Montag, 11. Januar 2016

Rahmenbildung in den Medien

Von Ralf Keuper

In seinem Beitrag Polarisierung oder Homogenisierung liefert Frank Lübberding m.E. eine plausible Erklärung für das Reaktionsmuster der Medien auf die Ereignisse, die sich zu Sylvester am Kölner Hauptbahnhof zugetragen haben. Dabei verwendet er den Begriff des Rahmens: 
Das geschah aber in einem Rahmen, der schon seit Monaten von der Flüchtlingskrise definiert wird. Das eine Lager war unaufhörlich damit beschäftigt, jedes Delikt von einem Flüchtling als Beleg für deren kriminelle Mentalität zu werten. Und wie solche Vorfälle von den Medien systematisch verschwiegen werden, so der Vorwurf. Diese hatten sich angewöhnt, diese Vorwürfe als Bezugsrahmen für ihre Berichterstattung zu betrachten. Es ging schon längst nicht mehr, um das, was geschehen ist, sondern um das, was die Akteure dieses Bezugsrahmens darüber denken. 
Das hat große Ähnlichkeit mit der Rahmenanalyse des Soziologen Erving Goffman. Auf Wikipedia steht dazu: 
frame sind demnach Interpretationsschemata, die es dem Einzelnen als Organisationsprinzip für Alltagserfahrungen ermöglichen, soziale Vorkommnisse und Ereignisse zu kategorisieren und zu interpretieren. Der Einzelne beantwortet so selektiv die Frage, worum es bei dem Gegenstand seiner Betrachtung geht, ohne schon selbst dazu eine eigene Position zu entwickeln. Die soziologische Untersuchung dieser Schemata wird als Frameanalyse oder auch Rahmenanalyse bezeichnen.
Lesenswert in dem Zusammenhang ist auch Rahmen: Die Herstellung dessen, was der Fall ist. Darin schreibt Werner Vogd u.a.: 
Die primären Rahmen bilden jedoch ihrerseits das Ausgangsmaterial für weitere Sinntransformationen: Rahmen können moduliert werden - etwa in dem Sinne, dass eine ursprünglich ernsthafte oder gar bedrohliche Situation nun in den Kontext von Spiel, Simulation oder einer Übung transformiert wird. »Die Modulation ist eine grundlegende Art der Transformation eines Stückes Handlung, die dabei in allen Einzelheiten als Muster für etwas anderes dient. Anders ausgedrückt, Modulationen sind eine grundlegende Art der Anfälligkeit des Handelns« (ders.: 98). Goffman benennt fünf Formen der Modulation: »So-tun-als-ob«, »Wettkampf«, »Zeremonie«, »Sonderaufführungen« und »In-anderenZusammenhang-Stellen«. Als Grenzfall einer Modulation im Sinne von so-tun-als-ob entsteht die Täuschung, in der nur ein Teil der Kommunikationspartner über das Manöver Bescheid weiß. Im Sinne einer „Täuschung in guter Absicht” können etwa der Krankenkasse medizinische Gründe genannt werden, um einen Patienten aus sozialen Gründen etwas länger im Krankenhaus behalten zu können. Goffman sieht in der medizinischen Behandlung gar das »Musterbeispiel paternalistischer Täuschung«, denn hier herrsche »die klassische Gewohnheit, schlechte Nachrichten einem Patienten vorzuenthalten, der bald sterben wird oder dessen Situation hoffnungslos ist« (ders.: 117). Insbesondere die Sinntransformationen der Formen »so-tun-als-ob« und »in-anderen-Zusammenhang-stellen« lassen im ärztlichen Handeln zusätzliche Freiheitsgrade erscheinen. Indem Goffman solche Rahmungen als einen sozialen Prozess beschreibt, erlaubt er die Untersuchung dieser Konstruktionen unter dem Blickwinkel der Inszenierung.

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