Samstag, 26. September 2015

VW in den Medien

Hier eine subjektive Auswahl von Artikeln zum Dauerthema VW:

Big data, Little Data, No Data (Christine Borgman)

Von Ralf Keuper

Die amerikanische Informationswissenschaftlerin Christine Borgman wurde mit ihrem Buch Big Data, Little Data, No Data: Scholarship in the Networked World auch über Fachkreise hinaus bekannt. Kernaussage ist:
Having the right data is usually better than having more data; little data can be just as important as big data
In ihren Forschungen beschäftigt sich Borgman mit dem Wandel der Wissenschaftskommunikation im Laufe der Jahrhunderte. Was die heutige Zeit von den vorausgehenden Epochen unterscheide, und was sie als Paradigmenwechsel bezeichnet, ist die Rolle, die öffentlich zugängliche Daten für die Forschung spielen (Open access to data is a paradigm shift). 

In einem Vortrag in Oxford liefert Borgman eine Reihe von Beispielen öffentlich zugänglicher Forschungsdaten, wie 


Damit Open Access-Plattformen auf Resonanz stoßen, benötigen sie einheitliche Standards/Ontologien. Ebenso wichtig sind Communities, die sich auf der Plattform bilden. 

Die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten im Netz stösst auf zahlreiche Hürden, wie sie u.a. in dem Beitrag Die Wissenschaftstheorie fordert Open Access erwähnt werden. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Forschungsergebnisse, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, auch frei zugänglich sind. 

Im Wissenschaftsbetrieb ist es noch immer gängige Praxis, dass von der Einreichung eines wissenschaftlichen Beitrags bis zu seiner Veröffentlichung in einem der Fachmagazine bis zu drei Jahre vergehen können. Die Reputation eines Wissenschaftlers basiert im hohen Maß auf der Zahl seiner Veröffentlichungen und der Anzahl der Zitationen. 

Im Open Access bilden sich für die Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten andere Kriterien heraus, wie die Anzahl der Retweets, die Erwähnungen in Blogbeiträgen oder in Slides sowie die Häufigkeit der Downloads. 

Der Aufbau eines vertrauenswürdigen Netzwerkes für wissenschaftliche Forschungen benötigt viel Zeit. Zu den herausragenden Beispielen gehören für Borgman die NASA und die ESA, die jahrzehntelange Erfahrung mit der Aufbereitung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse haben. In den Humanwissenschaften sei dies leider nicht die Regel. Hier werden die meisten Projekte bereits nach wenigen Jahren eingestellt und vom Netz genommen. 

Borgman und ihre Team werden sich in den kommenden drei Jahren mit der Problemstellung beschäftigen: 
If data sharing is the answer, what is the question?

Darin wird sie u.a. mit den Worten zitiert:
Data are complex, compound, heterogeneous and messy objects that rarely lend themselves to easy sharing or reuse.
Jedenfalls bedeuten mehr Daten nicht automatisch bessere Forschungen, worauf der Beitrag Big, bigger, biggest: Data in the digital age verweist. Darin wird über die Aktivitäten am ASU Research Computing Center der Arizona State University (ASU)  berichtet:  
Scientists and researchers in all fields now have the ability to create, analyze and access data in new ways and at new scales. In some cases big data used in research is so massive that it isn’t practical or cost-effective to store the data for future use. It might be kept for a few years and then deleted. 
“Is every piece of data that you can put in digital format worth storing? Oftentimes not,” Timmes said. 
Instead of saving petabytes upon petabytes of data, researchers make their work repeatable by others by passing on the process of data collection and analysis. 
“Don’t give me the cake. Give me the recipe and let me make the cake,” Timmes said.

Sonntag, 20. September 2015

Haben wir unser Wissen fast ausschließlich aus den Massenmedien?

Von Ralf Keuper

Nach Ansicht von Niklas Luhmann verdanken wir unser Wissen fast vollständig den Massenmedien. Eine Aussage, die vielen selbstverständlich erscheint, nur: Stimmt sie auch?

Beziehen wir unser Wissen nicht auch noch aus anderen Quellen? Da wären zum Beispiel die Sitten und Gebräuche einer Gesellschaft, die kulturelle Überlieferung, Erziehung und Schule, unser genetisches Erbe bis hin zum Phänomen der Prägung. All das, so könnte man einwenden, wird über die Massenmedien verfügbar bzw. bekannt gemacht. Was ist mit mündlicher Überlieferung, mit intensiven Gesprächen, Gesten, mit der Intuition, was mit dem Wissen, das schon nahe an der Offenbarung ist? Bezieht ein Künstler wie ein Maler seine Inspiration vorrangig aus den Massenmedien? 

Wohl kaum.

Es wäre ein Armutszeugnis, würden wir unser komplettes Wissen, oder den überwiegenden Teil, aus den Massenmedien gewinnen. 

Donnerstag, 17. September 2015

Erste detaillierte Karte des US-amerikanischen Internet Backbone

Von Ralf Keuper

Dass die Internetgeografie eine wichtige Rolle in der Digitalmoderne übernimmt, wird immer deutlicher. Neuestes Beispiel ist die Karte, die Paul Barford u.a. über den Internet Backbone der USA erstellt haben, worüber First Detailed Public Map of U.S. Internet Backbone Could Make It Stronger berichtet. Ausgangspunkt ist die Studie InterTubes: A Study of the US Long-haul Fiber-opticInfrastructure.

Überraschend, oder auch nicht, ist die große Ähnlichkeit mit anderen Verkehrsinfrastruktur (Straße, Schiene):
Our analysis is performed by comparing the physical link locations identified in our constructed map to geocoded information for both roadways and railways from the United States National Atlas website [51]. The geographic layout of our roadway and railway data sets can be seen in Figure 2 and Figure 3, respectively. In comparison, the physical link geographic information for the networks under consideration can be seen in the Figure 1
Damit bestätigt sich nebenbei, dass die Neuen Gewürzstraßen den alten Pfaden folgen.  

Die Erkenntnisse sind auch mit Blick auf die Skalenfreien Netze von besonderem Wert. Eigentlicher Zweck der Karte ist nämlich, einen Beitrag zur Erhöhung der Widerstandskraft, der Resilienz der Internet-Infrastruktur zu leisten. 

Weitere Informationen:



Mittwoch, 16. September 2015

Vom Überschusssinn der Medien

Von Ralf Keuper

Die Frage, welche Konsequenzen sich aus der fortschreitenden Digitalisierung zahlreicher Arbeits- und Lebensbereiche für die Gesellschaft ergeben, beschäftigt naturgemäss die Sozialwissenschaften. Aber erst jetzt traut sich mit Dirk Baecker in Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung einer der führenden Vertreter der Systemtheorie so richtig an das Thema. Selbstverständlich kommt er bei der Formulierung seiner Hauptthese nicht ohne Reverenz an seinen Lehrer Niklas Luhmann aus. 
Probleme der Digitalisierung entstehen daraus, dass elektronische Medien der Gesellschaft an der Schnittstelle von Mensch und Maschine einen Überschusssinn bereitstellen, auf dessen Bearbeitung bisherige Formen der Gesellschaft strukturell und kulturell nicht vorbereitet sind. 
Daran schließt Baecker erläuternd an:
Jedes in der Evolution der Gesellschaft neu auftretende Verbreitungsmedium der Gesellschaft attrahiert neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Erreichens und Verstehens neuer Kreise von Adressaten, und bedroht damit die bisherige Struktur und Kultur, die bisherigen Institutionen, Konventionen und Routinen, die auf die Modalitäten der älteren Verbreitungsmedien eingestellt sind 
Zum Überschusssinn äußert sich Baecker einige Seiten später ausführlicher:
"Überschusssinn" bedeutet jeweils, dass ein Medium der Kommunikation mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als je aktuell wahrgenommen werden können. Jede neue Medienepoche muss sich auf diesen Überschusssinn erst einstellen. Und "Einstellen" heißt nicht, dass der Überschusssinn verschwindet; sondern es heißt, dass Formen bereitstehen, eben eine Struktur und eine Kultur der Gesellschaft, in denen er aufgegriffen und reduziert werden kann, ohne ihn als solchen zum Verschwinden zu bringen. Im Gegenteil. Jede neue Struktur und Kultur einer neuen Medienepoche misst sich eben daran, dass sie den Überschusssinn aushält, den das Medium trägt, indem sie mit diesem Überschusssinn konstruktiv, das heißt ebenso routiniert wie innovativ, umgehen. Das gilt für Verbreitungsmedien der Kommunikation wie die Schrift, den Buchdruck, die Massenmedien und die elektronischen Medien ebenso wie für sogenannte Erfolgsmedien der Kommunikation wie das Geld, die Macht, die Wahrheit, das Recht, die Kunst oder die Liebe. Die Folgen der Monetarisierung, der Demokratisierung, der Methodologisierung, der Justifizierung, der Ästhetisierung und der Passionierung sind nicht in dem Moment bewältigt, in dem diesen Prozessen Einhalt geboten werden kann, sondern in dem Moment, in dem sie im Medium ihrer Eingrenzung entfaltet werden können. 
Vom Überschussinn der (Online-) Medien spricht auch Martin Gantner in Massenmedium und Massenmedien, der sich dabei ebenfalls auf Luhmann sowie auf Baecker bezieht. 

Bevor man dem Totalanspruch der Systemtheorie nachgibt, ist es nicht von Schaden, die Gedanken Ernst Cassirers auf sich wirken zu lassen:
Wir können niemals das Sinnliche als solches, als bloßen "Rohstoff" der Empfindung aus dem Ganzen der Sinnverbände überhaupt herauslösen: - wohl aber können wir aufzeigen, wie es sich verschieden gestaltet und wie es Verschiedenes "besagt" und meint, je nach der charakteristischen Sinn-Perspektive, je nach dem "Blickpunkt", unter den es rückt. Die Philosophie darf sich nicht damit begnügen, je einen dieser Blickpunkte, mag er auch noch so umfassend erscheinen, zu fixieren, sondern sie muss, in einer Synopsis höherer Stufe, sie alle zu umspannen und sie in ihrem konstitutiven Prinzip zu verstehen suchen: denn erst die Totalität dieser Prinzipien macht die objektive Ganzheit des Geistes aus (in: Symbol, Technik, Sprache)
Sicher - auch Luhmann und Baecker versuchen eine Synopsis höherer Stufe. Allerdings hat die Systemtheorie die Eigenschaft, alles unter den gemeinsamen Nenner der Kommunikation zu bringen und Unterschiede dadurch einzuebnen. Im Vergleich dazu lässt der Symbolbegriff mehr Abweichungen, mehr Diversität zu, obschon auch hier die Tendenz zur Vereinheitlichung, Subsummierung besteht. 

Alvin Toffler brachte den Symbolbegriff in seinem Buch Machtbeben in eine populäre Fassung, indem er von der Supersymbolwirtschaft sprach:
Dieses neue Wertschöpfungssystem ist voll und ganz auf die sofortige Verarbeitung von Daten, Ideen, Symbolen und Symbolismen angewiesen. Eine Supersymbolwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes. 
Ist die Supersymbolwirtschaft die Antwort auf den Überschusssinn der Medien?

Donnerstag, 10. September 2015

Internetgeografie - "Mapping the World"

Von Ralf Keuper

Es ist vielleicht nicht überraschend, dass sich die Machtverhältnisse der "realen" Welt, wie sie die Wirtschaftsgeografie untersucht und beschreibt, auch im Internet wiederfinden. Trotzdem ist die Deckungsgleichheit schon bemerkenswert, verband sich mit der Verbreitung des Internets doch die Hoffnung, dass sich die Partizipationsmöglichkeiten bisher unterentwickelter Regionen vergrößern und Ungleichgewichte sich dadurch zumindest abmildern lassen. 

Mit diesem Bild räumt die in dieser Form wohl erste Veröffentlichung Towards a study of information geographies: (im)mutable augmentations and a mapping of the geographies of information relativ schonungslos auf. 

Die Untersuchung erfolgte entlang der Kategorien:
  • geographies of access and enablement (i.e. an exploration of who has access to the technologies and services essential for digital communication, participation, and representation)
  • geographies of participation (i.e. where digital information is generated); and 
  • geographies of representation (i.e. for which parts of the world is content created and not created)
Bei der Verbreitung des Internet liegen die westlichen Nationen, wie die USA, Kanada, Deutschland, Großbritannien und Frankreich an der Spitze; gefolgt von den asiatischen Ländern, wie Japan und Korea. China hat zwar in absoluten Zahlen die meisten Internetanschlüsse weltweit, bezogen auf die Pro-Kopf-Verteilung liegt das Land jedoch nur im Mittelfeld. Ähnliches gilt für Indien, wobei die Pro-Kopf-Verteilung hier noch deutlich hinter der von China liegt. Das Bild bei der Verteilung der Domains ist damit weitgehend identisch. 
Nicht viel anders verhält es sich bei der Produktion von Codes, d.h. bei der Softwareentwicklung. Hier wählten die Autoren GitHub als Maßstab. 

Bei den Wikipedia-Einträgen ist die Verteilung ähnlich. Auffällig ist die außerordentlich geringe Präsenz Afrikas auf diesem Untersuchungsfeld. Das überrascht insofern, als dass im Kontrast zur Internet-Nutzung des Kontinents steht. 
Africa, in particular, is almost entirely omitted from these processes of digital generativity. Moreover, as Figure 7 shows, these distributions stand in marked contrast to the geographies of internet users. 
Auch bei der Repräsentation im Internet setzt sich die Ungleichheit fort, obschon mit einigen Abweichungen. Maßstab war hier OpenStreeMap. 

Sicherlich kann man die Auswahl der Kriterien und die an sie angelegten Maßstäbe kritisch hinterfragen. Eine gewisse Verzerrung ist vorhanden. Allerdings sind die Aussagen repräsentativ genug, um sich intensiver mit dem Thema Internetgeografie zu beschäftigen. Sie wird die Wirtschaftsgeografie nicht ersetzen, wohl aber ergänzen.  

Samstag, 5. September 2015

Medienwandel: Ein Blick zurück auf die letzten Wochen #19

Von Ralf Keuper

Anbei eine Auswahl von Beiträgen aus dem Bereich Medien, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Freitag, 4. September 2015

Wohin entwickelt sich die Fotoindustrie?

Von Ralf Keuper

Die vielzitierte Digitalisierung forderte in der Fotoindustrie ihre ersten Opfer. Prominentestes Beispiel ist wohl Kodak. Die Nutzer stellen an die Qualität der Fotos - in ihrer Mehrzahl - nicht so hohe Ansprüche, wie das die Profis der analogen Fotografie noch heute tun. Für die meisten reicht bereits das Smartphone, dessen Bildqualität kontinuierlich zunimmt. Die analoge Fotografie stirbt lansam aus

Wie soll die Fotoindustrie auf diesen Wandel reagieren, fragt nicht nur die FAZ in Wohin entwickelt sich die Fotografie?. Es geht dabei um mehr, als nur um Qualitätsfragen. Im Zentrum steht die Frage nach der Bildhoheit:
Wer die Hoheit über die Bilder - und damit deren Daten - hat, der verfügt über ein enormes Wertschöpfungspotential. Wir sind davon überzeugt, dass die Imagingbranche wesentliche Teile der Bilder-Hoheit zurückerlangen wird, da sie über die notwendigen Ideen, Technologien und Erfahrungen verfügt, um den Konsumenten attraktive Bildservices anzubieten und um die Bilddaten qualifiziert zu analysieren.
So weit die Theorie. Der Verband spricht bereits von einem "Imaging Ökosystem", das die Hersteller aufbauen und pflegen müssen; natürlich mit der Cloud. 

Anderseits will die Branche aber nicht von ihrem ästhetischen Anspruch ablassen, demzufolge das Fotografieren mehr als nur aus Selfies oder anderen Momentaufnahmen besteht, die ihre Entstehung mehr einer Laune als einem künstlerischen Impuls verdanken. Aber auch hier gibt es Unterschiede, wie das Beispiel der Instagram-Fotografie zeigt

Zugegeben: Ein schwieriger Spagat, den die Branche hier vollziehen muss. 

Mittwoch, 2. September 2015

Die Spiegel-Affäre 1962 (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Die sehenswerte Filmdokumentation Die Spiegel Affäre 1962 gibt einen Einblick in ein Stück Zeitgeschichte. Die Affäre war eine Belastungsprobe für die noch junge Demokratie in Deutschland. Hauptakteure waren neben Rudolf Augstein, die Spiegel-Redakteure Leo Brawand, Conrad Ahlers, und Claus Jacobi, der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, der leitende Staatsanwalt und spätere Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie Josef Augstein, Anwalt und älterer Bruder Rudolf Augsteins. 

Der Geistesgegenwart bzw. Coolness von Josef Augstein ist es wohl letztlich zu verdanken, dass Buback und seine Mitarbeiter kein amtliches Dokument in die Hände fiel, das den Verdacht auf Landesverrat bestätigt, zumindest erhärtet hätte ...