Sonntag, 31. Januar 2016

Code Is Law (Lawrence Lessig)

Von Ralf Keuper

Dass Software Code ebenso wie Netzwerk- und IT-Architekturen die Art und Weise, wie wir im Internet Informationen aufnehmen und miteinander kommunizieren, im hohen Maß beeinflussen, ist noch nicht wirklich in der öffentlichen Diskussion angekommen. Mittels Codierung kann im Internet die Regulierung forciert oder auch ausgehebelt werden, ohne dass eine Regierung dabei die Fäden ziehen würde. Ab wann kann, muss eine Regierung aktiv werden, um Rechte und Normen im Internet durchzusetzen? Ist es möglich, die rechtssichere Gestaltung des Internet den Akteuren im Internet zu überlassen?
Diese Frage warf Lawrence Lessig bereits im Jahr 2000 in seinem Beitrag Code Is Law auf. Lessig vertraut auf die Korrekturkräfte im Netz. So lange unsere fundamentalen Werte Gültigkeit haben, so Lessig, wird sich das Netz von selbst regulieren, wenn auch nicht immer in der gewünschten Geschwindigkeit und Intensität. 
Da stellt sich die Frage, was wir genau unter fundamentalen Werten verstehen. Inwieweit beeinflusst das Internet unsere Rechtsauffassung, u.a. mit Blick auf die Medien des Rechts

Derzeit gewinnt die Problematik durch die fortschreitende Fragmentierung im Netz an Aktualität, wie in Internet Fragmentation: An Overview. Der Executive Summary beginnt mit den Worten: 
A growing number of thought leaders have expressed concerns over the past two years that the Internet is in some danger of splintering or breaking up into loosely coupled islands of connectivity. A number of potentially troubling trends driven by technological developments, government policies and commercial practices have been rippling across the Internet’s layers, from the underlying infrastructures up to the applications, content and transactions it conveys. But there does not appear to be a clearly defined, widely shared understanding of what the term, fragmentation, does and does not entail.

Samstag, 30. Januar 2016

Jonathan Zittrain: Das Internet als Ort willkürlicher, selbstloser Gesten

Von Ralf Keuper

In seinem TED-Vortrag Das Internet als Ort willkürlicher, selbstloser Gesten streicht Jonathan Zittrain die Besonderheiten und Vorzüge des Internet heraus: 
The internet has no business plan, no CEO, no firm responsible for building it, instead its folks are coming together to have fun ... that led to a network architecture, a structure that was unlike other digital networks then. .... 
Im weiteren Verlauf bringt Zittrain einige Beispiele, die für ihn belegen, dass das Internet in der Lage ist, trotz oder gerade wegen seiner "Zerbrechlichkeit", die richtigen Antworten zu finden, d.h. die Nutzer nicht zu bevormunden und darauf zu vertrauen, dass sich mit der Zeit ein Konsens bildet, der auf die Rechte des einzelnen Rücksicht nimmt.  Zittrain schließt seinen Vortrag mit den Worten. 
The internet is not a pile of information, a noun it's a verb and when you go on it, if you listen and see carefully and closely enough, what you will discover is that information is saying something to you. What it is saying to you is, what we heard yesterday demosthenes is saying to us: it is saying: let' s march. 


Jonathan Zittrain hat die Gedanken seines Vortrags in seinem Buch The Future of The Internet detaillierter beschrieben. Derzeit treibt ihn die Sorge um einen digitalen Protektionismus und die  weitere Fragmentierung des Internet um. 

Dienstag, 26. Januar 2016

Loriot - Wahlfernsehen

Von Ralf Keuper

Angesichts der aktuellen Diskussion, lässt sich feststellen: Zeitlos und ein echter Klassiker!

Medienästhetik statt Medienkritik?

Von Ralf Keuper

Können Medien ästhetisch sein? Diese Frage ließe sich mit Blick auf die Medienkunst, die Filmkunst, Fotografie, Comics und den Buchdruck mit Ja beantworten. Aber sind auch die anderen Medien ästhetisch, wie Zeitungen, Fernsehen und Social Media? 

An der Universität Siegen gibt es einen Lehrstuhl für Medienästhetik. Dort definiert man Medienästhetik wie folgt: 
Es ist daher kein Zufall, dass in derselben Zeit, in der die technischen Medien der Moderne aufkamen, sich auch der Begriff der „Ästhetik“ änderte. Hatte man noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts Ästhetik von aísthesis abgeleitet und demnach als Theorie der sinnlichen Erkenntnis begriffen, etablierte sich nun ein neuer Begriff von Ästhetik, der den produktiven, schöpferischen Aspekt der Wahrnehmung betonte und in der autonomen Kunst ein Modell erkannte, die Aufmerksamkeit für das Ungewohnte, Neue, Unbegriffene zu schärfen und gerade diesen Ausnahmezustand aisthetischer Erfahrung zu genießen. Bis heute sehen die Ästhetischen Theorien das entscheidene Merkmal der Kunst darin, etablierte Wahrnehmungsgewohnheiten zu durchbrechen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über die Medialität der menschlichen Wahrnehmung. Medienästhetik ist in diesem spezifischeren, konventionskritischen Verständnis eine wissenschaftliche Praxis der Aufmerksamkeitssteigerung für die natürlichen und technischen Prozesse der Konstitution von Wirklichkeiten.
Könnte die Medienästhetik mit Blick auf den letzten Satz die Medienkritik ergänzen oder gar ersetzen? 

Auf twitter warf Wolfgang Gierls heute die Frage auf, ob und inwieweit Medienkritik mit dem Begriff des "Guten" in Verbindung gebracht werden kann, auch mit Blick auf die Möglichkeiten, von professionell betriebener Medienkritik leben zu können. Wolfgang Michal hat vor einigen Tagen, worauf Tera Euro, ebenfalls auf twitter, zu Recht hinweist, in dem Beitrag Wozu überhaupt noch Medienkritik? die aktuellen Defizite sehr schön auf den Punkt gebracht. 

Hier noch einige Gedanken von Friedrich Schiller über verschiedene ästhetische Gegenstände:
Alle Eigenschaften der Dinge, wodurch sie ästhetisch werden können, lassen sich unter vielerlei Klassen bringen, die sowohl nach ihrer >objektiven< Verschiedenheit, als nach ihrer verschiednen >subjektiven< Beziehung auf unser leidendes oder tätiges Vermögen ein nicht bloß der >Stärke<, sondern auch dem >Wert< nach verschiedenes Wohlgefallen wirken und für den Zweck der schönen Künste auch von ungleicher Brauchbarkeit sind; nämlich das >Angenehme<, das >Gute<, das >Erhabene< und das >Schöne<. Unter diesen ist das Erhabene und Schöne allein der Kunst >eigen<. Das Angenehme ist ihrer nicht >würdig<, und das Gute ist wenigstens nicht ihr >Zweck<, denn der Zweck der Kunst ist zu vergnügen, und das Gute, sei es theoretisch oder praktisch, kann und darf der Sinnlichkeit nicht als Mittel dienen. 

Der Stilwandel der Medien #4

Hier einige Beiträge der letzten Zeit, die sich mit dem Stil- und Formwandel der Medien beschäftigen:

Montag, 25. Januar 2016

Medienkritik: Ein undankbares Geschäft

Von Ralf Keuper

Wie man es auch dreht und wendet: Professionell betriebene Kritik, welcher Art auch immer, ist ein undankbares, wenig einträgliches Geschäft. Nur sehr wenige, die hauptberuflich als Kritiker tätig waren und sind, konnten und können davon leben. Das betrifft Literaturkritiker ebenso wie Theaterkritiker, Musikkritiker, Kunstkritiker, Gesellschaftskritiker oder Kirchenkritiker. Mit wenigen Ausnahmen, wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Eugen Drewermann oder im Staatsdienst beschäftigte, wie seinerzeit Max Horkheimer, Theodor Adorno und Jürgen Habermas, sind die meisten Kritiker auf andere Nebentätigkeiten oder Sponsoring angewiesen. Karl-Heinz Deschner beispielsweise konnte sein kirchenkritisches Projekt in der intensiven Form nur betreiben, weil ihn ein Millionär unterstützt hat. 

Bei der Medienkritik kommen noch Elemente hinzu, die das Geschäftsmodell zusätzlich unterminieren. Ein Literaturkritiker beispielsweise, ist nicht von dem Wohlwollen oder der finanziellen Zuwendung eines Autors abhängig; auch nicht des Verlages, in dem das Buch, das er kritisiert, erscheint. Gleiches gilt für die Musikkritik oder Kunstkritik. Anders verhält es sich bei Kirchenkritikern, die selber in Kirchendiensten stehen, wie die Beispiele Eugen Drewermann und Hans Küng zeigen. Medienkritiker nun kritisieren fast täglich ein System, dessen Bestandteil sie selber sind. Sie müssen also das Kunststück fertig bringen, jemanden dafür zum Bezahlen und zur kritischen Selbstreflexion zu bewegen, wie einen Verlag, der selber Zielscheibe der Kritik ist oder werden könnte. Das funktioniert auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk nur sehr eingeschränkt - aus unterschiedlichsten Gründen. Fest angestellte Medienkritiker in den Verlagen sind eine Seltenheit, noch dazu welche, die ihren eigenen Arbeitgeber oder die Branche kritisieren, was menschlich nachvollziehbar ist. Journalisten müssen aber nun mal publizieren, nach Möglichkeit täglich. Sie können also nicht, wie ein Kirchenkritiker beispielsweise, der noch in Diensten der Kirche steht, sich Zeit für tiefergehende Studien nehmen oder sich nur dann zu Wort melden, wenn wirklich etwas Kritikwürdiges auftaucht. Diese Option fällt allein schon der Natur des Mediengeschäfts wegen aus. So gesehen ist professionell betriebene Medienkritik, die von den Medien finanziert oder unterstützt wird, eine Unmöglichkeit. 

Bleibt als Ausweg nur, sich direkt an die Leser zu wenden, und zu hoffen, dass diese bereit sind, für Medienkritik zu bezahlen. Warum aber sollte ein Leser für Medienkritik zahlen? Was hat er oder sie davon? Bessere Informationen oder Berichte etwa - wirklich? Was kann Medienkritik bewirken, selbst wenn diejenigen, die sie ausüben, davon leben können? Was kann Kritik überhaupt bewirken?

Ist es nicht so, dass die Umstände sich häufig ändern, ohne dass die Kritik Ursache dafür gewesen wäre? Kann Kritik sogar dazu beitragen, die Missstände zu verfestigen, gerade weil sie sie kritisiert? Macht sie sich dadurch nicht von dem Objekt, den Personen, die sie kritisiert, abhängig und wertet diese auf, wie beispielsweise der Bildblog? 
Die deutlich sinkenden Leserzahlen und das veränderte Mediennutzungsverhalten sind Formen der Kritik, noch dazu sehr wirkungsvolle. 

Die Medienkritik findet heute täglich in den sozialen Netzwerken statt; und das gar nicht mal so selten auf hohem Niveau, soweit das in diesen Medien möglich ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass professionell betriebene Medienkritik nicht notwendig ist. Nur wird man zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie nicht als profitables Geschäft betrieben werden kann. Medienkritik ist ihrer Natur nach gemeinnützig und müsste von Investoren, ob öffentliche oder private, so betrachtet werden, wie es bei ProPublica der Fall ist. Fest steht aber: Eine Rendite im eigentlichen Sinne lässt sich mit Medienkritik, die etwas bewirken könnte, nicht verdienen. 

Sonntag, 24. Januar 2016

Andrew Blum: Was ist das Internet wirklich?

Von Ralf Keuper

Obwohl die tägliche Erfahrung der meisten eine andere sein dürfte, ist das Internet für Andrew Blum ein Ding zum Anfassen. Richtig bewusst wurde ihm das, als ein Eichhörnchen seine Verbindung zum Internet kappte. Um den Dingen, d.h. dem Internet, auf den Grund zu gehen, reiste Blum über einen Zeitraum von zwei Jahren durch die Welt der Kabel, Internetknoten und Rechenzentren. Festgehalten hat er seinen Reisebericht in dem Buch Kabelsalat



Fakt ist: Das Internet ist weitaus stofflicher und in gewisser Weise auch profaner als wir annehmen. Erstaunlich auch, dass sich bestimmte Netzwerke bzw. Konstellationen, wie man sich von den Anfängen der Nachrichtenübermittlung kennt, auch im digitalen Zeitalter zu wiederholen scheinen. 

Weitere Informationen


Internetgeografie - "Mapping the World"

Dienstag, 19. Januar 2016

Thomas Mann - Erster Tonfilm eines deutschen Autors (1929)

Von Ralf Keuper

Im Jahr 1929 betrat der Romancier Thomas Mann "Neuland", als er sich über das Medium Film an das Publikum wandte. Bereits zuvor hatte sich Thomas Mann unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg per Rundfunk (den Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt) an seine Leser bzw. Hörer gerichtet. 


Schon damals, so Mann, sei ihm der Wandel, die veränderte Situation bewusst geworden. Anders als in seinen Lesungen vor Publikum, das sich mit ihm zur selben Zeit im selben Raum befand, empfand er die Situation im Rundfunk als eine Art von Entkoppelung von Raum und Zeit. 
Weiter sagte Mann:   
Heute nun aber, ist dieses Publikum, zu dem ich spreche, nicht nur räumlich von mir getrennt, sondern es ist in der Zeit von mir entrückt und ich spreche zu einem zukünftigen Publikum in die Zeit hinein. Das ist das Phantastische und Exzentrische, fast möchte ich sagen, das ich in dieser Situation empfinde.  

Samstag, 16. Januar 2016

Die Medien des Rechts

Von Ralf Keuper

Seit einigen Jahren arbeitet der Rechtstheoretiker Thomas Vesting an dem Projekt Die Medien des Rechts. Die Schriftenreihe liegt inzwischen komplett vor. Über das Projekt schreibt der Verlag Velbrück
    Das Projekt »Die Medien des Rechts« möchte aufzeigen, dass es einen intrinsischen Zusammenhang zwischen Medien und Recht gibt. Ein Medium wie Schrift ist nicht einfach ein Kanal, in dem rechtliches Wissen kommuniziert wird, sondern hat vielmehr selbst rechtsbildende Konsequenzen. Medien formatieren den Raum, in dem sich praktisches (Regel-)Wissen und damit auch Recht ausbildet. Ohne Lautsprache keine Rechtsformeln, ohne Schrift kein Konditionalprogramm, ohne Buchdruck kein nationalstaatliches Rechtssystem – und ohne Computertechnologie kein fragmentiertes Weltrecht. Das sind die Zusammenhänge, denen »Die Medien des Rechts« nachgehen. 
Mittlerweile liegen alle vier Teile vor: 
Einen guten Überblick über das Projekt verschafft u.a. die Rezension im erweiterten Forschungskontext: Medien des Rechts

Weitere Informationen:

China: Gericht hält Verhandlung in Messenger WeChat ab

Freitag, 15. Januar 2016

Stefan Niggemeier erklärt übermedien.de

Von Ralf Keuper

In einem Interview mit turi.tv  erläutert Stefan Niggemeier, warum er zusammen mit Boris Rosenkranz das Portal Übermedien.de aus der Taufe gehoben hat und wie er sich dessen Finanzierung vorstellt. Was die beiden jedoch dazu bewogen hat, ausgerechnet Giovanni di Lorenzo als ersten Interviewpartner zu wählen, erschließt sich mir nicht wirklich. Selbstreferentielle Medienkritik - das wird nicht funktionieren. 


Es ist versteht sich von selbst, dass die Medien über das neue Projekt berichten, wie in 

Dienstag, 12. Januar 2016

Internet: Die Monokultur der Großen Vier

Von Ralf Keuper

An Diagnosen, die auf die steigende Marktmacht der sog. Großen Vier, d.h. Google, Amazon, facebook und Apple, verweisen, fehlt es nicht mehr, wie von Sascha Lobo, der vom Plattformkapitalismus spricht, oder zuletzt in der Welt, die eine gefährliche Dominanz der Internetkonzerne feststellt. 
Hinzu kommen mittlerweile auch einige asiatische Konzerne wie Alibaba, Tencent und Samsung. Hier bildet sich eine neue Medienmacht, gegen die die ehemaligen Platzhirsche Time Warner oder Bertelsmann nur noch wie Fliegengewichte wirken. 

Nur - wie könnte die Therapie aussehen, vor allem mit Blick auf Europa? In From Data to Dada sagt Geert Lovink: 
To criticize US domination is one thing, but way more important are our own visions and organizational capabilities. How much do we understand of platforms, algorithms and datacentres? How can we "redecentralize" the Net without buying into nationalistic solutions and defensive mechanisms that only strengthen conservative and authoritarian control over its populations? Most engineers remain silent, and artists are no longer taking the lead, having gone "post-Internet". This leaves us with small pockets of "digital rights activists" that act as lobbyists, facing the vastly larger lobby budgets of giants such as Google.
Wie man es auch dreht und wendet: Wenn Europa nicht völlig den Anschluss verlieren und in Abhängigkeit einiger weniger Plattformen geraten will, dann benötigen wir so etwas wie ein Airbus-Projekt für das Internet. Anderenfalls ist die Digitale und mediale Souveränität Europas dahin und wir haben eine Monokultur. 

Montag, 11. Januar 2016

Rahmenbildung in den Medien

Von Ralf Keuper

In seinem Beitrag Polarisierung oder Homogenisierung liefert Frank Lübberding m.E. eine plausible Erklärung für das Reaktionsmuster der Medien auf die Ereignisse, die sich zu Sylvester am Kölner Hauptbahnhof zugetragen haben. Dabei verwendet er den Begriff des Rahmens: 
Das geschah aber in einem Rahmen, der schon seit Monaten von der Flüchtlingskrise definiert wird. Das eine Lager war unaufhörlich damit beschäftigt, jedes Delikt von einem Flüchtling als Beleg für deren kriminelle Mentalität zu werten. Und wie solche Vorfälle von den Medien systematisch verschwiegen werden, so der Vorwurf. Diese hatten sich angewöhnt, diese Vorwürfe als Bezugsrahmen für ihre Berichterstattung zu betrachten. Es ging schon längst nicht mehr, um das, was geschehen ist, sondern um das, was die Akteure dieses Bezugsrahmens darüber denken. 
Das hat große Ähnlichkeit mit der Rahmenanalyse des Soziologen Erving Goffman. Auf Wikipedia steht dazu: 
frame sind demnach Interpretationsschemata, die es dem Einzelnen als Organisationsprinzip für Alltagserfahrungen ermöglichen, soziale Vorkommnisse und Ereignisse zu kategorisieren und zu interpretieren. Der Einzelne beantwortet so selektiv die Frage, worum es bei dem Gegenstand seiner Betrachtung geht, ohne schon selbst dazu eine eigene Position zu entwickeln. Die soziologische Untersuchung dieser Schemata wird als Frameanalyse oder auch Rahmenanalyse bezeichnen.
Lesenswert in dem Zusammenhang ist auch Rahmen: Die Herstellung dessen, was der Fall ist. Darin schreibt Werner Vogd u.a.: 
Die primären Rahmen bilden jedoch ihrerseits das Ausgangsmaterial für weitere Sinntransformationen: Rahmen können moduliert werden - etwa in dem Sinne, dass eine ursprünglich ernsthafte oder gar bedrohliche Situation nun in den Kontext von Spiel, Simulation oder einer Übung transformiert wird. »Die Modulation ist eine grundlegende Art der Transformation eines Stückes Handlung, die dabei in allen Einzelheiten als Muster für etwas anderes dient. Anders ausgedrückt, Modulationen sind eine grundlegende Art der Anfälligkeit des Handelns« (ders.: 98). Goffman benennt fünf Formen der Modulation: »So-tun-als-ob«, »Wettkampf«, »Zeremonie«, »Sonderaufführungen« und »In-anderenZusammenhang-Stellen«. Als Grenzfall einer Modulation im Sinne von so-tun-als-ob entsteht die Täuschung, in der nur ein Teil der Kommunikationspartner über das Manöver Bescheid weiß. Im Sinne einer „Täuschung in guter Absicht” können etwa der Krankenkasse medizinische Gründe genannt werden, um einen Patienten aus sozialen Gründen etwas länger im Krankenhaus behalten zu können. Goffman sieht in der medizinischen Behandlung gar das »Musterbeispiel paternalistischer Täuschung«, denn hier herrsche »die klassische Gewohnheit, schlechte Nachrichten einem Patienten vorzuenthalten, der bald sterben wird oder dessen Situation hoffnungslos ist« (ders.: 117). Insbesondere die Sinntransformationen der Formen »so-tun-als-ob« und »in-anderen-Zusammenhang-stellen« lassen im ärztlichen Handeln zusätzliche Freiheitsgrade erscheinen. Indem Goffman solche Rahmungen als einen sozialen Prozess beschreibt, erlaubt er die Untersuchung dieser Konstruktionen unter dem Blickwinkel der Inszenierung.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Die Geburt des Silicon Valley, oder: Die Geschichte der "Fairchild Eight"

Von Ralf Keuper

Bei einem Treffen in einem Cafe in San Francisco im Jahr 1957 beschlossen acht junge Männer, die Fairchild Acht oder die Verräterischen Acht, die zu dem Zeitpunkt bei Shockley Semiconductor Laboratory beschäftigt waren, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Kopf der Gruppe war Robert Noyce.
Ihre Absicht bekundeten die acht durch ihre Unterschrift auf einer Dollarnote - später als Unabhängigkeitserklärung des Silicon Valley bekannt geworden.

Zu jener Zeit waren integrierte Schaltkreise noch nicht erfunden. William Shockley legte mit der Erfindung des Transistors und der Gründung des Shockley Labors den Grundstein für das Silicon Valley. Ein weiterer wichtiger Faktor war die Stanford University, die als Inkubator (Forschung und Finanzierung) fungierte. 

Wegen des autokratischen Führungsstils von Shockley beschlossen zunächst sieben der acht (damals noch ohne Noyce), sich nach einem neuen Arbeitgeber umzusehen. Sie wandten sich an den Wall Street Banker Arthur Rock von Hayden Stone, ob er eine Firma wüsste, die sie einstellen würde. Rock machte den Vorschlag, eine eigene Firma zu gründen und bot an, für die Finanzierung zu sorgen. 

Nachdem zahlreiche Investoren absagten, sorgte ein Treffen mit Sherman Fairchild, dem Eigentümer von Fairchild Camera, für den Durchbruch. Fairchild war damals größter Einzelaktionär von IBM. Er stellte sofort 1,5 Millionen Dollar bereit mit der Option, die Firma später kaufen zu können. Im Grunde die Geburtsstunde des Risikokapitals.
Dass Mitarbeiter ihren Arbeitgeber verließen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen, war damals noch unerhört. Als Glücksfall für das noch junge Unternehmen mit dem Namen Fairchild Semiconductor war der Sputnik Schock, der zur Gründung der Nasa führte. Das Militär benötigte Silicium-Transistoren in großen Mengen. Die Produkte von Texas Instruments, damals der mit Abstand führende Hersteller von Transistoren und Halbleitern, waren den Militärs zu langsam. IBM forderte Fairchild auf, sich an der Ausschreibung zu beteiligen. Zwei getrennte Teams arbeiteten bei Fairchild an der Lösung. IBM baute die Transistoren ein, was einem Ritterschlag gleichkam.

Den Durchbruch in der Produktion brachte die Planartechnik, die sich Fairchild patentieren ließ.

Das Problem der Transistoren war, dass sie nur eine Funktion erfüllen konnten. Als Texas Instruments einen Festkörperschaltkreis präsentierte, musste man bei Fairchild nachziehen. Robert Nocye entwarf den integrierten Schaltkreis, bei dem alle Teile in der Silicium-Schicht verbunden waren. Diese Technik erwies sich als weitaus wirtschaftlicher als die Festkörpertechnik. Mit dem Apollo-Programm kam ein weitere Schub für das noch junge Unternehmen. 

Nach einer stürmischen Wachstumsphase verließen in den ersten 1960er Jahren bereits einige der acht Fairchild. Fairchild gliederte zu dem Zeitpunkt mehrere Unternehmen aus, die Idee des Risikokapitals kam auf, das Silicon Valley, so wie wir es heute kennen, entstand. 





Mitte der 1960er Jahre traft Noyce die Entscheidung, dass Mikrochips weniger als einen Dollar kosten sollten. Damit lag der Preis unter den Herstellungskosten. Die Nachrage war jedoch so groß, dass die Kosten für die Produktion fielen und unterhalb der Herstellungskosten blieben. 

Zum Verdruss von Noyce, Moore und anderen investierte die Muttergesellschaft Fairchild Camera die Gewinne seines Tochterunternehmens nur in geringem Umfang in das weitere Wachstum. Dadurch konnte Texas Instruments Fairchild Semiconductors technologisch überholen. Erschwerend kam auf Seiten von Fairchild Semiconductors die fehlende Kommunikation zwischen Forschung und Fertigung hinzu. Die Dinge liefen aus dem Ruder, Robert Noyce verlor die Kontrolle, seine Entscheidungsschwäche wurde zunehmend zum Problem. Wichtige Mitarbeiter verließen das Unternehmen. 
Auch Noyce plante den Absprung. Er weihte Gordon Moore in seine Pläne ein, dass er Fairchild verlassen wolle, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Nach anfänglichem Zögern schloss sich Moore Noyce an und beide gründeten das Unternehmen Intel. Sie nahmen zahlreiche Mitarbeiter von Fairchild mit in ihr neues Unternehmen, darunter Andy Grove. Die Entscheidung von Noyce und Moore, Andy Grove mit dem Alltagsgeschäft zu betrauen, ist rückblickend die wohl wichtigste gewesen. Bei Intel gab es keine Privilegien. Es herrschte die Kultur der Leistungsgesellschaft. Es gab keine Befehlsketten. Während Noyce für die Demokratisierung im Unternehmen voran trieb, sorgte Grove für die nötige Disziplin. 

Noyce und Moore beschlossen, Speichergeräte zu bauen und die Magnetkernspeicher herauszufordern. 

1969 bestellte der japanische Hersteller von Taschenrechnern Busicom zwölf spezielle Mikrochips für seinen neuen Rechner. Ted Hoff hatte die Idee für einen Chip, der wie ein Rechner funktionierte und Federico Faggin entwarf unabhängig davon das Silizium-Design: Der erste Mikroprozessor entstand. Das sollte sich als Startschuss für die digitale Revolution erweisen. Der Mikroprozessor wurde zum Schlüsselprodukt der modernen Welt, zur Grundlage der Informatik.

In seinem Buch Die neue Welt des Robert Noyce. Eine Pioniergeschichte aus dem Silicon Valley hielt Tom Wolfe dieses wichtige Stück Wirtschafts- und Technikgeschichte literarisch fest. 

Mittlerweile haben die Mikroprozesoren ihren Einflussbereich weit ausgedehnt - womöglich zu weit, wenn man den Beitrag What's the point of secure software if you can't trust your CPU? auf sich wirken lässt.

Dienstag, 5. Januar 2016

Paul Virilio: Denker der Geschwindigkeit

Von Ralf Keuper

Laut Paul Virilio, wie in den Film Paul Virilio: Denker der Geschwindigkeit, haben wir es nicht mehr nur mit der Beschleunigung der Geschichte, sondern mit der Beschleunigung der Echtzeit, der Unmittelbarkeit, der Allgegenwart zu tun. Die Geschwindigkeit führt zur Einkerkerung.

Krieg und Geschwindigkeit sind eins. Die Geschwindigkeit ist die Gewalt der Gewalt. Sie ist höchste Gewalt.


Spiele wie world of warcraft führen zu virtuellen Kolonien. Diese Ersatzkolonien sind ein Zeichen von Panik. Folge ist eine globale Klaustrophobie.

Elektronische Drogen sind genauso gefährlich wie die chemische Drogen. Drogen beschleunigen oder verlangsamen das Zeitgefühl. 

Statement Jeremy Rifkin: Die Lese-und Schreibkompetenz der Kinder ist wegen der medialen Reize zurückgegangen. Das Gehirn arbeitet linear und ist daher für Multitaksing ungeeignet. Es bleibt wenig Zeit für Reflexion, 

Statement Virilio:  Die neue Barbarei macht neue formen der Universität nötig: Die Universität der Katastrophe, alle Disziplinen würden die negativen Folgen des Fortschritts analysieren, um ihnen begegnen zu können.

Wir haben eine tragische Situation: Wir befinden uns am Übergang zu einer welt der Totalität

Einwurf in dem Film: Je wichtiger die Momentaufnahme wird, desto nachdrücklicher muss die Besinnung auf die Dauer als das andere betrieben werden.

Paul Virilio: Slow news, no news. Es erfolgt eine Gleichschaltung der Emotion, eine Globalisierung der Affekte in Echtzeit. Die Emotionsgemeinschaft tritt an die Stelle der Interessengemeinschaft

Letzte Frage: Widersteht die Demokratie der Echtzeit? Zwingt uns die Echtzeit ein neues Modell des Regierens auf, die keine oder wenig Zeit vor einer Entscheidung lässt. 

Der Stilwandel der Medien #3

Hier einige Beiträge der letzten Zeit, die sich mit dem Stil- und Formwandel der Medien beschäftigen: 

Sonntag, 3. Januar 2016

Der Film scheitert meistens, wenn er mit seinen Mitteln die sehr großen Romane transkribiert (Julien Gracq)

Der Film scheitert meistens, wenn er es unternimmt, mit seinen Mitteln die sehr großen Romane zu transkribieren, diejenigen, in denen die Sprache nicht in ihrem Vermögen als Informationsträger verwendet wird, sondern als Heraufbeschwörung. Die Bilder, die er dann vorsetzt, ohne eine Wahlmöglichkeit offen zu lassen, erinnern dann zu sehr daran, wie fatal vereinfachend er für die Phantasie im Vergleich zur geschriebenen Fiktion wirkt. Dafür hat er zahlreiche, im reinen Informationsstil geschriebene Unterhaltungsromane dank der unvergleichlichen Präsenz des Bildes nobilitiert: das ergibt ein Gleichgewicht. Was mich am Kino, dem ich immense Freuden zu verdanken habe, stört, ist das Gefühl, dass es sich nicht so sehr von - exzellenten oder mittelmäßigen - literarischen Vorlagen emanzipiert hat, wie es hätte sollen. Es schien dies eher in der Zeit der komischen Stummfilme von Chaplin und Keaton zu tun, die von ihrer Konzeption her völlig unliterarisch sind, eine ständig dynamisierte Abfolge von Gags, in der alles Bild und Bewegung war. Doch seit dem Tonfilm hat das Kino schlecht und recht wieder eine Gestalt übernommen, die ich trotz großer Erfolge ein bisschen bedaure, nämlich die einer Kletterpflanze, die ständig nach einem Rankstab sucht. Würde man eine Statistik der Filme anlegen, die bereits existierenden Werke verfilmen, dann wären, glaube ich, für das Jahrzehnt 1975-85 diese Filme prozentuell zahlreicher als in dem Jahrzehnt 1920-1930. Dies ist kein gutes Zeichen. Der Film verdient etwas anderes als eine Freiheit unter Bevormundung. Ihm fehlt vielleicht die Revolution, die der Impressionismus damals gemacht hat, indem er die Historienmalerei zugunsten der Malerei-Malerei eliminierte, oder, noch besser die, die Wagner seinerzeit gemacht hat, indem er den Opernmusiker vom Libretto wie von den Librettisten emanzipiert hat. 
Quelle: Julien Gracq: Gespräche

Samstag, 2. Januar 2016

Die Aufhebung des Retrocomputing in der Medienarchäologie

Von Ralf Keuper

In einem Vortrag erläutert Wolfgang Ernst vom Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin die Grundzüge des Retrocomputing und dessen Beziehung zur Medienarchäologie. 


Computer sind zunächst einmal signalverarbeitende Medien. Retrocomputing ist keine techniknostalgische Mode, sondern eine Methode der Medienwissenschaft. Das Retrocomputing dient der Erforschung vergangener Gegenwarten durch praktischen Nachvollzug. In gewisser Weise geht es dabei darum, der Archaik des Computers nachzuforschen. 

Der Digitalcomputer als Zustandsmaschine befindet sich stets in der Gegenwart, so alt er auch produktionstechnisch sein mang. Ein Commodore 64 ist auch heute noch ein Medium, das konkret in der Gegenwart existiert. So kann man z.B. durch Installation von Browsern den C 64 quasi aus dem Stand in das Internetzeitalter katapultieren. So gesehen ist der Computer ein zeitloses Medium und verhält sich damit anders als die klassischen Medien. Der Computer lässt Ort und Zeit bedeutungslos werden - solange der Code decodiert werden kann . Chiparchitekturen gewinnen mit der Zeit die historische Tiefe von Häusern und Städten. 

Nach wir vor ist die maschinennahe Programmierung mittels Assembler aktuell. Es handelt sich demnach um ein fortwährendes Grundprinzip des Computers. 

Die Kerngedanken des Retrocomputing stichwortartig zusammengefasst: 
  • Erinnerungsarbeit als Archiv
  • Emporhebung als epsitomologische Verewigung
  • Suspension von der reinen Techniknostalgie
  • Medienarchäologische Methode - in aktuellen Computern ist das frühe Computing aufgehoben.
  • Retro ist kein Rückwarts sondern eine Grundlagenforschung. 
  • Reduktion auf das Wesentliche sucht die verloren gegangene Sichtbarkeit von Computertechnik wiederzuerlangen.
Bewertung: 

Etwas irritiert hat mich der fast schon obligatorische Rückgriff auf Hegel und dessen Geschichtsphilosophie am Beispiel des Prinzips der "Aufhebung". Warum nicht Leibniz? Leibniz hat wie kaum ein anderer die Prinzipien des Retrocomputing in Theorie und Praxis vorgeführt, wie Werner Künzel und Peter Bexte in Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers zeigen. Neben Leibniz müssten dann noch Raimundus Lullus und Athanasius Kircher als Praktiker und Theoretiker des Retrocomputing genannt werden. Ebenso in diese Reihe, neben anderen, gehören m.E. Konrad Zuse, John von Neumann, Alan Turing und Carver Mead. Hier muss m.E. die Perspektive erweitert und vertieft werden. 

Weitere Informationen: