Montag, 19. Oktober 2015

Recht auf Vergessenwerden im Zeitalter des Prominentenwahns

Von Ralf Keuper

Es ist irgendwie paradox: Während die einen (fast) alles zu tun bereit sind, um auch nur für einen Moment prominent zu sein, sind andere sehr darauf bedacht, unter keinen Umständen in die Schlagzeilen zu geraten oder auch nur irgendwie einem größeren Publikum bekannt zu werden. 

Im Internet werden Selfies am laufenden Band produziert. Da wirkt es irgendwie befremdlich, dass Nutzer auf ihrem Recht auf Vergessenwerden bestehen. Wäre es doch manchmal umgekehrt ;-)

Legendär sind die Schrullen von Milliardären, wie der Gebrüder Albrecht (Aldi) und der Familie Brenninkmeyer (C&A), denen es ein Graus war bzw. ist, ihren Namen in der Zeitung, einem Klatschblatt oder in den sozialen Netzwerken zu lesen; womöglich noch mit Details aus ihrem Privatleben.

In seinem Buch Die Revolution des Spießertums.Wenn Dummheit epidemisch wird schrieb Holger Rust über den Prominentenwahn: 
Ein anderes Ritual des Spießers ist sein Prominentenwahn. Normalerweise ist ja Prominenz etwas Erworbenes, etwas, das mit außergewöhnlicher Leistung zu tun hat. Beim Prominentenwahn ist das nicht mehr so. Da werden die Auserwählten am Fließband produziert. Denn in einem sich „explosionsartig ausbreitenden Medienuniversum“ - in den „Nullmedien“ - fordert der Konkurrenzkampf ständig das neue Sensationelle. Und das behält dennoch immer seine alten Inhalte. Die stets alten und neuen Prominenten werden zu den Exhibitionisten, zu „Hunderten von nichtssagenden Komparsen und Komparsinnen“, die als „Stars auf den Seiten einer aufgekratzten Journaille“ konkurrieren: die Models und Moderatoren und die Politiker - Claudia Schiffer, Verona Feldbusch, Hiltrud (Hillu) Schröder, Birgit Schrowange, Arabella Kiesbauer und Nina Ruge, um nur einige der wechselnden Berühmtheiten zu nennen. Das Publikum, der Voyeur, ist begeistert. Das Leben ist eine „Klatschrunde“.
Das Autoren-Duo Carlo Fruttero und Franco Lucentini prägte in dem Zusammenhang den Begriff des Prominentenproletariats

Gut möglich, dass wir angesichts dessen irgendwann ein Grundrecht auf Nicht-Prominez bekommen ;-)

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