Dienstag, 31. März 2015

Von Meinungseliten und Multiplikatoren beim Tagesspiegel

Von Ralf Keuper

Wer noch Zweifel hatte, wo die "Meinungselite" in Deutschland, quasi der German Geist, sich niedergelassen hat, ist nun um mindestens eine Erkenntnis reicher: In Berlin natürlich. Und welches Medium hat den besten Draht zu dieser Meinungselite: Der Tagesspiegel.

Wer hätte das gedacht. Gut, dass die Meldung bereits gestern und nicht morgen erschienen ist - man hätte sie glatt für einen April-Scherz gehalten. Doch dem Tagesspiegel scheint es Ernst damit zu sein: Wer nun auf der Suche nach der, oder gar nach Einlass in die Meinungselite ist, dem oder der kann evtl. die Tagesspiegel-Causa helfen. 

Damit sich aber nicht gleich das Fußvolk angesprochen fühlt, macht der Tagesspiegel klar, für welche Zielgruppe, welches Marktsegment das neue Format gedacht ist:
Der neue Zeitungsteil richtet sich an Kommunikationschefs in Unternehmen oder Ministerien über Journalisten und Mitarbeiter von Thinktanks bis hin zu Entscheidern in Marketing und Kommunikation. Aber auch an alle Leser des Tagesspiegels, die wissen wollen, wie Ideen und Trends entstehen, wie sie ihren Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen finden und wie nicht.
Vor allem der letzte Satz ist goldig :-) Das Publikum darf Augenzeuge bei der Entstehung von echtem Qualitätsjournalismus bzw. Geistesblitzen sein und erleben, wie der eigene Kopf von inspirierenden Gedanken überflutet und das Herz erwärmt wird ... 

Schön, dass der Tagesspiegel seiner Linie treu bleibt, und an die unbestreitbaren Erfolge seines Premiumprodukts Agenda 2015 anzuknüpfen gedenkt.  

Ja, beim Tagesspiegel geht man den Dingen auf den Grund - und das ganz innovativ. 

Beim Tagesspiegel hat man als Leser künftig das Privileg, Teil der Höfischen Gesellschaft zu sein. War es in Zeiten des Ancien Régime eine Auszeichnung, dem König beim Ankleiden behilflich sein zu dürfen, so darf man nun als Leser des Tagesspiegel live miterleben, wie die Meinungselite die goldenen Früchte vom Baum der Erkenntnis pflückt - vielleicht darf man sogar die Leiter halten, oder den Korb, oder ... 

Dafür zahlt man doch gerne ;-)))

Weitere Informationen:

Guter Journalismus gedeiht im Dreck

Der Stilwandel der Medien am Beispiel der Medienkritik

Von Ralf Keuper

Der Stilwandel der Medien wird derzeit besonders gut am Beispiel der Medienkritik deutlich, was mehrere Beiträge der letzten Tage, wie das Gespräch «Es wurde eine neue Dimension öffentlicher Medienkritik erreicht» mit Vinzenz Wyss und 4U9525 und Medien - Ein Einwurf aus dem Internet von Christoph Kappes zeigen. 
Weiterhin erwähnenswert sind das Interview mit Bernhard Pörksen "Stichflammen- und Spektakel-Journalismus" sowie die Beiträge Flugzeugabsturz-Echtzeitjournalismus,  Katastrophen der Katastrophenberichterstattung und Zwischen Müdigkeit und Verzweiflung von Christian Bartels

Kappes und Pörksen stimmen, so weit ich sehen kann, in der Diagnose überein, dass Massenmedien nicht schweigen können. Kappes spricht von neuen Modi (Leerdrehen, Ausschaben, Echo-Fangen und Verschiebungen), Pörksen vom Nachrichtenvakkum, Faktenvakuum, Deutungsvakuum und Visualisierungsvakuum. 

Das aus dem Vakuum resultierende Dilemma ist für Pörksen:
... man tut alles, um das schlichte Eingeständnis der eigenen Ungewissheit zu vermeiden, das da wäre: Wir wissen noch nicht genug. Es gibt nichts Neues. Es gilt abzuwarten.
Das ist im Zeitalter des Echtzeitjournalismus keine Option. Für den Sensationsjournalismus war sie es ohnehin noch nie. Die Räder dürfen nicht still stehen, es muss produziert werden. Eine Eigendynamik, die keine Reflexion, kein Abwägen kennt. Es würde ihrer Produktionslogik widersprechen. Lieber häufig oder auch ständig daneben liegen und spekulieren, als gar nichts sagen. Es fragt einen Tag später ohnehin keiner mehr, ob das, was wir geschrieben oder gesendet haben, den Fakten entspricht, da wir bis dahin weitere "Informationen" geliefert haben, die nicht selten das Gegenteil aussagen. Das Kurzzeitgedächtnis der Medien und Leser sorgt für das Vergessen. Widersprüche in der Berichterstattung fallen daher kaum auf, und falls doch, werden sie von den Medien selber, wenn überhaupt, nur sehr widerwillig thematisiert. Im Produktionsprozess ist dafür eigentlich kein Zeitfenster vorgesehen - schlicht ineffizient. 

Die Rolle des Korrektivs, der Medienkritik, übernehmen daher, wie Wyss feststellt, die sozialen Medien, die digitale Öffentlichkeit. Die Massenmedien können diese Aufgabe schlicht nicht wahrnehmen. Darauf sind sie organisatorisch und kulturell nicht ausgelegt. Sie folgen einem anderen Zeitmodus. 

Aufgabe der Medienkritik ist es daher, die Funktion des Langzeitgedächtnisses einzunehmen, d.h. Widersprüche und Muster in der Berichterstattung aufzudecken und zu thematisieren. So paradox es auch klingen mag: Der Echtzeitjournalismus benötigt, wenn er nicht komplett überhitzen und leerlaufen will, die Langzeitperspektive. 

Anderenfalls fungiert er nur noch als Grundrauschen im Hintergrund. Die Leser und Zuhörer lassen dem Schauspiel freien Lauf, sehen dabei zu, wie sich die Meldungen widersprechen und sich mit der Zeit die Wahrheit, oder zumindest Umrisse davon, herauskristallisieren, oder jedenfalls die abstrusesten Versionen durch Fakten widerlegt wurden. Nur - das braucht noch zu viel Zeit. 
Daraus folgt, dass vor allem das Korrektiv seine Praxis verändern, und sich in gewisser auch beschleunigen muss. Die Evidenz von Meldungen muss sich möglichst rasch ermitteln lassen. Hierfür sind entsprechende Tools (Machine Learning, Deep Learning) von Nutzen. 

Es wäre zu wünschen, dass das Projekt News-Stream 3.0 entsprechende Werkzeuge entwickelt. 

Der Zeitmodus wird künftig ein noch wichtigeres Stilelement im Journalismus, wie überhaupt in den Medien: Echtzeit, Eigenzeit, Systemzeit, Zeit für das Vergessen, aber auch für das Erinnern ...

Weitere Informationen:

Wozu überhaupt noch Medienkritik?

Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung

Soziale Netzwerke als Propagandainstrument

Sonntag, 29. März 2015

Über die Notwendigkeit intelligenter Tools für die Bewertung von Medieninformationen

Von Ralf Keuper

Die technischen Möglichkeiten stehen längst zur Verfügung: Warum ist noch kein namhafter Hersteller von Big Data - Applikationen auf die Idee gekommen, eine Lösung für die Bewertung von Medieninformationen im Netz zu entwickeln?

Ein Weg in diese Richtung stellt für mich Googles Knowledge-Based Ansatz dar, wie er in dem Paper Knowledge-Based Trust: Estimating the Trustworthiness of Web Sources beschrieben ist. Sicher, der Ansatz hat seine Schwächen, wie Christoph Kappes in It's not Wahrheit, stupid. Anmerkungen zu Google Knowledge Vault schreibt. 

Dennoch ist der Bedarf für eine Lösung, die in der Lage ist, Medienmeldungen in möglichst kurzer Zeit auf ihren Wahrheitsgehalt, zumindest ihre Plausibilität hin zu überprüfen, absehbar. Anders ist der Informationsmüll, der uns in Echtzeit von den Zeitungen, Magazinen, auf twitter und im Rundfunk serviert wird, nicht mehr zu bewältigen.

In gewisser Hinsicht sorgen diese neuen Applikationen für Exformation, statt Information; also für die unsichtbare Entsorgung des Informationsmülls. 

Es ist m.E. nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Lösungen auftauchen. Ein Fall für die Digital Media Startups. 

So viel "Journalismus" wie heute gab es noch nie

Von Ralf Keuper

Es ist nur schwer zu übersehen, dass der Journalismus alter Schule kaum noch existent ist. Statt kritische Reflexion und intensive Recherche zu betreiben, hat man in den Redaktionsstuben, ganz gleich ob in den sog. Qualitätsmedien oder im Boulevardjournalismus, auf den "Durchlauferhitzer-Modus" umgestellt, wie nicht nur Hans Hoff in Der Journalismus existiert nicht mehr diagnostiziert. 

Andererseits aber könnte man auch davon sprechen, dass der Journalismus momentan seine Blütezeit erlebt; jedenfalls dann, wenn man das folgende Zitat von André Gide zum Maßstab nimmt:
Ich nenne "Journalismus" alles, was morgen weniger interessant ist als heute
Insofern: So viel Journalismus wie heute, gab es noch nie ;-) 

Samstag, 28. März 2015

Medienwandel: Ein kurzer Wochenrückblick #6

Von Ralf Keuper

Erneut eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in der zurückliegenden Woche aufgefallen sind.

Donnerstag, 26. März 2015

Das Auto als (neues) Leitmedium? #2

Von Ralf Keuper

Das Auto scheint auf dem besten Wege zu sein, das Wohnzimmer bzw. die Wohnung als bevorzugten Raum für die Unterhaltung abzulösen. 

Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls ein Interview in CARIT, in dem sich Elmar Frickenstein, Leiter der Entwicklung Elektrik/Elektronik bei BMW, zum gegenwärtigen und künftigen Stand der Entertainmentsyteme in Automobilen bzw. den Connected Cars:
.. Wir erreichen die BMW-Fahrer auch nicht über die Konnektivität allein, sondern über die damit verbundenen Funktionen. Das ist entscheidend. Die Kunden nutzen Echtzeitstauinformationen im Verkehr oder Spotify. Und wir gehen konsequent einen Schritt weiter. Wir haben beispielsweise heute schon Online-Entertainment im Fahrzeug. Das heisst, die Musik wird direkt aus dem Backend gestreamt. Wir arbeiten hier unter anderem mit Napster zusammen. Der Kunde kann seine Entertainment-Dienste folglich im Auto, auf dem Smartphone, dem Tablet oder dem Smart-TV nutzen. Er kann diese Funktionalitäten also auf mehreren Devices abrufen - das ist für unsere Kunden das entscheidende Kriterium (in: Daten sollten herstellerübergreifend zur Verfügung stehen. CARIT 01/2015)
Wenig später fügt Frickenstein als Antwort auf eine weitere Frage hinzu:
.. Wir bringen das Wohnzimmer ins Fahrzeug. Wie machen wir das? Wir integrieren Tablets im Fond und sind in der Lage das Fahrzeug zu "steuern". Das Ganze geschieht über eine WLAN-Anbindung. Sie können die Lüftung verändern, den Sitz n eine bequeme Schlafposition bringen und das Entertainmentsystem in seinem ganzen Umfang bedienen. Sie haben Zugriff auf Musik und Filme und arbeiten direkt und einfach in ihren Office-Funktionen.
Daraus erklärt sich, weshalb Google, Apple, Tencent und Baidu den Einstieg ins Geschäft mit selbstfahrenden Autos planen. Alles andere wäre aus ihrer Sicht auch grob fahrlässig. 

Weitere Informationen:

Das Auto als (neues) Leitmedium? 

Mittwoch, 18. März 2015

Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet #2

Von Ralf Keuper

Michael Jäger stellt in seinem Beitrag Medien, die nicht manipulieren einige Überlegungen zur Verbesserung der journalistischen Ausbildung und Berichterstattung an, die auf eine stärkere Berücksichtigung wissenschaftstheoretischer Prinzipien hinauslaufen. 

Er schreibt:
Denn das mediale Produzieren, hat es auch keinen wissenschaftlichen Charakter, erhebt den Anspruch der Erkenntnis. Zu sagen, dass es „Empirie“ und im medialen Kommentar auch „Theorie“ vermittelt, ist nicht ganz verkehrt. Das ist zwar Empirie und Theorie als Wildwuchs, doch wer wollte bestreiten, dass er zur Genealogie ernst gemeinter Resultate der Sozialwissenschaft gehört.
Unter Hinweis auf Niklas Luhmanns Aussage (sinngemäß), alles was wir Wirklichkeit nennen, stammt von den Massenmedien, fügt er hinzu: 
eben dass die Empirie der Medien, auch wenn es k e i n e wissenschaftliche ist, d e n n o c h , soweit das möglich ist, kontrolliert wird, als wäre sie es.
Das deckt sich mit meinen Überlegungen im dem Blogbeitrag Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet. Gerade der Wissenschaftsjournalismus sollte sich diesen Prinzipien verpflichtet fühlen. Dass es damit selbst hier noch nicht allzu gut bestellt ist, wird am Beispiel des Medizinjournalismus deutlich. 

Neben Karl Poppers Kritischem Rationalismus eignen sich für den Journalismus noch weitere Ansätze, wie die Diskurstheorie von Jürgen Habermas, die Hermeneutik oder die Berücksichtigung der Prinzipien der Evidenzbasierten Wissenschaft

Hier einige Beispiele für Letztere.

Aus der Chemie:
Je mehr Daten vorliegen, aus denen man Belege erzeugen kann, und je überzeugender die Kombinationen von Experimenten sind, die für eine Argumentation verwendet werden, desto unwahrscheinlicher werden weitere Interpretationen gemacht: Erst die Kombination und die Einschränkung der Interpretationsmöglichkeiten führen dann zu einer Evidenz mit hoher Überzeugungskraft. (in: Heureka. Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch)
Aus der Geologie:
Geologisches Denken und Arbeiten setzt auf Methodenvielfalt (Beobachtung, Experiment, Analogien, hermeneutische und historische Methoden, Numerik, Statistik usw.), um Lösungen für vierdimensionale komplexe Probleme zu finden. (Hildegard Westphal, ebd.)
Verglichen damit wirkt der methodologische Werkzeugkasten der meisten Journalisten recht ausbaufähig. 

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Sonntag, 15. März 2015

Wie die Fotografie die Malerei im 19. Jahrhundert veränderte

Die Erfindung der Fotografie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war eines der einschneidendsten Ereignisse in der Geschichte der europäischen Malerei. Das neue Medium hat dort die mächtigsten Wirkungen gezeitigt, wo es erfunden und schon früh künstlerisch überhöht worden ist, also in Frankreich, im Land der hochentwickelten Peinture, und in Paris, dem Inspirationsort so vieler großer Maler.
Die ersten Fotografien, die noch mehrere Sekunden lang belichtet werden mussten und darum jede erfasste Bewegung auslöschten, dafür aber ruhende Gegenstände unscharf abbildeten, dürften von den realistisch gesinnten Malern nicht als Einladung zur überexakten Nachahmung, sondern eher als Ermutigung zum malerisch freieren Umgang mit der Realität erlebt worden sein. Wenn es plötzlich ein Medium gab, das die Welt exakt in ihrer Verhältnismäßigkeit abbildete, warum sollte man sich als Maler noch um realistische Details kümmern?
Quelle: Mächtige Wirkung. Die Fotografie verändert die Malerei im 19. Jahrhundert, von Gottfried Knapp in der SZ vom 11.03.2015 

Donnerstag, 12. März 2015

Mein Körper ist eine Information, oder: Das Leben ist wie ein Aktienkurs

Von Ralf Keuper

In der SZ vom 11.03.2015 bringt Bernd Graff in Apple Watch. Völlig vermessen sein Unbehagen angesichts der Einführung der Apple Watch mit ihren Verheißungen zum Ausdruck. Das gilt besonders für Aussagen des Unternehmens, den Kontext anzuzeigen, der für das Leben und den Terminplan des Nutzers relevant sei.

Graff schreibt dazu:
Das sollte man sich dann doch einen Moment auf der Zunge zergehen lassen: Denn man kann nur behaupten, lebensrelevante Kontexte in einem Produkt abbilden zu können, wenn man daran glaubt, dass ein Leben wie ein Aktienkurs erfasst und angezeigt werden kann. Diese Uhr .. ist also nicht deswegen das "persönlichste" Produkt, weil man es anzieht und unmittelbar am Körper trägt. Sondern, weil darin der Glaube an die völlige Perfektionierung von Mensch wie Material durchscheint. Und vermittelt werden soll, dass sich das Persönlichste ebenso geschickt verrechnen, erfassen, vermitteln und darstellen lässt in einer komplett vermessenen Welt wie Bits und Bytes. Mein Körper ist eine Information. So nah ist uns dann wirklich noch kein Produkt gekommen.
Das Betrübliche darin ist, dass unser Körper - genetisch gesehen - tatsächlich als Information aufgefasst werden kann. Allerdings ist damit die Frage nach der Interpretation und Verarbeitung dieser Informationen noch nicht beantwortet. Gefährlich wird diese Entwicklung dann, wenn sie totalitäre Züge annimmt und sich der Kontrolle und Kritik zu entziehen versucht. Darauf spiel Graff indirekt an, wenn er einige Zeilen später fortfährt:
Man will in Cupertino nicht mehr nur innovative Produkte an die Kundschaft bringen. Man will sie selber in das Apple-Universum einbinden. Und das nicht mehr nur als bloße Konsumenten von smarten Produkten mit dem Apfel-Logo, sondern körperlich eingebunden mit ihrer Körperlichkeit: den Herz-, Schlaf, und Gesundheitsrhythmen. Der Glaube dahinter ist derselbe: Was vermessen werden kann, kann auch optimiert werden.
Das klingt für mich irgendwie nach der Totalen Mobilmachung in der Schrift Der Arbeiter von Ernst Jünger

Mittwoch, 11. März 2015

Die Realität des Selbst und der digitale Schein

Was wir real nennen und auch so wahrnehmen und erleben, sind jene Stellen, jene Krümmungen oder Ausbuchtungen, in denen die Partikel dicht gestreut sind und sich die Potentialitäten realisieren. Das ist das digitale Weltbild, wie es uns von den Wissenschaften vorgeschlagen wird. Damit haben wir von jetzt an zu leben, auch wenn es uns nicht in den Kram passen sollte. 
Uns wird dadurch nicht nur eine neue Ontologie, sondern auch eine neue Anthropologie aufgezwungen. Wir haben uns selbst - unser "Selbst" - als eine derartige "digitale Streuung", als eine Verwirklichung von Möglichkeiten dank dichter Streuungen zu begreifen. Wir müssen uns als Krümmungen oder Ausbuchtungen im Feld ineinander kreuzender, vor allem zwischenmenschlicher Relationen verstehen. Auch wir sind "digitale Computationen" aus schwirrenden Punktemöglichkeiten. ..
Es genügt nicht, wenn wir einsehen, dass unser "Selbst" ein Knotenpunkt einander kreuzender Virtualitäten ist, ein im Meer des Unbewussten schwimmender Eisberg oder ein über Nervensynapsen springendes Kontinuum, wir müssen auch danach handeln. 
Quelle: Vilém Flusser: Medienkultur

Im Vergleich dazu einige Gedanken von George Herbert Mead, einem der Hauptvertreter des Symbolischen Interaktionismus:
Die Identität, die für sich selbst Objekt werden kann, ist im Grunde eine gesellschaftliche Struktur und erwächst aus der gesellschaftlichen Erfahrung. Wenn sich eine Identität einmal entwickelt hat, schafft sie sich gewissermaßen selbst ihre gesellschaftlichen Erfahrungen. .. Der gesellschaftliche Prozess selbst ist für das Auftreten der Identität verantwortlich; als Identität ist sie außerhalb dieser Erfahrung nicht vorhanden. 
Quelle: Geist, Identität und Gesellschaft

Dienstag, 10. März 2015

Post in der Antike: Die Schreibtafeln aus Vindolanda

Von Ralf Keuper

Bei den Ausgrabungen am Hadrianswall, an der Grenze Nordenglands zu Schottland, stießen die Archäologen in dem Lager Vindolanda auf hauchdünne Holztäfelchen, die beschriftet waren. Wie sich herausstellte, wurden sie von Soldaten oder anderen Angehörigen der römischen Gemeinde zur Übermittlung von Botschaften, mit Empfängeradresse und Absender versehen, oder für dokumentarische Zwecke, z.B. für militärische Berichte und Listen, verwendet. 
Dass die Holzblättchen fast unzerstört über die Zeit erhalten blieben, ist dem sauerstoffarmen Boden im ehemaligen Lager Vindolanda zu verdanken, der dafür gesorgt hat, dass die Täfelchen konserviert wurden. Insofern kann man davon ausgehen, dass die Römer auch an anderen Orten mittels Holztäfelchen kommunizierten, die jedoch schon längst verrottet sind. 

Die Täfelchen liefern einen in dieser Form einmaligen Einblick in das Alltagsleben einer römischen Garnison, Gesellschaft zu jener Zeit. 

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Samstag, 7. März 2015

Medienwandel: Ein kurzer Wochenrückblick #3

Von Ralf Keuper

Erneut eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in dieser Woche aufgefallen sind.

Donnerstag, 5. März 2015

25 Jahre Photoshop - Das Ende der Echtheit?

Von Ralf Keuper

Dass Bilder gerne zu manipulativen Zwecken eingesetzt und/oder selbst nachträglich "optimiert" werden, ist allgemein bekannt. Durch die Digitalisierung hat sich das Spektrum der Möglichkeiten jedoch deutlich vergrößert, ja geradezu vervielfacht. Seit 25 Jahren schon ist Photoshop von Adobe am Markt. Seitdem, so könnte man sagen, ist in der Fotografie nichts mehr so, wie es vorher war. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls während der Lektüre des Interviews in der SZ ("Digitale Knetmasse") mit Daniel Bauer, Geschäftsführer von blink.imaging, einem Münchner Unternehmen, das sich mit Digitalfotografie und elektronischer Bildverarbeitung beschäftigt. 

Gefragt wie er heute, im digitalen Zeitalter, seiner Arbeit nachgehe, antwortet Bauer:
Die Auswahl der Bilder und ihre Bearbeitung beginnt manchmal schon beim Fotografieren: Die Bilder werden am Set aus der Kamera sofort zur ersten Auswertung in einen Rechner übertragen. Hier wird von einem digital operator schon mal ein erster ansprechender Look eingestellt. So ist eine sofortige Kontrolle der gewünschten Wirkung möglich. Früher hat man so etwas mit einzelnen Polaroids gemacht. 
Frage SZ: Noch ist aber nichts retuschiert.
Antwort: Je nachdem, wie die Zeit drängt, beginnen wir auch mit der Retusche bereits am Set. Post Production muss man sich vorstellen, wie Schönheits-OPs in einem Operationssaal für Mode, Architektur, Autos, Beauty, Food - alle Genres haben eigene Standards je nachdem wer fotografiert wurde und wer fotografiert hat. 
Frage SZ: Das heisst, man einigt sich auf genau ein Foto, dass dann nachgearbeitet wird?
Antwort: Ja. In verschiedenen Bearbeitungsgängen wird das Bild nach und nach optimiert. Post Production heisst auch: die bearbeiteten Daten werden ständig ausgetauscht und verfeinert. 
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