Samstag, 30. April 2016

James Gordon Bennett: Vorreiter des modernen Zeitungswesens

Vorreiter des modernen Zeitungswesens war ein Amerikaner, James Gordon Bennett. Er begründete den New York Herald. Bennett begriff die Probleme: Eine Zeitung brauchte genügend Erträge, um sich redaktionelle Unabhängigkeit zu sichern und musste auf der anderen Seite billig genug sein, um hohe Auflagen erreichen zu können. Die Zeitungen früherer Jahre hatten sich ihr Einkommen einerseits durch Verkauf ihrer Unabhängigkeit gesichert und wurden dadurch zu Lakaien und bezahlten Propagandaträgern einer politischen Gruppierung. Diesen Weg gingen die meisten amerikanischen und praktisch alle kontinentaleuropäischen Zeitungen. Einen anderen Weg ging die damalige große Aristokratin im Zeitungsbereich, die Londoner Times. Diese Zeitung wurde von "Gentlemen für Gentlemen" geschrieben, war aber so teuer, dass sich nur eine kleine "Elite" sie leisten konnte. Bennett verstand es, die Wissensgrundlagen, auf denen eine moderne Zeitung ruht, brillant auszunutzen: Den Fernschreiber und Schnelldruck. Mit Hilfe dieser Techniken konnte er seine Zeitungen zu einem Bruchteil der herkömmlichen Kosten produzieren. Er wusste, dass er Hochgeschwindigkeitsmachinen brauchte, aber diese wurden erst nach seinem Tod entwickelt. Er sah auch eine der beiden wissenschafts- und technikunabhängigen Grundlagen für den Erfolg: Das Analphabetentum wurde immer geringer, damit waren die Voraussetzungen für eine billige Zeitung in Riesenauflage gegeben. Die fünfte Grundlage aber war ihm entgangen: Massive Werbung als Ertragsquelle, die redaktionelle Unabhängigkeit möglich macht. Bennett konnte sich eines spektakulären persönlichen Erfolgs erfreuen: Er war der erste "Zeitungskönig". Seine Zeitung erreichte jedoch weder eine führende Position, noch stand sie je finanziell auf soliden Füßen. Diese Ziele wurden erst zwei Jahrzehnte später um 1890 herum von drei Männern verwirklicht, die etwas vom Werbegeschäft verstanden: Joseph Pulitzer, zunächst in St. Louis, dann in New York, Adolph Ochs, der die totgeweihte New York Times übernahm und sie zu Amerikas führender Zeitung machte, und William Randolph Hearst, der den modernen Zeitungsgroßverlag erfand. 
Quelle: Peter F. Drucker. Innovationsmanagement für Wirtschaft und Politik.  

Freitag, 15. April 2016

Open Data und Open APIs als neue Stilmittel der Medien

Von Ralf Keuper

Seit längerem sind sog. Open APIs (Öffentliche Schnittstellen) dabei, ganze Branchen zu verändern. Mittels öffentlicher Schnittstellen,  können Anbieter, so die Absicht, ihre Reichweite erhöhen. Dritte können für die offen zugänglichen Schnittstellen eigene Programme schreiben, Services kreieren und diese dann in ihre eigenen Applikationen einbauen. Auf diese Weise entsteht, so die Hoffnung, ein dynamisches Ökosystem, das seine Ausdehnung über zusätzliche Services und Partner vergrößern und damit neue Marktsegmente erschließen kann, wie z.B. im Bereich Smart Home. In Deutschland ist hier vor allem die Deutsche Telekom mit ihrer Plattform Qivicon zu nennen. 

Eine ähnliche Wirkung wie von Open APIs geht von Open Data aus, die mittlerweile im wachsenden Umfang von Privatunternehmen zur Verfügung gestellt werden. 

In den Medien nimmt die Verbreitung von Open Data und Open APIs zu. Vorreiter sind hier die New York Times und der Guardian. Letzterer hat ein eigenes Open API Framework namens Bonobo entwickelt, worüber das Blatt in Building Bonobo, the Guardian's open source API key management tool berichtet. 

Über die Motivation heisst es: 
The plan was for it to be used by Guardian staff for a number of things; to visualize the people who had signed up for API keys, to manage their accounts and keys, to create new users and keys and to filter them. The idea was that the application was also to be used by people who wanted to register for developer keys or submit requests for commercial keys. Our main goal was to build a quick and easy service that could benefit everyone.
Vor einigen Jahren hat der Guardian eine offene Plattform errichtet. Beim offiziellen Launch hiess es:
Open Platform launched with two separate content-sharing services, which will allow users to build their own applications in return for carrying Guardian advertising.

A content application programming interface (API) will smooth the way for web developers to build applications and services using Guardian content, while a Data Store will contain datasets curated by Guardian editors and open for others to use.
Unter Verwendung der Inhalte des Guardian sind bereits zahlreiche Apps entstanden. 

Eine ähnliche Strategie verfolgt die New York Times, wie u.a. aus dem Beitrag Open data and the API economy: when it makes sense to give away data hervorgeht. Darin kommt u.a. der API-Architekt der New York Times, Scott Feinberg, zu Wort. Feinberg macht deutlich, dass es nicht darum geht, den gesamten Content über API zur freien Verfügung zu stellen, sondern Dritten die Möglichkeit zu geben, die Dokumente nach Schlagworten, Begriffen zu durchforsten. Dabei können sich völlig neue Einsichten und Anwendungsfelder ergeben: 
Feinberg clarifies that the NYT's APIs are not giving out articles for free. Rather, he explains, "we give is everything but article content. You can search for articles. You can find out what's trending. You can almost do anything you want with our data through our APIs with the exception of actually reading all of the content. It's really about giving people the opportunity to really interact with your content in ways that you've never thought of, and empowering your community to figure out what they want. You know while we don't give our actual article text away, we give pretty much everything else and people build a lot of really cool stuff on top of that."
Die NYT hat eine eigene Seite für Entwickler eingerichtet. Darauf ist auch eine Liste der zur Verfügung stehenden APIs enthalten.  

Sieht ganz so aus, dass Open Data und Open APIs zu wichtigen Stilmittel der Medien werden. 

Früher erfüllten die Funktionen, die heute und demnächst in den Medien von Open Data und Open APIs erfüllt werden, so legendäre Archive, wie das des SPIEGEL

Weitere Informationen:

Sonntag, 3. April 2016

Erich Kuby über das legendäre SPIEGEL-Archiv

Zum horizontalten Informationssystem gehört alles, was sich aktuell an das Ereignis oder die Person angliedern lässt. Es ist hier wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit: Der Autor muss die allenfalls zu berücksichtigenden, in den Text aufzunehmenden Fakten nicht im Kopf haben, er muss nur wissen, wo er sie findet. Für dieses Wissen wird der Spiegel-Redakteur vor allem bezahlt, nicht so sehr für seine Qualität als Schreiber, Sätzebastler, Stilist. Er fragt sich, wo finde ich was, und kann sich für die Beantwortung auf zwölf inländische und 20 ausländische Redatkionsvertretungen stützen, die ausschließlich für den Spiegel arbeiten und vor der Blattleitung personell besetzt und vom Verlag finanziell unterhalten werden. Er kann es für nötig halten, sozusagen am Tatort zu recherchieren, was nicht heisst, dass er selbst sich dorthin aufmachen müsste. Motorisierte Rechercheure stehen für Inlandsaufgaben bereit; im Ausland wird in der Regel die jeweils nächste Vertretung das Nötige veranlassen. Dieses ganze, nahezu weltweit ausgespannte Netz von Informationslieferanten muss auf Knopfdruck ohne einen in Stunden zu messenden Zeitverlust funktionieren. ...
Die im vertikalen System angesammelten Informationen, von der Gegenwart über Jahrzehnte zurückreichend, im äußersten Falle also über deren vier, sind im einzelnen billiger zu haben. Von der ersten Nummer des Jahrgangs an wusste die Redaktion, und das muss heißen: wusste Augstein, dass ein Magazin, das informieren will, Informationen sammeln muss, jedes Fetzchen Papier, das über irgendetwas festhält. In der Praxis führte dieses Prinzip dazu, dass die "Dokumentation" auch kontinuierlich über Gebiete sammelt, die mutmaßlich nie von Blatt beackert werden. ...
Für die Archivare gilt in noch höherem Maße als für die Schreiber zu wissen, was gerade gebraucht wird. Das ist mit einem noch so verästelten Katalogsystem allein nicht zu erreichen, es bedarf der Ergänzung durch den eigenen Kopf, der Datenspeicherung im Gehirn. Dazu kommt, dass dieses für den SPIEGEL-Leser unsichtbare Hilfsheer in oft langjähriger Zusammenarbeit mit den Schreibern aus der sich persönliches Kennenlernen keineswegs zu ergeben braucht und in vielen Fällen auch nicht ergeben hat, gelernt hat, mit welcher Art von Unterlagen der einzelne Anfordernde vorzugsweise zu arbeiten wünscht. ...
Für achtzig Prozent aller Verifizierungsvorgänge werden Unterlagen benötigt, die nicht älter als dreieinhalb Jahre sind. Dazu hat der Leiter der "Dokumentation", Herr Karl-H. Schaper, in einem Vortrag vor Experten bemerkt: "Jeder aus unserem Berufsstand weiss, dass nur ein Bruchteil der gespeicherten Dokumente jemals wieder abgefragt wird. Leider können wir nicht vorher wissen, welcher Bruchteil das sein wird". Das heisst erstens, dass für "Dokumentation" eine Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgemacht werden kann, und zweitens, dass sich nur ein steinreiches Unternehmen ein derartiges Archiv leisten kann, an dem nichts absonderlich ist außer dem Aufwand, der dafür getrieben wird, wobei nicht außer acht gelassen werden darf, dass das Spiegel-Archiv ausschließlich für das eigene Blatt arbeitet.  ... Nur für eine Redaktion zu arbeiten, ist ein unschätzbarer Vorteil für die Präsenz, für die Minimierung der Anlieferungszeit. Sie reduziert sich auf Minuten, was dann von absolut entscheidender Bedeutung ist, wenn etwa am Freitag abend ein Ereignis gemeldet wird, für dessen Darbietung in der bereits abgeschlossenen Nummer keine Vorbereitungen getroffen worden sind.  
Quelle: Der SPIEGEL im Spiegel. Das deutsche Nachrichten-Magazin kritisch analysiert von Erich Kuby