Donnerstag, 6. August 2015

Medien als Kontraindikation

Von Ralf Keuper

Der unschätzbare Wert der Medien besteht darin, dass sie dem aufmerksamen Beobachter genau die Themen anzeigen, um die er sich nicht allzu sehr kümmern muss. Das gilt vor allem für den Bereich des Wirtschaftsjournalismus, und hier vornehmlich für die Börsenberichterstattung, wie der Investor Ken Fisher anerkennend feststellt:
Die Medien erweisen uns allen .. einen immensen Dienst. Sie zeigen uns, wie die Stimmung ist! Wie wir .. gesehen haben, spiegelt das auf Übertreibungen ausgerichtete Gruppendenken der Medien die Masse wider und beeinflusst sie. Dadurch wird es zu einer großartigen Möglichkeit, verbreitete Überzeugungen, falsche Ängste und Stimmungswechsel zu erkennen. Wenn die Medien etwas totsagen, etwas gut- oder schlechtreden, dann haben die Märkte es wahrscheinlich schon eingepreist. Und das kann man ausnutzen. (in: Kasse statt Masse)
Kurzum: Gäbe es die Medien nicht, wüsste der Investor nicht so schnell, wo er nicht suchen muss. Eine enorme Kostenersparnis (Suchkosten). Medien als Kontraindikation.

Ein Trend, ob gesellschaftlicher, kultureller, technologischer und ökonomischer Art, den die Medien in ihrer Mehrheit also solchen zu erkennen glauben, ist bereits keiner mehr. 

Vielen Journalisten kommt bei der Erledigung dieser wichtigen Aufgabe der Umstand zugute, dass sie über ein stark ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis verfügen. Nicht selten hat man den Eindruck, dass einige von ihnen unmittelbar nach Dienstschluss ihren (mentalen) Arbeitsspeicher löschen. So kann man wie ein ZEN-Meister jeden Tag wieder als ganz neues Ereignis feiern, das nicht an die Vergangenheit gekettet ist. So erklärt es sich auch vielleicht, dass einige Geschichten immer wieder auftauchen und Krisenzeichen aus der Vergangenheit als für die Gegenwart völlig irrelevant erkannt werden, getreu der Maxime: Diesmal ist alles anders!

Alles neu - darauf basiert das Geschäftsmodell, schließlich muss ja irgendwas produziert werden, die Leute können ja nicht einfach nur da sitzen und in tiefe Reflexion verfallen und sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn es wirklich etwas zu berichten gibt, d.h. eine echte Information (Information ist das, was einen Unterschied macht, wie Gregory Bateson zu sagen pflegte) vorliegt, obwohl das häufig die bessere Alternative wäre. 

Hin und wieder zeigen sich die Defizite eines zu stark ausgeprägten Herdentriebes im Journalismus, insbesondere im Wirtschaftsjournalismus wie die Otto Brenner - Stiftung in ihrer Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise.  Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik feststellte. 

Rettung naht jedoch. Derzeit sind einige Projekte dabei, Tools zu entwickeln, mit deren Hilfe das Rauschen aus den Meldungen herausgefiltert werden kann. Wenn es dann noch eines Tages Google oder einem anderen Anbieter gelingen sollte, evidenzbasierte Verfahren bei der Suche einzusetzen, dann sind wir einen Schritt weiter. Der einzelne Nutzer wird auf Dauer Tools einsetzen können, die es ihm ermöglichen die Kriterien, Regeln selber zu definieren, die sich wiederum an wissenschaftstheoretischen Prinzipien orientieren. Das wird den Journalismus von Grund auf verändern. 

Es ist schon bemerkenswert, dass wir von Künstlicher Intelligenz, Machine Learning, Robotik und was sonst noch alles zu lesen bekommen, bei der Informationssuche aber noch im Steinzeit-Modus unterwegs sind - noch. 

Wer dann immer noch Trash hören und lesen will, darf das auch weiterhin. Nur bekommen es die, die es nicht wollen, nicht mehr präsentiert. Der Informationsmüll kann dadurch signifikant reduziert werden. 

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