Samstag, 30. Mai 2015

Neue Medienformate: Zwischen Konversation und Publikation

Von Ralf Keuper

Während die Suche nach dem ultimativen (digitalen) Geschäftsmodell der Medien munter weiter geht, ist Medium-Chef Ev Williams schon einen Schritt weiter. So jedenfalls der Eindruck, der sich bei der Lektüre von Medium.com: Blog-Plattform oder soziales Netzwerk? einstellt. 

Williams hat seiner Medienplattform einen Strategiewechsel verordnet, der nicht überall auf Zustimmung trifft. Williams ist nach seinen Erfahrungen bei Blogger.com und twitter mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass es bei Medien weniger auf technische Features, sondern mehr auf Konversationen, Verknüpfungen ankommt. Im Zentrum stehe daher die Weiterentwicklung der Bearbeitungsmöglichkeiten der Texte. Konversation sei im Zweifelsfalle wichtiger als die reine Publikation. Nachdem der Text bearbeitet und kommentiert wurde, darf er natürlich gerne über die sozialen Netzwerke kommuniziert werden. Hierfür stehen dann entsprechende Funktionen zur Verfügung. Also weniger ein Entweder oder, als vielmehr ein Sowohl als auch. Alles andere wäre auch kontraproduktiv. 

Damit folgt Medium der Vision der fortgesetzten Bearbeitung, Weiterzählung eines Textes. Quasi die Unendliche Geschichte im Digitalformat. Das Unvollendete als Prinzip. Flüchtige Medieninhalte im Sinne von Zygmut Baumann. 

Inspirierend in dem Zusammenhang auch der Beitrag “Quartz ist eine API” und wird digitale Nachrichten umformen. Darin erläutert Quartz-Produktmanager und leitender Redakteur Zachary M. Seward die rasante Entwicklung von Quartz und die dahinter stehende Philosophie. Diese ist ganz dem Open API - Gedankengut verpflichtet. Seward geht sogar so weit festzustellen:
Quartz ist eine API
Seward schreibt:
Bevor wir qz.com aufgebaut haben, haben wir die Quartz API gebaut. (Eines Tages hatte schon jemand angefangen, damit herumzuspielen.) Heute ist der wichtigste Kunde der API noch immer qz.com, aber eigentlich könnte es in alle Richtungen gehen. Es war immer unsere Philosophie, zwischen uns und unseren Lesern so wenig Reibung wie möglich zu verursachen. Unsere API kann das bekräftigen. ...
Wenn wir sagen, dass Quartz eine API ist, meinen wir nicht, dass man Dinge einmal veröffentlicht und es überall hin schickt. Wir meinen, dass Quartz dorthin gehen kann, wo unsere Leser sind, welche Form auch immer benötigt wird. 
Das könnte in der Tat die Blaupause für den digitalen Journalismus sein.

Etwas mehr der alten Welt verpflichtet ist der Beitrag Verlage im Widerspruch. Mit Blick auf die jüngsten strategischen Züge von facebook zitiert Heiko Hilker aus einem Beitrag von Felix Stephan, indem dieser die Ansicht vertritt, die Verlage müssten ähnlich wie facebook die Daten ihrer Nutzer sammeln und auswerten, um ihnen so passende Artikel und Werbung liefern zu können.  Hilker fügt hinzu, dass die Verlage, anders als facebook, den Nutzer auch die Möglichkeit anbieten könnten, selber zu entscheiden, welche Daten von ihnen erfasst und verwertet werden. Kurzum: Digitaler Journalismus unter Berücksichtigung der Datensouveränität der Nutzer. 

Solange aber die Verlage nicht bereit sind, in guten Journalismus zu investieren wird sich in absehbarer Zeit an dem Dilemma der Branche wenig ändern; sie wird eher noch mehr in die Abhängigkeit von facebook & Co. geraten. Dann ist irgendwann auch die Rendite im Eimer. 

Montag, 25. Mai 2015

Digitalisierung als Risikofeststellung - Antwort auf: Kann Deutschland keine Digitalisierung?

Von Alfred Fuhr

Hinweis: Der Beitrag ist eine Antwort auf Kann Deutschland keine Digitalisierung?

Unlängst hat Dr. Erich Behrendt von den eBusiness Lotsen Südwestfalen in einem sehr guten Vortrag genau Ihre Argumentationslinie aufgezeigt und mit weiteren Beispielen von sehr guter deutscher Ingenieurs-Basisarbeit und eben der Bereitstellung der Technologie für die Digitalisierung, in der fast alles aus Europa kommt, unterstützt. Ich möchte hier nur noch ergänzen, dass selbst die Frage der Verschlüsselung und die Impulse zu mehr Datensicherheit und Privacy, die derzeit in Silicon Valley sehr stark beobachtbar sind, aus Europa ihr Knowledge ziehen. 
Technische Security Lösungen kommen dort von neu gegründeten amerikanischen Firmen, die aber meist von Experten, die aus dem Ruhrgebiet kommen, gegründet wurden. Get real. 

Wohltuend, dass Sie hier vermitteln wollen, denn es kann uns alle doch nicht wirklich überraschen, dass Deutschlands Unternehmen nicht genau das tun, was die Heils- Propheten der Digitalisierung verkünden und schon sehr viel schneller umgesetzt sehen. Die Digitalisierung ist ein spannendes gesellschaftliches Phänomen, das der leider verstorbene Soziologe Ulrich Beck mit Recht und Vorahnung eine Risikofeststellung nannte. Wir sollten daher mit Mut aber auch gegenüber allzu großen Idealisierungen skeptisch an die Digitalisierung im Alltag heran gehen und hier zeigt sich sehr schnell, dass ein digitales Netzwerk in der Idealvorstellung der Digitalisierungseuphorie eben nicht wie von selbst läuft. 
So einfach ist es nicht. Das lernt man; wenn man wie ich, in verschiedenen Netzwerken, sowohl analogen als auch nunmehr vor allem virtuell kommunizierenden digitalen Netzwerken, unterwegs ist und daher schätze ich es sehr, wenn die Diskussion an den alltäglichen Erfahrungen empirisch begründet ansetzt und es nicht nur um die Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten, sondern auch um die Mühen der Ebenen und die unintendierten Nebenfolgen der Digitalisierung in ihrem Blog geht. 

Digitalisierungen sind als soziale Systeme konstruiert ist eben auch das: Risikofeststellungen und sie sind 
die Gestalt, in der die Ethik, und damit auch die Philosophie, die Kultur, die Politik, - in den Zentren der Modernisierung- in der Wirtschaft, den Naturwissenschaften, den Technikdisziplinen wieder aufsteht. 
und wie gut Ulrich Becks Definition auf die Digitalisierung angewendet - weiter geht ist aktueller denn je: 
Risikofeststellungen sind eine noch unerkannte Symbiose von Natur- und Geisteswissenschaft, von Alltags- und Expertenrationalität, von Interesse und Tatsache. Sie sind gleichzeitig weder nur das eine noch das andere. Sie sind beides und zwar in neuer Form. Sie können nicht mehr spezialisiert von dem einen oder anderen isoliert und an den eigenen Rationalitätsstandards entwickelt und fixiert werden. Sie setzen ein Zusammenwirken, über die Gräben von Disziplinen, Bürgergruppen, Betrieben, Verwaltung und Politik voraus oder- was wahrscheinlicher ist- zerbrechen zwischen diesen in gegensätzliche Definitionen und Definitionskämpfe (Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Frankfurt am Main, 1986, S.38).
Was Beck 1986 unter dem Eindruck der damals gerade auf dem Höhepunkt der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl an Gedanken entwickelte ist auch sehr gut um die Schwierigkeiten zu beschreiben, die Deutschland mit der Digitalisierung angehen und eines Tages auch lösen wird, denn es ist natürlich nicht einfach, wenn durch die Modernisierung - sprich- Digitalisierung nun die Industrie, wie Beck damals schrieb, selbst durch den Erfolg der eigenen Modernisierung "labilisiert" wird: 

Ulrich Beck schrieb damals: 
Wir erleben einen Wandel der Grundlagen des Wandels. Dies denken zu können, setzt allerdings voraus das das Bild der Industriegesellschaft revidiert wird.
Und um es heute noch genauer zu fassen: Die Geschäftsmodelle, aber auch die Organisation der Produktion und deren Management, werden durch die Digitalisierung eben nicht einfach digital abgebildet, sondern als Nebenfolge gleich entweder abgeschafft oder auf den Kopf gestellt, was erklären hilft, warum wie neulich bei einem Gründertreffen der Data Assistance Europe (Hinweis: Der Autor und der Blogbetreiber sind Gründungsmitglieder) ein Vertreter der alten Schule nach einer Präsentation einer Big Data Anwendung laut und empört ausruft: "Das ist doch kein Geschäftsmodell", aber nach einem Tag langer Gespräche und einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf am Morgen dann im Gespräch begeistert ist von den Möglichkeiten, die ein Portal mit digitaler Kommunikation für seine bisherige Arbeit für ihn nun selbst erkennen lässt. 

Deutschland kann Digitalisierung können, doch es kommt eben darauf an, dass Gräben überwunden, Ängste abgebaut, aber auf der anderen Seite eben auch Netzphantasien und Datenschutzprobleme nicht weg gewischt sondern als ernstes Problem für die Durchsetzung und die Akzeptanz all dessen was Digitalisierung heißt, wahr genommen und technisch aber auch durch Einhalten von Prozessen und kluges Überdenken der Strukturen des Netzes gelöst werden. Das kostet Nerven, Zeit und auch Geld, und die Bereitschaft wechselseitig sich zu zu hören und auch auf die dümmsten Fragen nicht mit Arroganz und Hochmut zu antworten..

Andererseits aber auch den Mut das bisher unhinterfragte und sicher noch derzeit erfolgreiche und profitable Geschäftsmodell auf seine Schwächen hin zu analysieren. Die Fähigkeit die dafür nötig ist, Selbstreflexion und eine Problemerörterungskulturkompetenz hat Deutschland und die dafür nötigen Organisationen auch. Um sie werden wir, wie von Harvard Businees Professoren, beneidet, denn diese Innovationscluster sind bei uns flächendeckend vorhanden, während es in den USA nur ein paar solcher Zentren gibt und von ihnen vor allem nur von Big Playern, während bei uns sowohl große Unternehmen als auch das kleine Pflänzchen Startup Kultur, der aufgeweckte Mittelstand und die vielen hidden champons darin die Digitalisierung inzwischen auf ihren Stammtischen, IHK- Veranstaltungen thematisieren. Digitalisierung ist auch wenn bis in die Ortsvereine der Parteien Internet als Thema hinunter besprochen und über die Abgeordneten in den Gremien des Bundestages wieder hinauf kommuniziert werden. Oder über die Verbände in direktem Dialog mit Technologie, Service und Dienstleistern Unternehmen Wissen akkumulieren, dass dort neue Ansätze ermöglicht, weil von dem Unternehmen selbst dann die Anforderungen an Digitalisierung erarbeitet werden.

Kann Deutschland keine Digitalisierung?

Von Ralf Keuper

Es ist fast schon zum Mantra einiger Berater und Autoren geworden, Deutschland mangelnde Fähigkeiten im Umgang mit der Digitalisierung zu attestieren. Einige gehen so weit zu sagen, Deutschland könne überhaupt keine Digitalisierung. 
Sicher - hierbei handelt es sich um Schlagworte, die bewusst einseitig gewählt sind, um der Botschaft mehr Gehör zu verschaffen. Trotzdem tut Differenzierung gerade beim Thema Digitalisierung Not. 

Im Folgenden versuche ich, skizzenhaft, darzulegen, weshalb ich die steile These, Deutschland (d.h. Bevölkerung, Wirtschaft, Wissenschaft und Regierung) könne keine Digitalisierung nicht nur für überspannt, sondern auch für widerlegt halte. Stattdessen werde ich die These formulieren und zu begründen versuchen, dass Deutschland bestimmte Formen der Digitalisierung nicht bzw. nur unzureichend beherrscht. Ein Erklärungsversuch rundet das Panorama ab.

Dass die Aussage, Deutschland könne keine Digitalisierung bzw. Deutschland würde die Digitalisierung wie einen Fremdkörper behandeln, falsch, ja schon absurd ist, zeigt ein Blick ein die Geschichte:

Anfänge der Digitalisierung und Computerisierung in Deutschland

Eines der ersten Werke der Computerwissenschaft, den Computus Emendatus, verfasste im 12. Jahrhundert Reinher von Paderborn. Die erste Rechenmaschine der Welt wurde von Wilhelm Schickard erbaut. Ein weiterer, wenn man so will, Pionier der Digitalisierung in Deutschland, war Athanasius Kircher, auf den die Urform der ältesten Rechenmaschinen zurückgeht. Berühmt wurde die Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz, die bereits alle vier Rechenarten beherrschte. Nicht zu Unrecht bezeichnete Nils Schiffhauer in der FAZ die Rechenmaschine von Leibniz als einen Urahnen des Computers. In der der noch jungen Geschichte der Informatik gilt Konrad Zuse als Erfinder des ersten funktionsfähigen Digitalrechners. Heinz Gumin entwickelt in den 1950er Jahren bei Siemens den ersten serienfertigen Digitalrechner. In den 1970er und 1980er Jahren verhalf Heinz Nixdorf der dezentrale Datenverarbeitung bzw. der mittleren Datentechnik in Deutschland zum Durchbruch. Nixdorf legte mit seiner Sammlung auch den Grundstein für das Größte Computermuseum der Welt. Hasso Plattner, Dietmar Hopp, Klaus Tschira u.a. schufen mit der SAP AG einen der größten Softwarekonzerne der Welt. 

Alleine vor diesem Hintergrund kann die These, Deutschland könne mit der Digitalisierung nicht viel anfangen, als widerlegt gelten.

Echte Schwachpunkte

Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass Deutschland sich in bestimmten Disziplinen der Digitalisierung ausgesprochen schwer tut. Das betrifft in besonderer Weise die Herstellung von Kleingeräten, Applikationen, die den Nutzer mit mehr als nur bloßer Technik in Verzückung versetzen. Hier hapert es deutlich, wie einige Beispiele verdeutlichen:

Der PC wurde, nicht nur, in Deutschland in seiner Bedeutung unterschätzt. Aus der Produktion von Handys und Computern haben sich deutsche Hersteller, mit wenigen Ausnahmen, zurückgezogen. In der Weltliga spielen deutsche Unternehmen hier keine nennenswerte Rolle. Gleiches gilt für die Unterhaltungselektronik. Nach Grundigs Heinzelmann sind hier keine echten Verkaufsschlager mehr produziert worden. Neben Grundig sind Telefunken, Nordmende und Saba ebenfalls von der Bildfläche verschwunden. Stattdessen setzten hier die Japaner mit Panasonic und Sony lange Zeit den Maßstab, wie mit dem Walkman. Bei den Smartphones geben amerikanische, koreanische, chinesische und japanische Hersteller den Ton an. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Segment Haushaltsgeräte, in dem Firmen wie Miele und Braun für gelungenes Design und hohen Bedienkomfort stehen. Der Erfolg von Braun verdankt sich in hohem Maß dem Design von Dieter Rams, den Apple-Designer John Ive als sein großes Vorbild bezeichnet. Es scheint so, als würde deutsches Design seine größten Erfolge im Ausland feiern, wofür neben Rams auch Hartmut Esslinger steht. Noch schlechter sieht es im Bereich Medien aus. Hier spielt kein deutsches Unternehmen mehr eine entscheidende Rolle - auch Bertelsmann nicht. Die großen sozialen Netzwerke stammen alle aus den USA oder Asien/China, die großen Hersteller von Onlinespielen stammen vorwiegend aus den USA und China, die deutsche Filmindustrie ist nicht der Rede wert. 

German Overengineering

Deutschlands Aufstieg zu einer der führenden Industrienationen der Welt steht im engen Zusammenhang mit dem Berufsbild des Ingenieurs. Seitdem gelten Produkte aus deutscher Herstellung als qualitativ hochwertig, zuverlässig und sicher. Da wird auch mal gerne zuviel des Guten getan, weshalb im Ausland auch spöttisch vom deutschen Overengineering (übertriebener Perfektionismus) gesprochen wird.

Die Defizite der ingenieursmäßigen Vorgehensweise erweisen sich im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung und Medialisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend als Hindernis. Selbst die Paradedisziplin der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie, wird von der Digitalisierung erfasst. Die deutschen Hersteller drohen auf die Rolle bloßer Zulieferer reduziert zu werden. Autos sind heute mobile Medien- bzw. Kommunikationsplattformen, die direkt mit dem Internet kommunizieren. Hier haben Unternehmen wie Apple und Google einen kaum einholbaren Vorsprung. Autos werden fahrbare Smartphones, Abspielplattformen. Das ist eine andere Welt, als diejenige, die deutschen Automobilingenieuren und Softwareingenieuren vertraut ist. Ein deutscher Ingenieur, der sein Produkt auch nach Fertigstellung noch mit dem Kunden zusammen weiterentwickelt? Derzeit kaum vorstellbar. 

Ausblick / Offene Fragen

Die Frage ist nun, ob Deutschland dieses Defizit ausgleichen kann, ohne seine unbestreitbaren Stärken aufs Spiel zu setzen. Können wir unsers Wirtschafts- und Medienstil darauf abstimmen? Oder bleiben uns "nur" die Felder Sicherheit und Qualität, wie im Maschinenbau? Können wir nur ganz bestimmte Formen der Digitalisierung? Liegt die Chance der deutschen Wirtschaft ausschließlich in der Industrie 4.0? Reicht das?

Wir werden sehen. 

Sonntag, 24. Mai 2015

Medienwandel: Ein kurzer Wochenrückblick #13

Von Ralf Keuper

Wiederum eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in der zurückliegenden Woche aufgefallen sind.

Samstag, 23. Mai 2015

Neue Erkenntnisse zur Entstehung unseres Alphabets

Von Ralf Keuper

In der FAZ vom 19.05.2015 bespricht Wolfgang Krischke in Für die Phönizier fällt keine Rolle mehr ab das Buch "Hieroglyphen mit Geheimnis". Neue Erkenntnisse zur Entstehung unseres Alphabets von Karl-Theodor Zauzich

Im Zentrum der Rezension wie auch des Buches steht die Frage, in welchen Schritten sich der Übergang von den Hieroglyphen hin zum Alphabet vollzog:
Aus den vielen hundert bildhaften Hieroglyphen wurden etwa zwei Dutzend abstrakte Buchstaben. 
Entgegen der Meinung der meisten Ägyptologen vertritt Zauzich die Ansicht, dass die Buchstaben sich weder auf Gegenstände noch auf protosinaitische Zeichen zurückführen lassen. 
Zauzich ist überzeugt, dass sich in den Namen der semitischen und griechischen Buchstaben die ägyptischen Hieroglyphen-Namen wiederfinden, so wie auch die Gestalt der Buchstaben direkt von den Hieroglyphen abstamme, und zwar in ihrer kursiven "hieratisch" genannten Form, die unserer Schreibschrift vergleichbar ist. ... Zauzich nimmt an, dass die Semiten zwischen 1500 und 1300 v. Chr. eine Auswahl dieser Silben-Symbole mitsamt ihren Namen und Lautwerten für die Verschriftung ihrer eigenen Sprache einsetzten. 
Zauzich räumt in seinem Buch mit einer weiteren Lehrmeinung auf, wonach die Griechen das Alphabet von den Phöniziern übernommen haben. 
Zauzich fand nun aber heraus, dass die griechischen Buchstaben-Namen im Vergleich zu den semitischen in ihrer sprachlichen Form den Namen der ägyptischen Hieroglyphen ähnlicher sind, obwohl das phönizische Alphabet einige Jahrhunderte älter ist als das griechische. 

Lesezirkel: Zwischen analog und digital

Von Ralf Keuper

Eigentlich sollte man annehmen, dass Lesezirkel mittlerweile aus der Mode gekommen sind. Im Zeitalter des E-Books und sozialer Netzwerke ist das Zusammentreffen an einem bestimmten physischen Ort, wie seinerzeit in dem legendären Salon der Rahel Varnhagen, überflüssig. Den Aufwand, im Sinne von Reisen, Beköstigung, Übernachtung usw.,  kann man sich eigentlich sparen. Und dennoch ist die Zahl klassischer, analoger Lesezirkel in Deutschland noch immer beachtlich, wie u.a. aus dem Beitrag Prosa statt Prozac hervorgeht. Fortschrittliche Unternehmen versuchen dieses Phänomen für innerbetriebliche Zwecke zu nutzen:
So unterschiedlich sich Lesekreise im Einzelnen gestalten, immer geht es um das Lesen im Kontext der Gruppe. Deshalb bieten auch Unternehmen wie die Londoner Warenhauskette Marks & Spencer eigene Lesegruppen an - zur Förderung des Betriebsklimas. Statt für die Angestellten gemeinsame Ausflüge in den Klettergarten zu organisieren oder teure Achtsamkeitsseminare anzubieten, werden Tolstoi & Co. aufgerufen, um betriebliche Verbundenheit herzustellen.
Von einem Lesekreis wie der Bristol Friendly Society, einer Mischform aus analogem und digitalem Lesekreis, sind wir hierzulande wohl noch weit entfernt: 
Das wohl längste Gespräch über Literatur aber führt wohl die „Bristol Friendly Society“; es dauert seit 1799 an. Die Mitglieder kennen sich nicht persönlich, sondern schicken sich gemeinsam ausgewählte Titel nach der Lektüre gegenseitig per Post zu - versehen mit Karteikärtchen, auf denen ihr Urteil über das jeweilige Buch notiert ist. Dieser frühe Vorläufer heutiger Online-Foren wie „Goodreads“ (angeblich 25 Millionen Mitglieder) oder „Mashable“ (34 Millionen) lässt dabei aber ebenso wie diese außer Acht, dass für viele Leseverbündete die persönliche Begegnung entscheidend ist: Gerade weil es immer irrelevanter geworden ist, sich zu treffen, suchen sie den persönlichen Kontakt.
Die analogen Lesezirkel als Reaktion auf die wachsende Zahl der digitalen. 

In den USA suchen die Verlage, bzw. deren Marketing-Abteilungen, den direkten Kontakt zu den Leserkreisen und bieten ihre "Hilfe", wie bei der Suche nach geeignetem Lesestoff, an;  nicht immer zur Freude der Leser. 

Hörenswert in dem Zusammenhang ist das Interview Wie werden wir in Zukunft lesen? mit Ullstein-Chefin Siv Bublitz, die darin die Plattform vorablesen.de erwähnt. Den Erfolg der Plattform führt Bublitz darauf zurück, dass die Plattform, die von Ullstein initiiert wurde, anderen Verlagen offen steht. 

Ein ähnlichen Ansatz verfolgen Christoph Kappes und Sascha Lobo mit ihrer Plattform sobooks

Sonntag, 17. Mai 2015

Samstag, 16. Mai 2015

Facebook degradiert die Medienhäuser zu Content-Lieferanten

Von Ralf Keuper

Die Kooperation namhafter Medienhäuser wie der New York Times, des Spiegel und der Bild mit Facebook stossen unter Journalisten nicht nur auf Zustimmung; zuweilen sogar auf schroffe Ablehnung, wie bei Michael Hanfeld in Bitte benutzen Sie den Lieferanteneingang

Hanfeld sieht die Gefahr, dass die Medienhäuser zu bloßen Lieferanten degradiert werden, wenn sie sich mit News-Aggregatoren wie Facebook einlassen. 
In der Tat sind die Konditionen, denen sich die Verlage unterwerfen, ein eindrucksvoller Beleg für die Marktmacht von Facebook. Nicht nur Google ist für die Verbreitung von Inhalten für die Verlage unabkömmlich geworden. 

Die klassischen Medienhäuser bekommen zu spüren, wie sich die Markt- und Machtgewichte im Mediensektor in den letzten Jahren verschoben haben. Wenngleich unter den größten Medienkonzernen der Welt die bekannten Namen in der Mehrheit sind, ist die Wachablösung bereits im vollen Gange. Sie ist eigentlich schon längst vollzogen, wie das Beispiel Facebook zeigt. Künftig wird sich dieser Trend noch deutlich verstärken, wenn die großen sozialen Netzwerk Chinas, Japans und Indiens, wie WeChat und Line ihre Reichweite bis nach den USA und Europa ausdehnen werden. Hinzu kommen noch Apple und Amazon, die weite Teile der Absatzkanäle unter ihrer Kontrolle haben. 

Die Luft für die Hersteller von Content wird dünner. Wie das Beispiel der Automobilindustrie zeigt, gibt es erstrebenswertere Geschäftsmodelle als die eines Zulieferers, wenngleich es auch hier Unterschiede gibt.

Mit der Verbreitung neuer Technologien, wie dem Cognitive Computing, wird die Lage für die Medienhäuser nicht besser. Irgendwann braucht man sie nicht einmal mehr als Lieferanten. 

Weitere Informationen:

Donnerstag, 14. Mai 2015

Qualitätsjournalismus vs. Bürgerjournalismus?

Von Ralf Keuper

Das Verhältnis des klassischen Journalismus zum Bürgerjournalismus (in Form von Blogs) ist ein angespanntes. Einmal mehr wurde das bei dem FAZ-Bürgergespräch zur "Lügenpresse" deutlich. FAZ-Herausgeber Werner D'Inka warnte dabei vor einer journalistischen De-Professionalisierung. Kress zitiert ihn mit dem Satz "Steile Thesen machen noch keinen Journalismus".

Da ist kaum Widerspruch möglich.

Weiterhin sagte D'Inka, Blogger würden die Recherche-Arbeit den Mainstream-Medien überlassen und sich an ihren Früchten bereichern. Das rief u.a. den Widerspruch von Gregor Keusching hervor, den er in seinem Beitrag Wenn Qualitätsjournalisten operieren in Worte fasste.

Auch die Qualitätsmedien, so Keusching, seien im hohen Maß von den Meldungen der diversen Nachrichtenagenturen abhängig. Von Recherche kann nur noch in Ausnahmefällen die Rede sein.
Hinzufügen möchte ich, dass die Recherche heutzutage immer häufiger von Bloggern betrieben wird, auf die Journalisten zurückgreifen, was an sich nicht verwerflich ist. Es handelt sich daher nicht um eine Einbahnstraße. 

Wie gut bzw. schlecht es um den Qualitätsjournalismus bestellt ist, konnte ich selber vor einigen Tagen feststellten, als ich auf den Beitrag 200 Jahre Westfalen. Das Land hinter dem Bindestrich im Feuilleton der FAZ noch am selben Tag mit dem Blogbeitrag Westfalen als Spätentwickler? Nichts weniger als das, antwortete, da der FAZ-Beitrag große Lücken und Stereotypen enthielt und obendrein noch äußerst schlecht recherchiert war. 
Mein Kommentar auf FAZ-Online, in dem ich auf meinen Blogbeitrag verwies, wurde nicht freigeschaltet. Die Kommentarfunktion wurde für den Beitrag gleich deaktiviert ;-)

Meine Rückfragen per twitter an das Feuilleton der FAZ, cc Jürgen Kaube, nach den Gründen blieben unbeantwortet. 

In der guten alten Zeit hatte der Leser, wenn er Kritik an einem Beitrag äußern wollte, nur die Möglichkeit, einen Leserbrief zu verfassen. Ob dieser dann veröffentlicht wurde, und falls ja, in der vollen Länge, lag im Ermessen der Redaktion. Diese Zeiten sind vorbei. Der Homo Digitalis erlernt den aufrechten Gang, der devote Leserbriefschreiber stirbt aus.

Überhaupt scheint in vielen Redaktionen noch nicht bekannt zu sein, dass dort draußen im Netz viele Menschen unterwegs sind, die in bestimmten Bereichen, die sie interessieren, eine Expertise haben, die nicht selten weit über die der Journalisten hinausgeht, die mehr vom Tagesgeschehen geleitet werden. 
Journalisten verfügen gegenüber anderen Akademikern, an denen in Deutschland kein Mangel herrscht, kaum über einen Wissens- bzw. Informationsvorsprung. Eher ist es umgekehrt. Wer sich in seinem Metier etwas auskennt, wundert sich nur allzu oft, wenn er Artikel aus der Feder eines Journalisten liest, die belegen, wie wenig der betreffende den Sachverhalt, die Branche kennt. Jeder Insider ohne Hochschulbabschluss kann über einige Beiträge wohl nur den Kopf schütteln.

In der Vergangenheit fielen die zahlreichen Wissenslücken der Redakteure kaum auf, da viele den Aufwand scheuten, einen Leserbrief zu verfassen, der evtl. nicht veröffentlich wurde. Heute ist man auf die Gnade der Redaktion nicht mehr angewiesen.

Ein guter Journalist muss m.E. nicht die Expertise haben, wie die "echten" Fachleute; das wäre auch realitätsfern. Jedoch sollte sie oder er in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, verborgene Zusammenhänge aufzudecken und Widersprüche kenntlich zu machen. Insider neigen nämlich auch zur Betriebsblindheit. Allerdings sind nach meinem Eindruck nur noch wenige Journalisten dazu in der Lage, was wohl auch auf die Ausbildung zurückzuführen ist, die ein Denken in Schablonen fördert. 

Eins ist sicherlich richtig: Blogger können die Funktion, wie sie der Journalismus in seinen besseren Zeiten wahrgenommen hat, nicht vollständig ersetzen. Dazu fehlen ihnen letztlich die finanziellen sowie auch andere Ressourcen. Sie sind ihrem Wesen nach Micromedien, die minimal-invasiv, mikrotherapeutisch vorgehen. Daneben benötigen wir Macromedien, die über entsprechenden Ressourcen verfügen, intensive Recherchen zu betreiben und finanziell in der Lage sind, Drohungen auszuhalten, wie z.B. der britische Guardian. Alles anderes ist mehr oder weniger "Qualitäts-PR", wovon es im Journalismus inzwischen mehr als genug gibt. 

Montag, 11. Mai 2015

Informationelle Revolution und zufriedene Surfer im Cybersprace - Interview mit Paul Virilio

Auszug aus einem Interview der FR mit Paul Virilio vom Januar 2001
Frage: Welche weiteren Indizien weisen für Sie darauf hin, dass das Leben auf dem Planeten zunehmend von jenen beherrscht wird, die sich Zugang zum allgemeinen Informationsfluss verschaffen und ihn steuern können?
Virilio: Denken Sie nur an die NSA, die National Security Agency mit Sitz in Fort Meade, Maryland, die anstelle der CIA speziell für den Bereich Telekommunikation verantwortlich ist - also nicht für die lokale Spionage, sondern für die globale nachrichtendienstliche Tätigkeit. Diese Organisation verfolgt den gesamten Informationsaustausch über Internet wie über Telefon und übt infolgedessen eine Form von Regierungsgewalt aus. Daneben vermehren sich die Anzeichen einer ständigen optischen Denunziation, die noch viel größeres Unheil anrichtet als die mündliche oder schriftliche Denunziation, wie sie etwa im zweiten Weltkrieg für die Kollaborateure charakteristisch war. Die jetzige Revolution auf der Ebene der Information geht zwangsläufig einher mit einer Revolution auf der Ebene der Denunziation. Das heisst, Fernsehen und Internet, Web-Cam und Live-Cam sind Medien, die die Welt enthüllen und sie damit auch denunzieren. Der dort betriebene Exhibitionismus belegt das ebenso nachdrücklich wie der dazu gehörige Voyeurismus. Und diese Denunziation setzt sich fort durch die omnipräsente Video-Überwachung: In England zum Beispiel sind momentan eine Million Kameras an öffentlichen Orten installiert. Wer durch die Straßen von London wandert, wird im Laufe eines Tages 300 Mal optisch erfasst. Die Regierung Blair will dieses System auf das ganze Land ausdehnen, die Strände mit eingeschlossen. Warum nicht auch auf die Wälder? Ist das nicht die totale Enthüllung, die Hyperoptik schlechthin? Ist das nicht Orwell? Jedenfalls deutet sich hier die Zukunft des Fernsehens und des Internets an: die hemmungslose Verbreitung von Bildern ohne jede kritische Auseinandersetzung.
Quelle: "Wenn Zeit Geld ist, dann ist Geschwindigkeit Macht" - Informationelle Revolution und zufriedene Surfer. Paul Virilio im Gespräch mit Constantin von Barloewen, Frankfurter Rundschau Online, abgerufen am 10.01.2001

Samstag, 9. Mai 2015

Suchmaschinen: Ende des Google-Monopols in Sicht?

Von Ralf Keuper

Die Zeiten des Monopols im Markt für Suchmaschinen könnten für Google demnächst vorbei sein. Zumindest mehren sich die Anzeichen dafür, dass Google seine Dominanz unter den Suchmaschinen auf Dauer in dieser Form nicht wird halten können. 
So berichtet Markus Henkel in Suchmaschine Amazon: Google wird zum Statisten davon, dass Amazon drauf und dran ist, Google bei der Suche nach Produkten zu überholen. Mit weltweit 270 Millionen Nutzern ist Amazon durchaus ein ernstzunehmender Konkurrent im Bereich der Produktsuche. 39% der potenziellen Käufer, so Henkel, starten ihre Suchanfrage gleich bei Amazon. Vor diesem Hintergrund ergibt die Aussage von Eric Schmidt Sinn, dass Amazon der größte Konkurrent von Google sei

Auf dem GoogleWatchBlog berichtet Jens in Apple arbeitet an einer eigenen Suchmaschine: Fliegt die Google-Suche bald vom iPhone? von Plänen bei Apple, statt Google eine eigene Suchmaschine auf den iPhones zu installieren. In den letzten Monaten hat Apple seine Aktivitäten im Bereich Suchmaschinen deutlich gesteigert. Seit einiger Zeit schon durchforstet der AppleBot das Netz, um Indizes zu erstellen. Zusätzlich hat Apple in der jüngeren Vergangenheit einige Startups mit Bezug zur Online-Suche gekauft. 
Das würde zur Aussage von Tim Cook passen, wonach Apple nicht die Absicht habe, die Daten der Nutzer für die eigene Produktwerbung zu verwenden. 

facebook bleibt sich dagegen treu, und lässt Bestrebungen erkennen, eine gezieltere Ansprache der Kunden mittels neuester Technologien zu ermöglichen. Hierfür kooperiert facebook mit IBM

Weitere Informationen:

Facebook will nicht nur zur besseren Suchmaschine werden

Facebook verzeichnet 1,5 Mrd. Suchanfragen täglich - bald ein Milliardengeschäft?

The future of SEO: Apple vs. Google

Medienwandel: Ein kurzer Wochenrückblick #11

Von Ralf Keuper

Wiederum eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in der zurückliegenden Woche aufgefallen sind.

Freitag, 8. Mai 2015

Rangliste der 100 größten Medienkonzerne - Der Vergleichsmaßstab hinkt

Von Ralf Keuper

Auf mediadb.eu wurde heute die Liste der 100 größten Medienkonzerne veröffentlicht und kommentiert. Der aus den vergangenen Jahren bereits bekannte Trend, dass sich immer mehr Internetkonzerne unter die größten Medienkonzerne mischen, hat sich für 2015 noch verstärkt. 

Wie so viele Rankings, so hat auch dieses seine Schwächen. Wenn Comcast als Telekommunikationskonzern zu den Medienunternehmen gezählt wird, dann müsste das infolgedessen auch für die Deutsche Telekom und die japanischen SoftBank gelten. Letztere ist über diverse Beteiligungen, u.a. an Alibaba, selber im Mediengeschäft aktiv. Im letzten Jahr übernahm SoftBank die Videoplattform DramaFever

Wenn man bei Amazon nur die reinen Medienumsätze berücksichtigt, dann muss diese Regel auch bei Bertelsmann Anwendung finden. Die Dienstleistungstochter arvato ist wohl kaum als Medienunternehmen zu zählen. 

Apple ist eigentlich ebenso wie Comcast ein Anbieter von Infrastruktur und Inhalten. Insofern spiegelt das aktuelle Ranking die Bedeutung des Unternehmens für die Medienbranche nur sehr unzureichend wider. Und nicht zu vergessen: Die Reichweite im Netz, gemessen in Mitgliedern. Da ist facebook mit weit über einer Milliarde Nutzern ein echter Machtfaktor. Nicht weit dahinter rangieren Tencent und Apple, die jeweils mehrere hundert Millionen Nutzer auf ihren Plattformen zählen. 

Über kurz oder lang wird sich das Ranking diesen Veränderung anpassen müssen, wenn es noch eine gewisse Aussagekraft für sich beanspruchen will. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Journalismus: Weitere Zeichen des Niedergangs?

Von Ralf Keuper

Um die Qualität des Journalismus in Deutschland ist es nach Ansicht vieler Medienkritiker derzeit nicht allzu gut bestellt. Wasser auf ihre Mühlen dürften da einige Artikel und Meldungen der letzten Tage sein. 

Da stellt das Medienmagazin journalist fest, dass nicht nur bei RTL, sondern auch bei der Süddeutschen Zeitung von unabhängigem Journalismus kaum noch die Rede sein kann, während sich ein weiteres Flaggschiff der Branche, die FAZ, nach Ansicht einiger bereits in der Phase der intellektuellen Rückabwicklung befindet.

Auf absatzwirtschaft.de kommt Roland Karle in Germanwings-Absturz: Medien und Publikum in der Beziehungskrise zu dem Befund, dass die Spezies des sich geduldig dem Redakteur unterwerfenden Leserbriefschreiber vom Aussterben bedroht ist. An seine Stelle hat die Evolution den Homo Digitales, der im aufrechten Gang Fortschritte macht, hervorgebracht. 

Da ist es beinahe ein Zeichen der Hoffnung, wenn der größte Finanzbetrug in der Geschichte von ARD und ZDF nach vier Jahren (!) aufgearbeitet ist. 


Montag, 4. Mai 2015

Gedanken zu einer neuen Mediologie (Régis Debray)

Über den Unterschied zwischen Mitteilen und Übermitteln:
Mitteilen heisst, die Information im Raum verbreiten, übermitteln heisst, die Information in der Zeit ausbreiten. In diesem Sinn ist der Akt der Übermittlung das, was Kultur ausmacht und das was demnach den Menschen vom Tier unterscheidet. Die Tiere verständigen sich durch akustische, olfaktorische, visuelle Signale, aber die eine Generation übermittelt praktisch nichts an die nächste. Der Mensch hingegen ist das einzige Lebewesen, das sich an seine Vorfahren erinnert und erworbene Kenntnisse an seiner Kinder weitergibt, wodurch eine schöpferische Kontinuität entsteht. Er allein ist im Stande, eine Geschichte zu erzeugen, indem er die Erfahrungen der früheren Generationen sammelt und daraus Nutzen zieht. Wir verleihen unseren Symbolen schriftliche oder bildliche Gestalt, wir schreiben in die Materie ein, was sonst mit uns verschwinden würde. Es ist also die Materie, die die Existenz des Geistes gewährleistet - oder, anders ausgedrückt, die Technik, die die Kultur hervorbringt. Unter Technik subsumiere ich all das, was nicht zum genetischen Erbe der Spezies gehört und daher erlernt wird - auch die Schrift, während die Fähigkeit zur Sprache uns angeboren ist. Eben diese Übermittlung erworbener Eigenschaften erscheint heute extrem gefährdet: Die Kommunikation trachtet danach, die Transmission zu unterbinden oder zumindest zu erschweren. Man beherrscht den Raum immer besser, die Zeit indes immer weniger. Es mag konspirativ klingen, aber die Traditionen, die von der Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart zeugen, verblassen zusehends. Wir besitzen zwar außergewöhnliche Kommunikationsmittel, doch unsere Institutionen, die der Übermittlung dienen - Familie, Schule, Universität, Akademie, ja sämtliche Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens mit dem Auftrag, das geistige Vermächtnis lebendig zu halten -, sind großen Problemen ausgesetzt. Infolgedessen behaupte ich, dass nicht die Kommunikation die Grundlage einer Anthropologie bildet, sondern die Übermittlung; diese erklärt den Menschen, denn sie ist das ihm Eigentümliche.
Warum es dem Internet an der vertikalen Dimension, einer leitenden Idee, einer steuernden Instanz fehlt:
Die schwierige Frage, die mich beschäftigt und die ich wahrscheinlich nie beantworten kann, lautet: Was ist beim Menschen unveränderlich und was veränderlich oder veränderbar? Offensichtlich gibt es in der Natur einerseits Konstanten, die vom technischen Fortschritt unberührt bleiben, andererseits Variablen, die dessen tief greifendem Einfluss unterliegen. Beispielsweise haben wir seit der Erfindung der Schrift kein so gutes Gedächtnis mehr: schon Platon beklagte, dass wir durch die Schrift das Gedächtnis verlieren werden, weil wir unsere Gedanken und Erinnerungen auf Papyrus festhalten. ... Der technische Fortschritt bewirkt also, dass wir Fähigkeiten einbüßen oder sie auf Träger außerhalb unserer selbst verlagern. Genau hierin offenbart sich ein Problem, das den Mediologen interessiert: Wie ernst muss man die Technik nehmen? Ich sage: Man muss sie ernster nehmen, als die Technophoben - stellvertretend sei Heidegger genannt - es zugestehen wollen. Für sie, die Metaphysiker, ist die Technik gleichbedeutend mit Entfremdung vom wahren Wesen des Menschen. In meinen Augen aber entwickelt sich der Mensch gerade mittels Werkzeuge zu dem, der er ihm Rahmen der Hominisation sein soll - er hat kein beständiges, unumschränktes Wesen, sondern ist ohne Unterlass im Werden begriffen: Die technischen Errungenschaften treiben ihn immer weiter voran. Das heisst jedoch nicht, dass ich einer Technophilie verfalle und vom Internet erwarte, ein für alle Mal die politischen Konflikte der Menschheit zu lösen. Vielmehr müssen wir unseren Kurs zwischen den beiden extremen Positionen steuern.
Zur Mediologie:
Die Mediologie ist keine exakte Wissenschaft - dem Terrorismus der Wissenschaftlichkeit will ich mich nicht beugen -, sondern eher ein Forschungsgebiet, eine Problematik, eine Weise, die Dinge zu sehen, eine Untersuchung der höheren sozialen Funktionen im Spiegel der Ideologie, der Kunst, der Religion, der Politik usw. sowie in ihrer Beziehung zu den zentralen Trägern der Übermittlung. Aus der mediologischen Perspektive kann man die Geschichte nach diesen Trägern einteilen - oder nach so genannten Mediosphären: Vom 15. Jahrhundert bis gestern prägte der Buchdruck die Graphosphäre, heute umgibt uns die Videosphäre, in der auf Grund eines veränderten Zeitempfindens der Augenblick über die Dauer triumphiert, das Direkte über das Indirekte, das Reaktive über das Diskursive, und diese Videosphäre wiederum geht bereits über in eine Hypersphäre, die sich hauptsächlich aus digitalen Signalen zusammensetzt. 
Quelle: "Der Tod des Bildes erfordert eine neue Mediologie" Der französische Philosoph und Schriftsteller Régis Debray im Gespräch mit Constantin von Barloewen, FR vom 08.08.2001

Samstag, 2. Mai 2015