Sonntag, 1. Februar 2015

Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet

Von Ralf Keuper

Der Journalismus in Deutschland erweckt bei immer mehr Beobachtern den Eindruck der Einseitigkeit. Statt auf Nuancen einzugehen, um so zu einem differenzierteren Bild zu gelangen, ist die "Wahrheit" schnell gefunden; und das sogar über nahezu alle Formate hinweg; seien es Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen.

Woher kommt diese Tendenz zur Einheitssicht? Ist die Lage heutzutage wirklich so überschaubar, sind die Tatsachen so schnell auf eine Ursache zurückzuführen? Ist die Welt - anders als Habermas noch vor Jahren meinte - durch eine Neue Übersichtlichkeit geprägt? Ist unser Wertekanon in sich so konsistent, hat er alle Versuche der Widerlegung, der Falsifizierung erfolgreich überstanden, so dass die Annahme gerechtfertigt ist, er sei damit verifiziert?

Das erscheint unplausibel, bekommen wir doch ansonsten ständig zu hören und zu lesen, dass die Welt kompliziert geworden sei, und einfache Antworten, Simplifizierungen zu Entscheidungen mit fatalen Konsequenzen führen können. 

Kann es sein, dass der Journalismus, um einen Ausspruch von Karl Kraus aufzugreifen, inzwischen das Problem ist, als dessen Lösung er sich ausgibt, d.h. produziert er erst die Probleme, über die er berichtet?

Kurzum: Ist der Journalismus überhaupt noch zur Selbstkorrektur willens und/oder in der Lage?

Zweifel sind angebracht. Es ist davon auszugehen, dass der Journalismus so verfährt wie bisher, mag das Vertrauen der Leser in die Medien auch noch so sinken. Fast könnte man von einer Lust am Untergang sprechen.

Sicherlich hat Cornelia Mothes Recht, wenn sie sagt, der Journalismus müsse sich der Diskussion um Objektivität stellen. Aber: Sollte das nicht ohnehin selbstverständlich sein? Wie muss es um die journalistische Ausbildung bestellt sein, wenn auf Standards aufmerksam gemacht werden muss, die eigentlich zum Handwerkszeug all derer zählen sollten, die auf die öffentliche Meinungsbildung einen nicht unerheblichen Einfluss haben?

Anders gefragt: Kann man Journalismus, Publizistik überhaupt an den Maßstäben der Wissenschaft messen? Ist es eine Wissenschaft? 

Dass Journalismus sich durchaus an wissenschaftlichen Prinzipien orientieren kann, in der offenen Gesellschaft sogar dazu verpflichtet ist; diese Überzeugung tat Peter Michael Lingens vor Jahren auf dem Popper-Symposium kund:
Den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag zur Falsifizierung falscher gesellschaftlicher Thesen liefert in der offenen Gesellschaft der freie Journalist. Er ist gleichsam das Auge, das Ohr und der Mund des gesellschaftlichen Organismus. Durch ihn wird der gesellschaftliche Organismus imstande zu erfahren und zu artikulieren, wo und und wie eine bestimmte ideologische Behauptung widerlegt wurde. ... Die offene Gesellschaft ist ohne freie Journalisten undenkbar. Denn sie lebt davon, dass falsche Theorie, falsche gesellschaftliche Maßnahmen so rasch wie möglich falsifiziert werden, damit sie durch bessere ersetzt werden können. Dafür ist entscheidend, ob der Journalist seine Aufgabe als Auge, Ohr und Mund des gesellschaftlichen Organismus korrekt erfüllt. Ob er, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit schreibt. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz - Die Zukunft ist offen)
Mittlerweile ist offensichtlich geworden, dass die Journalisten alleine diese Rolle nicht mehr ausfüllen können. Eine stärkere Rolle als bisher müsste demnach der Medienjournalismus übernehmen. Dazu braucht es, neben der digitalen Öffentlichkeit, auch Instanzen, welche die Aufgabe der Journalisten übernehmen, d.h. auch den Journalismus kritisch beobachten und als Korrektiv fungieren. Das wird m.E. Stand heute nur über kapitalmäßig und personell ausreichend ausgestattete Medien gehen, die von Stiftungen getragen werden.  

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