Donnerstag, 26. Februar 2015

Zukunft der Medien: Verbündelung oder Vernetzung?

Von Ralf Keuper

Der Begriff "Informationsgesellschaft" ist für viele von uns inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir uns kaum noch Gedanken darüber machen, was damit konkret gemeint ist. Vilém Flusser versucht in seinem Beitrag Verbündelung oder Vernetzung? hier für mehr Klarheit zu sorgen. 

Wesensmerkmal der Informationsgesellschaft ist für Flusser:
Nicht der Mensch, und auch nicht die Gesellschaft, sondern das Beziehungsfeld, das Netz der intersubjektiven Relationen, ist das Konkrete. ... Diese Einsicht nun, wonach die einen jeden von uns mit anderen verbindenden Fäden unser konkretes Dasein ausmachen, wonach die Kommunikation die Infrastruktur der Gesellschaft ist, führt zum Errichten der Informationsgesellschaft im hier gemeinten Sinne des Wortes. (in: Medienkulturen)
Als Konsequenz daraus bedürfen weitere in unserem Sprachgebrauch verwendete Begriffe einer neuen Interpretation:
Die Informationsgesellschaft wäre demnach eine Strategie zur Verwirklichung der Virtualität "Ich" in der Virtualität "Du", also zum Abschaffen der Ideologie von einem Selbst zugunsten der Erkenntnis, dass wir einer für den anderen da sind und keiner für sich selbst da ist. ... Eine derartige Anthropologie, wonach wir Knoten von Beziehungen sind, die erst im Verhältnis zu anderen wirklich werden, stellt die Frage nach der Nähe auf eine eigentümliche Weise. Nähe ist danach nicht die Funktion irgendeiner räumlichen und zeitlichen Entfernung, sondern Funktion von Zahl und Intensität der Beziehungen, die den einen mit den anderen verbinden (ebd.)
Die Massenmedien senden Bündel von Informationen an Empfänger, die darauf nicht direkt antworten können und damit in gewisser Weise als unmündig betrachtet werden. Die Vernetzung dagegen erschafft kleine Inseln der Kommunikation. Hier verläuft die Kommunikation anders - direkt vom Sender zum Empfänger und zurück. Im besten Fall ein Dialog also. Die eigentliche Kommunikations- oder Medienrevolution besteht für Flusser darin, dass die Informationsströme umgelenkt werden und zwischen den Bündeln und den Inseln oszillieren. Der öffentliche Raum wird marginalisiert. Die Konfliktlinie verläuft demnach zwischen den typischen Massenmedien und den, so würde ich es formulieren, Micromedien. Für Flusser handelt es sich dabei um verschieden Schaltpläne. Die Bündelung führt unweigerlich in eine totalitäre, gleichgeschaltete Gesellschaft, während die Vernetzung eine pluralistische Gesellschaft fördert. 

Mit Blick auf die aktuelle Situation und die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist es kaum übertreiben, die Feststellung zu treffen, dass die Massenmedien noch immer den Bündelung-Schaltplan verwenden, auch wenn sie hin und wieder versuchen, davon ein Stück weit abzuweichen. So lange der Schaltplan nicht geändert wird, ist ein weiterer Vertrauensverlust und damit letztendlich der Niedergang vorprogrammiert. 

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