Freitag, 30. Januar 2015

Einige interessante Artikel aus dem Bereich Medien/Medienwandel

Von Ralf Keuper

Es gibt sie noch, Interviews, welche die Lektüre einer ganzen Kolonne von Artikeln überflüssig machen, wie jenes, das Wolfgang Blau dem österreichischen Standard zur Zukunft des Journalismus gegeben hat
Derweil wird hierzulande mit nicht nachlassender Intensität die Frage diskutiert, ob man den Journalisten bzw. den Medien noch trauen kann oder soll. Unstrittig ist, dass sich das Vertrauen in die Medien in Deutschland im Sinkflug befindet. Vor den klassischen Medien rangieren bereits die Suchmaschinen, die von den Lesern für vertrauenswürdiger gehalten werden. Selbst Marketing-Kanäle stehen in der Gunst der Konsumenten höher als die Inhalte der etablierten Medienhäuser. Da muss in den letzten Jahren einiges schief gelaufen sein. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen liefert Christopher Samsinger in einem Interview mit DWN. Demnach haben die Medien die Macht der Konsumenten unterschätzt. 

Gunnar Sohn ortet als das Dilemma der klassischen Medien - ganz klassisch - die mangelnde Innovationsfähigkeit. Beispielhaft dafür ist seiner Ansicht nach der Umgang mit Podcasts. 

Jeff Bezos hat dieses Problem bei der Washington Post nicht nur erkannt, sondern schon die nötigen Umbaumaßnahmen eingeleitet. Die Washington Post, so stellt die Hamburger Abendpost fest, wandelt sich von einer Zeitung zum Softwareanbieter

Als wären das nicht Herausforderungen genug, da entpuppt sich selbst die gute alte E-Mail als Sanierungsfall. Da ist es irgendwie tröstlich zu lesen, dass den Emoijs gute Chancen eingeräumt werden, sich als neue Weltsprache im Netz zu etablieren. 

Dass die Journalisten und Massenmedien mit einem Vertrauensverlust konfrontiert werden, mag ja noch irgendwie angehen, dass nun aber selbst die altehrwürdigen Speichermedien unter Verdacht stehen, ist dann so kurz vor dem Wochenende doch schon etwas zu viel ;-)

Donnerstag, 29. Januar 2015

Medienformate als Ausdruck des Zeitgeistes (Egon Friedell)

Für die illustrierte Zeitung hat die Lithographie ungefähr dieselbe Bedeutung wie die Schnellpresse für den Textteil. Ihr Erfinder Aloys Senefelder hatte zunächst nur an die bequemere Vervielfältigung von Manuskripten gedacht und das hierauf zielende neue Verfahren in seinem 1818 erschienenen "Vollständigen Lehrbuch der Steindruckerei" veröffentlicht. Andere exploitierten erst seine Idee zur Technik und Steinzeichnung. Sie ermöglichte eine Schnelligkeit der Aufzeichnung, die fast der des Wortes gleichkam, und hatte daher von Anfang an etwas Improvisiertes, Hingeschriebenes, Dialogisches, Literarisches und zugleich vermöge ihrer Aktualität und Billigkeit etwas Demokratisches, sie war eine Journalistik der Zeichenfeder und drückte den raschen, pointierten materialistischen Geist ihrer Zeit ebenso vollkommen aus wie der Holzschnitt den Geist der Reformation und der Kupferstich den Geist des Rokokos; und es hat eine symbolische Bedeutung, dass der Holzschnitt, der die Wünsche und Gedanken eines erwachenden, emporstrebenden Zeitalters in alle Welt trug, ein Hochdruckverfahren war, der Kupferstich, der die Gefühle einer absterbenden, in sich versenkten Epoche gestaltete ein Tiefdruckverfahren, die Lithographie aber ein Flachdruck. 
Quelle: Kulturgeschichte der Neuzeit, Band 2

Montag, 26. Januar 2015

Der Filmkritiker und Filmtheoretiker Rudolf Arnheim

Von Ralf Keuper

Anlässlich des Bonner Arnheim-Symposiums im Jahr 1997 hielt Helmut H. Diederichs den Vortrag Der Filmkritiker und Filmtheoretiker Rudolf Arnheim. Der Vortag steht online zur Verfügung. Wer auf der Suche nach einem Einstieg in die Gedankenwelt Arnheims ist, findet hier einen ersten Zugang. 

Ebenfalls lesenswert ist der Beitrag Für Rudolf Arnheim - Späte Ehrungen von Johannes von Moltke und Jörg Schweinitz sowie The Intelligence of Vision: An Interview with Rudolf Arnheim.

Sonntag, 25. Januar 2015

IZM - Das Internationale Zeitungsmuseum in Aachen (Film)

Von Ralf Keuper

Der Film IZM - Das Internationale Zeitungsmuseum in Aachen berichtet von einer in dieser Form wohl einmaligen kulturellen Einrichtung. Dabei belässt es das Medienmuseum nicht nur bei einem Blick in die Vergangenheit, sondern beschäftigt sich auch mit den digitalen Medien. Weiterhin werden Führungen und Workshops für Schulen angeboten. 

Den Grundstein für das Internationale Zeitungsmuseum legte im Jahr 1886 Oscar von Forckenbeck, der seine Sammlung internationaler Zeitschriften einbrachte. 

Mittwoch, 21. Januar 2015

Einige interessante Artikel der letzten Zeit aus dem Bereich Medien

Von Ralf Keuper

In den letzten Tagen, Wochen sind einige interessante Beiträge im Bereich Medien erschienen, die ich hier kurz vorstellen möchte.

Der Soziologe Hauke Brunhorst weist in einem Interview auf das Spannungsfeld hin, in dem sich der Journalismus seit einigen Jahren bewegt. Sinkende Verkaufszahlen, unsichere Arbeitsverhältnisse und permanenter Kostendruck, machen deutlich, dass die Journalisten Opfer eines Prozesses sind, den nicht wenige von ihnen selbst herbei geschrieben haben. Da überrascht es kaum noch, dass die Journalisten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Das Dilemma seines Berufsstands beschreibt Ulrich Clauß in Zwischen Unabhängigkeit und gekauften Botschaften.

Spätestens bei der Verleihung des diesjährigen Golden Globes ist deutlich geworden, dass die Internetkonzerne dabei sind, die Hollywood-Studios abzulösen und ihnen nicht nur die Show zu stehlen. Nach Alibaba will nun auch Amazon groß in das Filmgeschäft einsteigen. Nicht weniger als 12 Kinofilme gedenkt Amazon pro Jahr zu produzieren. Unterdessen warf Deutschland Radio Kultur die Frage auf, ob Streaming-Dienste wirklich das bessere Fernsehen machen

Der Medienwandel macht auch vor Deutschland nicht halt. Dennoch weist Deutschland einige Besonderheiten auf. Hohe Bedeutung für die Versorgung mit Nachrichten haben das Fernsehen und regionale Medien. Obgleich auch hierzulande die Nutzung von Social Media und News Aggregatoren zunimmt, hinkt sie im Vergleich zu anderen Ländern noch hinterher. Es zeichnet sich ab, dass die verschiedenen Medienkanäle von den Nutzern kombiniert und nicht gegeneinander ausgewechselt werden. 

Gut zu wissen, dass die Wissenschaft den Journalismus im Medienwandel nicht allein lässt, wie der Kommunikationswissenschaftler Thomas Schmidt der die Frage behandelt: Was ist überhaupt noch Journalismus?

Auch sonst macht die Wissenschaft auf einigen Gebieten erstaunliche Fortschritte, wie bei der Entzifferung der Schriftrollen von Herculaneum. Welche Bedeutung die klassischen Archäologie für die Mediengeschichte hat, geht aus einem Interview mit Alain Schnapp hervor

Wer sich für die Zukunft des Fernsehens interessiert, sollte seinen Blick nach Schweden richten. Dort lässt sich derzeit das Ende des linearen Fernsehens beobachten; so jedenfalls der Beitrag In Sweden, the beginning of the end of linear tv is here.
Auch im Musikgeschäft haben die Algorithmen im Hintergrund die Kontrolle übernommen. Unternehmen, die technische Verfahren im Angebot haben, die das Musikverhalten im Netz in Echtzeit analysieren können, sind heiss begehrt, wie der Musikerkennungsdienst Shazam, der derzeit eine Milliarde Dollar wert (sein soll) oder das Startup Semetric, das von Apple übernommen wurde. 

Die Anzeichen verdichten sich, dass Bertelsmann den Anschluss an die Digitalisierung verliert. Die Wirtschaftswoche spricht bereits vom Niedergang des Medienriesen

Dienstag, 20. Januar 2015

Die Blockchain: Leitmedium der Digitalmoderne?

Von Ralf Keuper

Für Friedrich Kittler war der Computer das Leitmedium des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Neuerdings werden Zweifel laut, ob die Klassifizierung in dieser Form noch haltbar ist, wie bei Michael Seemann in seinem Text Nach dem Kontrollverlust. Für Seemann sind es 
die Software – Bildbetrachtungsprogramme, Webbrowser und Mediaplayer –, die den Computer zu dieser konvergenten Medienmaschine macht. 
Mehr noch: Die derzeit vorwiegend sich in Fachkreisen und Technikmagazinen ablaufende Diskussion um die Blockchain lässt die Annahme begründet erscheinen, dass wir es hier mit dem neuen Leitmedium zu tun haben. 

Das Wesen der Blockchain anschaulich beschreibt Johannes Kuhn:
Die Blockchain ist ein digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern, der jede Veränderung genau erfasst, sie dezentral und transparent auf viele Rechner verteilt speichert. Damit ist die Information nicht (oder nur mit ungeheurem Aufwand) manipulierbar und verifiziert.
Aber das ist nur der Anfang. Die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain enden keineswegs an den Grenzen des Zahlungsverkehrs, sondern erstrecken sich auf nahezu alle Vermögenswerte und digitalisierbare Bilder/Texte/Dokumente/Filme. 

Die nach meinem Eindruck bemerkenswertesten Beiträge zu diesem Themenkomplex sind derzeit:
In die Euphorie mischen sich nur vereinzelte kritische Stimmen, wie die von Amir Taaki, für den Bitcoin und damit auch in gewisser Weise die Blockchain weniger eine Technologie, als vielmehr ein Narrativ ist:
In fact, the technology by itself is worth nothing. What is important is the narrative, or the ideal that is being constructed through that narrative.
Das wäre ein weiteres Indiz auf einen Stilwandel in den Medien, sofern sich digitale Währungen wie Bitcoin und/oder die Blockchain durchsetzen sollten. 

Erzählung und Technologie finden auf einer neuen Ebene zusammen. 

Sonntag, 18. Januar 2015

Jorge Louis Borges - Prophet des Cyberspace?

Von Ralf Keuper

Der Gedanke besitzt einigen Charme bzw. Reiz: Jorge Louis Borges, der in seinen Büchern, Gedichten und Essays eine eigene Symbolwelt geschaffen hat, als der geistige Vater des Hyperlink und damit ein Wegbereiter des Internet. 
Mit dieser These überraschte die Literaturwissenschaftlerin Perla Sassón-Henry in ihrem Buch Borges 2.0: From Text to Virtual Worlds vor einigen Jahren die Fachwelt. 

Paul Ingendaay überprüfte diese Behauptung in seinem lesenswerten Artikel Der blinde Prophet des Cyberspace. Darin kommt er zu einem abweichenden, gleichwohl nicht per se ablehnenden Urteil. In der Tat lassen sich zahlreiche Indizien für die These finden, wie in der Erzählung Die Bibliothek von Babel. Dennoch besteht für Ingendaay ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Werk und dem Autor Borges auf der einen und dem Internet auf der anderen Seite:
Er (Borges) scherte sich nicht, während sich das Internet gefräßig um alles und jedes schert, auch das Blödeste und Niedrigste. Dafür brauchen wir es, gewiss, und offenbar wollen wir es sogar und sind also selbst schuld; aber zugleich entfernen wir uns von der Möglichkeit zur Versenkung, die vor der Ankunft dieses konzentrationstötenden Mediums einmal existierte. „In bequemer Lage“, schreibt Heinz Schlaffer, „träumen wir von den Anstrengungen und Gewinnen unentwegter Lektüre und verlieren dann wieder in den Zerstreuungen des Lebens jenen Traum, von dem lediglich die Bewunderung für den unvergleichlichen Leser, den Autor Borges, in unserem Gedächtnis zurückbleibt.
Dazu passt, was Borges einmal in seinem Vortrag Das Erzählen sagte:
Ich glaube, dass der Roman verfällt. Ich glaube, dass alle diese kühnen und interessanten Experimente mit dem Roman - zum Beispiel die Idee von sich verschiebenden Zeitebenen, die Idee, die Geschichte von verschiedenen Personen erzählen zu lassen -, dass all dies zu dem Moment führt, an dem wir spüren, dass der Roman nichts mehr mit uns zu tun hat.
An einer Geschichte, einer Story dagegen ist etwas, das sich immer fortsetzen wird. Ich glaube nicht, dass die Menschen je müde werden, Geschichten zu erzählen oder zu hören. Und wenn uns neben dem Vergnügen, eine Geschichte erzählt zu bekommen, das zusätzliche Vergnügen von Würde von Versen zuteil wird, dann wird sich etwas Großartiges ereignet haben. (in: Das Handwerk des Dichters)
Von Borges, der in erster Linie mit der spanisch- und englischsprachigen Literatur im Zusammenhang gebracht wird, stammt auch die Ode an die deutsche Sprache:

Freitag, 16. Januar 2015

Zukunft, Internet und afrikanische Diasporas

Von Ralf Keuper

Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Mittwoch (14.01.15) in dem Beitrag Die Zukunft beginnt in Afrika u.a. über das jährlich stattfindende „49°“­Festival, das von der  Bayreuth Academy of Advanced African Studies im November vergangenen Jahres ausgerichtet wurde. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Forschungsprojekts Concepts of Future in Mediaspaces of Africa and its Diasporas statt. 

Wie keine andere, ist die afrikanische Kultur dafür geeignet, in der Informationsflut des digitalen Zeitalters Orientierung zu geben. 

D.J. Spooky, der führende Intellektuelle des Hip-Hop, wird mit den Worten zitiert: 
Ich möchte mithilfe elektronischer Musik einen Sinn aus den hyperbeschleunigten Umbrüchen unserer Gegenwart filtern. Die Poesie der Daten erwecken.
Susan Arndt, Mit-Initiatorin des Projekts Future of Africa - Visions of Time, diagnostiziert:
Ob Jazz, Surrealismus oder die digitale Alltagskultur von heute, sie sind von der schwarzen Diaspora geprägt, und ihr Wissen wandert wieder zurück nach Afrika.
Weitere Informationen:

Afrikaner in den visuellen Medien

Donnerstag, 15. Januar 2015

Die allgemeine Schwächung der Urteilskraft (Johan Huizinga)

In einer Gesellschaft mit allgemeinem Volksunterricht, allgemeiner und unmittelbarer Publizität des täglichen Geschehens und weit durchgeführter Arbeitsteilung sieht sich der Durchschnittsmensch stets weniger auf eigenes Denken und eigenen Ausdruck angewiesen. Das kann vielleicht einen Augenblick paradox erscheinen. Man nimmt ja gewöhnlich an, dass in einem Kulturmilieu von geringerer intellektueller Intensität und geringerer Verbreitung des Wissens, das beschränkt und beherrscht ist durch den engen Kreis der eigenen Umgebung, das Denken der einzelnen stärker gebunden bleibe als in einem höher entwickelten Milieu. Man schreibt solch einem primitiven Denken, den Charakter des Typischen, des notwendig Gleichförmigen zu. Demgegenüber steht die Tatsache, dass ein solches Denken, das ausschließlich auf die eigene Lebenssphäre gerichtet ist, mit beschränkteren Mitteln und innerhalb eines engeren Horizontes einen Grad von Selbständigkeit erreicht, der in mehr durchorganisierten Perioden verlorengeht. Der Bauer, der Schiffer oder Handwerker früherer Zeiten fand im Schatz seines praktischen Könnens das geistige Schema, an dem er das Leben und die Welt mass. Er wusste, dass er unbefugt sei zum Urteil über alles, was außerhalb dieses Gesichtskreises lag, er müsste denn ein Schwätzer gewesen sein, den es in jeder Zeit gibt. Er anerkannte Autorität, wo er wusste, dass sein eigenes Urteil nicht zureiche. Und es war gerade die Beschränktheit seiner Ausdrucksmittel, die, gestützt von den Pfeilern der heiligen Schrift und des Sprichworts, im Stil gab und ihn bisweilen beredt erschienen ließ. 
Die moderne Organisation der Wissensverbreitung führt nur allzu sehr zum Verlust der heilsamen Wirkungen solcher geistigen Beschränkungen. Der Durchschnittsmensch in den westlichen Ländern der Gegenwart ist unterrichtet über alles und noch über mehr. Er hat die Zeitung auf dem Frühstückstisch und hat den Knopf des Radios in Reichweite. Für den Abend erwartet ihn ein Film, ein Kartenspielchen oder eine Versammlung, nachdem er den Tag in einem Werk oder einem Geschäft verbracht hat, das ihn nichts Wesentliches lehrt. Mit geringen Unterschieden gilt dies Bild, als niedriger Durchschnitt, vom Arbeiter bis hinaus zum Direktor. Nur der Trieb zur eigenen Bildung, gleichgültig am welchem Gebiet und mit welchen Vorkenntnisse oder Mitteln er ihm auf folge, erhebt ihn über dies Niveau. ...
In der modernen Kultur hat sich dies alles für den weitaus grössten Teil verschoben zu einem: man lässt sich vorsingen, vortanzen, vorspielen. Es ist selbstverständlich, dass das Verhältnis: Ausführende und Zuschauer, etwas ursprünglich Gegebenes ist, auch in der frühesten Kultur. Aber das passive Element nimmt andauernd zu, verglichen mit dem aktiven. ... Die Kunst des Zuschauens wird umgewandelt zu einer Fertigkeit im schnellen Wahrnehmen und Begreifen ständig wechselnder visueller Bilder. Die Jugend hat diesen kinematischen Blick in einem Grund erworben, der den Älteren verblüfft. Mit dem allem bedeutet diese veränderte geistige Einstellung eine Ausschaltung von ganzen Reihen intellektueller Funktionen. Man gebe sich Rechenschaft vom Unterschied zwischen dem verstehenden Mitmachen eines Lustpiels von Molière und demjenigen eines Films. Ohne das intellektuelle Verstehen über das Visuelle erheben zu wollen, muss man doch zugeben, dass das Kino eine Gruppe von ästhetisch-intellektuellen Wahrnehmungsmitteln ungeübt lässt, was zur Schwächung des Urteilsvermögens beitragen muss.
Quelle: Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit, Leiden 1935 


Dienstag, 13. Januar 2015

Die aufgeklärte Distanz zum Bild schwindet - Horst Bredekamp im Interview

Von Ralf Keuper

Angesichts des Mordanschlags auf die Karikaturisten von Charlie Hebdo sieht der Kunsthistoriker Horst Bredekamp die akute Gefahr, dass die aufgeklärte Distanz zum Bild verschwinde, wie er in einem Interview in der SZ vom 12.01.15 ("Doppelmord an Mensch und Werk"), das Kia Vahland mit ihm führte, äußert. 

Auf die Frage "Was können wir tun?" antwortet Bredekamp:
In meiner "Theorie des Bildaktes" habe ich dargelegt: Um unseren Freiraum zu wahren, müssen wir bestehen auf der Distanz von Bild und Körper, Bild und Gott. Wie der Mord an den Zeichnern von Paris gezeigt hat, ist das nun das wichtigste Gebot der Aufklärung: eine Frage auf Leben und Tod. Dieser Zusammenhang ist über lange Zeit verdrängt, verdreht und verharmlost worden. Wir müssen uns Fragen der Bildkultur stellen.
Frage: Wie steht es um die westliche Bilderwelt heute - sind wir wirklich so viel aufgeklärter als andere Kulturen?

Antwort Bredekamp:
Leider nein! Die Bewegung der Selfies, der fotografierten Selbstporträts, etwa, mag man befürworten, sie beinhaltet aber auch, dass der Mensch sich ganz mit seinem Abbild identifiziert und damit ein Stück Distanz zum Bild aufgibt. ...

Montag, 12. Januar 2015

Wood Wide Web - Kommunikation unter Pflanzen

Von Ralf Keuper

Wer hätte das gedacht: Lange vor dem Internet hat die Pflanzenwelt regen Gebrauch von sozialen Netzwerken gemacht, wie Biologen aus Deutschland und Großbritannien herausgefunden haben.

Demnach verständigen sich Pflanzen bei äußeren Bedrohungen, z.B. durch Pflanzenfresser oder Blattläusen, über ein ausgeklügeltes Netzwerk. Die Signalübertragung erfolgt bei vielen Pflanzenarten über Duftstoffe. Bei anderen, wie den Ackerbohnenpflanzen, funktioniert sie dagegen auch über unterirdische Netzwerke. Die Kommunikation spielt sich dabei über Pilzfäden im Boden ab - das sog. "Pilzinternet".

Bemerkenswert auch, dass die Netzwerke der Pflanzenwelt dieselben Eigenheiten aufweisen, wie die Netzwerke des World Wide Web. In beiden Fällen richten die Angreifer (Hacker) ihre Aktionen auf die Schaltstellen, Hubs, wichtiger Signalpfade, wie es u.a. in der Theorie der Skalenfreien Netzwerke beschreiben wird. 

Sonntag, 11. Januar 2015

App-Economy: Diktatur der Software?

Von Ralf Keuper

Längst schon können Informationen dazu benutzt werden, den eigenen Körper zu optimieren und die persönliche Performance zu überwachen. Der Nutzer als Controller seiner selbst. Zahlreiche Apps stehen zum Download und Kauf zur Verfügung. Apple und Google haben das Marktpotenzial längst erkannt. Schon spielen die ersten Versicherungen mit dem Gedanken, den Lebensstil der Nutzer mittels App zu analysieren, um daraus "passgenaue" und "personalisierte" Angebote schneidern zu können. Nicht zu Unrecht spricht der Tagesspiegel von einer sich anbahnenden Diktatur der Software. Der Soziologe Christoph Kucklick fasste seine Bedenken in dem Buch Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale die Wirklichkeit auflöst zusammen.

Angesichts dessen werden Fragen der Datensicherheit, der Data Privacy, immer drängender, wie sie u.a. Jürgen Kühling in seinem Beitrag Big Data: Aufgeben oder Aufgabe? behandelt. 

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bringt Doc Searls, einer der Verfasser des Cluetrain-Manifests, die Herausforderungen der Zukunft auf den Punkt:
Das Netz ist keine Kathedrale, es steht höchstens das Baugerüst. Denken Sie an Privatsphäre, die war zunächst nicht mal Teil des Designs. Die ursprünglichen Internet-Protokolle wurden entwickelt, damit wir uns vernetzen. Es war ein bisschen wie im Garten Eden, wir sprangen nackt umher. In der physischen Welt haben wir 10.000 Jahre dafür gebraucht, so etwas wie Privatsphäre zu entwickeln und uns Kleidung anzuziehen. Im Netz sind wir nackt und Firmen nutzen das aus. Wir müssen das Äquivalent zu Bekleidung erst noch entwerfen.
In Deutschland hat sich der in Gründung befindliche Verein Data Assistence Europe (DAE) (Hinweis: Der Autor gehört dem Gründungsteam an) zum Ziel gesetzt, die Datensouveränität zu thematisieren und die Diskretion bzw. Privatheit in die digitale Kommunikation einzuführen. 

Weitere Schritte und Diskussionen auf gesellschaftlicher Ebene müssen und werden m.E. folgen. Dafür ist der Stellenwert der (personenbezogenen) Informationen in der Digitalmoderne zu groß. 

Samstag, 10. Januar 2015

Die anregende Wirkung des evangelischen Pfarrhauses auf die deutsche Literatur

Die erste Voraussetzung für das auffällige Phänomen, dass sämtliche Schriftsteller, die im 18. Jahrhundert die deutsche Literatur begründen, protestantischer Herkunft sind, war die intensive Lektüre des heiligen Textes in deutscher Sprache. Die Kenntnis von Luthers Bibel garantierte den Zugang zu einer allgemeinen, d.h. nicht ständisch gebundenen Schriftsprache; zudem enthält sie ein reiches Repertoire von Geschichten, Charakteren und Weisheitslehren. An Luthers Deutsch war auch die Sprache der evangelischen Predigt und der Erbauungsliteratur ausgerichtet, damit sie von allen Schichten der Bevölkerung gelesen werden konnten. Im Zeitalter humanistischer Gelehrsamkeit und aristokratischer Konversation in fremden Sprachen verschaffte die protestantische Kirche der deutschen Sprache und Schrift Ansehen und Geltung jenseits der Standesschranken. ...
Zu der akademischen Ausbildung und dem kulturellen Wissen der Pfarrer bildet ihre materielle Armut, besonders auf dem Lande, einen scharfen Kontrast. Auf christlich-idealistische Weise interpretieren sie ihn als Gegensatz zwischen dem unwesentlichen Schein der Dinge und dem wesentlichen Sein des Geistes. Von daher stammt die Bereitschaft der deutschen Schriftsteller, Armut als Schicksal zu akzeptieren und sich von Verlegern mit geringfügigen Honoraren abspeisen zu lassen. Ein Urheberrecht, in England bereits 1709 eingeführt, existiert in Deutschland nicht ...
In der langen Unabhängigkeit von einem fast nicht vorhandenen literarischen Markt lag jedoch auch ein Vorteil: Viele eigensinnige Werke konnten entstehen, über deren Wert nicht vorschnell die Gunst des breiten Publikums entschied. Nicht von der Literatur, sondern für die Literatur lebten die deutschen Dichter. 
Quelle: Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur 

Freitag, 9. Januar 2015

Ranking - der Trend zur organisierten Desinformation (Max Otte)

Zur wachsenden Macht der Ratingagenturen trägt der allgemeine Trend bei, dass sich der Mensch in der desinformierten Gesellschaft nicht mehr auf sein eigenes Urteil verlassen mag. Das Grundrauschen, das Werbung, Medien und Internet produzieren, ist so hoch, dass es permanent schwerer wird, die für eine richtige Einschätzung relevanten Informationen herauszufiltern. Der persönliche Augenschein und die anschließende Abwägung werden durch die Überinformation der Konsumenten ausgeschaltet, eine Orientierung ist mithin nur schwer möglich. 
Die durch den Info-Crash hervorgerufenen Nicht-Information gibt Raum für spezialisierte Instanzen, die die Bewertung im Vorfeld einer Kauf-oder Wahlentscheidung im Dienste der Kunden übernehmen - ob im komplizierten Finanzmarkt oder bei der Schulentscheidung für die eigenen Kinder. 
Die implizite Fähigkeit, sich selbst Übersicht zu verschaffen und Sachverhalte nach eigenem Urteil zu verifizieren, ist uns offenbar abhanden gekommen. Nur allzu gern vertrauen sich viele Menschen deshalb scheinbar neutralen, auf jeden Fall aber namhaften Institutionen an, die das geistige Outsourcing übernommen haben. 
Quelle: Der Informationscrash. Wie wir systematisch für dumm verkauf werden.  

Weitere Informationen:

Einige Anmerkungen zu Rankings

Donnerstag, 8. Januar 2015

Der Diener: Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient

Von Ralf Keuper

In seiner Habilitationsschrift Der Diener: Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient beschäftigt sich Markus Krajewski mit dem Rollenwandel des Dieners der letzten Jahrhunderte. Während menschliche Diener nur noch in wenigen herrschaftlichen Häusern ihre diskrete Arbeit verrichten, ist die Zahl der virtuellen Diener explodiert. 

Felix Johannes Enzian hat in der FAZ dazu eine lesenswerte Rezension verfasst. 

Samsung mit dem "richtigen Riecher"

Von Ralf Keuper

Auf IT Times und anderswo wird gerätselt, was Samsung mit den Geruchssensoren im Sinn hat, die das Unternehmen auf der diesjährigen CES vorgestellt hat.

Obschon ich mich jetzt selbst auf das Gebiet der Spekulation wage, halte ich den Schritt für gar nicht so exotisch, wie es dem ersten Eindruck nach erscheinen mag.

Für Lyall Watson ist der Geruchssinn der erste und eigentlich auch wichtigste unserer Sinne:
Der Geruchssinn war der Erste unserer Sinne. Es ist sogar denkbar, dass die treibende Kraft, um einen kleinen Klumpen olfaktorischen Gewebes im Neuralohr eines Urfisches ins Gehirn zu transportieren, die Riechfähigkeit war. Wer denken, "weil" wir riechen können.
Diese Behauptung lässt sich schnell erläutern. Bevor Seh- und Hörvermögen begannen, unsere ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen, teilten wir mit allen übrigen Lebewesen einen gemeinsamen chemischen Sinn, der vom direkten Kontakt mit einer Materie im Wasser abhängig war. Und während neunzig Prozent unserer Zeit auf Erden haben wir genau auf diese Weise funktioniert. ... Der Geruchssinn ist ein Fernsinn, eine Möglichkeit, Zeit auszudehnen und im Voraus herauszufinden, was vor einem liegt.  ... In einem Lebensraum, in dem die Sicht begrenzt ist und Geräusche nicht lokalisiert werden können, kann man nur über den Geruch Spuren aufgreifen, die solide Informationen über etwas anbieten, das sich noch in weiter Entfernung befindet (in: Der Duft der Verführung. Das unbewusste Riechen und die Macht der Lockstoffe)
Mit Blick auf das Internet of Things lassen sich einige Einsatzfelder für Geruchssensoren finden. Insofern könnte Samsung durchaus den richtigen Riecher haben. 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Die Handschrift: Überflüssiges Relikt der analogen Welt?

Von Ralf Keuper

Die Handschrift hat es in der Digitalmoderne nicht leicht, sich als Kulturtechnik zu behaupten. An einigen Orten glaubt man bereits ganz auf sie verzichten zu können, wie in Finnland. Dort sollen künftige Generationen nicht mehr von den Tücken der Schönschrift drangsaliert werden. 

Dagegen regt sich Widerstand. Neben Studien, die belegen, dass mit der Hand verfasster Text besser im Gedächtnis haften bleibt, sehen andere in der Verbreitung digitaler Stifte die Zukunft. 

Bei Apple scheint man derweil die Handschrift noch nicht abgeschrieben zu haben. Wie kürzlich bekannt wurde, hat Apple einige Patente für die Technologie "Communication Stylus" angemeldet, mit der es möglich sein soll, handschriftlich festgehaltene Texte und Notizen zu digitalisieren. 

Weitere Informationen:

Kulturgut Handschrift kommt an den Schulen zu kurz

Handschrift oder Computerschrift?

Weshalb sich der "alte" Journalismus überlebt hat

Von Ralf Keuper

Vor einigen Tagen sorgte Jon Evans auf TechCrunch mit seinem Beitrag 11 Ways Old Journalism Was The Worst für einige z.T. heftige Leserkommentare. Stein des Anstosses war seine Behauptung oder Feststellung, die Journalisten würden noch immer einem Berufsbild anhängen, das sich in Zeiten des Internet überlebt habe. Vieles von dem, was als die "Gute alte Zeit" bezeichnet würde, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Mythos. Guter, investigativer Journalismus sei auch früher schon die Ausnahme und keinesfalls die Regel gewesen.

Guter Journalismus habe sich schon in der Vergangenheit dadurch ausgezeichnet, die verschiedenen Nachrichtenquellen kritisch und möglichst unvoreingenommen zu bewerten. Heute fungieren über das Internet und Microblogging-Dienste wie twitter viele "normale" Bürger selbst als Reporter. Häufig sind sie viel näher und auch schneller am Ort des Geschehens, als Journalisten; auch als Folge des Personalabbaus und schrumpfender Korrespondenznetzwerke. 

Statt investigativer Journalisten hätten Institutionen und Personen wie Wikileaks und Edward Snowden für Enthüllung gesorgt. Journalisten hätten das Thema erst dann aufgegriffen. Journalisten sollten daher von "ihrem hohen Ross" absteigen und sich wieder unter die Leute mischen, wenn sich nicht völlig den Anschluss an die mediale Wirklichkeit verlieren wollen. 

Die Reaktionen der Leser waren überwiegend negativ, was bei der Gelegenheit zeigt, dass sich die Diskussionen in den USA und Deutschland doch sehr ähneln.

Dienstag, 6. Januar 2015

Das Buch als einfachste und flexibelste Hardware des Wissens

Ob Buch, Computer und Diskette oder CD-ROM, alle Benutzeroberflächen und Trägersysteme des Wissens sind historischem Wandel unterworfen, die Arbeit der Lektüre und die Position des Lesers auch. Medienwechsel: Aufschreibe-, Produktions- und Lesesysteme entwickeln sich durch neue Maschinentypen.
Noch aber bleibt das Buch die einfachste und flexibelste Hardware des Wissens. Transportabel, stabil und ausfallsicher gestattet es eine Lektüre, die keiner technischen Hilfe bedarf. Das alte Medium braucht keine Lesemaschine, die schier unbegrenzte Mobilität in seiner Rezeption liegt gerade in der Abwesenheit alles Technischen. 
Quelle: Maschinendenken/Denkmaschinen. An den Schaltstellen zweier Kulturen, von Werner Künzel und Peter Bexte

Literatur aus der Maschine?

Von Ralf Keuper

Der Künstlichen Intelligenz scheinen keine Grenzen gesetzt. Jetzt haben die Computerforscher die Literatur als mögliches Einsatzfeld entdeckt. Schon wurden die ersten Projekte beendet. Über das Ergebnis darf unterdessen gestritten werden, wie Adrian Lobe in Quellcode der Bücher schreibt. 

Die von Literaturautomaten geschaffenen Werke bestechen nicht unbedingt durch ihre schriftstellerische Qualität. Originell sind dagegen einige der Wortkombinationen. Kurzum: Mit der Syntax klappt es schon ganz gut, bei der Semantik hapert es noch. 

Selbst die Protagonisten des maschinellen Schreibens erheben nicht den Anspruch, mit ihren Büchern das Segment der schönen Literatur zu bevölkern. Um als Unterhaltungsliteratur durchzugehen, da ist kaum Widerspruch möglich, würde es jedoch reichen. 

Vicco von Bülow (Loriot) konnte bereits vor Jahren zeigen, welche Poesie selbst ein profaner Fahrplan der Bundesbahn entfalten kann:


Keine schlechten Aussichten also ;-)

In seinen Mutmassungen über die Zukunft der Literatur sah Siegfried Lenz in von Maschinen verfassten Romane keine Bedrohung. Dafür sei der Schreibprozess zu individuell.

Tina Rausch zitiert Lenz in Literarischer Ansatz von Siegfried Lenz mit den Worten:
Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, verstehen zu lernen. Indem man aus dem Dickicht der Wirklichkeit einen Einzelfall herausnimmt und anhand dieses Einzelfalls zeigt, wie es der Allgemeinheit erging. ...
Der Einzelne bringt sie (die Geschichte) zum Vorschein, indem er sie entschlüsselt und für sich eine Wahl trifft. Daß es unter hundert Einzelnen nicht zu übereinstimmender Rezeption kommen kann, ist nur selbstverständlich.
Bei der Reproduktion (alter) Bücher haben Roboter inzwischen eine Fertigkeit erreicht, die denen geübter Kopisten gleich kommt. So konnte in der größten Klosterbibliothek der Welt gezeigt werden, wie ein Roboter eine Kopie des Neuen Testaments in Schönschrift erstellt. Zuvor war dieses Kunststück dem Projekt robotlab an Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe gelungen. 

Schon Jean Paul und vor ihm Jonathan Swift machten sich intensive Gedanken über Büchermaschinen. 

Jean Paul schreibt:
Gulliver sah in Lagado eine Maschine, die gewisse in ihr liegende beschriebene Zettel, wenn man sie umdrehte, so untereinander warf, dass Jeder, dem man sie hernach vorlas, freilich nicht wissen konnte, ob er ein gewöhnliches Buch höre oder nicht (in: Maschinendenken/Denkmaschinen, von Werner Künzel und Peter Bexte)


Freitag, 2. Januar 2015

Gesellschaft im digitalen Umbruch: Die diskrete Revolution (Stephan Humer)

Von Ralf Keuper

In seinem Vortrag Gesellschaft im digitalen Umbruch: Die diskrete Revolution betont der Begründer der Internetsoziologie und Betreiber des Blogs Internetsoziologie, Stephan Humermehrfach, dass die Digitalisierung nicht nur aus technischer und rechtlicher, sondern auch aus gesellschaftlicher, sozialer Perspektive heraus betrachtet werden muss. Nötig sei daher eine ganzheitliche Sicht. 


Entgegen einer weit verbreiteten Annahme, schließen sich analog und digital für Humer nicht aus. Allerdings lassen sich analoge Gesetzmäßigkeiten nicht so ohne weiteres in die digitale Sphäre überführen. Am Beispiel der Kundenkarte eines Hamburger Discounters versucht Humer zu zeigen, dass die Karte als eine Art Digitaler Tante Emma-Ersatz fungiert. Auch Tante Emma wusste über ihre Kunden gut Bescheid und kannte deren Gewohnheiten. Insofern lässt die Kundenkarte die persönliche Beziehung wieder aufleben. Die Digitalisierung kann Menschen im Innersten berühren.

Nur wenig kann Humer dem sog. Digitalen Radiergummi abgewinnen. Technische Verfallsdaten seien im digitale Zeitalter unsinnig. "Schon in dem Moment, in dem Sie etwas online stellen, geben Sie Ihre Kontrolle ab", so Humer. Seiner Ansicht nach muss die Gesellschaft lernen mit diesem Zustand zu leben. Umfassende Aufklärung und Datenschutz seien daher unverzichtbar. 

Besonders angetan zeigt sich Humer von dem Ansatz der Privacy by Design wie sie von Ann Cavoukian formuliert wurden. 

Im Gegensatz zu vielen asiatischen Ländern ist Deutschland in Sachen Digitalisierung ein Schlusslicht. Innovationen sind hierzulande weitgehend Fehlanzeige. Das Sicherheitsdenken ist hier sehr stark ausgeprägt. 

Da ist kaum Widerspruch möglich. 

Weitere Informationen:

Interview: Internetsoziologe Dr. Stephan Humer


Max Weber: Wegbereiter der Medienwissenschaften - auch heute noch


Von Ralf Keuper

Das Werk von Max Weber bietet auch noch fast 100 Jahre nach dem Tod des Soziologen Raum für neue Entdeckungen bzw. Interpretationen. Nicht nur hat Weber die Kapitalismusforschung wie kaum ein anderer nach Karl Marx befruchtet, nein auch für die Medienwissenschaften hat er Grundlegendes geleistet, wie aus dem Beitrag Max Weber als Mediensoziologe hervorgeht. 
Darin unterzieht Stephan Russ-Mohl das Buch Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt. Theorien und Querelen - eine andere Fachgeschichte von Siegfried Weischenberg einer kritschen Betrachtung. Ohne Zweifel sei Weischenberg ein Meisterwerk gelungen, das jedoch einige Mängel enthalte. 

Bereits 1910 regte Max Weber das Grossprojekt einer Enquete für das Zeitungswesen an, das aber scheiterte. Seitdem fristet die Medienforschung in der Soziologie nur ein Nischendasein. Selbst die Großtheorien von Habermas und Luhmann ändern für den Rezensenten daran nichts Wesentliches. Allenfalls den Arbeiten von Elisabeth Noelle-Neumann attestiert Russ-Mohl auf dem Gebiet der Medienforschung wegweisend gewirkt zu haben. Das erscheint mit Blick auf die publizistische Tätigkeit Noelle-Neumann während des Dritten Reiches doch etwas gewagt bzw. gewöhnungsbedürftig. Ähnlich verhält es sich mit Emil Dovifat, dem Doktorvater Noelle-Neumanns und einer der Begründer der Publizistikwissenschaft in Deutschland. 

Neben Noelle-Neumann erkennt Russ-Mohl vor allem in Hans-Mathias Kepplinger einen legitimen Nachfolger Webers. 

Jedenfalls scheint sich die Beschäftigung mit dem Werk Max Webers noch immer zu lohnen. Vielleicht liegt das auch daran, dass Weber, anders als Luhmann und Habermas, nicht bestrebt war, ein System zu entwickeln. Wegen ihres fragmentarischen Charakters sind die Schriften Webers im besten Sinne "anschlussfähig" - auch in einer Medienwelt, die so ganz anders ist als die, die Weber gekannt hat. 

Im Wörterbuch der Soziologie von Karl-Heinz Hillmann heisst es über die Mediensoziologie u.a. 
Ein zentrales Thema der Mediensoziologie ist die öffentliche Meinung, die als Ergebnis ungleicher Artikulationsbereitschaften in unterschiedlich aktiven Teil-Öffentlichkeiten der Gesellschaft erscheint. Ihre Wahrnehmung ist eng mit der Verbreitungsmedien verbunden, die selbst wiederum zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit beigetragen haben. Die Verschmelzung von aktiven Öffentlichkeiten und Medienöffentlichkeiten zählt hierzu, aber auch eine permanente Ausweitung der Bereiche, denen Öffentlichkeit zuteil wird ("Alles Öffentliche wird privat, alles Private öffentlich"). Die über Medienangebote verbreiteten Meinungen (Publizität) sind dabei in stärkerem Maße für die Initiierung von Anschlusskommunikation (z.B. über Meinungsführer) relevant als der Austausch von Meinungen innerhalb von Bezugsgruppen. Dieser Sachverhalt veranlasst gleichzeitig zu der Annahme, dass die Medienberichterstattung eine gesellschaftliche Integrationsfunktion erfüllt. 
Insofern sind die Medien von Natur aus ein Hauptgegenstand der Soziologie bzw. sollten es sein - gerade heute im Internetzeitalter. Ob die Internetsoziologie das leisten kann? Inspirierend ist jedenfalls der Blog von Stephan Humer 

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