Sonntag, 20. September 2015

Haben wir unser Wissen fast ausschließlich aus den Massenmedien?

Von Ralf Keuper

Nach Ansicht von Niklas Luhmann verdanken wir unser Wissen fast vollständig den Massenmedien. Eine Aussage, die vielen selbstverständlich erscheint, nur: Stimmt sie auch?

Beziehen wir unser Wissen nicht auch noch aus anderen Quellen? Da wären zum Beispiel die Sitten und Gebräuche einer Gesellschaft, die kulturelle Überlieferung, Erziehung und Schule, unser genetisches Erbe bis hin zum Phänomen der Prägung. All das, so könnte man einwenden, wird über die Massenmedien verfügbar bzw. bekannt gemacht. Was ist mit mündlicher Überlieferung, mit intensiven Gesprächen, Gesten, mit der Intuition, was mit dem Wissen, das schon nahe an der Offenbarung ist? Bezieht ein Künstler wie ein Maler seine Inspiration vorrangig aus den Massenmedien? 

Wohl kaum.

Es wäre ein Armutszeugnis, würden wir unser komplettes Wissen, oder den überwiegenden Teil, aus den Massenmedien gewinnen. 

Kommentare:

  1. Vielleicht kann man Luhmann so verstehen: "Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide." Das ist aus "Über Gewissheit" von Ludwig Wittgenstein. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann hat Luhmann ja einen sehr breit gefassten Begriff davon, was Medien sind. Abgesehen davon, bedenkt Luhman ja auch gleichzeitig den Zwiespalt, dass man immer das Gefühl hat, von den Medien angelogen zu werden.
    Wenn man aber überlegt: Woher kenne ich die Mondlandung, Amerika (wenn ich noch nie dort war), die Geschichte überhaupt und die funktionsweise der Welt? Erziehung ist laut Luhmann ja auch ein (Massen-)Medium, oder?

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  2. Vielen Dank für den Kommentar.

    Luhmanns Sichtweise hat einige unbestreitbare Vorteile - keine Frage. Erziehung, so wie sie heute praktiziert und verstanden wird, ist ohne den Einsatz von Massenmedien kaum noch denkbar. Ein Trend, der sich m.E. mit der Verbreitung von E-Learning fortsetzen wird. Aber dennoch bleiben Lücken, weiße/blinde Flecken, die auch Luhmann mit seiner Beschreibung nicht erfassen kann. Oder, um ebenfalls mit Wittgenstein zu sprechen:

    "Ich kann über die Welt ein einheitliches Netz der Beschreibung legen, durch das ich alles auf eine einheitliche Form bringe. Je nach der Art von Netz, die ich wähle, entsteht eine Art der Weltbeschreibung. Wenn ich verschiedene Netze nehme, bringe ich verschiedene Weltbeschreibungen hervor. ... Wir müssen hier aber sehr deutlich sehen, dass alles, was wir auf diese Art beschreiben, und alle Gesetze, die wir so finden, vom Netz handeln, nicht aber von dem, was das Netz beschreibt" (Quelle: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein, hrsg. von Gerd Brand)

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