Samstag, 12. März 2016

Führt die Digitalisierung zum endgültigen Verschwinden der Romantik oder zu ihrer Wiedergeburt?

Von Ralf Keuper

Die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags weckt u.a. die Befürchtung, die Romantik könnte für immer aus der Welt verschwinden; sofern das noch nicht geschehen ist. In seinem Text Das totale Archiv kommt Andreas Bernard jedenfalls zu dem recht ernüchternden Befund, die Romantik stehe auf verlorenen Posten. Romantische Erzählungen seien heute eigentlich nur noch möglich, wenn sie in einer Zeit weit vor der unsrigen spielen: 
Wenn es stimmt, dass die romantische Komödie am Vernetzungssog digitaler Medien zugrunde zu gehen droht, dann hat diese Entwicklung mit der narrativen Statik restlos erfasster Identitäten und Beziehungen zu tun. Einerseits scheint es, als würden die populärsten zeitgenössischen Liebesromane, die in der Gegenwart spielen, wie etwa Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon, ihren vorgeblichen Realismus nur noch um den Preis des Verdrängens technologischer Entwicklung entfalten können (die titelgebende Reise der Hauptfigur wäre durch eine bloße Internetrecherche zu ersetzen). Andererseits sorgt diese Stagnation dafür, dass in jüngster Zeit gerade rückwärtsgewandte Erzählwelten reüssieren, in denen die aktuellen Konstellationen des Wissens noch nicht galten. Die Konjunktur des Fantasy-Genres in Literatur, Kino und Fernsehen hält seit einigen Jahren an, die Tolkien-Renaissance, der spektakuläre Erfolg der Harry-Potter-Geschichten, eine weltweit umjubelte Fernsehserie wie Game of Thrones. Man kann diese Konjunktur zweifellos mit der Medienrealität unserer Gegenwart und ihren narrativen und imaginativen Konsequenzen in Verbindung bringen.
Kurzum: Es gibt im Internetzeitalter eigentlich kein Geheimnis, keine Zone des Nicht-Wissens mehr. Jede Fiktion kann sofort als solche entlarvt und in Beziehung zu ähnlich gelagerten Fällen gebracht werden. Der irische Philosoph John O'Donhue prägte dafür den Begriff des Neon-Bewusstseins als Sinnbild vollständiger Transparenz, dem er das Kerzenlicht gegenüberstellte. 

Längst nicht so kulturpessimistisch ist dagegen David Brooks in The New Romantics in the Computer Age. In Zukunft, in der immer mehr Computer, Algorithmen oder virtuelle Assistenten unsere Arbeit übernehmen, sei es um so wichtiger, am Arbeitsplatz die Fähigkeiten zur Empathie zu entwickeln. Alles andere können die Computer irgendwann besser. Doch nicht nur das. In einer für einen Amerikaner ungewöhnlichen Äußerung plädiert Brooks sogar für einen gesunden Schuss Idealismus:
But the new romanticism won’t only be built on workplace incentives. It will be driven, too, by the inherent human craving for the transcendent. Through history there have always been moments when eras of pragmatism give way to eras of high idealism.
Er schließt mit den Worten:
I’m not sure we’re about to be overrun with waves of Byronic romantics, but we have been living through an unromantic period and there’s bound to be a correction. People eventually want their souls stirred, especially if the stuff regarded as soft and squishy turns out in a relational economy to be hard and practical.
Auch Bernard gibt sich an einer Stelle in seinem Text vorsichtig optimistisch:
Romane werden bis heute geschrieben, und es zeigt sich, dass sich das unermüdliche Kaleidoskop der Imagination im Zeichen einer gewandelten Medienwirklichkeit immer wieder neue Muster und Einstellungen sucht.
Dann besteht ja noch Hoffnung ;-)

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