Sonntag, 28. Juni 2015

Betreuungsjournalismus

Von Ralf Keuper

Wer hätte gedacht, dass Habermas und Schelsky einmal so nah beieinander liegen könnten? Der aktuelle Zustand der Berichterstattung der Medien macht es - zumindest auf den ersten Blick - möglich. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung übte Jürgen Habermas Kritik an den Medien, die im Verlauf der Griechenland-Krise einen einschläfernden Journalismus praktizieren würden. Der Deutschlandfunk griff die Schelte in Habermas: Presse schläfert Menschen ein auf. Habermas wird wohl auch die ZEIT kaum vorwerfen wollen, Medien unter Generalverdacht zu stellen und sie als Lügenpresse zu stigmatisieren. 

Wir hätten es zunehmend, so Habermas, mit einem betreuenden Journalismus zu tun. Den Menschen werden Beruhigungspillen serviert und der Eindruck vermittelt, das alles gut sei, oder bald im Lot sein werde. 
Mutti und die Troika machen das schon! - Um den Rest kümmern wir uns. Wenn wider Erwarten doch Probleme auftreten sollten, sagen wir euch rechtzeitig bescheid. Legt euch also wieder hin oder lasst euch weiter von uns berieseln. 
So könnte man den Betreuungszustand vielleicht (plakativ) beschreiben. Eine eigene abweichende Meinung zu vertreten, kommt kaum noch einem Journalisten in den Sinn. Insofern handelt es sich um ein selbstreferentielles System. Wenn die anderen Medien es auch so sehen, kann es so falsch nicht sein, jedenfalls ist es klug, sich der Herde anzuschließen. Die Leser könnten sonst pikiert sein und sich von uns abwenden. Noch mehr Auflagenschwund und sinkende Aufrufzahlen bzw. nachlassende Reichweite im Netz können wir uns nicht erlauben. 

Noch im Jahr 2010 übte Marc Brost in der Zeit mit Blick auf das Versagen weiter Teile der Wirtschaftsjournalisten im Vorfeld der Finanzkrise in dem Beitrag Wir waren zu feige Selbstkritik. Geändert hat sich seitdem nicht wirklich etwas - eher im Gegenteil. 

Helmut Schelsky machte in seinem Buch Der Selbständige und der betreute Mensch auf die schleichende Entmündigung der Menschen in der modernen, durchrationalisierten Welt aufmerksam. In seinem Beitrag Vier Gefahren brachte er seine Sicht auf eine griffige Formel: 
Ist mehr Selbständigkeit oder mehr Betreuung erforderlich, wobei das erste mehr persönliches Risiko, das zweite mehr obrigkeitliche oder vorgesetzte Reglementierung als Nachteile mit sich bringt?
Scheinbar hat man sich in den Medien für den Betreuungsmodus entschieden. Das überrascht um so mehr, als dass viele Journalisten den Griechen eine Reformunwilligkeit glauben attestieren zu können, ihre eigene Wandlungsresistenz dagegen unkommentiert lassen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen