Donnerstag, 27. August 2015

Hans-Ulrich Kempski und die Kunst der Reportage

Von Ralf Keuper

Wer heute einen Blick in die Zeitungen wirft, hat nicht selten den Eindruck, dass sich hier über die Jahre ein Einheitsstil herausgebildet hat, der von einer Mischung aus Storytelling und Sensationshascherei - gepaart mit eingeschränkter Beobachtungs- und Urteilsfähigkeit - geprägt wird. Ob dies die Folge der Ausbildung der gängigen Journalistenschulen ist, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Jedoch fällt der fehlende Mut unter den Journalisten, einen eigenen Stil zu entwickeln, ins Auge. Sicher - auch in der Vergangenheit gab es den Einheitsstil - wie beim SPIEGEL. Dort war es eigentlich unerheblich, wer einen Beitrag verfasste, der Tenor, das Muster waren immer dieselben. 

Gut daher, dass es Dokumente aus der jüngeren Vergangenheit gibt, die zeigen, dass auch Journalisten große Erzähler sein können, ohne in den Plauderton oder gar in einseitige Parteinahme zu wechseln. Beispielhaft dafür ist Hans-Ulrich Kempski, über Jahrzehnte Leitartikler bei der SZ. 

Einen guten Einblick in sein Schaffen vermittelt der Band Hans Ulrich Kempski berichtet. Große Reportagen eines legendären Journalisten. Herausgegeben von Gernot Sittner.

Im Vorwort schreibt Gernot Sittner:
Er hatte keine Journalistenschule besucht, als er nach dem Krieg ... im Alter von 24 Jahren als Reporter bei der Deutschen Nachrichtenagentur DENA, der späteren Deutschen Presseagentur (dpa), begann - ein Autodidakt, beeinflusst von der Berufsauffassung, die ihm durch amerikanische Presseoffiziere vermittelt wurde. Aber das an sich so vorbildliche angelsächsische Modell der strikten Trennung von Nachricht und Meinung habe ihm, so sagte er einmal, bald mehr und mehr missfallen, weil es die Darstellung der vollen Wahrheit verhindere. "Das ganze Grünzeug am Rande einer geplatzten Chaos-Konferenz - darüber hatte ich kein Wort erzählen können. Da habe ich ein Modell entwickelt, dessen tragendes Strukturprinzip wohl die Personalisierung war". .. Unter den deutschen Journalisten der Nachkriegszeit hat keiner das Handwerk des Reporters, die Kunst der Reportage, der eine genaue Dramaturgie zugrunde liegt, und des farbigen Porträts so souverän beherrscht wie er. Er war darin nicht nur ein Meister, sondern hat diese journalistische Form überhaupt in der deutschen Presse eingeführt und etabliert. 
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Kommentare:

  1. Ein Kommentar von Wolfgang Michal

    HU Kempski war seinerzeit an der Deutschen Journalistenschule der einzige der zahlreichen Lehrer, der das Handwerk bis ins Detail erklären konnte. Er erzählte, wie er eine Reportage recherchiert, dramaturgisch vorbereitet/inszeniert und dann schreibt. Und zwar meist über Nacht (denn er sah die Tageszeitung noch als Tageszeitung, nicht als permanentes Wochenendmagazin). Kempski erzählte, dass er den Ort des Geschehens (oft waren es politische Gipfeltreffen) immer zwei Mal aufsuchte, einmal vor dem Ereignis (wo er sich die Details notierte und die Örtlichkeiten inspizierte) und natürlich während des Ereignisses. So konnte er sich ganz auf das Geschehen konzentrieren. Danach ging er auf sein Hotelzimmer, breitete die Blättchen seines kleinen Notizblocks auf dem Bett aus und sortierte sie, mit Filzstiften farblich markiert, zu thematischen Häufchen und brachte sie dann in eine bestimmte Reihenfolge. Anschließend legte er Anfang und Schluss der Geschichte fest und begann zu schreiben (= die Gliederung mit Text auszufüllen). Noch in der Nacht gab er seine Geschichte telefonisch an die Redaktion durch. Aber Kempski schrieb vor allem politische Reportagen und Features, also die klassische Seite 3 der SZ in den sechziger und siebziger Jahren. Meist ging es darum, dass große Männer auf großen Konferenzen große Politik machten. So würde man heute nicht mehr schreiben. Aber seine Technik war genial (und sie funktioniert).

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  2. Hallo Herr Michal,

    vielen Dank für Ihre Schilderung "aus erster Hand".

    Derzeit lese ich das Buch, das ich in dem Beitrag erwähnt habe. Da ist jeder Beitrag ein kleines Kunstwerk, ein Gemälde. Wenn ich jetzt Ihren Kommentar lese, dann wird mir einmal mehr klar, dass dahinter eine Methode und konzentrierte Arbeit stehen. Im Grunde ging er bei seinen Recherchen ebenso vor, wie ein Romanschriftsteller, der die Umgebung, das Milieu genau erkundet, bevor er ans Werk geht.

    Seine Technik sollte heute noch gelehrt, und vor allem praktiziert werden ;-)

    Viele Grüße

    Ralf Keuper

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