Samstag, 30. Mai 2015

Neue Medienformate: Zwischen Konversation und Publikation

Von Ralf Keuper

Während die Suche nach dem ultimativen (digitalen) Geschäftsmodell der Medien munter weiter geht, ist Medium-Chef Ev Williams schon einen Schritt weiter. So jedenfalls der Eindruck, der sich bei der Lektüre von Medium.com: Blog-Plattform oder soziales Netzwerk? einstellt. 

Williams hat seiner Medienplattform einen Strategiewechsel verordnet, der nicht überall auf Zustimmung trifft. Williams ist nach seinen Erfahrungen bei Blogger.com und twitter mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass es bei Medien weniger auf technische Features, sondern mehr auf Konversationen, Verknüpfungen ankommt. Im Zentrum stehe daher die Weiterentwicklung der Bearbeitungsmöglichkeiten der Texte. Konversation sei im Zweifelsfalle wichtiger als die reine Publikation. Nachdem der Text bearbeitet und kommentiert wurde, darf er natürlich gerne über die sozialen Netzwerke kommuniziert werden. Hierfür stehen dann entsprechende Funktionen zur Verfügung. Also weniger ein Entweder oder, als vielmehr ein Sowohl als auch. Alles andere wäre auch kontraproduktiv. 

Damit folgt Medium der Vision der fortgesetzten Bearbeitung, Weiterzählung eines Textes. Quasi die Unendliche Geschichte im Digitalformat. Das Unvollendete als Prinzip. Flüchtige Medieninhalte im Sinne von Zygmut Baumann. 

Inspirierend in dem Zusammenhang auch der Beitrag “Quartz ist eine API” und wird digitale Nachrichten umformen. Darin erläutert Quartz-Produktmanager und leitender Redakteur Zachary M. Seward die rasante Entwicklung von Quartz und die dahinter stehende Philosophie. Diese ist ganz dem Open API - Gedankengut verpflichtet. Seward geht sogar so weit festzustellen:
Quartz ist eine API
Seward schreibt:
Bevor wir qz.com aufgebaut haben, haben wir die Quartz API gebaut. (Eines Tages hatte schon jemand angefangen, damit herumzuspielen.) Heute ist der wichtigste Kunde der API noch immer qz.com, aber eigentlich könnte es in alle Richtungen gehen. Es war immer unsere Philosophie, zwischen uns und unseren Lesern so wenig Reibung wie möglich zu verursachen. Unsere API kann das bekräftigen. ...
Wenn wir sagen, dass Quartz eine API ist, meinen wir nicht, dass man Dinge einmal veröffentlicht und es überall hin schickt. Wir meinen, dass Quartz dorthin gehen kann, wo unsere Leser sind, welche Form auch immer benötigt wird. 
Das könnte in der Tat die Blaupause für den digitalen Journalismus sein.

Etwas mehr der alten Welt verpflichtet ist der Beitrag Verlage im Widerspruch. Mit Blick auf die jüngsten strategischen Züge von facebook zitiert Heiko Hilker aus einem Beitrag von Felix Stephan, indem dieser die Ansicht vertritt, die Verlage müssten ähnlich wie facebook die Daten ihrer Nutzer sammeln und auswerten, um ihnen so passende Artikel und Werbung liefern zu können.  Hilker fügt hinzu, dass die Verlage, anders als facebook, den Nutzer auch die Möglichkeit anbieten könnten, selber zu entscheiden, welche Daten von ihnen erfasst und verwertet werden. Kurzum: Digitaler Journalismus unter Berücksichtigung der Datensouveränität der Nutzer. 

Solange aber die Verlage nicht bereit sind, in guten Journalismus zu investieren wird sich in absehbarer Zeit an dem Dilemma der Branche wenig ändern; sie wird eher noch mehr in die Abhängigkeit von facebook & Co. geraten. Dann ist irgendwann auch die Rendite im Eimer. 

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