Donnerstag, 26. Mai 2016

Connected | Die Digitale Identität

Von Ralf Keuper 

Der Beitrag unterscheidet zwischen der realen, der virtuellen und der projizierten Identität. These ist, dass das Internet kein Ort der Entfremdung, sondern ein Spielplatz ist, auf dem man mit verschiedenen Identitäten experimentieren kann. Die projizierte Identität soll dazu verhelfen, die Balance zwischen real und virtuell zu halten. Auf diese Weise kann es gelingen, die reale Identität mittels virtueller Identitäten weiter zu entwickeln; eigentlich müsste das m.E. auch umgekehrt gelten. 



Ob wir damit aber nun eine Wiederkehr der Vernunft im Internet erwarten können, dürfen bleibt abzuwarten. 

Montag, 16. Mai 2016

Der Übergang zu einer literalten Kultur vollzieht sich nicht mit einem Schlag (David Riesman)

Der Übergang zu einer literalen Kultur, so einschneidend er ist, vollzieht sich natürlich nicht mit einem Schlag: vor dem Zeitalter des Buchdrucks konnte nur eine winzige Minorität lesen, und das Lesen von Handschriften veränderte die Kommunikationsformen weniger, als man heute annehmen könnte. Zum einen förderten die Handschriften, da sie ja langsam entziffert werden mussten, das Auswendiglernen, das seinerseits wieder die Argumentation durch Zitieren und Kommentieren förderte. Die Handschriften wurden oft laut gelesen; und mit ihren prachtvollen Illuminationen wurden sie nicht bloß als rationalistische Wissensträger angesehen, sondern auch als Kunstwerke, an denen man teilhatte. Indem sie dem Prozess des Denkens und der Diskussion äußere Gestalt gaben und ihn greifbar machten, förderten die Handschriften nur zum Teil die Individuation, - denn sie förderten andrerseits auch das Festhalten am Überlieferten.  
Auch nach Gutenberg dauerte es seine Zeit, bis die Menschen lernten, Bücher so zu lesen wie wir heute: sie lasen laut, selbst wenn sie allein für sich lasen, wie sie auch ausgiebig phonetisch buchstabierten. Bezeichnenderweise ist es der Puritaner, der das stumme "schnörkellose" Lesen, lernt, wobei sein Kopf wie ein Weberschiffchen hin- und herfährt. Erst zu diesem relativ späten Zeitpunkt öffnet das gedruckte Buch auch innere Türen, schließt nicht nur Türen nach draußen und erfüllt das Versprechen, die lärmende Gegenwart der anderen auszuschließen. 
Quelle: Wohlstand wofür? Essays

Sonntag, 15. Mai 2016

Als das Fernsehen noch Motor des sozialen Wandels war

Von Ralf Keuper

Dem Fernsehen wird heute nur noch von wenigen die Rolle eines Katalysators für den gesellschaftlichen Wandel zugeschrieben, wenn man damit eine Funktion meint, welche verschiedene Strömungen aufnimmt, verarbeitet und zu ihrer Integration beiträgt. 

Das war in den 1960er und 1970er Jahren noch anders, wie die Rezension von Television's Moment. Sitcom Audiences and the Sixties Cultural Revolution nahelegt. 

Florian Greimer schreibt: 
Drittens hielten sich die Serienmacher hinsichtlich der Inhalte und Darstellungsformen bewusst zurück. Sie vermieden extreme Positionen und erhoben solche Normen zur Zielscheibe kritischen Spotts, die bereits stark aufgeweicht waren. Statt auf direkte und allzu pädagogisch anmutende Botschaften setzten sie auf eine unaufdringliche, humoristische Behandlung der adressierten Themen.
Und weiter:  
Insgesamt bestand die Funktion des Fernsehens somit darin, alternative Lebensstile aufzuwerten sowie neue Normen zu entradikalisieren und massentauglich zu machen. Die kulturelle Revolution wurde kommunikativ von den Rändern in die gesellschaftliche Mitte getragen. Blieb die Aneignung von Medieninhalten unzweifelhaft stets ein hochgradig individueller Vorgang, katalysierte das Fernsehen auf diese Art und Weise den sozialen Wandel. 
Seinerzeit waren die Fernsehzuschauer keinesfalls nur passive Rezipienten bzw. Konsumenten, die alles bereitwillig und kritiklos aufnahmen, was ihnen vorgesetzt wurde. Auch Satiren wurden als solche erkannt und eingeordnet: 
Weder bestimmten etwa Kommerzialisierung und Werbepartner über die Serieninhalte noch waren die Medienrezipienten derart einfältig und passiv wie oft angenommen wird, sondern durchaus in der Lage, Ironie zu erkennen und zu verarbeiten - den bis heute in der Kommunikationsforschung oft beschworenen "Archie-Bunker"-Effekt, wonach sich viele Zuschauer mit der Hauptfigur und deren unerwünschten Verhaltensweisen identifizieren, da sie die satirischen Überzeichnungen nicht verstehen, gab es in der Form nicht.
So gesehen lag Hans-Joachim Kulenkampff so falsch nicht, als er sagte:
Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.