Donnerstag, 31. Dezember 2015

New Media Economics - Cycle by Digitalization

Von Ralf Keuper

Im Rahmen der Ringvorlesung Agile Medien - Agile Marken. New Media Economics - Cycle by Digitalization zeichnete Wolfgang Mühl-Benninghaus die Entwicklung der letzen Jahre, Jahrzehnte in der Medienwirtschaft nach und gab einen thesenartigen Ausblick auf die nahe Zukunft. 


In den Jahren von 1948 bis 2000 stieg der Medienkonsum kontinuierlich an. In diesem Zeitraum waren keine oder nur gerine Substitutionseffekte zu erkennen; die Medien, wie Zeitschriften, Fernsehen und Radio, standen in einem additiven Verhältnis zueinander.  

Seit dem Jahr 2000 sorgen digitale Entwicklungsprozesse für ein Überangebot an Information, das sich an immer kleiner werdende Zielgruppen richtet. Es entstanden soziale Netzwerke; alte Strukturen und Pfade geraten durch kürzere Innovationszyklen, seien es Technologien oder Geschäftsmodelle, unter Druck. 

Soziale Netzwerke entwickelten sich zu selbst ausgestalteten öffentlichen Räumen, die auf die Meinungsbildung zurückwirken. Milieus verschwinden ebenso die Wertvorstellungen. Die one-to-many Kommunikation hat an Bedeutung verloren. Medien und Wirtschaft durchlaufen einen Strukturwandel. Kennzeichnend dafür ist auch, dass die Massenproduktion durch die Einzelproduktion abgelöst wurde. Das wiederum führt zu einem Ordnungsverlust, die modernen Märkte wandeln sich von push zu pull-märkten. Der User entscheidet wann, wo und in welcher form er Produkte und Leistungen konsumieren bzw. in Anspruch nehmen will. Der User entscheidet weiterhin, wie tief er in die Information einsteigt. Konsequenz daraus ist eine bisher unbekannte Form von Ausdifferenzierung des Publikumsinteresses. Weitere Folge ist die deutliche Reduzierung gesellschaftsübergreifender Themen. Die Macht der Kunden wird durch die sozialen Netzwerke gestärkt.

Kurzum: Die Digitalisierung ist mit einer partiellen Umkehrung des bisherigen Kommunikationsmodells verbunden. Werbung und Medien sind zwar nach wie vor als Themenspender relevant, die Inhalte werden jedoch kritisch hinterfragt und konkurrieren mit einer Vielzahl anderer Informationen, die von dem User nur noch daran gemessen werden, welchen Nutzen er von den Inhalten hat.
Politik und Wirtschaft werden mit Forderungen nach Offenheit konfrontiert; die Produktpalette muss sich den Kundenforderungen anpassen.

Die Informationstiefe und -breite sind gestiegen. Das wiederum wird zum Problem für die Markenkommunikation.

Die Medienwirtschaft steht daher vor fünf Herausforderungen
  1. Die überkommene Medienordnung wird schrittweise durch eine neue ersetzt. Es findet eine Diversifizierung der nachgefragten Inhalte statt. 
  2. Die Kommunikation wird sich stärker an den Bedürfnissen von Zielgruppen orientieren. Übergreifende Themen treten in den Hintergrund.
  3. Die Kontrolle von Absatz und Produkten kann mit dem bisherigen Standard nicht mehr aufrecht erhalten werden.
  4. Die Digitalisierung in den Medien führt dazu, dass Produkte und Innovatonszyklen durch die Nachfrage stimuliert werden
  5. Klassische Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden, Kapital und Wissen verlieren ihre Bedeutung und werden durch neue ersetzt bzw. ergänzt.
Bewertung:

Was die Emanzipation der User betrifft, kann man mit Blick auf das Phänomen des Plattformkapitalismus durchaus anderer Meinung sein. Bisher verläuft der Deal im Internet zwischen Usern und den "Datenkraken" einseitig. Die neuesten Datenschutzverordnungen wie auch die Sensibilisierung der Nutzer für den Wert ihrer Daten führen zu einem langsamen Bewusstseinswandel. Das betrifft übrigens auch die Konsumgüterhersteller, die ihrerseits bestrebt sind, die Abhängigkeit von den großen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke zu reduzieren, wie beispielsweise Unilever

Abzuwarten bleibt, ob die Me2B Economy sich durchsetzen wird. Sollte das der Fall sein, werden sich die Spielregeln, auch und besonders für die Markenkommunikation, gravierend ändern. 

Dienstag, 29. Dezember 2015

Bildschirmtext - erster Online-Gehversuch der Deutschen

Von Ralf Keuper

Mit dem Bildschirmtext betrat die Deutsche Bundespost damals "Neuland". Obwohl im Nachhinein ein Flop, erkennen einige Beobachter im Btx einen Wegbereiter des Internet, wie Volker Schmidt anlässlich des 30. Btx-Geburtstages in Die ersten Online-Gehversuche der Deutschen. Das darunter liegende Geschäftsmodell war von beeindruckender Schlichtheit und Stringenz:
Aber nicht die Vorläuferin der E-Mail war aus Sicht des Anbieters, der Deutschen Bundespost, das Wichtigste, sondern der "Telekauf per Schaltstern". Mithilfe der Tasten * und # konnten Benutzer Schlagworte eingeben, zum Beispiel *Quelle# oder *Neckermann#. Firmen sollten diese Begriffe gegen eine Gebühr registrieren lassen und so das System finanzieren. Auf ihren Seiten boten Sie zum Beispiel aktuelle Informationen oder einen Onlineversandhandel an. Die Anbieter wiederum kassierten vom Nutzer eine Gebühr für den Abruf ihrer Seite, abgerechnet wurde das über die Telefonrechnung. Und auch die Bundespost kassierte Geld vom Nutzer, über eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark. 
Noch bis ins Jahr 2007 war Btx die Stütze vieler Online Banking - Angebote, wie Schmidt weiter schreibt. 

Was auch immer man gegen Btx einwenden mag, er verfügte über ein funktionierendes Inkasso, wie Daniel Rehbein nicht ohne Wehmut in Bildschirmtext - ein tolles Netz! festhält:
In Bildschirmtext konnten seitenabhängige Entgelte zwischen 0,01 und 9,99 DM pro Seite sowie zeitabhängige Entgelte bis 1,30 DM pro Minute direkt über die Telephonrechnung eingezogen werden.

Was heute im Internet als "Micropayment" diskutiert wird und was zusätzlicher Verträge bedarf, war in Bildschirmtext bereits enthalten: Die Bezahlung kleiner Beträge direkt online.
Auch der Datenschutz war mit Blick auf heute beachtlich:
In Bildschirmtext war die überwiegende Zahl der Seiten statisch auf den Servern der Betreibergesellschaft Deutsche Bundespost abgelegt. Von den einzelnen Abrufen erfuhr der jeweilige Anbieter gar nichts. Lediglich eine Statistik der Anwahl der Abrufe pro Stunde konnte er sich anzeigen lassen. Wo in Btx per Datex-P eine Weitervermittlung zu externen Rechnern erfolgte, wurde dies dem Benutzer angezeigt. Zudem wurde auch bei solchen Verbindungen keine den Benutzer identifizierenden Daten übermittelt.
Da kommen wir erst langsam wieder hin.

So verwundert es nicht mehr allzu sehr, dass die Telekom noch bis ins Jahr 2010 mit Btx gute Geschäfte machte, wie es in Telekom verdient noch immer an Btx-Dienst heisst. Frankreich trennte sich erst 2012 endgültig von dem Btx-Pendant Minitel

Schon recht früh stellte sich heraus, dass Btx für die Medien keine ernsthafte Bedrohung darstellte. 

So hielt James Battan, Chef von Knight Ridder Newspapers Inc bereits 1986 resigniert fest:
Es steht inzwischen fest, daß Bildschirmtext wahrscheinlich weder für den Anzeigenteil noch für die Abonnentenzahlen der Zeitungen in der nächsten Zukunft eine Bedrohung darstellt. Weiter ist klar, daß die amerikanische Öffentlichkeit nicht dazu bereit ist, den Btx-Service in einer Weise zu unterstützen, die die kontinuierlich wachsenden Kosten rechtfertigt.
Besonders lesenswert und informativ ist noch der Beitrag Die Telekom und der Geist des Bildschirmtextes von Michael Schmalenstroer

Samstag, 26. Dezember 2015

Marshall McLuhan - Ein Visionär

Von Ralf Keuper

Anlässlich des 100. Geburtstages von Marshall McLuhan brachte 3Sat eine Sendung über den Visionär der Medienwissenschaften. Über die Bedeutung von McLuhan's Medientheorie für die heutige Zeit diskutierten Martina Leeker, Gert Scobel, Lutz Hachmeister und Frank Schirrmacher


Weitere Informationen:




Donnerstag, 24. Dezember 2015

Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte

Von Ralf Keuper

Immer wieder sehenswert; die Verfilmung der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

In diesem Sinne: Ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest!

Dienstag, 22. Dezember 2015

Von der Netzwerkgesellschaft zur Plattformgesellschaft

Von Ralf Keuper

Ein - für Nicht-Archivare und Laien in Sachen Wissensnetzwerke -  etwas trockener und langatmiger Vortrag: Wissenszukünfte und Wissensnetzwerke - von der Gelehrtenrepublik zur Gemeingüterbewegung, den Sebastian Gießmann von der Universität Siegen auf dem 75. Südwestdeutschen Archivtag in Rottenburg am Neckar im Juni diesen Jahres gehalten hat. 

Vernetzung und Kollaboration sind alles andere als Selbstverständlichkeiten. Das gilt auch für Archive als Hüter des kulturellen Gedächtnisses. 

Die entscheidende Frage ist: Wie entstehen große Wissensnetzwerke?



Beispiele, die in dem Vortrag genannt und erläutert werden, sind z.B. die Visualisierung der Froschlunge von Marcello Malpighi, die Sieben Brücken (Königsberger Brückenproblem) von Leonard Euler sowie die Visualisierung von Eulers Korrespondenznetzwerkes bis hin zum Arpanet, dem Vorläufer des Internet. 

Der eigentliche Ertrag aus dem Vortrag, für mich jedenfalls, besteht in dem Hinweis auf das Buch Die Verbundenheit der Dinge von Sebastian Gießmann. Ebenfalls aufhorchen lässt der Titel einer weiteren Veröffentlichung von Gießmann: Netze und Netzwerke. Archäologie einer Kulturtechnik, 1740 - 1840

Lösen künftig digitale Plattformen bzw. digitale Ökosysteme, die von einigen wenigen Unternehmen, wie Google, kontrolliert werden, die Netzwerke ab? Was für Folgen hätte das für die Wissensnetzwerke wie überhaupt für die Wissenschaft?

Sehens- und empfehlenswert der Vortrag Von der Netzwerkgesellschaft zur Plattformgesellschaft von Sebastian Gießmann und Michael Seemann auf der Re Publica 2015. 


Weitere Information:

Vier Thesen zur Plattformgesellschaft

Montag, 21. Dezember 2015

Von Caligari zu Hitler - Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen

Von Ralf Keuper

Gibt es eine (bruchlose) Verbindungslinie, die sich vom deutschen Kino der 1920er Jahre bis zu Hitlers Machtübernahme zeichnen lässt? Diese Frage beschäftigte Siegfried Kracauer in seinem Buch Von Caligari zu Hitler - Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. In der Verlagsbeschreibung heisst es u.a.:
Kracauer begreift Film als ein Medium, das Gesellschaftliches in gleicher Weise widerspiegelt wie kanalisiert, verschleiert wie entschlüsselt - in wechselnden Graden der Bewußtheit bzw. Blindheit.
Vor wenigen Wochen kam der Essayfilm Von Caligari zu Hitler in die Kinos. 


In einem Interview äußerte sich der Regisseur Rüdiger Suchsland zum Entstehungsgrund seines Film und die näheren Beweggründe.

Das alles läuft in letzter Konsequenz auf die Frage hinaus: Was weiss das Kino, was wir nicht wissen können? Weiterhin: Was ist das Gesicht der Weimarer Republik? Kann man überhaupt von dem einen Gesicht sprechen? Das deutsche Kino war in den 1920er Jahren ausgesprochen vielfältig, vital und, wie man heute sagen würde, innovativ. Beispielhaft dafür sind Regisseure wie Fritz Lang und Friedrich Murnau. Aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar, dass der deutsche Film einmal weltweit führend war und international beachtet wurde. 

Was sagt uns das eigentlich?

Weitere Informationen:


Samstag, 19. Dezember 2015

"Der blaue Bock" Grundpfeiler des zwangsunionierten Familienlebens in den 1970er Jahren

Das Konzept ist denkbar einfach: der Name ist Programm. Kujoniert von einem zwergnasenhaften Brabbelkopf namens Heinz Schenk, von Lia Wöhr, die alle nur "Frau Wirtin" rufen, und Reno Nonsens, einem traurigen Komiker, dem sich die kulturelle Wüstenei der Adenauer-Ära furchentief zwischen die bernhardinerhaften Backenlappen gegraben hat, trinkt eine Menge Volk vor laufender Kamera eine Menge Äppelwoi und durchschunkelt den deutschen Liederkranz. Dieses Bembelparadies bildet bis in die frühen Siebziger einen Grundpfeiler des zwangsunionierten Familienlebens. Man hat es mithin im Kreise seiner Lieben ohne Murren auszuhalten, sonst bekommt man nachfolgend die Sportschau und das Abendbrot gestrichen. 
Quelle: Thomas Quasthoff. Die Stimme - Autobiografie

Lorenz Engell im Interview - Was ist Medienphilosophie?

Von Ralf Keuper

Die Medienphilosophie als wissenschaftliche Disziplin ist noch relativ jung. Im Jahr 2003 wurde der erste Lehrstuhl für Medienphilosophie in Deutschland in Weimar gegründet. Weltweit sind es nicht mehr als sechs. Einer der bekanntesten Medienphilosophen Deutschlands, ja der Welt, ist Lorenz Engell, der an der Bauhaus-Universität Weimar lehrt. 


In einem Interview mit einem Studenten der Universität Erlangen gibt Engell eine Definition der Medienphilosophie. Eine Aufgabe der Medienphilosophie ist die Reflexion über die Begriffe der Medienwissenschaften. Weiterhin ist die Frage von Bedeutung, ob es bereits in der klassischen Philosophie Vorläufer der Medienphilosophie gab, was die Rolle der Medien zum besseren Verständnis der Welt betrifft. 

Wie schon Nietzsche anmerkte, arbeitet unser Schreibwerk mit an unseren Gedanken. Daher untersucht die Medienphilosophie die Denk-und Schreibzeuge und ihren Einfluss auf die Wahrnehmung, Erkenntnis und das Handeln. Philosophie ist daher zwangsläufig an schreiben und lesen gebunden. So gesehen ist Philosophie immer auch ein Stück Medienphilosophie oder Philosophie mit und durch Medien. 

Heute schließen die Fragestellungen der (Medien-)Philosophie bewegte Bilder und den Computer mit ein. Wie sieht eine Philosophie aus, die sich über das bewegte Bild und/oder den Rechner verbreitet? Wie denkt man mit dem Computer? Was ist der originäre Beitrag des Computers beim Denken?

Dokumentiertes, kodifiziertes und veröffentlichtes Wissen hängt also im hohen Umfang von den jeweiligen Werkzeugen ab. 

Beispielhaft dafür ist die Filmphilosophie von Gilles Deleuze. Nach Deleuze kann der Philosoph zum Denken ins Kino gehen. Filmtheorie denkt über den Film nach. Die Filmphilosophie, so Engell, denke dagegen mit dem Film und betrachte den Film als Zeitmedium. Wir werden vom Film in ein spezifisches Zeitverhältnis versetzt. Dieses Zeitverhältnis ist ein anderes, als es vor dem Film von der Philosophie gedacht wurde. 

Freitag, 18. Dezember 2015

Die Speichermedien der Zukunft - Von Quartz über DNA bis zu Watson

Von Ralf Keuper 

Die Speicherung und Überlieferung von Daten und Informationen ist Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein kollektives Gedächtnis der Menschheit über die Jahrtausende bilden und erhalten kann. Die sehenswerte Filmdokumentation Unser digitales Gedächtnis. Die Speichermedien der Zukunft behandelt die Frage, wie das Wissen und die Informationen, die heute vorwiegend in digitaler Form vorliegen, der Nachwelt zugänglich gemacht werden können. Schon heute gibt es keine Geräte mehr, die in der Lage sind, Floppy Disks zu lesen; dasselbe Schicksal wird über kurz oder lang auch andere Datenträger wie DVDs oder CDs ereilen. 
Die bis dato beständigsten Datenträger sind Obelisken und steinerne Stelen, die mehrere tausend Jahre überdauern können, ohne dass Informationen und Daten im nennenswerten Umfang verloren gehen. 

Die derzeit haltbarsten Speichermedien sind das gute alte Papier, Flash-Speicher und Magnetbänder. 
In Japan arbeitet Hitachi an der Speicherung von Daten auf Quartzglas. Damit ist die Aufbewahrung von Daten über einen sehr langen Zeitraum möglich.

Allerdings ist damit das Problem der Verarbeitung und Aktualisierung großer Datenmengen noch nicht gelöst. Große Hoffnungen richten sich dabei auf die Bioinformatik, die sich bei der Datenspeicherung an dem Aufbau der menschlichen DNA orientiert, wie es die Goldman Group um Nick Goldman in Großbritannien macht. In gewisser Weise wird damit das Erbgut zum Datenspeicher der Zukunft. 

Wie verhält es sich mit der Speicherung der flüchtigen Daten im Internet? Hier übernimmt die "Cloud" eine Schlüsselstellung. Führend in dem Bereich ist das größte europäische Datenzentrum Inria im Norden Frankreichs. Die Cloud verwaltet unser digitales Alltagsleben, wozu auch die vertraulichen Daten zählen. Um die Daten zu erhalten und Verluste zu vermeiden, werden sie permanent von einer Festplatte auf die andere repliziert. Unser digitales Gedächtnis wir mobil. 

Bleibt die Frage: Wie bekommen Historiker und Archäologen in Zukunft Sinn in unsere Daten?

Wie das gelingen könnte, zeigt das Projekt Venice Time Machine Project. Ziel ist es, das Leben der Bewohner der Stadtrepublik über einen langen Zeitraum zu rekonstruieren. Neben die Makrogeschichte, die sich vornehmlich an großen Persönlichkeiten und historischen Ereignissen festmacht, tritt nun die Mikrogeschichte. Durch die Digitalisierung der Akten und anderer schriftlicher Dokumente werden so Beziehungen sichtbar, die in den Papierbergen verborgen waren. 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Walter Benjamins Medienphilosophie in zehn Minuten

Von Ralf Keuper 

Der Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von Walter Benjamin ist ein Klassiker der Medientheorie. Leider ist der Sprachstil Benjamins dem raschen Verständnis seiner Gedankengänge nur bedingt zuträglich. Auf dem Science Slam in Hamburg hat Tim Gailus den lobenswerten und insgesamt auch geglückten Versuch unternommen, uns die komplexe Gedankenwelt Benjamins in zehn Minuten näher zu bringen.


Früher besaß das Kunstwerk eine Aura, die sich dem Betrachter oder Zuhörer nur in bestimmten Situationen und Konstellationen erschloss, wie z.B. in einem Museum oder einem Konzert. Mit dem Aufkommen technischer Apparate im 19. Jahrhundert wurden viele Kunstwerke, wie Musikstücke, technisch reproduzierbar. Folge davon war ein Auraverlust; es war kein Ritual mehr nötig; der Ausstellungswert verdrängte den Kultwert. Das optische Bewusstsein wurde und wird durch technische Apparate verändert, wie durch die ersten Fotokameras, Grammophone bis hin zum Smartphone. 

Benjamin bezeichnete das Kino als Trainingslager in einer durchtechnisierten Zeit. Diese Rolle hat heute das Internet übernommen. Die Frage ist, ob die Chancen, das emanzipatorische Potenzial, das bereits in den ersten technischen Apparaten steckte, zu entfachen, heute besser stehen und entsprechende Handlungen und Verhaltensänderungen nach sich ziehen. 

Montag, 14. Dezember 2015

Let's Read Pierre Bourdieu - Über das Fernsehen

Ein etwas anderes Projekt, in dem der Initiator sich vorgenommen hat, Bücher interessanter Denker vorzulesen. Den Beginn macht das Werk Über das Fernsehen von Pierre Bourdieu, das in mehreren Teilen vorgestellt wird. Auch in Papierform zu empfehlen. 


Samstag, 12. Dezember 2015

Polaroid - Magische Momente (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Vor der Polaroid-Sofortbildkamera war die Fotografie, insbesondere die Farbfotografie, ein Königreich nur für Profis. Einen Farbabzug herzustellen war sehr teuer. Mit der Polaroid-Kamera hielten die Fotografen ebenso wie die Amateure das Labor praktisch in der Hand. 
Polaroid hat mit dem Sofortbild die Fotografie sofort erlebbar - instant gemacht. Es erfolgte der unmittelbare Abgleich zwischen dem Ergebnis und der ursprünglichen Absicht des Fotografen. Vor Polaroid machte der (Amateur-)Fotograf das Bild, während andere für die Entwicklung und Vervielfältigung zuständig waren. Insofern führte Polaroid zu einer Demokratisierung der Schöpfungsmacht, was die Hauptursache für den Erfolg von Polaroid ist. Jedes Bild ist ein Unikat. 


Die eigentliche Magie von Polaroid besteht für Jennifer Trausch darin, dass auf dem Weg vom Negativ zum Positiv eine große Menge an Bildinformationen, an weichen Informationen verarbeitet wird. In der digitalen Fotografie werden dagegen harte Bildinformationen verarbeitet. Bei der Polaroid-Fotografie vollzieht sich eine Farbstoffdiffusionsübertragung zwischen Negativ und Positiv , wodurch ein malerischer Ausdruck entsteht. Mit Polaroid zu arbeiten ähnelt in gewisser Weise der Lichtmalerei. Polaroid verändert die Realität; es ist keine exakte Wiedergabe.

Das Team von Impossible ist jedenfalls davon überzeugt, dass die Analogtechnik in der Fotografie fortbestehen wird.  

Wie Edwin Land, der legendäre Erfinder von Polaroid, hält man es bei Impossible mit dem Satz:
Don't undertake a project unless it's manifestly important and nearly impossible.
Mal sehen, was aus dem Versuch der Prynt Corp. wird, deren neuestes Produkt, The Prynt Case, versucht, analog und digitale Fotografie in einem Gerät zu vereinen.   


Mittwoch, 9. Dezember 2015

Selfies: Mehr als nur Selbstdarstellung?

Von Ralf Keuper

Das Phänomen des Selfies ist für die Kultur- und Medienwissenschaften eine Herausforderung. Handelt es sich beim Selfie um eine eigenständige Kunstform oder ist es nur eine vorübergehende Erscheinung, Ausdruck des flüchtigen Zeitgeistes? Reichen die wissenschaftlichen Instrumentarien aus, um diesen Stilwandel beschreiben zu können oder sind neue erforderlich? 

In letzter Zeit sind einige Beiträge erschienen, die eine erste Einordnung der Selfies vornehmen. Hervorzuheben ist der Sammelbeitrag Be Your Selfie: Identity, Aesthetics and Power in Digital Self-Representation

Auch die anderen Beiträge sind informativ:

Der Stilwandel der Medien #2

Hier einige Beiträge der letzten Zeit, die sich mit dem Stil- und Formwandel der Medien beschäftigen: