Dienstag, 29. Dezember 2015

Bildschirmtext - erster Online-Gehversuch der Deutschen

Von Ralf Keuper

Mit dem Bildschirmtext betrat die Deutsche Bundespost damals "Neuland". Obwohl im Nachhinein ein Flop, erkennen einige Beobachter im Btx einen Wegbereiter des Internet, wie Volker Schmidt anlässlich des 30. Btx-Geburtstages in Die ersten Online-Gehversuche der Deutschen. Das darunter liegende Geschäftsmodell war von beeindruckender Schlichtheit und Stringenz:
Aber nicht die Vorläuferin der E-Mail war aus Sicht des Anbieters, der Deutschen Bundespost, das Wichtigste, sondern der "Telekauf per Schaltstern". Mithilfe der Tasten * und # konnten Benutzer Schlagworte eingeben, zum Beispiel *Quelle# oder *Neckermann#. Firmen sollten diese Begriffe gegen eine Gebühr registrieren lassen und so das System finanzieren. Auf ihren Seiten boten Sie zum Beispiel aktuelle Informationen oder einen Onlineversandhandel an. Die Anbieter wiederum kassierten vom Nutzer eine Gebühr für den Abruf ihrer Seite, abgerechnet wurde das über die Telefonrechnung. Und auch die Bundespost kassierte Geld vom Nutzer, über eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark. 
Noch bis ins Jahr 2007 war Btx die Stütze vieler Online Banking - Angebote, wie Schmidt weiter schreibt. 

Was auch immer man gegen Btx einwenden mag, er verfügte über ein funktionierendes Inkasso, wie Daniel Rehbein nicht ohne Wehmut in Bildschirmtext - ein tolles Netz! festhält:
In Bildschirmtext konnten seitenabhängige Entgelte zwischen 0,01 und 9,99 DM pro Seite sowie zeitabhängige Entgelte bis 1,30 DM pro Minute direkt über die Telephonrechnung eingezogen werden.

Was heute im Internet als "Micropayment" diskutiert wird und was zusätzlicher Verträge bedarf, war in Bildschirmtext bereits enthalten: Die Bezahlung kleiner Beträge direkt online.
Auch der Datenschutz war mit Blick auf heute beachtlich:
In Bildschirmtext war die überwiegende Zahl der Seiten statisch auf den Servern der Betreibergesellschaft Deutsche Bundespost abgelegt. Von den einzelnen Abrufen erfuhr der jeweilige Anbieter gar nichts. Lediglich eine Statistik der Anwahl der Abrufe pro Stunde konnte er sich anzeigen lassen. Wo in Btx per Datex-P eine Weitervermittlung zu externen Rechnern erfolgte, wurde dies dem Benutzer angezeigt. Zudem wurde auch bei solchen Verbindungen keine den Benutzer identifizierenden Daten übermittelt.
Da kommen wir erst langsam wieder hin.

So verwundert es nicht mehr allzu sehr, dass die Telekom noch bis ins Jahr 2010 mit Btx gute Geschäfte machte, wie es in Telekom verdient noch immer an Btx-Dienst heisst. Frankreich trennte sich erst 2012 endgültig von dem Btx-Pendant Minitel

Schon recht früh stellte sich heraus, dass Btx für die Medien keine ernsthafte Bedrohung darstellte. 

So hielt James Battan, Chef von Knight Ridder Newspapers Inc bereits 1986 resigniert fest:
Es steht inzwischen fest, daß Bildschirmtext wahrscheinlich weder für den Anzeigenteil noch für die Abonnentenzahlen der Zeitungen in der nächsten Zukunft eine Bedrohung darstellt. Weiter ist klar, daß die amerikanische Öffentlichkeit nicht dazu bereit ist, den Btx-Service in einer Weise zu unterstützen, die die kontinuierlich wachsenden Kosten rechtfertigt.
Besonders lesenswert und informativ ist noch der Beitrag Die Telekom und der Geist des Bildschirmtextes von Michael Schmalenstroer

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