Sonntag, 28. Juni 2015

Betreuungsjournalismus

Von Ralf Keuper

Wer hätte gedacht, dass Habermas und Schelsky einmal so nah beieinander liegen könnten? Der aktuelle Zustand der Berichterstattung der Medien macht es - zumindest auf den ersten Blick - möglich. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung übte Jürgen Habermas Kritik an den Medien, die im Verlauf der Griechenland-Krise einen einschläfernden Journalismus praktizieren würden. Der Deutschlandfunk griff die Schelte in Habermas: Presse schläfert Menschen ein auf. Habermas wird wohl auch die ZEIT kaum vorwerfen wollen, Medien unter Generalverdacht zu stellen und sie als Lügenpresse zu stigmatisieren. 

Wir hätten es zunehmend, so Habermas, mit einem betreuenden Journalismus zu tun. Den Menschen werden Beruhigungspillen serviert und der Eindruck vermittelt, das alles gut sei, oder bald im Lot sein werde. 
Mutti und die Troika machen das schon! - Um den Rest kümmern wir uns. Wenn wider Erwarten doch Probleme auftreten sollten, sagen wir euch rechtzeitig bescheid. Legt euch also wieder hin oder lasst euch weiter von uns berieseln. 
So könnte man den Betreuungszustand vielleicht (plakativ) beschreiben. Eine eigene abweichende Meinung zu vertreten, kommt kaum noch einem Journalisten in den Sinn. Insofern handelt es sich um ein selbstreferentielles System. Wenn die anderen Medien es auch so sehen, kann es so falsch nicht sein, jedenfalls ist es klug, sich der Herde anzuschließen. Die Leser könnten sonst pikiert sein und sich von uns abwenden. Noch mehr Auflagenschwund und sinkende Aufrufzahlen bzw. nachlassende Reichweite im Netz können wir uns nicht erlauben. 

Noch im Jahr 2010 übte Marc Brost in der Zeit mit Blick auf das Versagen weiter Teile der Wirtschaftsjournalisten im Vorfeld der Finanzkrise in dem Beitrag Wir waren zu feige Selbstkritik. Geändert hat sich seitdem nicht wirklich etwas - eher im Gegenteil. 

Helmut Schelsky machte in seinem Buch Der Selbständige und der betreute Mensch auf die schleichende Entmündigung der Menschen in der modernen, durchrationalisierten Welt aufmerksam. In seinem Beitrag Vier Gefahren brachte er seine Sicht auf eine griffige Formel: 
Ist mehr Selbständigkeit oder mehr Betreuung erforderlich, wobei das erste mehr persönliches Risiko, das zweite mehr obrigkeitliche oder vorgesetzte Reglementierung als Nachteile mit sich bringt?
Scheinbar hat man sich in den Medien für den Betreuungsmodus entschieden. Das überrascht um so mehr, als dass viele Journalisten den Griechen eine Reformunwilligkeit glauben attestieren zu können, ihre eigene Wandlungsresistenz dagegen unkommentiert lassen. 

Freitag, 26. Juni 2015

50 Jahre Gruner + Jahr - (K)ein Grund zum Feiern?

Von Ralf Keuper

Das Verlagshaus Gruner + Jahr war zu seinen besten Zeiten die Cash-Cow des Bertelsmann-Konzerns. Ohne die Millionen, die über Jahre regelmäßig von Hamburg nach Gütersloh flossen, hätte der Bertelsmann-Konzern seine Expansion kaum so umsetzen können. Unter dem langjährigen Chef, Gerd Schulte-Hillen, avancierte G+J zu einem ernsthaften Herausforderer des Springer-Konzerns. Mit Mark Wössner, der ebenso wie Schulte-Hillen als persönlicher Assistent von Reinhard Mohn seine Karriere bei Bertelsmann begann, teilt er das Schicksal, bei Hofe in Ungnade gefallen zu sein. 

Seitdem gaben sich die Chefs bei G+J die Klinke in die Hand, ohne dass es wirtschaftlich nennenswert vorwärts ging. Springer ist mittlerweile weit enteilt und im Bertelsmann-Konzern ist (noch) RTL die Cash-Cow.  Es gab sogar Befürchtungen, Bertelsmann könnte die Lust an G+J vergehen. Vorbei die Zeiten, als Axel Ganz in Frankreich die Presslandschaft aufwirbelte. Das Frankreich-Geschäft bereitet bei G+J schon lange keine rechte Freude mehr

Das scheint mit der neuen Chefin Julia Jäkel anders geworden zu sein. Pünktlich zum 50. Geburtstag des Verlagshauses lässt die Chefin verlauten, dass sich G+J auf einem guten Weg befindet. Verantwortlich dafür sei der gute Journalismus. Die digitale Transformation ist demnach bei G+J schon weit voran geschritten. 

Jäkel wird mit den Worten zitiert:
"Der Kern von Gruner + Jahr ist seit 50 Jahren Journalismus und wird auch in Zukunft Journalismus sein", stellt Jäkel fest. Seit 2013 greift sie bis zunächst 2018 auf ein Investitionsbudget von mehreren hundert Millionen Euro zu, das auch ins Kerngeschäft mit einfließt, "weil wir daran glauben, mit gutem Journalismus erfolgreich sein zu können".
Nicht ganz so positiv bewertet das Hamburger Abendblatt in Gruner + Jahr feiert trotz Krise wieder mit Champagner die bisherige Bilanz von Jäkel. 

Ein Blick auf einige Aktionen der Vergangenheit bestätigt den Eindruck der Digitalstrategie des Hauses Bertelsmann, das unter dem Motto Kraut und Rüben zu stehen scheint:
Klingt irgendwie nach einer Mischung aus Lifestyle, Versandhaus und Gemischtwarenladen. Es wird gekauft, was die anderen nicht unbedingt haben wollen. Die Teile zusammen zu bringen dürfte jedenfalls nicht leicht werden. Vielleicht entsteht daraus ja wirklich etwas Neues oder Großes.

Verständlicherweise will man sich die Feierlaune nicht verderben lassen, weshalb die Aufarbeitung der Causa Henri Nannen auch noch etwas warten kann ;-) 

Donnerstag, 25. Juni 2015

Die ZEIT und das schwindende Vertrauen der Menschen in die Medien

Von Ralf Keuper

Wieder einmal wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die klären sollte, wie groß das Vertrauen der Menschen in Deutschland in die Medien ist. Diesmal war der Auftraggeber die Wochenzeitung Die ZEIT. Das Ergebnis fiel wie erwartet aus: Das Vertrauen der Deutschen in die Medien ist weiterhin auf einem Tiefpunkt. Damit hatte gewiss auch die ZEIT gerechnet, wie Christian Bartels in Empört wird sich ja sowieso schreibt. 

Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und der als Medienkritiker vorgestellte Götz Hamann, hauptberuflich stellvertretender Leiter der Wirtschaftsredaktion, gaben sich in einer Video-Botschaft irritiert über die Entgleisungen bzw. Androhungen, denen sich die Vertreter der Qualitätsmedien in letzter Zeit ausgesetzt sehen. 


Warum das Vertrauen der Menschen in die Medien erschüttert ist, könnte auch mit der Berichterstattung der ZEIT zum Absturz der German Wings Maschine und dem legendären Interview in Buchform, das di Lorenzo mit Karl-Theodor zu Guttenberg geführt hat, zusammenhängen. Das Interview wurde von dem unverdächtigen Satire-Magazin Extra3 sogar mit einem Film bedacht.

Die Nähe von Josef Joffe, einem der Herausgeber der ZEIT, zu transatlantischen Lobby-Organisationen trägt auch nicht gerade dazu bei, den Eindruck journalistischer Unabhängigkeit bei Außenstehenden zu verstärken bzw. aufkommen zu lassen. 

Dienstag, 23. Juni 2015

Papier als universelles Trägermedium

Von Ralf Keuper

In Zeiten, in denen auf nahezu allen Kanälen von der Digitalisierung die Rede ist, hat es das Papier schwer, sich Gehör zu verschaffen. Papier steht, wie kein anders Medium, in dem Ruf, ein Relikt der Vergangenheit zu sein; die Überwindung des Papierzeitalters kann einigen gar nicht schnell genug gehen - vom papierlosen Büro bis hin zum mobilen Bezahlen. Alles, was im Bereich der Kommunikation auch nur entfernt den Eindruck von Stofflichkeit erweckt, gilt als schleunigst zu überwindendes Hindernis auf dem Weg in die Digitalmoderne. 

Wie sehr wir dem Papier dabei Unrecht tun, verdeutlicht Lothar Müller in seinem Beitrag Das Papier, die Druckerpresse und die digitalen Technologien. Bei dem Papier handelt es sich um eine Technologie, der ein jahrhundertelanger Entwicklungsprozess vorausgegangen ist. 
Das Papier ist eine künstlich hergestellte Substanz, deren Rohstoff seinerseits ein Zivilisationsprodukt ist. Zwar waren auch der Papiermaulbeerbaum der Chinesen und die Papyrusstaude der Ägypter nicht lediglich »Natur«, sondern Kulturpflanzen, in deren Bewirtschaftung Energien der sie umgebenden Zivilisation einflossen. Das Hadernpapier aber löste sich von den Naturbindungen, die dem im subtropischen Klima Südchinas heimischen Papiermaulbeerbaum wie dem Papyrus Grenzen der Ausbreitung setzten. Es konnte seinen Rohstoff überall dort finden, wo Menschen lebten, die geeignete Kleidung trugen und Handel trieben.
Entscheidend ist vor allem die Bemerkung: 
Das Papier wurde kraft dieser Lösung von einem naturalen, lokal gebundenen Rohstoff prinzipiell offen für die universelle Ausbreitung. Es nahm den nomadischen Charakter, den es als Fernhandelsprodukt angenommen hatte, in seine materielle Struktur auf und setzte der Überwindung lokaler Produktionsgrenzen wenig Widerstand entgegen.
Als universelles Trägermedium war das Papier mit neuen Technologien leicht kompatibel:
Das Papier hatte sich, als es mit der Druckerpresse fusionierte, bereits als eigenständiges, nicht dominantes Medium etabliert, durch seine offene Struktur und universelle Orientierung in der Summierung von Routinen an Bedeutung gewonnen, indem es als Bedingung der Möglichkeit anderer Medien auftrat. Zu dieser offenen Struktur gehört auch, dass das Papier sich auf die Rolle eines unscheinbaren Agenten der Verschriftlichung und Wissensproduktion nicht festlegen ließ. Es diente nicht nur den Medien der Abstraktion und Verschriftlichung, die wir heute als Keime der Wissensgesellschaft begreifen, es diente ebenso sehr dem Spiel und der Vergnügungssucht.
Daneben ist Papier ein wichtiges Speicher- und Zirkulationsmedium, das jedoch auf bestimmte Transport-Infrastrukturen angewiesen ist:
Papier ist ein relativ leichtes Trägermedium, das aber als physisches Objekt den Raum durchqueren muss, also an die Infrastruktur des Transports gebunden ist, in der auch die Reisenden verkehren. Nur im Bündnis mit dieser Infrastruktur kann es zum Zirkulationsmedium werden und seine arabischen Abenteuer erleben, kann es unverzichtbar werden für die Kaufleute und Finanziers im Italien des 14. und 15. Jahrhunderts, am Hof des Papierkönigs Philipp II. in Spanien Karriere machen und von der Druckerpresse profitieren. Seine Bündnisoffenheit und Fähigkeit zur Einnistung in eine Vielfalt von Routinen setzen das Papier in Spannung zur Vorstellung des abgeschlossenen Behälters, die sich im Umkreis der Speichermetaphorik leicht einstellt, zumal im Blick auf das Buch. Das Papier ist ein Speichermedium mit offener Struktur und ein Zirkulationsmedium mit hinreichenden Optionen der Geschlossenheit als Speicher.
Besonders augenfällig wird diese Abhängigkeit von öffentlichen Infrastrukturen am Beispiel des Postwesens:
Das Zusammenspiel des Trägermediums Papier mit der Infrastruktur des Postwesens transzendiert die Polarität von Druck und handgeschriebenem Manuskript. Zahllose Briefe gingen in den Druck ein, aber sie blieben stets nur eine Teilmenge des ungedruckt zirkulierenden Papiers, das in der Nicht-Überlieferung verschwand. ...
Der Kern des neuen Mediums, das haben sowohl die Zeitungshistoriker wie die Geschichtsschreiber des Postwesens gezeigt, war die Fusion der papiergestützten, handgeschriebenen Korrespondenzen, die schon im weit gespannten Kommunikationsnetz der Fugger zirkulierten, mit der Infrastruktur der Reichspost. Der Übergang von der handschriftlichen zur typografischen Reproduktion, die Einspeisung des neuen Papiermediums in die Druckerpresse – mit zunächst geringen Auflagen zwischen 100 und 300 Exemplaren – war der zweite Schritt. Er ließ sich im Prinzip wieder rückgängig machen.

Sonntag, 21. Juni 2015

Das erste Farbfilmexperiment in Deutschland aus dem Jahr 1913

1913, anlässlich der Hochzeit der Tochter Kaiser Wilhelms II., Viktoria Luise, entstand das erste deutsche Farbfilmexperiment. 



Von drei simultanen Kameras aufgenommene Filmstreifen wurden von drei Projektoren mit einem Filtersystem übereinander projeziert, jeweils mit einem Rot-Filter, einem Grün-Filter und einen Blau-Filter. Das ergab bereits 1913, fünfundzwanzig Jahre vor dem ersten Farbfilm, ein farbgetreues Filmbild.  

Samstag, 20. Juni 2015

Medienwandel: Ein Blick auf die letzten Wochen #14

Von Ralf Keuper

Anbei eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Dienstag, 16. Juni 2015

Apple heuert Journalisten-Team an: Ein Signal für die Branche?

Von Ralf Keuper

Warum auch nicht? Wie heute offiziell bekannt wurde, ist Apple derzeit dabei, für seine Apple News App ein Team von Journalisten anzuheuern, die sich um die Zusammenstellung der Nachrichten kümmern sollen. Ähnliches berichtete Meedia in Apple entdeckt den Journalismus: iKonzern sucht Redakteure für neue News-App

Die Hauptaufgabe des Redakteurs oder der Redakteure besteht in der Aufbereitung der Nachrichten sowie der Anpassung der Inhalte an das Apple-Design/Layout.  

Meedia zitiert aus der Stellenausschreibung:
Erfolgreiche Redakteure sind ehrgeizig, detail-orientierte Journalisten haben eine Leidenschaft für großartige Inhalte und eine mobile Aufbereitung. Sie besitzen die Instinkte für Breaking News , aber auch das Gespür für originelle und interessante Geschichten abseits von Algorithmen.
Das neue Berufsbild?  So wie die Automobilkonzerne die Teile der Zulieferer häufig nur noch montieren, so werden auch die Apple-Redakteure die Inhalte in die App einbauen. Die industrielle Logik wird nun endgültig auf die Medienbranche übertragen. Fließbandfertigung, Standardisierung, Effizienz, Messbarkeit, Modularisierung, McDonaldisierung, Lean-Production - die Schlagworte sind reich an Zahl.

Von dieser Logik scheint auch facebook geleitet zu sein. 

Der Medienredakteur sucht nach den passenden Kombinationen mit anderen Medieninhalten aus dem Hause Apple (Filme, Spiele, Apps), veredelt also den Inhalt in gewisser Hinsicht. Damit würde er in die Rolle des klassischen Verlegers schlüpfen. Inhalte würden also an andere Produkte, Features, Services (Loyalitätsprogramme) gekoppelt. Der eigentliche Hersteller, der Zulieferer würde dadurch immer abhängiger. Sein Produkt wird zum Anhängsel. 

Und wenn die Internetkonzerne dann noch anfangen sollten, selbst in die Content-Produktion einzusteigen, so wie sie es ja schon im Bereich Film und Amazon im Print machen, dann wird die Luft noch dünner. Aber, warum sollten sie das tun, solange sie doch die Inhalte günstig zukaufen können? Irgendwann fallen ihnen die Produzenten vielleicht von selbst in die Hände, oder sie werden schleichend in die Prozesse integriert, aus denen sie nicht mehr entkommen können. 

Sicher - man sollte in eine Stellenanzeige eines Konzerns mit zigtausend Angestellten jetzt nicht allzu viel hinein interpretieren. Aber ganz so abwegig ist das Szenario nicht (mehr). 

Weitere Informationen:

Sonntag, 14. Juni 2015

Über Anekdoten, Klatsch und Küchenpsychologie im (Qualitäts-)Journalismus

Von Ralf Keuper

Es ist nach wie vor bemerkenswert, wenn vermeintliche Qualitätsmedien versuchen, uns ein Bild von Personen zu verkaufen, das sich in seinem Kern aus Anekdoten, küchenpsychologischen Einsichten und Tratsch zusammensetzt. Geschehen aktuell in Angela Merkel - Die stille Königin

Darin macht die Autorin den Regierungsstil Merkels in Abgrenzung zu ihrem Vorgänger u.a. an ihrem distanzierten Verhältnis zum Interieur fest. 
Merkel ließ den Macho-Schreibtisch ihres Vorgängers stehen und hing Konrad Adenauer drüber. Aber sie sitzt fast nie dort. Sie arbeitet lieber an einem schmalen Besprechungstisch gleich rechts hinter der Eingangstür. Sie telefoniert nicht gerne mit Sekretärinnen, sagt sie. Sie gehe lieber zu ihnen, wenn sie etwas braucht, oder sie rufe durch die offene Tür.
Nicht nur daraus schließt die Autorin, dass Frauen ein anderes Verhältnis zur Macht haben als Männer:
Gehen Frauen also mit Macht anders um? Angela Merkel schon mal ja. Sie ist die mächtigste Frau der Welt, die informelle Königin von Europa. Aber sie benimmt sich nicht so. Sie zelebriert ihre Macht nicht, eher im Gegenteil.
Die Tatsache, dass Merkel keine Handtasche bei sich führe, um nicht wie Maggie Thatcher betrachtet zu werden, reicht als weiterer Beleg für die doch recht steilen Thesen des Textes. Hosenanzug statt Handtasche - und schon ist alles anders.

Einkaufen wie die normale schwäbische Hausfrau im Einkaufzentrum, das türkise Kleid zeimal getragen - weitere eindrucksvolle Belege des neuen Machtstils. Das weckt Erinnerungen an den "Bürger King" Helmut Kohl und sein Markenzeichen - die Strickjacke. 

Christine Lagarde wird mit den Worten zitiert, dass Frauen mit Macht einfach besser umgehen könnten als Männer. Ein Blick in die Geschichte würde da zu etwas mehr Bescheidenheit raten: Königin Elizabeth I von England, Katharina die Große, die Witwe Mao-Tse Tungs und Maggie Thatcher haben sich nicht unbedingt mit einem Verhältnis zur Macht ausgezeichnet, das dem der Männer diametral entgegenstand. Und auch die Präsidentin von Argentinien, Cristina Kirchner, erweckt bei Außenstehenden nicht den Eindruck, mit ihrer Macht besonders behutsam umzugehen

Immer, so erfahren wir weiter, wenn schwere Krisen auftreten, seien Frauen gefordert. Auch IBM könnte eines Tages von einer Frau gerettet werden. Den Fall hat es in der Branche bereits gegeben: Und zwar in Person von Carly Fiorina, die, als HP sich in Schieflage befand, an die Spitze des Unternehmens gerufen wurde. 
Bei Wikipedia heisst es:
In ihrer Zeit bei Hewlett-Packard blieb Fiorina umstritten, trotz ihrer Erfolge in der Umsatzsteigerung und der finanziellen Konsolidierung des Unternehmens. Ihr wurde unter anderem mangelnde Branchenkenntnis sowie weitreichende Entlassungen vorgeworfen (bis Ende 2003 verloren 15.000 Mitarbeiter ihre Stelle). Managementexperten vergleichen ihre Leistung bei Hewlett-Packard dagegen mit Lou Gerstners Turnaround von IBM. Von 2000 bis 2005 wurde Fiorina vom US-Wirtschaftsmagazin Fortune sechs Jahre in Folge zur mächtigsten Frau in der Wirtschaft gekürt.
Nach internen Auseinandersetzungen mit dem Verwaltungsrat von Hewlett-Packard über die Weitergabe vertraulicher Informationen an die Presse entließ dieser Fiorina am 9. Februar 2005 ohne Angabe von Gründen. Ihre Abfindung belief sich auf insgesamt mehr als 21 Millionen US-Dollar.
Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, dass Frau Fiorina demnächst ihr Können auch in der Politik unter Beweis stellen kann. Anfang Mai gab die Republikanerin bekannt, für das amerikanische Präsidentenamt zu kandidieren.  

Auch sonst spart der Beitrag einige nicht unwesentliche Details aus. Es drängt sich der Eindruck des PR-Journalismus auf. 

Dass Frau Merkel außerordentlich geschickt mit der Macht umzugehen weiss, ist unbestritten, ebenso wie die Tatsache Respekt verdient, dass sie es geschafft hat, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. Da ist sie jedoch nicht die Erste und auch nicht die Letzte. Alles andere ist Klatsch und Tratsch. Dafür gibt es schon lange die entsprechenden Journale ;-))) 

Update:

Über twitter erreichte mich der Hinweis, es handele sich um ein Portrait, ein Sujet also, das eine gewisse künstlerische Freiheit zulasse. Das sei daher kein PR-Journalismus. 

Eine Homestory ist auch ein Portrait. Es zeichnet sich durch eine gewisse Distanzlosigkeit gegenüber der zu portraitierenden Person aus. Um die Darstellung stimmiger zu machen, wird dabei gerne auf die Stilelemente Anekdoten, Klischees und küchenpsychologische Einsichten zurückgegriffen. Das kann man machen - nur erwarte ich von Medien, die für sich einen gewissen Qualitätsanspruch reklamieren, etwas anders, als Storytelling und konstruierte Geschichten, die nicht einmal sonderlich gut geschrieben sind und einer ersten Überprüfung an den Fakten nicht standhalten. Märchen sollte man auch als solche kennzeichnen. Das kann man von H.C. Andersen und Der Kaiser ist nackt lernen ;-)

Freitag, 12. Juni 2015

Fluchtafeln in der Antike

Von Ralf Keuper

In der Antike stand den (Wut-) Bürgern nur ein beschränkter Umfang an Kommunikationsmitteln zur Verfügung, auf denen sie ihren Unmut kund tun konnten - weder Flugblätter, Blogs, noch anonyme Bewertungsportale oder Leserbriefe ;-)

Sofern man lesen und schreiben konnte, griff man auf Fluchtafeln zurück, auf denen die Menschen ihrem Ärger Luft machten. Die Verfasser waren von dem Glauben geleitet, mit Verwünschungen und Magie dem Objekt ihres Zorns schaden zufügen zu können. Für Archäologen liefern die Fluchtafeln wichtige Hinweise auf das Leben und Sozialgefüge in der antiken Gesellschaft. 

Was mögen wohl die "Fluchtafeln" aus unserer Zeit sein, auf die spätere Archäologen zurückgreifen können? Vielleicht die "Anti-Gema-Wuttafel" auf YouTube, auf der geschrieben steht: 
Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar, weil es möglicherweise Musik enthält
Nicht auszuschließen ...  

Dienstag, 9. Juni 2015

Lösen Bilder demnächst die Schrift ab?

Von Ralf Keuper

Es fällt schwer, in der Ablösung der Schrift durch Bilder in der Kommunikation zwischen Menschen einen Fortschritt zu erkennen, waren es doch, jedenfalls nach Ansicht zahlreicher Anthropologen, Hirnforscher und Linguisten, die Sprache und die Schrift, die der kulturellen Evolution den entscheidenden Schub gaben. Davor sorgten Bilder für die Kommunikation zwischen den ersten Menschen. Einige Naturvölker haben sehr lange, teilweise sogar bis heute, an dieser Kommunikationsform festgehalten. Zeugnis davon geben u.a. die Höhlenmalereien von Lascaux

Und nun sollen GIFs, Videos, Emojs & Co. die zwischenmenschliche Kommunikation auf neue Höhen führen, wie Jakob Steinschaden in Emoticons, Memes und GIFs: Wie Bilder langsam die Schrift ablösen skizziert?

Das Schreiben mit der Hand ein Relikt aus der Vorzeit, eine Evolutionsstufe, die es zu überwinden gilt, um sich mittels Bildern und Gesten zu verständigen, was Dank der Möglichkeiten des Internet ebenso wie der Künstlichen Intelligenz kein Problem mehr ist. Weg mit dem Ballast!

Dass das Schreiben auch eine Kulturtechnik ist, darauf wird künftig kaum noch Wert gelegt, da es ohnehin die effiziente Nachrichtenübermittlung behindert. Schließlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte! Das betrifft aber vor allem auch die Metapher - und die kommt ohne Schrift nicht aus. Auch die Bibel ist voll von bildhaften Ausdrücken bzw. Beschreibungen. Ganze Zweige der Tiefenpsychologie beschäftigen sich mit der Bedeutung von Bildern, wie in Märchen. Die Traumdeutung versucht die Botschaft der Träume in Sprache zu übersetzen. 

Es scheint also, als würden wir uns, wenn wir wieder mit Bildern kommunizieren, auf eine prälogische Entwicklungsstufe, in die Zeit der Bikameralen Psyche zurückbegeben. Es gehört viel Phantasie bzw. Vorstellungskraft dazu, darin einen Fortschritt zu erkennen. 

Bei der Kommunikation auf Bilder zurückzugreifen, ergibt überall dort Sinn, wo es darum geht, komplexe Sachverhalte, wie z.B. Datenreihen, darzustellen - wie im Bereich der Informationsvisualisierung. Edward Tufte hat hier wegweisende Forschungen betrieben. Aber auch Tufte legt großen Wert auf die Erzählung, den begleitenden Text, der die bildhafte Darstellung erst begreiflich macht. Denn: Kaum ein Medium eignet sich besser für manipulative Zwecke als ein Bild. Das wusste nicht nur Leni Riefenstahl

Wir werden die Schrift auch künftig dringend benötigen - zur Kommunikation, zur Reflexion und Selbstkorrektur. 

Sonntag, 7. Juni 2015

Medienwandel: Ein Blick auf die letzten Wochen #13

Von Ralf Keuper

Anbei eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Freitag, 5. Juni 2015

Einige Anmerkungen zur "Lügenpresse"

Von Ralf Keuper

Die klassischen Medien, wie öffentlicher Rundfunk, Fernsehen und Tageszeitungen, sehen sich seit Monaten mit dem Vorwurf konfrontiert, eine einseitige Sichtweise zu vertreten, die derjenigen der Mächtigen in Wirtschaft und Politik weitestgehend entspricht. 

Auf Panorama setzte sich die Redaktion in dem Beitrag "Lügenpresse": Gesprächsversuch mit Kritikern mit dem Thema auseinander. Darin kommen einige prominente, aber auch unbekannte Kritiker zu Wort. 

Die Frage, die sich (nicht nur) die Redaktion von Panorama stellt, ist: Machen wir mehr Fehler als sonst, oder hat sich das Publikum verändert? 

Sagen wir mal so: Die "Fehler" fallen heute eher auf und stoßen auf Widerspruch, weil heute verschiedene Möglichkeiten existieren, seine Meinung kund zu tun und sich zu informieren. Nicht alle Kommentatoren argumentieren dabei unsachlich, indem sie beispielsweise von der "Lügenpresse" sprechen. Kritik an den Medien ist nicht neu: Vor Jahrzehnten zählten Karl Kraus und Kurt Tucholsky zu den schärfsten Kritikern der Medien. Das waren aber Einzelstimmen, deren Einfluss auf bestimmte Zirkel begrenzt war. 

Der Leserbriefschreiber der Vergangenheit war leicht zu zähmen. 

Die Medien, auch Panorama, machen es sich zu leicht, sich auf das Phänomen der Lügenpresse zu stürzen und dort genau die Antworten und Sichtweisen zu finden, die man hier schon immer vermutet hat. Eigentlich braucht man die Äußerungen der Interviewten nicht mehr zu kommentieren. 

Damit machen sie es sich zu einfach. Das sollte Panorama eigentlich wissen, war die Redaktion doch selber vor einigen Monaten einem vermeintlichen Pegida-Sympathisanten auf den Leim gegangen, der zu dem Zeitpunkt bei RTL beschäftigt war. Die Redaktion reagierte darauf in ihrer Stellungnahme RTL inkognito bei Pegida: So gefährdet man Glaubwürdigkeit leicht verschnupft.

Kurzum: Die Medien machen es sich noch immer zu einfach, wenn sie die Medienkritik auf Pegida und Verschwörungstheoretiker reduzieren. Dass die Branche unter mangelnder Meinungsvielfalt leidet, ist nicht nur die Ansicht von Frank Walter Steinmeier. Und der steht nun wirklich nicht in dem Verdacht, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. 

Was momentan geschieht, ist nicht wirklich erstaunlich. Die sog. vierte Gewalt steht auf einmal selbst unter kritischer Beobachtung und reagiert darauf so, wie Organisationen für gewöhnlich das zu tun pflegen: Mit, wie der Organisationforscher Karl Weick es einmal nannte: Gestalteten Umwelten, d.h. man konstruiert sich seine eigene Welt, bestätigt sich gegenseitig seine Annahmen und ist völlig irritiert, wenn die Außenwelt diese Sicht nicht teilt. Allzu gerne ist man geneigt, auch das ist menschlich, Phänomene wie Verschwörungstheorien dafür verantwortlich zu machen und sich so eine weitere kritische Reflexion zu ersparen. 

Kritik aus den eigenen Reihen kommt nicht nur von Leuten wie Ulfkotte, sondern auch von anderen, denen man Objektivität kaum absprechen kann, wie Stefan Niggemeyer, Klaus Norbert in Die Einflüsterer, Tom Schimmeck in Am besten nichts Neues, Wolfgang Michal in Wie die Presse versucht, WikiLeaks zu diskreditieren Miriam Bunjes in Angst, Druck, Lobbyarbeit: Warum Journalisten wichtige Themen übersehen und überhaupt im Altpapierblog 

Bereits im Jahr 2013 stellte Transparency International fest, dass die Deutschen zunehmend das Vertrauen in die Medien verlieren. Seitdem hat sich der Trend noch verstärkt. 

Viele Journalisten sehen in Kritik an ihrem Berufsstand so etwas wie Majestätsbeleidigung und übersehen dabei, dass auch dieser Kaiser allzu oft "nackt ist". 

Um nicht missverstanden zu werden: Medienkritik ist kein Freibrief für unbewiesene Behauptungen und wilde Spekulationen und schon gar nicht für Verschwörungstheorien. Guter Journalismus muss darauf mit einer methodischen Arbeitsweise reagieren, die große Ähnlichkeit mit dem Kritischen Rationalismus von Karl Popper und dem Evidenzbasierten Vorgehen aus der Statistik hat. In meinen Beiträgen Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet #1 und Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet #2 habe ich mich näher dazu geäußert. 

Sicher: Auch damit kann man Verschwörungstheoretikern den Wind nicht völlig aus den Segeln nehmen. Die sollten aber ohnehin nicht das primäre Ziel der Aufklärung sein, sondern diejenigen, die Zweifel haben, ob die Medien tatsächlich noch weitgehend unabhängig berichten. Und das sind keineswegs nur Leute, die über einen geringeren Informations- und Bildungsstand verfügen als die Journalisten. 

Auch das wird durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten transparenter. 

Es wird sich zeigen, ob die Medien von sich aus, von innen her, in der Lage sind, sich auf diese neuen, häufig unbequemen Realitäten einzustellen. Die Geschichte zeigt, dass das nur sehr selten gelingt. 
Diese Lücke werden dann andere Formate, eine Mischung aus Macro- und Micromedien füllen. 

Donnerstag, 4. Juni 2015

Internetvordenker Peter Kruse ist tot

Von Ralf Keuper

Mit Peter Kruse ist ein Wissenschaftler und Unternehmer von uns gegangen, wie es sie wohl zu jeder Zeit nur wenige gibt. Die Zeit würdigte Kruse in Internetvordenker Peter Kruse ist tot.

Peter Kruse vermochte es, die kompliziertesten Sachverhalte verständlich zu schildern und die Herausforderungen des Internet für die Gesellschaft begreiflich zu machen. Inspirierend sind, neben anderen, seine Gedanken über Die Zukunft der Führung

Seine Stimme wird fehlen. 

Weitere Informationen:

Peter Kruse (30.1.1955 – 1.6.2015)

Mittwoch, 3. Juni 2015

Das Doomsday Book - die erste Volkszählung durch die Hintertür

Von Ralf Keuper

Die erste überlieferte Volkszählung war die legendäre von Herodes in Auftrag gegebene - quasi die Mutter aller Volkszählungen. Danach hat es nicht an Initiativen von Seiten der Herrscher gefehlt, sich einen möglichst exakten Überblick über die Zusammensetzung der Bevölkerung zu verschaffen. 
Das muss sich wohl auch Wilhelm der Eroberer gedacht haben, nachdem er England unter seine Kontrolle gebracht hatte. An Weihnachten des Jahres 1085 befahlt Wilhelm der Eroberer, sämtlichen eigenen und steuerbaren Besitz zu erfassen. Die Ergebnisse wurden im Doomsday Book festgehalten. 

Die Abgesandten scheinen sehr gründlich vorgegangen zu sein, wie es auf Wikipedia heisst:
Dieser Besitzstand einzelner Personen stellt bis heute für die Staatsverwaltung eine zuverlässige Grundlage dar.
Natürlich hat es davor schon vergleichbare Erhebungen in anderen Herrschaftsgebieten gegeben, wie etwa zur Zeit Karls des Großen. Noch heute stützen sich Historiker auf diese Quellen, wenn es darum geht, die Einwohnerzahl und Bevölkerungsstruktur ferner Zeiten zu ermitteln. Von daher ist es nicht abwegig, das Doomsday Book als die erste Volkszählung durch die Hintertür zu betrachten. 

Bis heute trägt das Doomsday Book den Beinamen Britain's finest treasure.

Ob man in einigen Jahrhunderten von der Volkszählung der Jahre 1983 und 1987 oder gar der Vorratsdatenspeicherung ähnlich spricht ;-)

Dienstag, 2. Juni 2015

Lutz Hachmeister und die Digitale Gesellschaft

Von Ralf Keuper

In Deutschland hadern Politiker, Wirtschaftsführer und Feuiletonisten gleichermaßen mit der fortschreitenden Digitalisierung der Lebensbereiche der Menschen. Aktuelles Beispiel ist der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, der in Es gibt keine digitale Gesellschaft den Beweis zu erbringen versucht, weshalb wir - wieder einmal - einer Chimäre aufsitzen bzw. in der Diskussion einen Kategoriefehler begehen. 

Warum Hachmeister der Ansicht ist, dass wir uns keinesfalls in so etwas wie einer digitalen Gesellschaft befinden, bringt er gegen Ende seines Beitrags auf den Punkt:
Es wäre allerdings das erste Mal gewesen, dass eine technologische Neuerung sich losgelöst von vorhandenen politökonomischen Vektoren hätte entwickeln können. Die von vielen Geeks und Nerds geteilte Bitte um eine Entkörperlichung und Verflüssigung der Conditio humana wurde nicht erhört, weil ein technologisches System selbst keine Antworten gibt, bislang jedenfalls nicht über „Ask Google“ hinaus. ... 
Die Erkenntnis technologischer und kultureller Evolutionen ist eine geistespolitische Aktion; sie lässt sich nicht durch technoide Empirie erledigen. Die „digitale Gesellschaft“ wird auch deshalb nicht entstehen, weil mit der Normalisierung des „Digitalen“ der Wert analoger Werkstoffe oder das Biocomputing zulegt. Abgesehen vom soziologischen Kategorienfehler, könnte es also sein, dass die „digitale Gesellschaft“ auch technologisch und ökonomisch rückständiger ist, als es ihre Mitglieder annehmen.
Weshalb mit der "Normalisierung des Digitalen" ausgerechnet ein Anstieg des Biocomputing einhergeht, erschließt sich nicht aus dem Text. Überhaupt klingt Biocomputing doch stark nach Digitalisierung. Zudem drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor die Ebenen, Kategorien durcheinander bringt. 

Was heisst überhaupt Digitalisierung? Auf Wikipedia steht:
Der Begriff Digitalisierung bezeichnet die Überführung analoger Größen in diskrete (abgestufte) Werte, zu dem Zweck, sie elektronisch zu speichern oder zu verarbeiten. Das Endprodukt oder Ergebnis der Digitalisierung wird mitunter als Digitalisat bezeichnet.
Die Wurzeln der Digitalisierung, d.h. die Speicherung diskreter Werte auf bestimmten Medien, wie Tontäfelchen, reichen weit in die Geschichte der Menschheit zurück. In Deutschland setzt sie spätestens im 12. Jahrhundert ein, wie es in Kann Deutschland keine Digitalisierung? heisst. Vor Leibniz waren es Reinher von Paderborn, Wilhelm Schickard und Athanasius Kircher, die sich in Deutschland mit Computerwissenschaften im weiteren Sinn beschäftigt haben. Wenn mit Digitalisierung die Messung und Speicherung von Daten, was nicht zwangsläufig in elektronischer Form geschehen muss, gemeint ist, dann befinden wir uns schon seit langem, neben einer analogen, auch in einer digitalen Gesellschaft. 

Hachmeister begeht selber einen Kategoriefehler, indem er Digitalisierung und Künstliche Intelligenz weitgehend gleichsetzt. 

Der entscheidende Schub für die Digitalisierung der letzten Jahrzehnte stammt sicherlich von John von Neumann und seiner Forschergruppe am Institute for Advanced Study in Princeton, wie George Dyson in Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters schreibt:
Die von John von Neumann rekrutierten Ingenieure griffen auf die Erfahrungen zurück, die sich während des Kriegs als Radartechniker, Kartografen oder Flakschützen gesammelt hatten; sie unterwarfen die Ablenkspulen einer pulskodierten Steuerung und unterteilten den Bildschirm in 32x32 numerisch adressierbare Zellen, die der Elektronenstrahl individuell ansteuern konnte. Weil die vom Strahl erzeugte elektrische Ladung auf der beschichteten Glasscheibe für den Bruchteil einer Sekunde erhalten blieb und periodisch aufgefrischt werden konnte, vermochte jede dieser Kathodenstrahlröhren mit ihren 17 Zentimeter Durchmesser 1024 Bits zu speichern, wobei der Energiezustand jeder Zelle jederzeit abfragbar war. Der Übergang von analog zu digital hatte begonnen.
Wenn man sich anschaut, wie sich die Datenspuren der Nutzer im Netz schon heute zu einem kohärenten Bild zusammensetzen lassen, die die Basis neuer Dienstleistungen, Produkte und Geschäftsmodelle bilden, dann ist die Behauptung, dass es so etwas wie eine digitale Gesellschaft nicht gebe, schon recht gewagt. Von den Möglichkeiten staatlicher Überwachung dank Digitalisierung, die das Verhalten der Menschen in nicht unerheblichem Umfang beeinflusst, wollen wir erst gar nicht reden. 

Weitere Informationen:

Alles digital - oder was?

Digitalization and Digitization


H.L. Mencken Speaks - Ein Journalist gegen den Strom

Von Ralf Keuper

Der deutschstämmige amerikanische Journalist und Publizist Henry Louis Mencken war für seine eigensinnigen und scharfzüngigen Kommentare in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso bekannt wie gefürchtet. Gegen die landläufige Meinung zu schreiben, war für ihn Ansporn. Wegen seiner deutschfreundlichen Haltung hatte Mencken während des 1. und des 2. Weltkrieges keinen leichten Stand in der amerikanischen Öffentlichkeit. Mit kritischem und scharfem Verstand ausgestattet, war aber auch er nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. So bereiste er in den 30er Jahren Nazi-Deutschland und konnte oder wollte keine schlimmen Zustände erkennen. Ein außergewöhnlicher Journalist und Reporter war er allemal. 


Ein Radio-Interview, das nur kurze Zeit vor seinem Schlaganfall geführt wurde, der ihn für den Rest seines Lebens verstummen ließ, ist das einzige noch erhaltene Tondokument von H.L. Mencken.

In dem Gespräch sagt er, er habe es nie bereut, die Schule frühzeitig verlassen und gegen das Leben eines Zeitungsreporters auf den Straßen Baltimores eingetauscht zu haben. Selbst hielt er sich für keinen allzu guten Reporter, dafür aber für einen außergwöhnlich guten "worker". Dem Sensationsgeheische seiner Kollegen konnte Mencken nicht viel abgewinnen, da die meisten scoups einfach nur schlecht seien. Zusammen mit einem Kompagnon gab er einige Jahre ein eigenes Magazin mit anspruchsvollen Artikeln heraus. Besonders gefiel ihm daran, dass er dort schreiben konnte, was und worüber er wollte. Nach zehn Jahren stellte er das Magazin jedoch ein, u.a. mit der Begründung, das zehn Jahre für jede Art von Job genug seien. Danach bestehe der Job nur noch aus Routine. 

Von Versuchen, das Schreiben von Artikeln zu lehren, hielt er wenig, ebenso wie er dem Expertentum im Journalismus nicht viel abgewinnen konnte. Experten könne man nicht trauen, insbesondere nicht bei emotional aufgeladenen Themen, wie im Sport. Sein Verhältnis zu Gewerkschaften war distanziert, indes nicht generell ablehnend. Eine Gewerkschaft für Journalisten befürwortete er, eine gemeinsame für alle im Verlagswesen Beschäftigen lehnte er jedoch ab. 

Auf die journalistische Unabhängigkeit legte Mencken großen Wert. Ein Journalist mit Selbstachtung spielt(e) für ihn kein Golf und pflegt(e) auch keinen vertraulichen Umgang mit Schauspielern und Politikern. 

Im damals aufkommenden Fernsehen sah er eine Herausforderung für die Zeitungen, der sie jedoch seiner Ansicht nach gewachsen waren. Sie müssten einfach nur bessere Zeitungen werden. Die Vermischung von Fernsehen und Zeitungen hielt er für gefährlich. Fernsehen auf Kosten der Zeitungen zu betreiben, war für ihn ein schlechtes Geschäft. 

Hier noch einige Zitate von H.L. Mencken: 
Je älter ich werde, desto fragwürdiger erscheint mir die These: Alter macht weise.
Der Hauptwert des Geldes besteht in der Tatsache, dass man in einer Welt lebt, in der es überbewertet wird.
Für jedes menschliche Problem gibt es immer eine einfache Lösung: klar, einleuchtend und falsch.
Weitere Zitate 

Buch auf deutsch: Gesammelte Vorurteile 

Crosspost von Denkstil