Freitag, 10. Juli 2015

Der merkwürdige Ordnungsruf der SZ

Von Ralf Keuper

In einem Beitrag rügt der Feuilleton-Chef der SZ, Adrian Kreye, den offenen Brief, den fünf Ökonomen, darunter Thomas Piketty, an Bundeskanzlerin Angela Merkel verfasst haben. Seine Ablehnung begründet Kreye wie folgt:
Wenn sich Medien und Wissenschaft als Aktivisten verstehen, haben sie ihre gesellschaftliche Rolle verspielt. Die drei Gewalten können sich hervorragend ergänzen. Medien und Wissenschaft dürfen allerdings politisch keine Partei ergreifen. Aktivisten müssen das.
Das veranlasste den Herausgeber der Gazette München, Fritz Glunk, zu einem offenen Brief an Kreye, in dem er seine Verwunderung über den Tadel äußert:
Welches Medium hat hier denn, wie Sie unterstellen, Partei ergriffen? Etwa das Internet? „Medien“, die den Offenen Brief etwa wiedergegeben haben? Wem Sie hier vorwerfen, „politisch“ Partei ergriffen zu haben, bleibt unklar. Es spielt allerdings keine sehr große Rolle, denn ganz selbstverständlich berichten Medien (insbesondere in einer meinungsvielfältigen Gesellschaft) von einem Offenen Brief an eine Bundeskanzlerin — seine Autorität, Relevanz und Aktualität vorausgesetzt. Der Vorwurf, sie dürften das nicht, geht ins Leere und ist bei einem anerkannten Journalisten besonders verwunderlich.
Wenn es so wäre, wie Kreye meint, dann dürften die sog. Wirtschaftsweisen künftig keine Herbstgutachten erstellen und, mit entsprechenden Empfehlungen versehen, der Bundeskanzlerin überreichen. 

Das Feuilleton der SZ ist nicht unbedingt eine Autorität, wenn es um die Behauptung einer neutralen Position in strittigen Fragen geht. Beispiel dafür ist die Diskussion um die Schwarzen Hefte Martin Heideggers. In der SZ waren überwiegend Heidegger-freundliche Beiträge und Interviews zu lesen, zu einem Zeitpunkt, als andere Zeitungen die Beweislage für so erdrückend hielten, dass von einer Trennung von Werk und Person nicht mehr ausgegangen werden könne.


Auch sonst scheint sich der Eindruck Glunks zu bestätigen, dass der fortschreitende Niveauverlust der SZ nicht mehr zu übersehen ist. 

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