Inhalten hat.
Politik und Wirtschaft werden mit Forderungen nach Offenheit konfrontiert; die Produktpalette muss sich den Kundenforderungen anpassen.

Die Informationstiefe und -breite sind gestiegen. Das wiederum wird zum Problem für die Markenkommunikation.

Die Medienwirtschaft steht daher vor fünf Herausforderungen
  1. Die überkommene Medienordnung wird schrittweise durch eine neue ersetzt. Es findet eine Diversifizierung der nachgefragten Inhalte statt. 
  2. Die Kommunikation wird sich stärker an den Bedürfnissen von Zielgruppen orientieren. Übergreifende Themen treten in den Hintergrund.
  3. Die Kontrolle von Absatz und Produkten kann mit dem bisherigen Standard nicht mehr aufrecht erhalten werden.
  4. Die Digitalisierung in den Medien führt dazu, dass Produkte und Innovatonszyklen durch die Nachfrage stimuliert werden
  5. Klassische Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden, Kapital und Wissen verlieren ihre Bedeutung und werden durch neue ersetzt bzw. ergänzt.
Bewertung:

Was die Emanzipation der User betrifft, kann man mit Blick auf das Phänomen des Plattformkapitalismus durchaus anderer Meinung sein. Bisher verläuft der Deal im Internet zwischen Usern und den "Datenkraken" einseitig. Die neuesten Datenschutzverordnungen wie auch die Sensibilisierung der Nutzer für den Wert ihrer Daten führen zu einem langsamen Bewusstseinswandel. Das betrifft übrigens auch die Konsumgüterhersteller, die ihrerseits bestrebt sind, die Abhängigkeit von den großen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke zu reduzieren, wie beispielsweise Unilever

Abzuwarten bleibt, ob die Me2B Economy sich durchsetzen wird. Sollte das der Fall sein, werden sich die Spielregeln, auch und besonders für die Markenkommunikation, gravierend ändern. 

Dienstag, 29. Dezember 2015

Bildschirmtext - erster Online-Gehversuch der Deutschen

Von Ralf Keuper

Mit dem Bildschirmtext betrat die Deutsche Bundespost damals "Neuland". Obwohl im Nachhinein ein Flop, erkennen einige Beobachter im Btx einen Wegbereiter des Internet, wie Volker Schmidt anlässlich des 30. Btx-Geburtstages in Die ersten Online-Gehversuche der Deutschen. Das darunter liegende Geschäftsmodell war von beeindruckender Schlichtheit und Stringenz:
Aber nicht die Vorläuferin der E-Mail war aus Sicht des Anbieters, der Deutschen Bundespost, das Wichtigste, sondern der "Telekauf per Schaltstern". Mithilfe der Tasten * und # konnten Benutzer Schlagworte eingeben, zum Beispiel *Quelle# oder *Neckermann#. Firmen sollten diese Begriffe gegen eine Gebühr registrieren lassen und so das System finanzieren. Auf ihren Seiten boten Sie zum Beispiel aktuelle Informationen oder einen Onlineversandhandel an. Die Anbieter wiederum kassierten vom Nutzer eine Gebühr für den Abruf ihrer Seite, abgerechnet wurde das über die Telefonrechnung. Und auch die Bundespost kassierte Geld vom Nutzer, über eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark. 
Noch bis ins Jahr 2007 war Btx die Stütze vieler Online Banking - Angebote, wie Schmidt weiter schreibt. 

Was auch immer man gegen Btx einwenden mag, er verfügte über ein funktionierendes Inkasso, wie Daniel Rehbein nicht ohne Wehmut in Bildschirmtext - ein tolles Netz! festhält:
In Bildschirmtext konnten seitenabhängige Entgelte zwischen 0,01 und 9,99 DM pro Seite sowie zeitabhängige Entgelte bis 1,30 DM pro Minute direkt über die Telephonrechnung eingezogen werden.

Was heute im Internet als "Micropayment" diskutiert wird und was zusätzlicher Verträge bedarf, war in Bildschirmtext bereits enthalten: Die Bezahlung kleiner Beträge direkt online.
Auch der Datenschutz war mit Blick auf heute beachtlich:
In Bildschirmtext war die überwiegende Zahl der Seiten statisch auf den Servern der Betreibergesellschaft Deutsche Bundespost abgelegt. Von den einzelnen Abrufen erfuhr der jeweilige Anbieter gar nichts. Lediglich eine Statistik der Anwahl der Abrufe pro Stunde konnte er sich anzeigen lassen. Wo in Btx per Datex-P eine Weitervermittlung zu externen Rechnern erfolgte, wurde dies dem Benutzer angezeigt. Zudem wurde auch bei solchen Verbindungen keine den Benutzer identifizierenden Daten übermittelt.
Da kommen wir erst langsam wieder hin.

So verwundert es nicht mehr allzu sehr, dass die Telekom noch bis ins Jahr 2010 mit Btx gute Geschäfte machte, wie es in Telekom verdient noch immer an Btx-Dienst heisst. Frankreich trennte sich erst 2012 endgültig von dem Btx-Pendant Minitel

Schon recht früh stellte sich heraus, dass Btx für die Medien keine ernsthafte Bedrohung darstellte. 

So hielt James Battan, Chef von Knight Ridder Newspapers Inc bereits 1986 resigniert fest:
Es steht inzwischen fest, daß Bildschirmtext wahrscheinlich weder für den Anzeigenteil noch für die Abonnentenzahlen der Zeitungen in der nächsten Zukunft eine Bedrohung darstellt. Weiter ist klar, daß die amerikanische Öffentlichkeit nicht dazu bereit ist, den Btx-Service in einer Weise zu unterstützen, die die kontinuierlich wachsenden Kosten rechtfertigt.
Besonders lesenswert und informativ ist noch der Beitrag Die Telekom und der Geist des Bildschirmtextes von Michael Schmalenstroer

Samstag, 26. Dezember 2015

Marshall McLuhan - Ein Visionär

Von Ralf Keuper

Anlässlich des 100. Geburtstages von Marshall McLuhan brachte 3Sat eine Sendung über den Visionär der Medienwissenschaften. Über die Bedeutung von McLuhan's Medientheorie für die heutige Zeit diskutierten Martina Leeker, Gert Scobel, Lutz Hachmeister und Frank Schirrmacher


Weitere Informationen:




Donnerstag, 24. Dezember 2015

Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte

Von Ralf Keuper

Immer wieder sehenswert; die Verfilmung der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

In diesem Sinne: Ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest!

Dienstag, 22. Dezember 2015

Von der Netzwerkgesellschaft zur Plattformgesellschaft

Von Ralf Keuper

Ein - für Nicht-Archivare und Laien in Sachen Wissensnetzwerke -  etwas trockener und langatmiger Vortrag: Wissenszukünfte und Wissensnetzwerke - von der Gelehrtenrepublik zur Gemeingüterbewegung, den Sebastian Gießmann von der Universität Siegen auf dem 75. Südwestdeutschen Archivtag in Rottenburg am Neckar im Juni diesen Jahres gehalten hat. 

Vernetzung und Kollaboration sind alles andere als Selbstverständlichkeiten. Das gilt auch für Archive als Hüter des kulturellen Gedächtnisses. 

Die entscheidende Frage ist: Wie entstehen große Wissensnetzwerke?



Beispiele, die in dem Vortrag genannt und erläutert werden, sind z.B. die Visualisierung der Froschlunge von Marcello Malpighi, die Sieben Brücken (Königsberger Brückenproblem) von Leonard Euler sowie die Visualisierung von Eulers Korrespondenznetzwerkes bis hin zum Arpanet, dem Vorläufer des Internet. 

Der eigentliche Ertrag aus dem Vortrag, für mich jedenfalls, besteht in dem Hinweis auf das Buch Die Verbundenheit der Dinge von Sebastian Gießmann. Ebenfalls aufhorchen lässt der Titel einer weiteren Veröffentlichung von Gießmann: Netze und Netzwerke. Archäologie einer Kulturtechnik, 1740 - 1840

Lösen künftig digitale Plattformen bzw. digitale Ökosysteme, die von einigen wenigen Unternehmen, wie Google, kontrolliert werden, die Netzwerke ab? Was für Folgen hätte das für die Wissensnetzwerke wie überhaupt für die Wissenschaft?

Sehens- und empfehlenswert der Vortrag Von der Netzwerkgesellschaft zur Plattformgesellschaft von Sebastian Gießmann und Michael Seemann auf der Re Publica 2015. 


Weitere Information:

Vier Thesen zur Plattformgesellschaft

Montag, 21. Dezember 2015

Von Caligari zu Hitler - Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen

Von Ralf Keuper

Gibt es eine (bruchlose) Verbindungslinie, die sich vom deutschen Kino der 1920er Jahre bis zu Hitlers Machtübernahme zeichnen lässt? Diese Frage beschäftigte Siegfried Kracauer in seinem Buch Von Caligari zu Hitler - Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. In der Verlagsbeschreibung heisst es u.a.:
Kracauer begreift Film als ein Medium, das Gesellschaftliches in gleicher Weise widerspiegelt wie kanalisiert, verschleiert wie entschlüsselt - in wechselnden Graden der Bewußtheit bzw. Blindheit.
Vor wenigen Wochen kam der Essayfilm Von Caligari zu Hitler in die Kinos. 


In einem Interview äußerte sich der Regisseur Rüdiger Suchsland zum Entstehungsgrund seines Film und die näheren Beweggründe.

Das alles läuft in letzter Konsequenz auf die Frage hinaus: Was weiss das Kino, was wir nicht wissen können? Weiterhin: Was ist das Gesicht der Weimarer Republik? Kann man überhaupt von dem einen Gesicht sprechen? Das deutsche Kino war in den 1920er Jahren ausgesprochen vielfältig, vital und, wie man heute sagen würde, innovativ. Beispielhaft dafür sind Regisseure wie Fritz Lang und Friedrich Murnau. Aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar, dass der deutsche Film einmal weltweit führend war und international beachtet wurde. 

Was sagt uns das eigentlich?

Weitere Informationen:


Samstag, 19. Dezember 2015

"Der blaue Bock" Grundpfeiler des zwangsunionierten Familienlebens in den 1970er Jahren

Das Konzept ist denkbar einfach: der Name ist Programm. Kujoniert von einem zwergnasenhaften Brabbelkopf namens Heinz Schenk, von Lia Wöhr, die alle nur "Frau Wirtin" rufen, und Reno Nonsens, einem traurigen Komiker, dem sich die kulturelle Wüstenei der Adenauer-Ära furchentief zwischen die bernhardinerhaften Backenlappen gegraben hat, trinkt eine Menge Volk vor laufender Kamera eine Menge Äppelwoi und durchschunkelt den deutschen Liederkranz. Dieses Bembelparadies bildet bis in die frühen Siebziger einen Grundpfeiler des zwangsunionierten Familienlebens. Man hat es mithin im Kreise seiner Lieben ohne Murren auszuhalten, sonst bekommt man nachfolgend die Sportschau und das Abendbrot gestrichen. 
Quelle: Thomas Quasthoff. Die Stimme - Autobiografie

Lorenz Engell im Interview - Was ist Medienphilosophie?

Von Ralf Keuper

Die Medienphilosophie als wissenschaftliche Disziplin ist noch relativ jung. Im Jahr 2003 wurde der erste Lehrstuhl für Medienphilosophie in Deutschland in Weimar gegründet. Weltweit sind es nicht mehr als sechs. Einer der bekanntesten Medienphilosophen Deutschlands, ja der Welt, ist Lorenz Engell, der an der Bauhaus-Universität Weimar lehrt. 


In einem Interview mit einem Studenten der Universität Erlangen gibt Engell eine Definition der Medienphilosophie. Eine Aufgabe der Medienphilosophie ist die Reflexion über die Begriffe der Medienwissenschaften. Weiterhin ist die Frage von Bedeutung, ob es bereits in der klassischen Philosophie Vorläufer der Medienphilosophie gab, was die Rolle der Medien zum besseren Verständnis der Welt betrifft. 

Wie schon Nietzsche anmerkte, arbeitet unser Schreibwerk mit an unseren Gedanken. Daher untersucht die Medienphilosophie die Denk-und Schreibzeuge und ihren Einfluss auf die Wahrnehmung, Erkenntnis und das Handeln. Philosophie ist daher zwangsläufig an schreiben und lesen gebunden. So gesehen ist Philosophie immer auch ein Stück Medienphilosophie oder Philosophie mit und durch Medien. 

Heute schließen die Fragestellungen der (Medien-)Philosophie bewegte Bilder und den Computer mit ein. Wie sieht eine Philosophie aus, die sich über das bewegte Bild und/oder den Rechner verbreitet? Wie denkt man mit dem Computer? Was ist der originäre Beitrag des Computers beim Denken?

Dokumentiertes, kodifiziertes und veröffentlichtes Wissen hängt also im hohen Umfang von den jeweiligen Werkzeugen ab. 

Beispielhaft dafür ist die Filmphilosophie von Gilles Deleuze. Nach Deleuze kann der Philosoph zum Denken ins Kino gehen. Filmtheorie denkt über den Film nach. Die Filmphilosophie, so Engell, denke dagegen mit dem Film und betrachte den Film als Zeitmedium. Wir werden vom Film in ein spezifisches Zeitverhältnis versetzt. Dieses Zeitverhältnis ist ein anderes, als es vor dem Film von der Philosophie gedacht wurde. 

Freitag, 18. Dezember 2015

Die Speichermedien der Zukunft - Von Quartz über DNA bis zu Watson

Von Ralf Keuper 

Die Speicherung und Überlieferung von Daten und Informationen ist Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein kollektives Gedächtnis der Menschheit über die Jahrtausende bilden und erhalten kann. Die sehenswerte Filmdokumentation Unser digitales Gedächtnis. Die Speichermedien der Zukunft behandelt die Frage, wie das Wissen und die Informationen, die heute vorwiegend in digitaler Form vorliegen, der Nachwelt zugänglich gemacht werden können. Schon heute gibt es keine Geräte mehr, die in der Lage sind, Floppy Disks zu lesen; dasselbe Schicksal wird über kurz oder lang auch andere Datenträger wie DVDs oder CDs ereilen. 
Die bis dato beständigsten Datenträger sind Obelisken und steinerne Stelen, die mehrere tausend Jahre überdauern können, ohne dass Informationen und Daten im nennenswerten Umfang verloren gehen. 

Die derzeit haltbarsten Speichermedien sind das gute alte Papier, Flash-Speicher und Magnetbänder. 
In Japan arbeitet Hitachi an der Speicherung von Daten auf Quartzglas. Damit ist die Aufbewahrung von Daten über einen sehr langen Zeitraum möglich.

Allerdings ist damit das Problem der Verarbeitung und Aktualisierung großer Datenmengen noch nicht gelöst. Große Hoffnungen richten sich dabei auf die Bioinformatik, die sich bei der Datenspeicherung an dem Aufbau der menschlichen DNA orientiert, wie es die Goldman Group um Nick Goldman in Großbritannien macht. In gewisser Weise wird damit das Erbgut zum Datenspeicher der Zukunft. 

Wie verhält es sich mit der Speicherung der flüchtigen Daten im Internet? Hier übernimmt die "Cloud" eine Schlüsselstellung. Führend in dem Bereich ist das größte europäische Datenzentrum Inria im Norden Frankreichs. Die Cloud verwaltet unser digitales Alltagsleben, wozu auch die vertraulichen Daten zählen. Um die Daten zu erhalten und Verluste zu vermeiden, werden sie permanent von einer Festplatte auf die andere repliziert. Unser digitales Gedächtnis wir mobil. 

Bleibt die Frage: Wie bekommen Historiker und Archäologen in Zukunft Sinn in unsere Daten?

Wie das gelingen könnte, zeigt das Projekt Venice Time Machine Project. Ziel ist es, das Leben der Bewohner der Stadtrepublik über einen langen Zeitraum zu rekonstruieren. Neben die Makrogeschichte, die sich vornehmlich an großen Persönlichkeiten und historischen Ereignissen festmacht, tritt nun die Mikrogeschichte. Durch die Digitalisierung der Akten und anderer schriftlicher Dokumente werden so Beziehungen sichtbar, die in den Papierbergen verborgen waren. 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Walter Benjamins Medienphilosophie in zehn Minuten

Von Ralf Keuper 

Der Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von Walter Benjamin ist ein Klassiker der Medientheorie. Leider ist der Sprachstil Benjamins dem raschen Verständnis seiner Gedankengänge nur bedingt zuträglich. Auf dem Science Slam in Hamburg hat Tim Gailus den lobenswerten und insgesamt auch geglückten Versuch unternommen, uns die komplexe Gedankenwelt Benjamins in zehn Minuten näher zu bringen.


Früher besaß das Kunstwerk eine Aura, die sich dem Betrachter oder Zuhörer nur in bestimmten Situationen und Konstellationen erschloss, wie z.B. in einem Museum oder einem Konzert. Mit dem Aufkommen technischer Apparate im 19. Jahrhundert wurden viele Kunstwerke, wie Musikstücke, technisch reproduzierbar. Folge davon war ein Auraverlust; es war kein Ritual mehr nötig; der Ausstellungswert verdrängte den Kultwert. Das optische Bewusstsein wurde und wird durch technische Apparate verändert, wie durch die ersten Fotokameras, Grammophone bis hin zum Smartphone. 

Benjamin bezeichnete das Kino als Trainingslager in einer durchtechnisierten Zeit. Diese Rolle hat heute das Internet übernommen. Die Frage ist, ob die Chancen, das emanzipatorische Potenzial, das bereits in den ersten technischen Apparaten steckte, zu entfachen, heute besser stehen und entsprechende Handlungen und Verhaltensänderungen nach sich ziehen. 

Montag, 14. Dezember 2015

Let's Read Pierre Bourdieu - Über das Fernsehen

Ein etwas anderes Projekt, in dem der Initiator sich vorgenommen hat, Bücher interessanter Denker vorzulesen. Den Beginn macht das Werk Über das Fernsehen von Pierre Bourdieu, das in mehreren Teilen vorgestellt wird. Auch in Papierform zu empfehlen. 


Samstag, 12. Dezember 2015

Polaroid - Magische Momente (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Vor der Polaroid-Sofortbildkamera war die Fotografie, insbesondere die Farbfotografie, ein Königreich nur für Profis. Einen Farbabzug herzustellen war sehr teuer. Mit der Polaroid-Kamera hielten die Fotografen ebenso wie die Amateure das Labor praktisch in der Hand. 
Polaroid hat mit dem Sofortbild die Fotografie sofort erlebbar - instant gemacht. Es erfolgte der unmittelbare Abgleich zwischen dem Ergebnis und der ursprünglichen Absicht des Fotografen. Vor Polaroid machte der (Amateur-)Fotograf das Bild, während andere für die Entwicklung und Vervielfältigung zuständig waren. Insofern führte Polaroid zu einer Demokratisierung der Schöpfungsmacht, was die Hauptursache für den Erfolg von Polaroid ist. Jedes Bild ist ein Unikat. 


Die eigentliche Magie von Polaroid besteht für Jennifer Trausch darin, dass auf dem Weg vom Negativ zum Positiv eine große Menge an Bildinformationen, an weichen Informationen verarbeitet wird. In der digitalen Fotografie werden dagegen harte Bildinformationen verarbeitet. Bei der Polaroid-Fotografie vollzieht sich eine Farbstoffdiffusionsübertragung zwischen Negativ und Positiv , wodurch ein malerischer Ausdruck entsteht. Mit Polaroid zu arbeiten ähnelt in gewisser Weise der Lichtmalerei. Polaroid verändert die Realität; es ist keine exakte Wiedergabe.

Das Team von Impossible ist jedenfalls davon überzeugt, dass die Analogtechnik in der Fotografie fortbestehen wird.  

Wie Edwin Land, der legendäre Erfinder von Polaroid, hält man es bei Impossible mit dem Satz:
Don't undertake a project unless it's manifestly important and nearly impossible.
Mal sehen, was aus dem Versuch der Prynt Corp. wird, deren neuestes Produkt, The Prynt Case, versucht, analog und digitale Fotografie in einem Gerät zu vereinen.   


Mittwoch, 9. Dezember 2015

Selfies: Mehr als nur Selbstdarstellung?

Von Ralf Keuper

Das Phänomen des Selfies ist für die Kultur- und Medienwissenschaften eine Herausforderung. Handelt es sich beim Selfie um eine eigenständige Kunstform oder ist es nur eine vorübergehende Erscheinung, Ausdruck des flüchtigen Zeitgeistes? Reichen die wissenschaftlichen Instrumentarien aus, um diesen Stilwandel beschreiben zu können oder sind neue erforderlich? 

In letzter Zeit sind einige Beiträge erschienen, die eine erste Einordnung der Selfies vornehmen. Hervorzuheben ist der Sammelbeitrag Be Your Selfie: Identity, Aesthetics and Power in Digital Self-Representation

Auch die anderen Beiträge sind informativ:

Der Stilwandel der Medien #2

Hier einige Beiträge der letzten Zeit, die sich mit dem Stil- und Formwandel der Medien beschäftigen: 

Sonntag, 29. November 2015

Der Stilwandel der Medien am Beispiel der "Boundary Objects" - Kooperation ohne Konsens

Von Ralf Keuper

In ihrem Beitrag Medien der Kooperation. Überlegungen zum Forschungsstand bringen Erhard Schüttpelz und Sebastian Gießmann den Begriff der "Boundary Objects", "Grenzobjekte" in die Diskussion:
Der Begriff des »boundary object« ist ein fundamentaler sozialtheoretischer und ein ebenso aufschlussreicher medientheoretischer Begriff. Er bezeichnet die Modalität, wie »Kooperation ohne Konsens« zwischen heterogenen technischen und sozialen Praktiken, Gruppen und Interessen möglich wird. Grenzobjekte sind solche Objekte, die in einer lokalen Anwendung präzisiert und zweckgerichtet verwendet werden, aber zugleich in einer umfassenderen Zirkulation zur Verfügung stehen, ohne ihre Identität dabei zu verlieren. Die durch »boundary objects« ermöglichte »Kooperation ohne Konsens« hält Organisationen und Institutionen am Laufen und ruft sie zum Teil sogar erst ins Leben (während das Einklagen von Konsens diesen oft erst gefährdet). 
Das ist ein hoch interessanter Hinweis. Hier bestehen nach meinem Dafürhalten deutliche Überschneidungen zur Medienphilosophie von Gilbert Simondon und seinem Verständnis technischer Objekte, wie es auf diesem Blog in Die zentrale Rolle technischer Objekte im Medienwandel bereits ein Thema war. Folgendes Zitat verdeutlicht m.E. die nahe Verwandtschaft zwischen Grenzobjekten und Technischen Objekten:
... das konkrete technische Objekt ist dasjenige, das nicht mehr mit sich selbst kämpft, jenes, in dem keinerlei Sekundäreffekt der Funktionsweise des Ensembles schadet oder außerhalb dieser Funktionsweise verbleibt. Auf diese Weise und aus diesem Grund kann im konkret gewordenen Objekt eine Funktion durch mehrere synergetisch assoziierte Strukturen erfüllt werden, während im ursprünglichen und abstrakten technischen Objekt jede Struktur damit betraut ist, eine festgelegte Funktion zu erfüllen, und im Allgemeinen eine einzige (in: Die Existenzweise technischer Objekte)
Mit Blick auf die Entwicklungen im sog. Internet der Dinge und der Digitalen Identitäten wäre eine Kombination der beiden Ansätze besonders fruchtbar für das bessere Verständnis des Stilwandels, der sich momentan in den Medien vollzieht. 

Bilderbogen im 19. Jahrhundert: Vorläufer der Illustrierten

Von Ralf Keuper

Bilderbogen erfreuten sich im 18. und 19. Jahrhundert großer Beliebtheit unter den weniger gebildeten Lesern, die zur der Zeit die Mehrheit in der Bevölkerung repräsentierten. In gewisser Hinsicht waren Bilderbogen ein Massenmedium. Mit einiger Berechtigung können sie als Vorläufer der Illustrierten betrachtet werden: 
Bilderbogen waren hauptsächlich bei der Landbevölkerung und bei wenig gebildeten Stadtbewohnern beliebt und weit verbreitet. Die Bilder waren groß und deutlich, die Texte kurz und einfach, so machte es keine Mühe, zu verstehen, worum es ging. Die Herstellung war billig: einfarbige Lithografien wurden in hoher Auflage auf einfachem Papier gedruckt und von schlecht bezahlten Frauen und Kindern in den Mal-Sälen der Verlage mit Hilfe von Schablonen koloriert. Auch der Vertrieb der Blätter war nicht kostspielig. Meist wurden sie von fahrendem Volk – fliegenden Händlern oder Lumpensammlern – für wenige Pfennige verkauft oder auf Jahrmärkten gezeigt.

Bilderbogen bedienten jedes vorstellbare Interesse der breiten Masse – soweit es nicht gegen die Staatsräson oder geltende Moralvorstellungen verstieß. Man kaufte Heiligenbilder, Haussegen und Sinnsprüche, Porträts von Herrschern und ihren Familien, die Abbilder unerreichbar ferner Landschaften, Spiel- und Ausschneidebögen für Kinder, vor allem auch Bildberichte von Aktualitäten: Kriege, Hochzeiten und Beerdigungen von Prominenten, Naturkatastrophen … In diesem Sinne kann man Bilderbogen auch als Vorläufer heutiger illustrierter Zeitungen betrachten.
Zentrum der Bilderbogenherstellung in Deutschland war die Fontanestadt Neuruppin
Neuruppin wurde im 19. Jahrhundert zum bedeutendsten Zentrum der Bilderbogenherstellung in Deutschland. In den Druckereien und Kolorierstuben dreier Firmen - Gustav Kühn, Oehmigke & Riemschneider und F.C. Bergemann - wurden insgesamt mehr als 20.000 verschiedene Bilderbogen in einer Millionenauflage hergestellt.
Möglich wurde diese Medienrevolution durch Alois Senefelder, den Erfinder der Lithographie bzw. des Steindrucks. Darauf folgte später der Offsetdruck. 




Mittwoch, 25. November 2015

Was ist Datenkritik?

Denn die Art und Weise, wie Daten im Computer gespeichert sind, bedingt, wie diese verarbeitet und distribuiert werden können und wie man unterschiedliche Informationsbestände zueinander in Beziehung setzen kann. In Anlehnung an Gregory Batesons berühmte Definition von Information ließe sich also feststellen, dass das Einfügen von Daten an eine vordefinierte Struktur oder das Hinzufügen von Metainformationen Unterschiede zwischen Daten einführt, die für deren Versammlung, Abfrage, Zirkulation und programmgesteurte Auswertung einen medienpraktischen Unterschied machen. Es handelt sich um Weisen der Herstellung von "computer-lesbarer Signifikanz" .. . Sie müssen im Rahmen einer medienwissenschaftlichen Datenkritik daraufhin befragt werden, wie sie sich in die medialen Praktiken einschreiben, diese strukturieren und wie sie in Datenverarbeitungskollektiven algorithmisch mobilisiert werden. Letzteres ist von besonderer Bedeutung.

Denn Datenkritik sollte nicht als eine Alternative zu einer Kritik der Algorithmen verstanden und betrieben werden. Die kritische Auseinandersetzung mit Daten(strukturen) erweist sich vielmehr als Ergänzung und Fokussierung der Betrachtung von Befehlsstrukturen .. . Im Vordergrund stehen dabei nicht die Verfahren der programmgesteuerten Erzeugung virtueller Computerwelten wie sie beispielsweise von Friedrich Kittler (2002) in "Computergraphik: Eine halbtechnische Einführung" thematisiert wurden, sondern die Verfahren der Versammlung, Verwaltung und Auswertung von Datenbeständen, die stets über ihre eigenen Grenzen hinaus auf die Welt verweisen, welche sie auf eine spezifische Weise repräsentieren und in die sie intervenieren. 
Quelle: Sebastian Gießmann und Markus Burkhardt: Was ist Datenkritik? Zur Einführung, www.medialekontrolle.de (3.1/2014)

Matthias Dell über das N-Wort und andere Merkwürdigkeiten in den Medien

Von Ralf Keuper

In seiner Medienkolumne Das N-Wort. Eine Faszinationsgeschichte lässt Matthias Dell einigen Dampf ab. Schuld daran ist der Umgang der Medien mit der als N-Wort bekannt gewordenen Bemerkung des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann

Insbesondere auf Frank Plasberg und dessen Talk-Sendung Hart aber fair richtet sich Dells Zorn:
Der eitle Jahrmarktbudenbetreiber Plasberg, der das rätselhafte Glück hatte, an einem besonders tiefen Tiefpunkt der öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows für einen kritischen Journalisten gehalten zu werden ... 
Da dürfte er weitgehend auf einer Linie mit dem Anti-Medien-Blog liegen, der kaum ein gutes Haar an Plasberg und dessen Kompetenzen als kritischer Journalist lässt. 

Wenig Gefallen findet Dell auch an der Berichterstattung der ZEIT, und das nicht nur im Zusammenhang mit dem N-Wort. Für ihn fungiert die ZEIT als Konsensmaschine der bürgerlichen Mitte ,"die naturgemäß überhaupt nichts sagen will und kann, was von der Hauptstraße dieses Konsenses abbiegt".

Von Kritikern wird die ZEIT auch gerne als das intellektuelle Zentralorgan kultivierter Langeweile bezeichnet. 

Sonntag, 22. November 2015

Meilenstein der Medienforschung: Sonderforschungsbereich "Medien der Kooperation" an der Uni Siegen

Von Ralf Keuper

Von einem bemerkenswerten Forschungserfolg berichtet die Universität Siegen in ihrer Mitteilung Meilenstein der Medien-Forschung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert in den nächsten Jahren den Sonderforschungsbereich "Medien der Kooperation" mit 10 Mio. Euro. 

Zu dem Forschungsbereich heisst es: 
Im neuen SFB „Medien der Kooperation“ sind Forscherinnen und Forscher aus den Geistes-, Kultur-, Sozial- und Ingenieurwissenschaften beteiligt. Der SFB hat einen prägenden inter- und transdisziplinären Ansatz, der den inhaltlichen Kern der Forschung ausmacht: eine grundlegend veränderte Perspektive auf Medien und damit auch auf Gesellschaft. Denn: Digitale Medien lassen sich nach dem gemeinsamen Verständnis der Forscherinnen und Forscher nicht mehr als Einzelmedien verstehen. Vor der Digitalisierung war ein Telefon ein Apparat mit einer einzigen Funktion, heute ermöglichen Smartphones drahtlos den Zugriff auf Datenspeicher im Internet sowie auf vernetzte soziale Plattformen und so die kooperative Interaktion zwischen Millionen Menschen. Damit müssen nun auch klassische  Einzelmedien als Medien der Kooperation noch einmal anders verstanden werden.
Das ist für mich ein wesentliches Element im Stilwandel der Medien, wie er für diesen Blog leitend ist. 

In der Tat ein Meilenstein. 

Weitere Informationen

Donnerstag, 19. November 2015

Wir sind das Publikum!

Von Ralf Keuper

In ihrer aktuellen Studie Wir sind das Publikum! beschäftigt sich die Otto Brenner Stiftung mit der veränderten Rollenverteilung im öffentlichen, medialen Diskurs. Noch immer tun sich die Medienvereter ausgesprochen schwer damit, die Tatsache zu akzeptieren, dass ihr Deutungsmonopol unwiederbringlich dahin ist. Es ist auch nicht damit getan, den wachsenden Unmut weiter Teile der Bevölkerung über die Medienberichterstattung als Zuchthausrevolte oder Majestätsbeleidigung zu interpretieren und sich auf die Kreise zu konzentrieren, die über die Lügenpresse lamentieren. Das ist zu einfach. 

In der Pressmitteilung heisst es dazu:
In „Wir sind das Publikum“ analysiert der Autor diese Beziehungskrise und spürt dem Glaubwürdigkeitsverlust der Medien nach. Er beschreibt die veränderte Rolle des Publikums, das nun Medien direkt kritisiert und damit eine neue, bisher unbekannte Form der Medienkritik praktiziert. Internet und soziale Medien haben das Verhältnis zwischen Journalisten und Publikum verändert. Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich dabei auf Hassmails und Trolle und übersieht nach Ansicht des Verfassers, „dass in der veränderten Rolle des Publikums auch die Chance zu demokratischer Partizipation stecken kann“
Statt den Kopf in den Sand zu stecken und sich in sein Schneckhäuschen zurückzuziehen, täten die ÖR-Medien gut daran, den offenen Dialog mit den Bürgern zu suchen, die letztlich die Party bezahlen: 
Die Stiftung ist der Auffassung, dass „die öffentlich-rechtlichen Sender in besonderer Verantwortung stehen, den Dialog zu befördern, auf ihre Kritiker zuzugehen und Formen und Räume zur Beteiligung und Programmkritik zu schaffen“. Sie werden schließlich via Haushaltsabgabe von der Allgemeinheit finanziert. Demokratische Teilhabe braucht auf der anderen Seite auch mündige Bürger, die sich wie solche verhalten: Dialog ist keine Einbahnstraße.
Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, wie nicht nur Jascha Jaworski in Medienkritikkritik: ZAPP nutzt Gunst der Stunde – auch gegen NachDenkSeiten zu bedenken gibt. 

Die sozialen Medien haben das eintreten lassen, was Don Tapscott bereits in Wikinomics feststellte:
We are the media
Vor allem jüngere Menschen informieren sich immer mehr über soziale Netzwerke, weshalb die Aussage Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Sozialen Netzwerke immer plausibler klingt. 

Ausgesprochen skeptisch beurteilt diese Entwicklung dagegen Sebastian Müller in Der digitale Traum vom herrschaftsfreien Diskurs.

Samstag, 14. November 2015

Der Stilwandel der Medien #1

Hier einige Beiträge der letzten Zeit, die sich mit dem Stil- und Formwandel der Medien beschäftigen: 

Electronic Mail im Jahr 1989

Von Ralf Keuper

Gegen Ende der 1980er Jahre erkannten immer mehr Unternehmen in Deutschland das Potenzial, das die Electronic Mail ihnen bot. Als eines der ersten Unternehmen hierzulande setzte das Pharmaunternehmen Byk Gulden Lomberg dieses neues Kommunikationsmedium ein, worüber das Industriemagazin in der Ausgabe 3/1989 in Postfach für Bit-Briefe berichtete. 

Der EDV-Leiter des Unternehmens beschrieb die Vorteile des neuen Systems wie folgt:
Der Computer funktioniert dabei wie ein Briefkasten, über den man ausgehende Sendungen sammelt und verteilt. 
Das Industriemagazin fügte hinzu:
Damit lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das System schickt Daten auf die Reise, es nimmt Informationen entgegen und hält sie für momentan nicht erreichbare Empfänger bereit. Dafür richtet das Programm im Datenarchiv des Computers Ablagefächer - sogenannte Mailboxen ein - ein, in denen Nachrichten zum Senden oder Empfangen aufbewahrt werden. 
Trotz einiger Skepsis räumten die Autoren dem neuen Medium gute Erfolgschancen ein:
Gute Chancen für das neue Medium bestehen da, wo Telefon oder Briefpost nicht ausreichen, um einen dauernden Informationsfluss aufrechtzuerhalten. 
In den letzten Jahren war immer wieder zu hören und zu lesen, dass die Tage der E-Mail gezählt seien. Ein verfrühter Abgesang, wie nicht nur Christoph Lixenfeld in Wir sind süchtig nach E-Mails meint. 

Freitag, 6. November 2015

Den meisten Journalisten fehlt das Erzählkontinuum

Von Ralf Keuper

Seine herausgehobene Stellung unter den deutschen Medien bezog der Spiegel lange Zeit aus seinem legendären Archiv. Üblich war, dass ein Journalist bei der Recherche für einen Beitrag die Dienste des Archivs in Anspruch nahm. Auf diese Weise entstand der typische Spiegel-Stil, der erkennen ließ, dass die in dem Artikel verwendeten Informationen nicht ad hoc zu beschaffen waren. Erich Kuby hat dieses Zusammenspiel in seinem Buch Der Spiegel im Spiegel beschrieben. Auf diese Weise entstand eine Kontinuität, ein Erzählkontinuum. Als Leser hatte man den Eindruck, nicht immer wieder bei Null anzufangen. Heute ist der Journalismus vor allem ereignisgetrieben. Jeden Tag scheint die Welt für viele Journalisten neu zu entstehen. Wie ein ZEN-Meister nehmen sie die Haltung eines Anfängers ein, der die Welt jeden Tag mit neuen Augen sieht. Besteht das Ziel des ZEN darin, zur Erleuchtung zu gelangen, so lässt sich das für den Journalismus nicht behaupten.

Sicherlich hatte sich auch beim Spiegel über die Jahre ein Gruppendenken etabliert, das, was in der Literatur auch als Groupthink oder als Gestaltete Umwelten (Karl Weick) kursiert. Allerdings war der Erzählhintergrund ein anderer. Er war konsistenter, bot mehr Orientierung. 

Freilich: Der Spiegel-Stil hat sich überlebt; die Welt ist zu unübersichtlich geworden, als dass sie durch eine bestimmte Folie repräsentiert werden könnte. Auch das beste Archiv kann heute nicht mehr mit dem Internet, z.B. Wikipedia konkurrieren. Das Informationsmonopol ist unwiederbringlich dahin. 

Anders als damals stehen den Journalisten heute mehr Informationsquellen für ihre Recherchen zur Verfügung. Nur machen sie davon kaum Gebrauch. Stattdessen sind für sie die einzig wichtigen Referenzpunkte andere Medien, also das, was andere Journalisten schreiben und denken. Journalisten bewegen sich also vorwiegend in einem selbstreferentiellen System. Wie jedes System, so hat auch dieses seine Grenzen. Neu hinzu gekommen ist in den letzten Jahren der enorme ökonomische Druck mit seinen Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse der Journalisten, was unabhängigem Denken nicht unbedingt förderlich ist. Das wiederum begünstigt die Bildung bzw. Verfestigung von geschlossenen Systemen. Daraus erklärt sich auch die Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung mit der Medienberichterstattung, häufig auf das Schlagwort der "Lügenpresse" reduziert. 

Den meisten Medien fällt es noch immer erstaunlich schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Menschen dort draußen durchaus in der Lage sind, sich selbst zu informieren, und das, was sie zu lesen und zu hören bekommen, mit ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen abzugleichen. Auch ist der Wissens- und Bildungsstand vieler Medienkritiker dem des durchschnittlichen Journalisten mindestens ebenbürtig. Früher hatten die Medienkonsumenten außerhalb des Leserbriefes bloß kaum die Gelegenheit ihre eigene abweichende Meinung kundzutun. Das ist heute anders. Diese Machtverschiebung scheinen zahlreiche Journalisten als Palast- oder besser: Zuchthausrevolte zu empfinden. 

Damit werden sie sich jedoch abfinden müssen, wenn sie nicht völlig den Kontakt mit der Außenwelt verlieren und damit marginalisiert werden wollen. 

Die Leser und Hörer erwarten zu Recht vom Journalismus, dass er das vollbringt, wozu den Medienkonsumenten die Zeit fehlt: Intensive Recherche, die Fähigkeit, Ereignisse in einen längeren Zeithorizont integrieren und als Folge davon interpretieren zu können. Widersprüche aufzeigen, Fragen stellen und zum weiteren Nachdenken und Diskussionen anregen. 

Alles andere können die Menschen heute mindestens ebenso gut wie die Mehrzahl der Journalisten. Storytelling, konstruierte Geschichten gehören in die Rubrik Klatsch und Tratsch. 

Dienstag, 3. November 2015

Der Markt für Enzyklopädien gegen Ende der 1980er Jahre

Von Ralf Keuper

Aus heutiger Sicht scheint es kurios, dass die Verleger von Enzyklopädien gegen Ende der 1980er Jahre noch Zweifel hatten, ob der Computer der geeignete Medienträger sei und nicht doch mehrbändige Ausgaben weiterhin die Regale in den Wohnzimmern zieren würden. 

Beherrscht wurde der Markt für Enzyklopädien in Deutschland von F.A. Brockhaus und dem Bibliografischen Institut. Beide Unternehmen befanden sich zwar unter einem Dach, boten jedoch ihre Produktreihen weiter unter eigenem Label an. 

Anfang 1987 begann sich langsam eine Medienrevolution bei den Enzyklopädien anzubahnen, wie das manager magazin in Das letzte Lexikon? in der Ausgabe 1/1987 berichtete:
Als einer der ersten deutschen Verlage investierte das Bibliografische Institut bereits Mitte der 70er Jahre in die neuen Medien. Meyer hatte zum Beispiel bis 1983 das größte über Btx abrufbare Lexikonangebot Europas. Jedes "Nachschlagen" per Computer und Telefon kostet 75 Pfennig. Geschäftlich interessant ist ein solches System jedoch erst, wenn es in drei Jahren zehnmillionenmal angezapft wird - in der gegenwärtigen Btx-Flaute eine illusorische Zahl. 
Allein im Jahr 2012 verzeichnete Google 1,2 Billionen Suchanfragen. In Deutschland kam Google auf insgesamt 53 Milliarden Anfragen. Das pro Anfrage 75 Pfennig - Google würde noch mehr im Geld schwimmen ;.)

Auch sonst war man in den Verlagen skeptisch, was die Erfolgsaussichten elektronischer Medien betraf:
Während Duden bereits 1986 mit dem Computerhersteller Wang ein Rechtschreibhilfeprogramm (Preis für die Erstausstattung inklusive Hardware: 50.000 Mark) vorgestellt hat, das vor allem Großbetriebe einsetzen sollen, ist bei Meyer und Brockhaus - wie in der Branche allgemein - die Computer-Euphorie erst einmal gedämpft. Beim Vergleich zwischen bibliophilen und elektronischen Datenbanken schneidet das gute alte Buch heute nicht eben schlecht ab und wird wohl auch so schnell nicht totzukriegen sein. Im Moment jedenfalls ist es praktikabler und schneller als Btx und billiger als die Compact Disc.  
Einige Jahre später, im Jahr 2001, stand mit Wikipedia eine praktikablere, schnellere und vor allem günstigere Alternative zur Verfügung.  Im Jahr 2009 verschwand die Bibliografische Institut & F.A. Brockhaus AG vom Markt. 

Samstag, 31. Oktober 2015

Die Musikindustrie der Zukunft: Eine Mischung aus Kunst und Technologie?

Von Ralf Keuper

Wenn es nach dem Gründer von Beats, Jimmy Iovine, geht, dann wird die Musikindustrie ihr Gesicht in den nächsten Jahren nochmals deutlich wandeln. In Zukunft werde nicht mehr der Popstar die Massenkultur dominieren, sondern die gemeinsame Erfahrung, der Hörgenuss. Hierfür ist Technologie der Schlüssel. Für die heranwachsende Generation sei Technologie ein Kulturgut (Nach Ernst Cassirer ist die Trennung von Kultur und Technologie ohnehin künstlich). Insofern gehe es darum, die Verbindung zwischen den Hörern und den Musikern durch Technologie wiederherzustellen bzw. zu festigen, wie eben mit den Beats-Kopfhörern oder den Musikstreaming-Diensten wie Spotify oder Apple Music. So berichtet Wired in seiner aktuellen Ausgabe in dem Beitrag Tonkopf.  Sein Credo fasste Iovine kürzlich auf einer Veranstaltung in die Worte:
The media business needs to have tech people and give them stripes and the tech businesses needs to give media people stripes. .. Or it’s going to keep being the Star Wars bar in Tatooine.
In gewisser Hinsicht Gegenpol zu Iovine und Beats ist Bose, wo man an dem perfekten Klangerlebnis, wie es von Gründer Amar Gopal Bose postuliert wurde, festzuhalten gedenkt. Vor einiger Zeit kamen Berichte auf, wonach Bose selber den Einstieg in das Streaming-Geschäft plane. Seine Geräte hat das Unternehmen jedenfalls schon an die neuen Hörgewohnheiten angepasst und erntet damit anerkennende Worte, wie in The immaculate connection:  Bose has just made streaming music over Wi-Fi easier than ever – without breaking the bank.

Weitere Informationen:


Montag, 19. Oktober 2015

Recht auf Vergessenwerden im Zeitalter des Prominentenwahns

Von Ralf Keuper

Es ist irgendwie paradox: Während die einen (fast) alles zu tun bereit sind, um auch nur für einen Moment prominent zu sein, sind andere sehr darauf bedacht, unter keinen Umständen in die Schlagzeilen zu geraten oder auch nur irgendwie einem größeren Publikum bekannt zu werden. 

Im Internet werden Selfies am laufenden Band produziert. Da wirkt es irgendwie befremdlich, dass Nutzer auf ihrem Recht auf Vergessenwerden bestehen. Wäre es doch manchmal umgekehrt ;-)

Legendär sind die Schrullen von Milliardären, wie der Gebrüder Albrecht (Aldi) und der Familie Brenninkmeyer (C&A), denen es ein Graus war bzw. ist, ihren Namen in der Zeitung, einem Klatschblatt oder in den sozialen Netzwerken zu lesen; womöglich noch mit Details aus ihrem Privatleben.

In seinem Buch Die Revolution des Spießertums.Wenn Dummheit epidemisch wird schrieb Holger Rust über den Prominentenwahn: 
Ein anderes Ritual des Spießers ist sein Prominentenwahn. Normalerweise ist ja Prominenz etwas Erworbenes, etwas, das mit außergewöhnlicher Leistung zu tun hat. Beim Prominentenwahn ist das nicht mehr so. Da werden die Auserwählten am Fließband produziert. Denn in einem sich „explosionsartig ausbreitenden Medienuniversum“ - in den „Nullmedien“ - fordert der Konkurrenzkampf ständig das neue Sensationelle. Und das behält dennoch immer seine alten Inhalte. Die stets alten und neuen Prominenten werden zu den Exhibitionisten, zu „Hunderten von nichtssagenden Komparsen und Komparsinnen“, die als „Stars auf den Seiten einer aufgekratzten Journaille“ konkurrieren: die Models und Moderatoren und die Politiker - Claudia Schiffer, Verona Feldbusch, Hiltrud (Hillu) Schröder, Birgit Schrowange, Arabella Kiesbauer und Nina Ruge, um nur einige der wechselnden Berühmtheiten zu nennen. Das Publikum, der Voyeur, ist begeistert. Das Leben ist eine „Klatschrunde“.
Das Autoren-Duo Carlo Fruttero und Franco Lucentini prägte in dem Zusammenhang den Begriff des Prominentenproletariats

Gut möglich, dass wir angesichts dessen irgendwann ein Grundrecht auf Nicht-Prominez bekommen ;-)