Freitag, 27. Februar 2015

Donnerstag, 26. Februar 2015

Zukunft der Medien: Verbündelung oder Vernetzung?

Von Ralf Keuper

Der Begriff "Informationsgesellschaft" ist für viele von uns inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir uns kaum noch Gedanken darüber machen, was damit konkret gemeint ist. Vilém Flusser versucht in seinem Beitrag Verbündelung oder Vernetzung? hier für mehr Klarheit zu sorgen. 

Wesensmerkmal der Informationsgesellschaft ist für Flusser:
Nicht der Mensch, und auch nicht die Gesellschaft, sondern das Beziehungsfeld, das Netz der intersubjektiven Relationen, ist das Konkrete. ... Diese Einsicht nun, wonach die einen jeden von uns mit anderen verbindenden Fäden unser konkretes Dasein ausmachen, wonach die Kommunikation die Infrastruktur der Gesellschaft ist, führt zum Errichten der Informationsgesellschaft im hier gemeinten Sinne des Wortes. (in: Medienkulturen)
Als Konsequenz daraus bedürfen weitere in unserem Sprachgebrauch verwendete Begriffe einer neuen Interpretation:
Die Informationsgesellschaft wäre demnach eine Strategie zur Verwirklichung der Virtualität "Ich" in der Virtualität "Du", also zum Abschaffen der Ideologie von einem Selbst zugunsten der Erkenntnis, dass wir einer für den anderen da sind und keiner für sich selbst da ist. ... Eine derartige Anthropologie, wonach wir Knoten von Beziehungen sind, die erst im Verhältnis zu anderen wirklich werden, stellt die Frage nach der Nähe auf eine eigentümliche Weise. Nähe ist danach nicht die Funktion irgendeiner räumlichen und zeitlichen Entfernung, sondern Funktion von Zahl und Intensität der Beziehungen, die den einen mit den anderen verbinden (ebd.)
Die Massenmedien senden Bündel von Informationen an Empfänger, die darauf nicht direkt antworten können und damit in gewisser Weise als unmündig betrachtet werden. Die Vernetzung dagegen erschafft kleine Inseln der Kommunikation. Hier verläuft die Kommunikation anders - direkt vom Sender zum Empfänger und zurück. Im besten Fall ein Dialog also. Die eigentliche Kommunikations- oder Medienrevolution besteht für Flusser darin, dass die Informationsströme umgelenkt werden und zwischen den Bündeln und den Inseln oszillieren. Der öffentliche Raum wird marginalisiert. Die Konfliktlinie verläuft demnach zwischen den typischen Massenmedien und den, so würde ich es formulieren, Micromedien. Für Flusser handelt es sich dabei um verschieden Schaltpläne. Die Bündelung führt unweigerlich in eine totalitäre, gleichgeschaltete Gesellschaft, während die Vernetzung eine pluralistische Gesellschaft fördert. 

Mit Blick auf die aktuelle Situation und die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist es kaum übertreiben, die Feststellung zu treffen, dass die Massenmedien noch immer den Bündelung-Schaltplan verwenden, auch wenn sie hin und wieder versuchen, davon ein Stück weit abzuweichen. So lange der Schaltplan nicht geändert wird, ist ein weiterer Vertrauensverlust und damit letztendlich der Niedergang vorprogrammiert. 

Dienstag, 24. Februar 2015

Über den Bedeutungs- und Glaubwürdigkeitsverlust der "Medien"

Von Ralf Keuper

Ohne Zweifel: Die Massenmedien leiden unter einem Bedeutungs- und Glaubwürdigkeitsverlust, von noch nie dagewesenem Ausmaß

Eifrig forschen Journalisten nach den Ursachen, wobei sie auch beim Sarkasmus Zuflucht nehmen, wie Jens Rehländer in Journalismus 2015: Biete Artikel gegen Anzeigen. Mehr um Tiefe bemüht ist Frank Lübberding in Journalisten als Staffage

Die Grenzen zwischen PR und (Qualitäts-)Journalismus sind inzwischen schon so fließend, dass eine Unterscheidung für den normalen Leser kaum möglich ist. In gewisser Weise haben sich die Massenmedien zu ausgelagerten PR-Abteilungen der Wirtschaftsunternehmen gewandelt. Gegenüber den "echten" PR-Abteilungen genießen die Massenmedien jedoch noch immer, wenngleich mit stark/dramatisch sinkender Tendenz, den Ruf, vergleichsweise objektiv, neutral zu sein. Wenn dieses Unterscheidungsmerkmal verloren geht, da hat Jens Rehländer vollkommen Recht, dann ist der Journalismus erledigt. 

Allerdings: Das Geschäfts- und Erlösmodell vieler Verlage lässt diese Trennung nicht mehr opportun erscheinen. Wie gesagt, in gewisser Hinsicht sind sie die ausgelagerten PR-Abteilungen einiger großer Konzerne und Verbände. 
Das könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass sich einige Konzerne freiwillig einen Codex gegeben haben. Denn, ketzerisch formuliert: So günstig und mit seriösem Anstrich versehen,  wie bei den Massenmedien, würden sie Werbung wohl kaum bekommen. Insofern hätten sie ein vitales Interesse daran, dass die Massenmedien ihre Glaubwürdigkeit nicht völlig verlieren. 

Weitere Informationen:

Medien sind zu leicht käuflich, kritisiert ein Arbeitskreis der großen DAX-Konzerne. Wundert das jemanden?

Montag, 23. Februar 2015

Schreibt man auf Papier, dann ist man gezwungen, seiner Kreativität Grenzen zu setzen (Vilém Flusser)

Schreibt man auf Papier, dann ist man gezwungen, seiner Kreativität Grenzen zu setzen. Und zwar nicht nur, weil die Zeilen ihrer Struktur nach einem Schlusspunkt entgegenlaufen, sondern auch, weil die materielle Unterlage (das Papier) Grenzen auflegt. Selbst die sogenannten "livres-fleuve" müssen irgendwann irgendwo, irgendwie enden. Man kann sich diese Grenzen allerdings sehr weit setzen. Dann aber läuft man zweierlei Gefahr: Einerseits, dass die Kreativität in Leerlauf verfällt, dass einem beim Schreiben die schöpferische Puste ausgeht, und andererseits, dass man bei immer längeren Diskursen immer weniger Empfänger anspricht. Daher die oft mit Erfolg angewandte Strategie der bewussten Selbstbeschränkung: Man ballt seine Kreativität, um sie auf ein Minimum von Papier mit einem Minimum an Schriftzeichen aufzutragen. Die Strategie mag gut sein, Kreativität jedoch wird dabei beschnitten. 
Schreibt man dagegen ins elektromagnetische Feld, dann wird der kreative Text zwar auch Zeilen bilden, aber diese Zeilen werden nicht mehr eindeutig verlaufen. Sie sind "weich", plastisch, manipulierbar geworden. .. Ein derart geschriebener Text wird "dialogisch" sein, und zwar zuerst einmal im Sinn eines Zwiegesprächs, das aus dem Innern des Schreibenden ins Feld hinausprojiziert wird. Der Text ist nicht mehr, wie auf dem Papier, das Resultat eines kreativen Prozesses, sondern er ist selbst dieser Prozess, er ist selbst ein Prozessieren von Informationen zu neuen Informationen. ...
Zweifellos hingegen ist, dass das Schreiben durch Computer die Einstellung des Schreibenden und des Empfängers zum Text radikal verändert. Das schöpferische Engagement wird anders erlebt als vorher. Es ist eine neue Art von Selbstkritik und von Verantwortlichkeit dem anderen gegenüber hinzugekommen, und der Text hat eine neu Form von Eigenleben gewonnen. Kurz, man beginnt, wenn man auf diese Art schreibt, beim Schreiben dialogisch zu denken, zu schaffen, zu leben. Auch und vor allem in jenem Sinn, den Martin Buber gemeint hat.
Quelle: Hinweg vom Papier, in: Medienkultur 

Weitere Informationen:

Hat bedrucktes Papier ausgedient?

Sonntag, 22. Februar 2015

Einige Anmerkungen zur Pressefreiheit

Von Ralf Keuper

Die Pressfreiheit gilt in westlichen Demokratien zu Recht als eines der höchsten Güter. Im Idealfall sorgt die Presse als "vierte Macht" dafür, dass Fehlentwicklungen, die mit der demokratischen Grundordnung im Konflikt stehen, aufgedeckt werden und eine öffentliche Diskussion darüber in Gang gesetzt wird. Weiterhin soll die Presse bzw. sollen die Medien die Meinungsvielfalt in der Bevölkerung widerspiegeln. 

So weit die Theorie. In der Praxis sah das schon immer etwas anders aus. Zu ihren besten Zeiten verwendeten einige "Leitmedien" Zeit und Geld für intensive Recherchen, die nicht selten Dinge ans Licht förderten, die schon mal Regierungen in akute Erklärungsnot brachten oder sogar zum Rücktritt zwangen, wie im legendären Watergate-Skandal. Seit einigen Jahren schon, so muss man festhalten, werden die "Skandale" kaum noch von den Medien, sondern von einzelnen Personen oder Organisationen aufgedeckt. Genannt sei nur Edward Snowden

Woran liegt das? Ist das Geschäft inzwischen so rasant und wechselhaft, dass die herkömmlichen Mittel nicht mehr ausreichen? Ist der wirtschaftliche Druck, u.a. in Folge der Digitalisierung, so stark, dass investigativer Journalismus nicht mehr finanziert werden kann?

Jedenfalls wird immer offensichtlicher, dass es mit der Pressefreiheit so weit nicht mehr her ist, wie wohl nicht nur Georg Rammer in Die Mär von der Pressefreiheit feststellt. Nein, auch in den Medien existiert, wie in anderen Wirtschaftsunternehmen auch, das Verhältnis von Herrschern und Beherrschten, wie der Kommunikationswissenschaftler Thomas Wiedemann in einem Interview betont. 
Die Unabhängigkeit zwischen Anzeigenabteilung und der eigentlichen Redaktion ist inzwischen so stark gefährdet, dass die großen DAX-Konzerne selbst die Notbremse ziehen und sich einen Kodex geben müssen. Dass auch Zeitungen von dieser Entwicklung betroffen zu sein scheinen, die man bisher nicht damit in Zusammenhang gebracht hat, kam in der zurückliegenden Woche zum Vorschein, als Sebastian Heiser sich veranlasst sah, über seine Erfahrungen zu berichten. Weitere Kritik an der eigenen Zunft kommt von Norbert Häring in Auch ein Statement zur Nicht-Leistung der Medien

In der Summe sind das ernst zunehmende Krisensymptome. 

Folgt daraus nun, dass es um die Demokratie schlecht bestellt ist?

Kaum. In Wirtschaft und Gesellschaft vollzieht sich momentan ein Strukturwandel, der in den Medien m.E. besonders deutlich hervortritt. Es wird immer offensichtlicher, dass die Medien in ihrer bisherigen Struktur, d.h. mit ihren Geschäfts- und Erlösmodellen, ihrer Aufgabe - in ihrer überwältigenden Mehrheit - schlicht nicht mehr nachkommen können. Die Lücke, die sie hinterlassen, wird derzeit von anderen Publikationsformen, wie Blogs und Online-Magazinen, notdürftig geschlossen. Auf Dauer können Blogs und andere alternative Medienformate diesen Mangel m.E. nicht ausgleichen. Dafür fehlt es an den nötigen Mitteln, der Reichweite usw.  Das wiederum heisst nicht, dass Blogs überflüssig werden. Sie können aber nur eine begrenzte Funktion übernehmen. 

Was wir stattdessen brauchen werden, sind mehr Medienjournalismus und sog. Macromedien, die ohne Altlasten struktureller Art und mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet, ganz gleich ob auf privater oder staatlicher Basis, die Aufgabe als vierte Gewalt ausüben können. 

Das aber wird noch einige Zeit dauern. Bis dahin wird sich der Strukturwandel, der Stilwandel in der Medienlandschaft unaufhaltsam fortsetzen. 

Freitag, 20. Februar 2015

Jetzt müssen schon die DAX-Konzerne die Medien kontrollieren

Von Ralf Keuper

Wie schlecht es um die Unabhängigkeit der Medien bestellt ist, wurde diese Woche einmal mehr deutlich. Für leichtes Rauschen im "Blätterwald" sorgte der Blogbeitrag SZ-Leaks: Schleichwerbung für Steuerhinterziehung, in dem Sebastian Heiser von seiner Zeit in der für Beilagen zuständigen Redaktion der SZ berichtet. In einem Interview äußerte sich Heiser näher zu seinen Beweggründen. 

Dass es sich hier anscheinend um ein größeres Problem handelt, wurde offenbar, als einige DAX-Konzerne sich jetzt genötigt sahen, einen "Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen" zu verabschieden. 

Das Manager Magazin zitiert des Vorsitzenden des Arbeitskreises, Jürgen Gramke, mit den Worten:
Unternehmen können heute in einem Ausmaß redaktionelle Berichterstattung kaufen, wie das früher völlig undenkbar war. Und sie machen davon Gebrauch.
In dem Artikel heisst es weiter:
Der Kodex hat das Ziel, die Trennung zwischen Werbung und unabhängiger journalistischer Berichterstattung wieder einzuführen.
Da müssen also die großen Konzerne schon selber aktiv werden, um die Arbeit zu erledigen, für die eigentlich die sog. Vierte Kraft, die Medien, zuständig ist bzw. sein müsste ... 

Wenn das kein Krisensymptom ist, ...  

Mittwoch, 18. Februar 2015

Wissenschaftsjournalismus vs. Wissenschaftsblogs - eine Phantomdiskussion

Von Ralf Keuper

Noch immer herrscht in Wissenschaftskreisen die Meinung vor, dass sich Wissenschaftsjournalismus nur bedingt mit Wissenschaftsblogs vereinbaren lässt. Einen guten Eindruck dieser doch recht eingeschränkten Sichtweise lieferte auf SPON ein Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien: "Die sollten sich schämen!". Diskutanten waren Corinna Lüthje, Ernst Peter Fischer und Holger Wormer.

Wer sich das "Streitgespräch" durchliest, den beschleicht das Gefühl, zu Besuch in einer Parallelwelt zu sein. Wenn da wirklich der repräsentative Durchschnitt der Professorenschaft seine Positionen vorgetragen hat, dann steht es mit dem Verständnis von Wissenschaftskommunikation nicht zum besten. Eine Phantomdiskussion, d.h. die Gegenüberstellung von Journalismus und Bloggen geht am Thema vorbei. 

Dieser Ansicht ist auch Florian Freistetter, Autor des lesenswerten Wissenschaftsblogs Astrodictium simplex. In seinem Beitrag Blogger vs. Journalisten: Ein völlig sinnloser Streit! macht Freistetter seinem Ärger Luft.

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht noch der Hinweis auf einige lesenswerte Beiträge der Vergangenheit zum Themenkomplex Wissenschaftskommunikation/ Wissenschaftsgeschichte:










Bürgerwissenschaft: Wenn Laien nach den Sternen greifen

Montag, 16. Februar 2015

Wie Bernd und Hilla Becher die Industriefotografie revolutionierten

Von Ralf Keuper

Bernd und Hilla Becher, häufig auch als das berühmteste Fotografen-Ehepaar der Welt bezeichnet, begründeten zusammen die Düsseldorfer Photoschule. Mit ihren Industriefotografien schufen sie nicht nur eine eigene Grammatik, sondern bewahrten die "Kathedralen der Technik" auch vor dem Vergessen. Eine gute Einführung in ihre Fotografie liefert der Film Gespräch mit Hilla Becher und Marianne Kapfer, Galerie OstLicht

Weitere Informationen:

Bernd and Hilla Becher: Life and Work

Samstag, 14. Februar 2015

Medienwandel - Ein kurzer Blick auf die vergangenen Wochen

Von Ralf Keuper

Hier eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in den vergangenen Tagen und Wochen aufgefallen sind:

New Media / Streaming
Old Media
Social Media 
Bibliotheken / Lesen / Bücher

Freitag, 13. Februar 2015

"A Nation Transformed by Information" von Alfred Chandler u.a.

Von Ralf Keuper

An kaum einer anderen Nation lässt sich die Bedeutung der Informationsübermittlung für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft so veranschaulichen wie an den USA. Das Buch A Nation Transformed by Information, deren Mitherausgeber der renommierte Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler ist, spürt den verschiedenen Pfaden nach, auf denen die Informationsübermittlung  entscheidend mit dazu beigetragen hat, große räumliche Distanzen zu überwinden und den Bewohnern das Gefühl zu geben, Teil einer einzigen Nation zu sein.

Startschuss war der Post Office Act aus dem Jahr 1792, in dessen Folge unter Benjamin Franklin auf Basis des königlichen Postsystems ein neues Postwesen mit entsprechender Infrastruktur errichtet wurde. Aufgabe der Post war es nicht nur Briefe zu transportieren, sondern auch Zeitungen. Bereits 1779 betrug der Anteil der Zeitungen an dem Transportgewicht 70 Prozent, während der Anteil an den Transporteinnahmen mit 3 Prozent verschwindend gering war. Um die landesweite Versorgung mit Zeitungen zu garantieren und den Informationsfluss nicht versiegen zu lassen, subventionierte der Kongress daher die Postgesellschaften.
Der nächste Schub setzte mit dem Bau der Eisenbahnstrecken ein. Bereits Mitte der 1840er Jahre wurden zwei Drittel des Versands von Briefen und Zeitungen mit der Bahn abgewickelt. Die auf die Erfindung von Samuel Morse zurückgehende Telegrafie diente in erster Linie der Koordination der Transporte. Erst mit dem Telefon wurde die Kommunikation privater und lokaler. Bis Ende der 1930er Jahre betrug der Anteil der Telefonate zwischen den Bundesstaaten lediglich zwei Prozent. Auch nach dem 2. Weltkrieg ersetzte die Informationsübermittlung mittels Bahn nicht das Telefon, sondern ergänzte es.

Insgesamt war das Land am Ende des 19. Jahrhunderts von einer Informations-Infrastruktur durchzogen, die ein optimaler Resonanzboden für das beginnende Industriezeitalter war:
By the end of the nineteenth century the information infrastructure for the Industrial Age was solidly in place. The railroads had consolidated their activities into a small number of large systems. 
Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten IT-Unternehmen, wie das älteste IT-Unternehmen der Welt, National Cash Register (NCR), das auch heute noch aktiv und der weltweit führende Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen ist. Daneben beherrschten Unternehmen wie die Bell Company und AT&T das Geschäft mit der Telekommunikation. Es schlug die Stunde der ersten Großkonzerne. Diese waren für die Koordinierung ihrer vielfältigen Aktivitäten wie auch für ihre Buchführung auf Maschinen angewiesen, die für die Dokumentation und Verbreitung betrieblicher Informationen sorgten. Neben der bereits erwähnten NCR zählten Remington-Rand, Honeywell und Burroughs zu den ersten Herstellern von Schreib- bzw. Büromaschinen. 

Als dann noch die großen Radiogesellschaften wie die Radio Corporation of America (RCA) und CBS in den 1920er Jahren die Medienindustrie begründeten, klopfte bereits das Informationszeitalter an die Tür. In etwa zur selben Zeit begann IBM seinen kometenhaften Aufstieg zum weltweit größten Hersteller von Büromaschinen und Computern. Bis zum Anfang der 1980er Jahre beherrschte IBM das Geschäft mit Computern bzw. Großrechnern. Der erste industriell hergestellte PC der Welt war der Commodore PET 2001, der 1977 vorgestellt wurde. Im Jahr 1981 brachte IBM seinen ersten PC auf den Markt. Im Gegensatz zu Apple, die bereits damals schon den proprietären Ansatz verfolgten, war der PC von IBM als offenes System konzipiert. Damit bot IBM jungen Unternehmen die Gelegenheit, von der Entwicklung hin zur dezentralen Informationsverarbeitung zu profitieren, wie später dann das Internet. Einer der größten Profiteure dieser Offenheit war übrigens Microsoft. 
.. by making its PC an open system, IBM created an uprecedented opportunity for both existing and startup companies to enter this new market, an opportunity denied by Apple and other existing proprietary systems. 
Ein anderer Hersteller, der einen betont proprietären Ansatz verfolgte, war die Digital Equipment Corporation (DEC). Anders als Apple ist DEC diese Philosophie nicht bekommen. 

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Verbreitung des PC und der dezentralen Informationsverarbeitung waren leistungsfähige Halbleiter und Mikroprozessoren. Nachdem sie bei dem Pionier der Branche, Fairchild Semiconductor, für sich keine Perspektive mehr sahen, beschlossen George Moore, Robert Noyce und Andy Grove das Unternehmen zu verlassen und ihr eigenes zu gründen: Intel. 

Bis heute dominiert Intel den weltweiten Markt für Mikroprozessoren. 

Inzwischen stehen wir an einer neuen Schwelle des Informationszeitalters. Das Web 2.0 hat neue Geschäftsmodelle ermöglicht, die von unzähligen Startups an den Markt gebracht werden. Internetgiganten wie Google, Amazon, Alibaba und Paypal sind dabei ganze Branchen zu revolutionieren - vom Handel, über Bankgeschäfte bis hin zu Automobilen. IBM mischt noch immer kräftig mit, wie mit dem Supercomputer Watson. Seinen Schwerpunkt hat das Unternehmen in den letzen Jahren von der Hardware auf die Software und Beratung verlegt. Neben der Informationsübermittlung hat die Analyse der Informationsmengen großes Gewicht bekommen. Das Schlagwort hierfür heisst Big Data. 

Crosspost von Econlittera

Donnerstag, 12. Februar 2015

Organisationen tendieren dazu, ihre Mitglieder von zu großer Informationsaufnahme zu entlasten

Organisationen tendieren dazu, ihre Mitglieder von zu großer Informationsaufnahme zu entlasten. Wenn jeder über das System, in dem er tätig ist, alles wissen müsste, wäre seine Handlungsfähigkeit, die Produktivität außerordentlich eingeschränkt. Je besser die soziale Organisation entwickelt ist, das heißt je mehr Information in die Interaktionsnetze eingebaut ist, desto mehr wird der allgemeine Informationsbedarf des Individuums herabgesetzt. Daraus ergibt sich die Regel: Die steigende Wissensinvestition in die soziale und betriebliche Organisation muss nicht auf einer parallel steigenden Wissensinvestition der beteiligten Individuen beruhen. Eine Verbesserung der Organisation kann sogar in gewisser Weise zur Dequalifikation der Individuen führen. Mehr Rationalität der sozialen Organisation führt nicht zwangsläufig zu größerer Rationalität des Individuums
Quelle: "Die Dummheit der Informationsgesellschaft. Sozialpsychologie der Orientierung" von Gerhard Schmidtchen

Dienstag, 10. Februar 2015

"Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie" von Tim Renner

Von Ralf Keuper

Was waren das doch noch für Zeiten, als Bertelsmann, News Corporation, Vivendi, Sony und Time Warner das internationale Mediengeschäft unter sich aufteilen konnten. Es hätte auch alles so bleiben können, wenn nicht Google, Apple und Amazon das Mediengeschäft quasi über Nacht an sich gerissen hätten. Seitdem dominiert Amazon den Buchhandel, im Musik- und Filmgeschäft kommt kaum noch jemand an Apple vorbei und für die Informationssuche im Internet ist Google der Platzhirsch. Was bei Google nicht gefunden wird, gibt es eigentlich nicht. Da bleibt für die Majors häufig nur noch die Statistenrolle und die Beschwörung des eigenen, unverwechselbaren Contents, der letztlich doch nur Massenware ist. 

Tim Renner, einige Jahre Chef von Universal Music in Deutschland und seit kurzem Kulturstaatssekretär von Berlin, legt in seinem Buch Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie den Finger in die Wunde. 
Renner beschreibt einen Zustand satter Zufriedenheit, der sich bei den Majors über die Jahrzehnte hatte bilden können. Wozu innovativ sein, wenn Künstler, Kunden und Handel eh nicht an uns vorbei kommen? 
Vertikale Integration scheint für die Musikindustrie eigentlich immer nur zu bedeuten, dass sie sich integrieren lässt, sobald eine technische Innovation durchzusetzen ist. Auch in Zeiten gewaltiger Umsätze und Renditen, ob in den zwanziger, sechziger, siebziger oder neunziger Jahren, unternahm sie selbst nie einen ernsthaften Anlauf, den Spieß umzudrehen, die Geräte offensiv an sich zu binden und somit Entwicklungen selbst moderieren zu können. Es scheint, als würde sich die Innovationskraft der Musikfirmen in der Konzentration auf den Inhalt erschöpfen. Als gesellschaftlicher Treiber agieren die Künstler und ihre Inhalte. Als Firmen werden sie weiterhin getrieben - von technologischen Neuerungen.
Die Fixierung auf Zahlen, die Bevorzug der Quantität vor der Qualität hat in keinem Bereich so tiefe Wurzeln geschlagen wie im Privatfernsehen und inzwischen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: 
Schritt für Schritt begannen die privaten Anbieter, ihre Logik der Quantität, der Reichweite, der Zielgruppenpräsenz auf die gesamte Fernsehlandschaft zu übertragen. Auf welche Weise die Zuschauer mit dem umgehen, was sie sehen, ob und wie Fernsehen sie bewegt hat, wird immer weniger wichtig - das Einzige, was in den Sendern zählt, wenn am Morgen nach der Ausstrahlung die Quoten herumgereicht werden, ist die schlichte Zahl. Und bei den Analysten in den Sendern ist Musik zunehmend verpönt, denn sie führt zu Dellen in der Quotenkurve, zu den verhassten >Umschaltern<. Der Grund ist einfach: Alles, was emotional ist, führt auch zu Ablehnung. Je emotionaler, umso heftiger. Je heftiger, um so schneller wird umgeschaltet. Da sich die Qualität von Musik und ihrer Darbietung aber nun mal danach bemisst, so emotional wie möglich zu sein, widerspricht das zutiefst einem Fernsehideal, das auf stabilen Quoten, auf purer Quantität beruht.
Den Managern sei über die Jahre, so Renner,  das Gespür für den Wert von und für Qualität abhanden gekommen. Ausschlaggebend ist die Logik aus den Anfängen der Massenproduktion. Standardisieren wo es nur geht, und dann die Produkte mit der vollen Wucht des Marketing in den Markt pumpen. Da kann es auch ruhig Verschnitt geben; Hauptsache unterm Strich bleibt genügend hängen und die Verkaufszahlen stimmen. Keine Frage: Diese Logik hat(te) etwas für sich und für lange Zeit gab den Managern der Erfolg auch recht. 
Nur wenige waren, wie der legendäre Monti Lüftner von Ariola/Bertelsmann, mit einen sicheren Gespür für Zahlen und Qualität ausgestattet, wenngleich auch hier stets der Massenmarkt das Ziel war. 

Renner fordert eine Abkehr von diesem eindimensionalen Denken: 
Wir müssen damit aufhören, uns hinter einem vermeintlichen Plebiszit der Effizienzanalysen zu verschanzen, die wir für enorme viel Geld von Beraterfirmen einkaufen. Die Wirtschaft braucht Entscheider, die den Mut haben, auch mal Fehler zu machen, und die Konsequenzen aus diesen ziehen. Wir brauchen keine Managementtechnokraten, die das verfügbare Kapital in Gefälligkeitesgutachten und Status-quo-Analysen investieren, sondern Persönlichkeiten, die ihre Geschäft verstehen und Werte produzieren - statt Entschuldigungen und Erklärungen.
Alles in allem eine treffende Zustandsbeschreibung. Die Diagnose gilt dabei keineswegs nur für die Musik- und Medienindustrie, sondern für alle Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung unter Druck geraten, wie Banken.  

Crosspost von Econlittera

Montag, 9. Februar 2015

"Pfade in die Informationsgesellschaft" von Jochen Steinbicker

Von Ralf Keuper

Spätestens seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich der Begriff der Informationsgesellschaft einen festen Platz in der öffentlichen Diskussion um die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft erobert. Allerdings fehlte den verschiedenen Initiativen, seien es nun staatliche oder privatwirtschaftliche, das einigende Band, die Klammer. Erst Mitte der 90er Jahre gewinnt der Prozess durch das Aufkommen des Internet an Dynamik und vereint die bis dahin eher nebeneinander agierenden Institutionen und Akteure. Was im Rückblick wie ein geplantes Vorgehen aussieht, erweist sich bei genauerem Hinsehen als die Verquickung vieler Zufälle, eine lange Kette von Versuchen und Irrtümern, insbesondere in Europa. Trotzdem hat gerade Europa in den letzen zehn Jahren auf dem Gebiet der Informations- und Telekommunikationstechnik zu den USA und Japan aufgeschlossen. Zwar verlief die Entwicklung in England, Deutschland und Frankreich nicht so stürmisch wie in den USA, jedoch haben die verschiedenen Programme, die sich der flächendeckenden Einführung der Infrastrukturen für die Verbreitung von Informations- und Telekommunikationsdienstleistungen in Europa verschrieben hatten, letztendlich Erfolg. 
Ob sich diese Erfolgsgeschichte auch beim Übergang in die Digitalmoderne fortsetzt, steht in den Sternen. Derzeit überwiegen die Zweifel. 

Dabei zeigt sich, das von "dem" Entwicklungspfad in die Informationsgesellschaft, der für alle Länder gleichermaßen gültig ist, nicht gesprochen werden kann. Weder ist es den Marktkräften noch staatlichen Initiativen allein zu verdanken, wenn sich eine Gesellschaft auf den Weg auf den "information highway" begibt. 

An diesem Punkt setzt nun Jochen Steinbicker mit seinem Buch Pfade in die Informationsgesellschaft an, wobei er die Entwicklung in den USA, in Großbritannien, Frankreich und Deutschland miteinander vergleicht.
Gleich in der Einleitung skizziert Steinbicker seine These, deren Aufhänger der Durchbruch des Internet ist, der für viele damalige Beobachter alles andere als selbstverständlich war, man denke nur an die legendäre Aussage von Bill Gates, derzufolge das Internet lediglich ein Hype sei - eine Ansicht, die er schon kurze Zeit später korrigierte. Die lange Vorbereitungsphase, die in den untersuchten Ländern bereits in den 60er Jahren begann, führte dazu, dass ab Mitte der 90er Jahre die Früchte eingesammelt werden konnten. War die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert über die Menschen mehr oder weniger hereingebrochen, so wurde die Geburt der Informationsgesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einem intensiven, gewiss auch langwierigen, politischen und öffentlichen Diskurs geprägt. Freilich kann auch hier nicht von Transparenz im idealen Sinne gesprochen werden, jedoch sind seitdem die Mitwirkungsmöglichkeiten für die interessierten und betroffenen Personenkreise so groß wie nie zuvor.

Für die USA war der entscheidende Auslöser für das Aufkommen der Informationsgesellschaft die Aufspaltung des Telekommunikationskonzerns AT&T in mehre kleinere Gesellschaften. In den 90er Jahren war es vor allem der damalige Vizepräsident Al Gore, der sich die Informationsgesellschaft auf die Fahnen schrieb und mit dazu beigetragen hat, dass die USA auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologie ihre führende Position bis heute behaupten können.  

In Großbritannien hatte sich die Politik mit der Machtübernahme durch Margret Thatcher der Marktliberalisierung verschrieben. Dabei wurde die Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie für die Zukunft des Landes vollauf anerkannt. Spektakulärere Akte waren die Privatisierung von BT und die Aufhebung des Netzmonopols. Trotzdem ist das Ergebnis rückblickend nicht so marktliberal, wie es nach dem Lehrbuch und nach den Vorstellungen der Regierung hätte sein sollen.

Wie nicht anders zu erwarten, fiel in Frankreich dem Staat die Führungsrolle bei der Etablierung der Informationsgesellschaft zu, wenn sie auch nicht immer direkt zum Vorschein kam. Die Privatwirtschaft war eher für das "operative Geschäft" zuständig und als Impulsgeber von Bedeutung.   

Mit dem Telekommunikationsgesetz (TKG) von 1996 gewann die Entwicklung in Deutschland an Dynamik. 

Mit der Machübernahme durch die Regierung Schröder wurde der eingeschlagene Weg fortgesetzt. Auf Anregung der Industrie wurde die Initiative D21 ins Leben gerufen, deren erklärtes Ziel es war, eine übergreifende Strategie für den Aufbau bzw. Ausbau der Informationsgesellschaft in Deutschland zu entwickeln, um dem drohenden Rückstand Deutschlands entgegenzuwirken. Die Bundesregierung nahm einige der Gedanken der Initiative D21 auf und stellte ihre Strategie unter dem Titel "Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts" vor.
Die Bundesregierung prägte dafür den Slogan des "Internet für Alle". Im Zentrum standen vorwiegend ökonomische Gründe. 

In der Motivation für die Informationsgesellschaft stellt Steinbicker dann auch einige Unterschiede zwischen den Ländern fest.

Überhaupt war die Ausgangslage in den Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterschiedlich. In Frankreich ging es in erster Linie darum, die Industriestruktur durch die Forcierung der Hochtechnologie zu modernisieren, in Großbritannien war das Ziel, durch einen Neuaufbruch den schleichenden Niedergang der Industrie aufzuhalten, wogegen in Deutschland die Entwicklung unter dem Einfluss des Wiederaufbaus und den Bestrebungen stand, an die technologische Entwicklung der USA und später Japans anzuschließen. 

Entscheidend für den Durchbruch der Informationsgesellschaft in Europa ist für Steinbicker die EU-Kommission, deren erklärtes Ziel es war, eine Fragmentierung der Märkte in Europa zu verhindern. Bereits 1982 stelle die Kommission dem Rat das Forschungsprogramm ESPRIT (European Strategic Programme for Research and Development) vor, über das in den folgenden Jahren etliche Projekte finanziert wurden. Weitere wichtige Etappe auf dem Weg war die Veröffentlichung des Bangemann-Berichts im Jahr 1994.   Damit gelang es der EU-Kommission die Führungsrolle zu übernehmen.

Wenngleich fast alle Länder dem Motto des "information highway", wie er von Al Gore etabliert wurde, folgten und den Marktkräften ausgewählte Felder überließen und damit zumindest indirekt dem Internet zum Durchbruch verhalfen, ist die Haltung der Regierungen zum Internet inzwischen ambivalent. 

So spricht Steinbicker dann auch von dem >accidental information superhighway<. Vielen Regierungen geht die Entwicklung inzwischen zu weit, die Freiheit im Internet soll Grenzen haben, die Kontrolle zumindest in bestimmten Bereichen zurückgewonnen werden. Darin erblickt Steinbicker dann auch die Konflikte der Zukunft.

Manchmal etwas zu detailverliebt und zu sehr im Soziologendeutsch verfasst, liefert das Buch dennoch eine Fülle von Informationen und Querverweisen, die zu einem besseren Verständnis der Informationsgesellschaft beitragen.

Crosspost von Econlittera

Sonntag, 8. Februar 2015

Daten als "Neuen Medien", oder: Grenzen der Medienontologie

Von Ralf Keuper

Sind Daten inzwischen die "Neuen Medien"? - Diese Ansicht vertritt Jörg Blumtritt in seinem lesenswerten Blogbeitrag Data is the new Media

Als These formuliert er darin: 
Daten als Medien – das gilt nicht nur für die Inhalte. Werbung, die ja im Großen und Ganzen schon seit Jahrzehnten durch Daten getrieben wurde, ist heute in einem gewaltigen Umbruch begriffen.
Mehr noch: Daten sind inzwischen dabei, unser Selbstbild zu beeinflussen:
Mit der Idee des ‘Quantified Self‘ beginnen Daten sogar unsere Vorstellung von Identität zu erobern. Wir sind nicht nur, was wir sagen, wie wir erscheinen, wie wir willkürlich handeln, vielmehr sind wir ebenso durch unser Innenleben definiert, unsere körperlichen Funktionen, durch die Daten, die unser physisches Selbst erzeugt. Die Konzeption des Selbst verändert sich durch diese Betrachtungsweise, indem die strenge Trennung von Geist und Körper, von bewusst und unbewusst überwunden wird. Die physischen Aspekte unseres Lebens treten nun als gleichbereichtiger, wahrhaftiger Teil unseres Selbst auf.
Das ist in der Tat eine steile These. Was würde Freud wohl dazu sagen? 

Selbsterkenntnis durch Daten? Das erscheint mir dann doch zu ambitioniert. Daten bedürfen der Interpretation, um Sinn stiften und Orientierung geben zu können. Das ist nicht selten ein spekulativer, subjektiver Vorgang, wenngleich die Hermeneutik hier sicherlich einige Hilfestellungen geben kann. 
Woher kommen die Daten, wie, nach welchen Regeln, werden sie erhoben und verarbeitet? Wer bestimmt die Regeln, die Algorithmen? 

Ist die strenge Trennung von Geist und Körper durch die Datenrevolution, fast könnte man von einer Revolte der Daten sprechen, tatsächlich hinfällig?

Mark B. N. Hansen steht dieser Auffassung sehr nahe, obgleich er den Begriff des Superjekts einführt, um die Trennung zwischen Subjektivität und Objektivität zu überwinden.

An einer Stelle schreibt er:
Es ist wichtig, dass wir das Wesen der Teilhabe des Körpers an den heutigen atmosphärischen Medienumgebungen verstehen: hier geht es nicht darum, dass der Körper nicht mehr länger involviert oder wichtig sei, sondern dass er sein Vorrecht als paradigmatischer "Rahmer von Informationen" eingebüßt hat. .. Wir können sogar behaupten, dass der Körper eins wird mit der einfassenden Umwelt, aus der er hervorgeht. In dieser Hinsicht werden Medien in erster Linie als "atomistische" Empfindungen in allen Größenordnungen erfahren; erst danach - und auf einer weit höheren Organisationsebene - werden sie als "Gegenstand" von Wahrnehmungen erfahren. (in: Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung, aus: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, hrsg. von Erich Hörl)
Da klingen durch die Zeilen die Gedankenwelten von Heidegger und Whitehead. Angestrebt bzw. vollzogen wird eine ontologische Sicht auf die Medien - quasi eine Medienontologie. Da diese vom Sein und/oder dem Wesen des Seins ausgeht, kann sie nur in allumfassender Weise argumentieren. Sie zielt immer auf das Ganze, sie muss es tun. Begrenzungen fundamentaler Art sind ihr (wesens-)fremd. Doch gerade das, die Grenzen, stehen zur Diskussion. Können Daten diese Grenzen als Ausdruck des "Seins", gleichgültig welcher philosophische Richtung man folgt, einebnen? 

Wohl kaum. Brüche, Diskontinuitäten werden auch durch die Daten nicht überwunden. Das "Selbst" des Menschen bleibt ein Geheimnis, das sich auch mit noch so viel Daten nicht vollständig entschlüsseln lässt. 

Wie sagte schon Karl Jaspers in Existenzerhellung ist keine Ontologie:
Da aber Existenz nicht als Objekt und nicht als objektiviertes Subjekt sein kann, sondern Ursprung bleibt, der in Subjektivität und Objektivität nur appellierend zu erhellen ist, so würde Existenzerhellung vereitelt, wenn sie sich als ontologische Lehre entwickelte. 




Mittwoch, 4. Februar 2015

Medien des 21. Jahrhunderts oder quantitatives Empfinden (Mark B.N. Hansen)

In unserer gegenwärtigen Welt und während der vergangenen Jahrzehnte haben sich die Medien von einem Funktionstypus, der durch Aufzeichnen, Speichern und Übertragen bestimmt wird, zu einer Plattform für eine unmittelbare, handlungserleichternde Verschaltung mit Rückkoppelung aus der Umwelt verlagert. Diese Verlagerung ist zu einem sehr großen Teil der starken Vermehrung und Ausbreitung der Medien zu einem allgegenwärtigen und vollkommen unabdingbaren Bestandteil des täglichen Lebens geschuldet: Mit den heutigen digitalen Geräten und "intelligenten" Chips haben die Medien einen "Zustand erkennbarer Allgegenwärtigkeit" erreicht, der in der Geschichte ohne Beispiel ist, und sie haben, wie ich behaupten würde, mit dieser Errungenschaft eine qualitative Umwälzung der Erfahrung eingeleitet, eine derart umfangreiche Erweiterung des Empfindungsvermögens, dass sich dessen eigene "Kraft" und "Mächtigkeit" grundlegend modifizierte. 
Quelle: Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung, in: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, hrsg. von Erich Hörl

Sonntag, 1. Februar 2015

Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet

Von Ralf Keuper

Der Journalismus in Deutschland erweckt bei immer mehr Beobachtern den Eindruck der Einseitigkeit. Statt auf Nuancen einzugehen, um so zu einem differenzierteren Bild zu gelangen, ist die "Wahrheit" schnell gefunden; und das sogar über nahezu alle Formate hinweg; seien es Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen.

Woher kommt diese Tendenz zur Einheitssicht? Ist die Lage heutzutage wirklich so überschaubar, sind die Tatsachen so schnell auf eine Ursache zurückzuführen? Ist die Welt - anders als Habermas noch vor Jahren meinte - durch eine Neue Übersichtlichkeit geprägt? Ist unser Wertekanon in sich so konsistent, hat er alle Versuche der Widerlegung, der Falsifizierung erfolgreich überstanden, so dass die Annahme gerechtfertigt ist, er sei damit verifiziert?

Das erscheint unplausibel, bekommen wir doch ansonsten ständig zu hören und zu lesen, dass die Welt kompliziert geworden sei, und einfache Antworten, Simplifizierungen zu Entscheidungen mit fatalen Konsequenzen führen können. 

Kann es sein, dass der Journalismus, um einen Ausspruch von Karl Kraus aufzugreifen, inzwischen das Problem ist, als dessen Lösung er sich ausgibt, d.h. produziert er erst die Probleme, über die er berichtet?

Kurzum: Ist der Journalismus überhaupt noch zur Selbstkorrektur willens und/oder in der Lage?

Zweifel sind angebracht. Es ist davon auszugehen, dass der Journalismus so verfährt wie bisher, mag das Vertrauen der Leser in die Medien auch noch so sinken. Fast könnte man von einer Lust am Untergang sprechen.

Sicherlich hat Cornelia Mothes Recht, wenn sie sagt, der Journalismus müsse sich der Diskussion um Objektivität stellen. Aber: Sollte das nicht ohnehin selbstverständlich sein? Wie muss es um die journalistische Ausbildung bestellt sein, wenn auf Standards aufmerksam gemacht werden muss, die eigentlich zum Handwerkszeug all derer zählen sollten, die auf die öffentliche Meinungsbildung einen nicht unerheblichen Einfluss haben?

Anders gefragt: Kann man Journalismus, Publizistik überhaupt an den Maßstäben der Wissenschaft messen? Ist es eine Wissenschaft? 

Dass Journalismus sich durchaus an wissenschaftlichen Prinzipien orientieren kann, in der offenen Gesellschaft sogar dazu verpflichtet ist; diese Überzeugung tat Peter Michael Lingens vor Jahren auf dem Popper-Symposium kund:
Den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag zur Falsifizierung falscher gesellschaftlicher Thesen liefert in der offenen Gesellschaft der freie Journalist. Er ist gleichsam das Auge, das Ohr und der Mund des gesellschaftlichen Organismus. Durch ihn wird der gesellschaftliche Organismus imstande zu erfahren und zu artikulieren, wo und und wie eine bestimmte ideologische Behauptung widerlegt wurde. ... Die offene Gesellschaft ist ohne freie Journalisten undenkbar. Denn sie lebt davon, dass falsche Theorie, falsche gesellschaftliche Maßnahmen so rasch wie möglich falsifiziert werden, damit sie durch bessere ersetzt werden können. Dafür ist entscheidend, ob der Journalist seine Aufgabe als Auge, Ohr und Mund des gesellschaftlichen Organismus korrekt erfüllt. Ob er, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit schreibt. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz - Die Zukunft ist offen)
Mittlerweile ist offensichtlich geworden, dass die Journalisten alleine diese Rolle nicht mehr ausfüllen können. Eine stärkere Rolle als bisher müsste demnach der Medienjournalismus übernehmen. Dazu braucht es, neben der digitalen Öffentlichkeit, auch Instanzen, welche die Aufgabe der Journalisten übernehmen, d.h. auch den Journalismus kritisch beobachten und als Korrektiv fungieren. Das wird m.E. Stand heute nur über kapitalmäßig und personell ausreichend ausgestattete Medien gehen, die von Stiftungen getragen werden.